{"id":2197,"date":"2010-06-19T11:35:40","date_gmt":"2010-06-19T14:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/03\/02\/warum-die-argentinier-die-gesetze-missachten\/"},"modified":"2010-07-11T12:15:17","modified_gmt":"2010-07-11T15:15:17","slug":"warum-die-argentinier-die-gesetze-missachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/06\/19\/warum-die-argentinier-die-gesetze-missachten\/","title":{"rendered":"Warum die Argentinier die Gesetze missachten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die argentinische Anomie<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2198\" alt=anomie11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/anomie11.jpg\" align=left hspace=5 \/>Jedem ausl\u00e4ndischen Besucher f\u00e4llt sie sofort auf, beinahe jeder Argentinier beklagt sich unentwegt \u00fcber sie, beinahe jeder Argentinier tr\u00e4gt tagt\u00e4glich zu ihr bei: die allgemeine Missachtung der Gesetze.<\/p>\n<p>Das eklatanteste Beispiel ist der Stra\u00dfenverkehr. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Einbahnstra\u00dfen, Fahrverbote, Rotlichter scheinen als unverbindliche Empfehlungen des Gesetzgebers aufgefasst zu werden. Beinahe die H\u00e4lfte der zugelassenen Fahrzeuge entbehrt der obligatorischen T\u00dcV-Plakette, viele haben verbotene polarisierte Scheiben oder Anh\u00e4nger-Kupplungen oder kaputte Scheinwerfer. Obwohl seit Jahrzehnten untersagt, bewegen sich auf den st\u00e4dtischen Stra\u00dfen Hand- und Pferdewagen, dr\u00f6hnen die Lautsprecher langsamfahrender Altlaster ihre Sperrm\u00fcllangebote, bem\u00fcht, den L\u00e4rm der helmlosen Raser auf Motorr\u00e4dern mit aufgebohrtem Auspuff zu \u00fcbert\u00f6nen. Autos und Lastwagen parken, wo gerade Platz ist, auf der zweiten oder auch dritten Fahrbahn, auf B\u00fcrgersteigen. Und kaum jemanden scheint dies alles zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Missachtung von Verkehrs- und anderen Regeln gibt es auch anderswo. Aber in Argentinien scheint dies ohne Not, ohne schlechtes Gewissen, ja, sogar mit Vergn\u00fcgen zu geschehen, sozusagen mit sportlichem Ehrgeiz. Was k\u00f6nnen die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sein? Besitzen die Argentinier etwa ein Anomiegen?<!--more--><\/p>\n<p>Das kann man ausschlie\u00dfen. Die Genausstattung der Argentinier kommt zum weit \u00fcberwiegenden Teil aus Europa, wo man seit unz\u00e4hligen Generationen Gesetzestreue eingebleut bekam. (Das mag heute etwas anders sein, aber der Satz gilt gewiss f\u00fcr die Zeit der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Einwanderungswelle um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.) Nein, die Anomie hat mehrere andere Gr\u00fcnde, die allesamt nicht dem Genom, sondern der Tradition entstammen und eng mit der Geschichte des Landes verbunden sind.<\/p>\n<p>Es begann mit Philipp II. von Spanien, dem ersten B\u00fcrokraten der Moderne. Der regierte seine &#8220;indischen&#8221; Kolonien vom gr\u00fcnen Tisch in Sevilla aus. Flei\u00dfig wie er war, schrieb er penibel vor, wie jede Siedlung dort auszusehen hatte (Schachbrettmuster etc.), was die B\u00fcrger zu tun und was sie zu lassen hatten (Kleidervorschriften inbegriffen), und er achtete darauf, dass es auf jedem auslaufenden Schiff einen Notar gab, der die Durchf\u00fchrung seiner Vorschriften best\u00e4tigte. Philipp war selbst nie in Amerika, und ob er sich von landeskundigen Beratern in seine hehren Vorstellungen hineinreden lie\u00df, darf bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Jedenfalls waren die aus dem Mutterland eingeschifften Gesetze h\u00e4ufig so wirklichkeitsfremd, dass die Unm\u00f6glichkeit ihrer Befolgung von Vorneherein feststand. Unter den braven Kolonisten entstand also rasch das gefl\u00fcgelte Wort &#8220;Das Gesetz wird angenommen, aber nicht befolgt&#8221;. Es gilt heute noch.