{"id":2243,"date":"2010-03-27T14:08:47","date_gmt":"2010-03-27T17:08:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/03\/27\/die-zeit-lauft-uns-davon\/"},"modified":"2011-06-07T15:54:25","modified_gmt":"2011-06-07T18:54:25","slug":"die-zeit-lauft-uns-davon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/03\/27\/die-zeit-lauft-uns-davon\/","title":{"rendered":"Die Zeit l\u00e4uft uns davon"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Goethe-Institut zeigt im Palais de Glace die Ausstellung &#8220;Menos tiempo que lugar&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2246\" alt=goethe11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/goethe11.jpg\" align=left hspace=5 \/>Das Goethe-Institut zeigt im Palais de Glace eine thematische Gruppenausstellung anl\u00e4sslich des Bicentenario. S\u00fcdamerikanische und deutsche K\u00fcnstler wurden eingeladen, sich k\u00fcnstlerisch zu diesem runden Geburtstag der politischen Unabh\u00e4ngigkeit Lateinamerikas zu \u00e4u\u00dfern. Das Ausstellungsprojekt ist nun das Ergebnis einer langen vorausgegangenen Phase des Dialoges zwischen K\u00fcnstlern und Autoren, die Texte zum 300 Seiten starken Begleitkatalog lieferten. Ein regionales Projekt, das die Bedeutung der politischen und kulturellen Unabh\u00e4ngigkeit k\u00fcnstlerisch und intellektuell untersucht und versucht, den Bedeutungsbogen des Begriffs der &#8220;Independencia&#8221; auf ihre Reichweite in die aktuelle Gegenwart des Subkontinentes zu \u00fcberpr\u00fcfen, beschreibt der Kurator Alfons Hug das Ziel des Projektes, das au\u00dferdem Wert auf den Austausch zwischen Deutschland und Lateinamerika lege.<!--more--><\/p>\n<p>Der Ger\u00e4uschpegel im Palais de Glace ist beachtlich, unter den k\u00fcnstlerischen Medien dominiert lautstark die Videokunst, gefolgt von Fotografie, Installationen, und marginal Malerei. Alfons Hug begr\u00fcndet die Schwerpunktsetzung auf die audiovisuellen Medien in deren besonderen narrativen Strukturen, die sich gut f\u00fcr diese thematische Ann\u00e4herung eigneten. Kuratorisch keine leichte Aufgabe, das Konzept basiert auf der Idee, einen historischen Textkorpus als Referenz herbeizuziehen, mit dem sich dann die Autoren und K\u00fcnstler in ihren Arbeiten auseinandersetzen. Die Unabh\u00e4ngigkeit war prim\u00e4r ein politischer Befreiungsschlag, aber nachhaltig auch eine kulturelle und soziale Errungenschaft im Zuge der Demokratisierung, und dieser Nachhaltigkeit wollte Alfons Hug in seiner Schau auf den Zahn f\u00fchlen. Ein runder Geburtstag bietet die Chance auf R\u00fcckbesinnung, Reflexion und Standortbestimmung durch gezielte Aktionen.<\/p>\n<p>Omnipr\u00e4sent ist Simon Bol\u00edvars Befreiungstext, die &#8220;Carta de Jamaica&#8221;. Der Titel der Wanderausstellung (die Schau wird voraussichtlich in allen L\u00e4ndern des Subkontinents, sowie in Mexiko und Europa stationieren) entstammt ebenfalls einer historischen Quelle, es handelt sich um die erste Zeile eines Gedichts von Mario Benedetti, das auf die Verschr\u00e4nkung von r\u00e4umlicher und zeitlicher Dimension hinweist. Bedeutungsschwanger und metaphysisch verweist &#8220;Menos tiempo que lugar&#8221; auf den Kronotopos als intellektuelle Konstruktion. Wir haben viel Raum, w\u00e4hrend uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.<\/p>\n<p><strong>Spurensuche und bei\u00dfende Kritik<\/strong><\/p>\n<p>Die k\u00fcnstlerischen Herangehensweisen sind erfrischend und beweisen, dass akribische Genauigkeit einer wissenschaftlichen Spurensuche, parodistische Verspieltheit und provokative Ironie sich gegenseitig nicht ausschlie\u00dfen. Die Ausstellung bespielt zwei Etagen der Rombuskonstruktion, die meisten Arbeiten sind an den Au\u00dfenw\u00e4nden angelegt, zwei skulpturale Arbeiten haben ihren Platz in der Raummitte, prominent vor allem eine h\u00f6lzerne unbegehbare Treppenkonstruktion des Kolumbianers Juan Fernando Herr\u00e1n, die in den leeren Raum des Obergeschosses f\u00fchrt, wo ausschlie\u00dflich Videokunst gezeigt wird.