{"id":22412,"date":"2015-10-18T11:26:59","date_gmt":"2015-10-18T14:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=22412"},"modified":"2015-10-18T11:50:06","modified_gmt":"2015-10-18T14:50:06","slug":"eine-starke-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2015\/10\/18\/eine-starke-geschichte\/","title":{"rendered":"&#8220;Eine starke Geschichte&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Giulio Ricciarelli, dem Regisseur von &#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Marcus Christoph<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/ricchiarelli-II11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/ricchiarelli-II11.jpg\" alt=\"ricchiarelli II11\" width=\"250\" height=\"334\" class=\"alignright size-full wp-image-22414\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/ricchiarelli-II11.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/ricchiarelli-II11-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>&#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221; war der Er\u00f6ffnungsfilm des diesj\u00e4hrigen Deutschen Kinofestivals von Buenos Aires. Bei dem Spielfilmdeb\u00fct von Regisseur Giulio Ricciarelli geht es um die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Der Film ist als deutscher Beitrag f\u00fcr den Wettbewerb um den Oscar f\u00fcr den besten nicht-amerikanischen Film nominiert. Ricciarelli stellte seinen Film pers\u00f6nlich in Buenos Aires vor. Im Interview erl\u00e4uterte er Entstehung und Idee des Films.<\/p>\n<p><strong><em>Wie sind Sie auf das Thema gekommen?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Elisabeth Bartel, mit der ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte die urspr\u00fcngliche Idee. Sie kam damit auf mich zu, und ich habe angefangen, zu lesen und habe gemerkt, dass das eigentlich ein unbekannter Teil unserer Geschichte ist. Ich konnte es mir zun\u00e4chst auch gar nicht vorstellen, in irgendeiner Weise etwas \u00fcber das Dritte Reich zu machen. Aber dann wurde mir klar, dass es eine starke Geschichte ist. Und es ist, glaube ich, tats\u00e4chlich auch der erste Spielfilm \u00fcber die juristische Aufarbeitung des Holocausts in Deutschland.<\/p>\n<p><strong><em>Wieso hat es 50 Jahre gedauert, ehe das Thema des Auschwitz-Prozesses im Kino aufgegriffen wurde?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> So wie es gedauert hat, dass sich Deutschland dem Holocaust stellte, ist wohl erst jetzt die Zeit da, sich mit der Frage zu besch\u00e4ftigen, wie aufgearbeitet wurde. H\u00e4tte mich jemand vor der Besch\u00e4ftigung mit dem Film dazu gefragt, dann h\u00e4tte ich gesagt: Es gab den Holocaust, und nach 1945 hat Deutschland angefangen aufzuarbeiten. Dass es aber fast 20 Jahre gedauert hat, ehe dies begann, das wusste ich nicht. Das ganze Land hatte in ersten Nachkriegsjahren eine kollektive Vereinbarung getroffen zu schweigen.<\/p>\n<p><strong><em>Es im Film schockierend zu sehen, wie gering die Kenntnisse vieler Personen \u00fcber Auschwitz in der Nachkriegszeit waren.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Ja, aus heutiger Sicht es ist unglaublich. Das ist eigentlich auch die Kernachse des Films. Und gleichzeitig war es erz\u00e4hlerisch das Schwierigste. Aber so war es historisch. Es gab nat\u00fcrlich auch Ausnahmen. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen war Auschwitz damals kaum im \u00f6ffentlichen Bewusstsein. Wie kann man das eigentlich erz\u00e4hlen? Denn es ist das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, und man muss die Kinobesucher in eine Zeit zur\u00fcckbringen, als man sagte, man wusste von nichts. Es gab in den F\u00fcnfziger Jahren wirklich eine Kultur des Verdr\u00e4ngens.<\/p>\n<p><strong><em>Weshalb sind manche Personen des Films &#8211; wie der Staatsanwalt Radmann &#8211; fiktiv, w\u00e4hrend andere realen Figuren entsprechen?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Oft haben historische Filme das Problem, dass sie viel \u00fcber Geschichte erz\u00e4hlen, aber nicht spannend sind. Die Leute wollen aber eine Geschichte sehen mit einem klaren Hauptdarsteller. Da haben wir uns entschlossen: Wir erfinden die emotionale Reise des jungen Staatsanwalts Radmann. Das ist inspiriert durch mehrere Staatsanw\u00e4lte, die damals dabei waren, deren Erfahrungen in die Figur Radmann hineingeflossen sind. Bei anderen Figuren wie dem Journalisten Thomas Gnielka und oder Generalstaatsanwalt Fritz Bauer haben wir versucht, historisch genau zu sein.<\/p>\n<p><strong><em>Wie erkl\u00e4ren Sie sich, dass &#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221; als deutscher Kandidat f\u00fcr den Wettbewerb um den Oscar f\u00fcr den besten nicht-amerikanischen Film nominiert wurde?