<\/p>\n<p>Auch den spanischen Administratoren muss klar gewesen sein, dass es sinnlos war, auf der Befolgung unsinniger Regeln zu bestehen. Man musste ein Auge zudr\u00fccken. Oder beide, wobei ein kleiner Obulus gewiss hilfreich war. Das brauchte ja nicht gleich Korruption genannt zu werden, und man hatte deshalb auch beiderseits kein schlechtes Gewissen.<\/p>\n<p>Wo es ohnehin eine Menge unerf\u00fcllbarer Gesetze gibt, deren Nichtbeachtung praktisch B\u00fcrgerrecht ist, ist der Weg nicht weit zur Nichtbeachtung auch derjenigen Vorschriften, die durchaus sinnvoll und sogar notwendig sind. Allenfalls muss beim Ertapptwerden dann halt der Obulus ein wenig gr\u00f6\u00dfer sein. Wenn man ein kleiner Mann ist.<\/p>\n<p>Hier ist vom n\u00e4chsten Grund f\u00fcr die Anomie zu sprechen. In der Feudalgesellschaft n\u00e4mlich, deren Wurmfortsatz die Kolonien waren, galten die Gesetze in aller Regel f\u00fcr den kleinen Mann. Aristokraten oder Funktionstr\u00e4ger hatten entweder eigene Spielregeln oder sie hielten sich qua Macht oder Status f\u00fcr befugt, die allgemeinen zu ignorieren. Im Umkehrschluss wurde der Gesetzes\u00fcbertreter vom gemeinen Volk automatisch f\u00fcr etwas Besonderes gehalten, auch wenn er das gar nicht war. Nach der Unabh\u00e4ngigkeit Argentiniens \u00e4nderte sich an solcher Anschauung nichts Wesentliches. Gesetzesmissachtung als Statussymbol \u2013 das d\u00fcrfte im Lande heute noch ein unbewusstes Motiv sein.<\/p>\n<p>Denn die im Zuge von Aufkl\u00e4rung und Demokratisierung in Nord- und Mitteleuropa m\u00fchsam durchgesetzte (weitgehende) Abschaffung von Standesprivilegien hat in S\u00fcdeuropa sp\u00e4t und mangelhaft stattgefunden. Jedenfalls steckte in den aus S\u00fcditalien und Spanien eingewanderten Gro\u00dfeltern der Mehrzahl der heutigen Argentinier ein ger\u00fcttelt Ma\u00df feudaler Vorstellungen. Bitterarme Leute waren das, deren gr\u00f6\u00dfter Wunsch \u2013 ein Sohn mit akademischem Titel \u2013 nicht zuletzt darin begr\u00fcndet war, endlich der zu gr\u00f6\u00dferer Gesetzestreue verpflichtenden Unterprivilegiertheit zu entrinnen, der man gleicherma\u00dfen in der neuen wie der alten Heimat ausgesetzt war.<\/p>\n<p>Koloniale Gewohnheit, feudale Tradition, mangelnde Kontrollen und Sanktionen sowie schleichende Korruption sind Motive f\u00fcr Gesetzesmissachtung, die sich gegenseitig hochschaukeln und mit der Zeit jedes Unrechtsbewusstsein untergraben. Selbst gesetzestreu erzogene Neuank\u00f6mmlinge werden in einer solchen Gesellschaft rasch ihre guten Sitten ablegen. Wer bem\u00fcht sich denn, ein guter B\u00fcrger zu sein, wenn er davon nur Nachteile und Spott erntet? Zuletzt regiert die Anomie in allen Bereichen und Ebenen der Gesellschaft, auch in ihren Institutionen.<\/p>\n<p>Jetzt steht eine 200-Jahr-Feier an. Wen wundert es, dass deren Ausrichtung von Beginn an vergiftet wird von Anklagen der Gesetzesuntreue, mit denen Regierung, Zentralbank, Parlamentarier und Richter sich gegenseitig \u00fcberh\u00e4ufen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die argentinische Anomie Von Friedbert W. B\u00f6hm Jedem ausl\u00e4ndischen Besucher f\u00e4llt sie sofort auf, beinahe jeder Argentinier beklagt sich unentwegt \u00fcber sie, beinahe jeder Argentinier tr\u00e4gt tagt\u00e4glich zu ihr bei: die allgemeine Missachtung der Gesetze. Das eklatanteste Beispiel ist der Stra\u00dfenverkehr. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Einbahnstra\u00dfen, Fahrverbote, Rotlichter scheinen als unverbindliche Empfehlungen des Gesetzgebers aufgefasst zu werden. 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