<\/p>\n<p>Die polnisch-deutsche K\u00fcnstlerin Agata Madejska begab sich auf Spurensuche in die pr\u00e4kolumbianische Epoche und hielt den Inka-Pfad in Ecuador und Peru fotografisch als stumme Zeugen aus der Vergangenheit fest. Auch Frank Thiels gro\u00dfformatige C Prints folgen historischen Wegen. Er fotografierte Bilder sowie das Motiv des Landschaftsmalers Edwin Church, der sich 1864 in Ecuador aufgehalten hatte und den h\u00f6chsten Berg des Landes, den Chimborazo, malte. Zeit\u00fcbergreifend ist nicht nur die Landschaft, sondern auch die Architektur.<\/p>\n<p>Ein stummer Zeuge der Geschichte inspirierte den Ecuadorianer Pablo Cardosa, der die gr\u00f6\u00dfte Zitadelle der westlichen Hemisph\u00e4re (gem\u00e4\u00df Katalogtext) in Haiti fotografierte. Der Inselstaat war die zweite unabh\u00e4ngige Nation nach den Vereinigten Staaten und hat in diesem Jahr wenig Grund zu Feierlichkeiten. Das Jahrhunderbeben vom vergangenen Januar wurde implizit von K\u00fcnstlern aufgegriffen oder eher die Tatsache, dass die Sch\u00e4den und die Anzahl der Toten niemals so hoch w\u00e4ren, w\u00fcrden erdbebensichere Baubestimmungen durchgesetzt. Olaf Holzapfel nimmt in seiner Installation &#8220;Tempor\u00e4res Haus&#8221; auf diese urbane unzul\u00e4ngliche Architektur Bezug, die einen Ring um alle Gro\u00dfst\u00e4dte Lateinamerikas legt.<\/p>\n<p>Die Armenviertel Medell\u00edns kleben wie die Favelas in Rio an den umliegenenden H\u00fcgelflanken, so dass die Treppe als bauliches Element das Stadtbild der armen &#8220;Barrios&#8221; pr\u00e4gt. Die Treppenkonstruktion von Juan Fernando Herr\u00e1n ist ein Bestandteil seiner fotografischen Arbeit &#8220;Escalas&#8221; und wurde aus Erdbebenholz gefertigt. Die Treppe als Symbol f\u00fcr Hoffnungen und Versprechen, die nie eingel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Fernando Guti\u00e9rrez&#8217; inszenierte Fotoserie &#8220;De Lima a Talcahuano&#8221; ist eine Parodie auf den Personenkult von milit\u00e4rischen Anf\u00fchrern. Der Peruaner reiste mit einem VW und seinem Konvoi, darunter ein &#8220;falscher&#8221; General Grau, zu den Schaupl\u00e4tzen des peruanisch-chilenischen Kriegs und gesellte sich zum Alltag der Bewohner. Auf eine diskretere Weise ironisch gibt sich der venezolanische K\u00fcnstler Alexander Ap\u00f3stol, der die &#8220;Carta de Jamaica&#8221; in ihrer Originalsprache in Englisch von Bewohnern eines Armenviertels in Caracas laut vor der Kamera rezitieren lie\u00df. Die Frage dr\u00e4ngt sich auf, was denn vom Bol\u00edvarschen Geist ideenhistorisch wie politisch umgesetzt wurde. Die Lesenden verstehen kein Wort vom Inhalt, was implizit auf den populistischen Personenkult eines Hugo Ch\u00e1vez verweist, der sich als neuer Befreier Lateinamerikas inszeniert, w\u00e4hrend es seinem Volk nicht wirklich besser geht. Wer wird von dieser j\u00fcngsten Vision eines vereinten Lateinamerikas profitieren?<\/p>\n<p>Solche Fragen klingen im Palais de Glace an. Die Werke zeigen verschiedene Paradoxien auf, die die aktuelle Politik und die Gesellschaft der meisten L\u00e4nder bestimmen. Die Porte\u00f1a Leticia El Halli Obeid arbeitet sich an der &#8220;Carta de Jamaica&#8221; phsyisch wie intellektuell zugleich ab. Sie filmte sich selbst, wie sie im urbanen Zug durch Buenos Aires reist, vom Zentrum hinaus in die Vorst\u00e4dte, und w\u00e4hrend sie die historische Schrift Wort f\u00fcr Wort abschreibt, sehen wir die Stra\u00dfenz\u00fcge an uns vorbeiziehen.