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Man hat selten ein Filmthema, das die Leute wirklich interessiert. Das ist das, was den Film tr\u00e4gt. Ich bin auch stolz auf den Film. Aber es kommt alles aus der Geschichte heraus: Die Schauspieler, die wir gewinnen konnten. Dass ich als Erstlingsregisseur \u00fcberhaupt so eine Chance bekommen habe. Es war das Bewusstsein von allen Beteiligten, dass man da eine interessante, wertvolle Geschichte hat, die man erz\u00e4hlen will. Das hat einen guten Geist in den Film hineingebracht. Es ist aber auch nicht leicht gewesen, einen Film \u00fcber das Thema zu machen. Wo f\u00e4ngt man an und wo h\u00f6rt man auf? Man h\u00e4tte auch den Prozess selber darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Der Film endet ja, wo der eigentliche Prozess beginnt.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Das Wichtigste war zu erz\u00e4hlen, wie Ende der F\u00fcnfziger Jahre die Atmosph\u00e4re des Verschweigens war. Und wie schwierig der Kampf des Landes &#8211; und Johann Radmann steht auf der Metaebene ja f\u00fcr die junge Bundesrepublik &#8211; war, diesen Weg auch tats\u00e4chlich zu gehen. Eigentlich erz\u00e4hlen wir die seelische Reifung dieses jungen Staatsanwalts, bis er die richtige innere Haltung hat, den Prozess zu f\u00fchren. Aber erz\u00e4hlt wird dabei nat\u00fcrlich auch viel \u00fcber die Zeit, \u00fcber die Schwierigkeiten, \u00fcber den Prozess, \u00fcber die Atmosph\u00e4re in dem Land.<\/p>\n<p><strong><em>Was waren die besonderen Schwierigkeiten bei der Produktion?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> F\u00fcr einen Deb\u00fctfilm hatte er zwar ein gutes Budget. Aber f\u00fcr das, was wir erz\u00e4hlen wollten, war das Budget unheimlich klein. Auch die historisch exakte Darstellung war schwierig, weil \u00fcberall moderne Dinge sind. Aber das Schwierigste war der Respekt vor der Geschichte. Denn wenn Deutschland einen Film macht, der in irgendeiner Weise mit Nazis zu tun hat, dann schaut die Welt hin. Und zwar nicht nur auf den Film an sich, sondern auch politisch.<\/p>\n<p><strong><em>Die aktuelle deutsche Hilfsbereitschaft bei Fl\u00fcchtlingen: R\u00fchrt die aus der deutschen Geschichte?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Ich glaube schon. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Deutschen durch die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges heute eine starke demokratische Gesinnung entwickelt haben. Es gibt in dem Film den Schl\u00fcsselsatz: Die einzige Antwort auf Auschwitz ist, selber das Richtige zu tun. Ich glaube, dass das etwas damit zu tun hat.<\/p>\n<p><strong><em>Sie stammen urspr\u00fcnglich aus Italien. Spielt Ihre Herkunft eine Rolle bei Ihrer Arbeit?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Ich glaube schon, dass die Emotionalit\u00e4t, die der Film hat, ein italienischer Einfluss ist. Die deutsche Identit\u00e4t ist durch den Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkriegs ungeheuer gebrochen. Den deutschen Filmen nach dem Krieg fehlt es oft an Emotionalit\u00e4t. Es gibt eine Scheu, wirklich emotional zu erz\u00e4hlen. Das ist in Italien anders. Dadurch, dass ich beides kenne, hat es die Machart des Films schon beeinflusst. Ich glaube, wenn ich nichts Italienisches h\u00e4tte, w\u00fcrde der Film anders ausschauen.<\/p>\n<p><strong><em>Was planen Sie als n\u00e4chstes? Vielleicht wieder etwas im historischen Bereich?<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Ricciarelli:<\/strong> Nein, ich habe ein Projekt, das im Berlin von heute spielt. Es geht um einen Bundestagsabgeordneten. Es ist nicht historisch, hat aber zumindest eine politische Dimension. Es war ungeheuer erf\u00fcllend, mit einem Stoff auf politisches Interesse zu sto\u00dfen. Denn es gibt ganz viele Produktionen, bei denen es in der Bewertung nur darum geht, wie der Film geworden ist. Ich hatte bei &#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221; aber das Gef\u00fchl, dass die Geschichte an sich das Interessante ist.<\/p>\n<p><strong><em>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nGiulio Ricciarelli in Buenos Aires.<br \/>\n(Foto: Marcus Christoph)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Giulio Ricciarelli, dem Regisseur von &#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221; Von Marcus Christoph &#8220;Im Labyrinth des Schweigens&#8221; war der Er\u00f6ffnungsfilm des diesj\u00e4hrigen Deutschen Kinofestivals von Buenos Aires. Bei dem Spielfilmdeb\u00fct von Regisseur Giulio Ricciarelli geht es um die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. 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