<\/p>\n<p><strong>Das Ende der Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche K\u00fcnstler Bj\u00f8rn Melhus weist in seiner Videoarbeit &#8220;Polic\u00eda&#8221; auf das Paradoxon in einer Kontrollgesellschaft wie der Mexikos hin. Der rotierende Helikopter an Ort und Stelle ist ein bei\u00dfender Kommentar zum hohlen Staat: Latente \u00dcberwachung innerhalb eines Landes, das mehr und mehr von Drogenbaronen und paramilit\u00e4rischen Organisationen zerfressen wird, w\u00e4hrend es sich der politischen und juristischen Kontrollorgane entzieht.<\/p>\n<p>Welche politische Unabh\u00e4ngigkeit feiern wir nun also dieses Jahr, und was sind die aktuellen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen oder nicht zuletzt \u00f6kologischen Probleme, oder nennen wir es etwas positiver besetzt Herausforderungen? Gibt es Hoffnung auf eine lateinamerikanische Union, w\u00e4hrend neoliberale Ausbeutungsstrukturen zumindest in Argentinien den Mittelstand bedrohen? Was sind Demokratien wert, die von Korruption und einer sich selbst bereichernden Oberklasse gef\u00fchrt werden? Solche Fragen werden im Palais de Glace zwar nicht offensichtlich, aber implizit gestellt. Und somit hebt sich das Ausstellungsprojekt vom \u00fcblichen Tenor der staatlich unterst\u00fctzten kulturellen Initiativen zum Bicentenario ab und bietet tats\u00e4chlich eine kritisch-selbstreflexive Auseinandersetzung mit der gegenw\u00e4rtigen Situation. Das Miteinander von Vergangenheit und Gegenwart hat im Projekt \u201cMenos tiempo que lugar\u201d durchaus einen anregenden Nachklang.<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eMenos tiempo que lugar. El Arte de la Independencia\u201c. Anl\u00e4sslich der 200-Jahr-Feiern der Unabh\u00e4ngigkeit Lateinamerikas hat das Goethe-Institut dieses Projekt in Zusammenarbeit mit dem deutschen Au\u00dfenministerium entwickelt. K\u00fcnstler: Narda Alvarado (Bolivien), Alexander Ap\u00f3stol (Venezuela), Claudia Aravena Abughosh (Chile), Pablo Cardoso (Ecuador), Claudia Casarino (Paraguay), Neville D&#8217;Almeida (Brasilien), Julian d&#8217;Angiolillo (Argentinien), Leticia El Halli Obeid (Argentinien), Gianfranco Foschino (Chile), Christine de la Garenne (Deutschland), Laura Glusman (Argentinien), Fernando Guti\u00e9rrez (Peru), Juan Fernando Herr\u00e1n (Kolumbien), Olaf Holzapfel (Deutschland), Agata Madejska (Polen\/Deutschland), Bj\u00f8rn Melhus (Norwegen\/Deutschland), Joaqu\u00edn S\u00e1nchez (Bolivien), Mart\u00edn Sastre (Uruguay), Roland Stratmann (Deutschland), Frank Thiel (Deutschland), Mariana Vassileva (Bulgarien\/Deutschland), Miguel Ventura (Mexiko). Kurator: Alfons Hug (Brasilien\/Deutschland), Assistentin: Paz Guevara (Chile\/Deutschland). Palais de Glace, Posadas 1725. Di-Fr 12-20, Sa und So 10-20 Uhr. 25.3.-25.4.<\/li>\n<\/ul>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image2252\" alt=melhus.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/melhus.jpg\" \/><br \/>\n<em>Bj\u00f8rn Melhus, &#8220;Polic\u00eda&#8221;, Videostill.<br \/>\nFoto oben: Mart\u00edn Sastre, &#8220;Tango with Obama&#8221;, Videostill.<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Goethe-Institut zeigt im Palais de Glace die Ausstellung &#8220;Menos tiempo que lugar&#8221; Von Valerie Thurner Das Goethe-Institut zeigt im Palais de Glace eine thematische Gruppenausstellung anl\u00e4sslich des Bicentenario. S\u00fcdamerikanische und deutsche K\u00fcnstler wurden eingeladen, sich k\u00fcnstlerisch zu diesem runden Geburtstag der politischen Unabh\u00e4ngigkeit Lateinamerikas zu \u00e4u\u00dfern. Das Ausstellungsprojekt ist nun das Ergebnis einer langen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2243","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tipp-der-woche-recomendacion-de-la-semana"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2243","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2243"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2243\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7518,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2243\/revisions\/7518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}