{"id":2284,"date":"2010-04-22T14:58:06","date_gmt":"2010-04-22T17:58:06","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/04\/22\/ungekrontes-meisterwerk\/"},"modified":"2010-09-14T17:24:36","modified_gmt":"2010-09-14T20:24:36","slug":"ungekrontes-meisterwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/04\/22\/ungekrontes-meisterwerk\/","title":{"rendered":"Meisterwerk in Schwarz-Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201cDas wei\u00dfe Band\u201d von Michael Haneke l\u00e4uft heute in Buenos Aires an<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2285\" alt=dasweisseband11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/dasweisseband11.jpg\" align=left hspace=5 \/>Der \u00f6sterreichische Filmemacher Michael Haneke z\u00e4hlt zu denjenigen, deren Ehrung von seiten Hollywoods l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig gewesen w\u00e4re, doch er musste die Auszeichnung f\u00fcr den besten ausl\u00e4ndischen Film Juan Jos\u00e9 Campanellas \u201cEl secreto de sus ojos\u201d \u00fcberlassen. W\u00e4hrend der US-amerikanische Schauspieler Jeff Bridges Anfang M\u00e4rz endlich mit einem l\u00e4ngst verdienten Oscar f\u00fcr seine chronisch untersch\u00e4tzte Pr\u00e4zisionsarbeit ausgezeichnet wurde, so ist auch Michael Haneke ein K\u00fcnstler der Feinarbeit und des Understatements, bekannt f\u00fcr seine unbequemen und verst\u00f6renden Spielfilme (\u201cFunny Games\u201d, \u201cDie Klavierspielerin\u201d, \u201cCache\u201d). Sein beklemmendes Drama \u201cDas wei\u00dfe Band\u201d beweist wie die Schauspielkunst eines Jeff Bridges, dass weniger oft mehr ist.<!--more--><\/p>\n<p>Von der Produktion als deutsche Kindergeschichte etikettiert, ist \u201cDas wei\u00dfe Band\u201d ein Horrorfilm ohne Horrorbilder mit Schauplatz des d\u00f6rflichen Landlebens im protestantischen Norden Deutschlands. Es spielt im Jahr 1913\/14, am Vorabend des ersten Weltkriegs. Inmitten des l\u00e4ndlichen Alltags entfacht sich eine grausame Serie von mysteri\u00f6sen Ereignissen, bei denen Personen zu Schaden kommen. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte in zur\u00fcckblickender Perspektive des Dorflehrers mit Erz\u00e4hlstimme aus dem Off. Das Drama beginnt mit einem Reitunfall des Dorfarztes, der durch eine gespannte Schnur in gestrecktem Galopp zu Fall kommt. Doch wer steckt dahinter?<\/p>\n<p><strong>Keime des Terrors<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Dorfgemeinde den Ges\u00e4ngen des Kinderchores lauscht, garen Verd\u00e4chtigungen, und es geschehen weitere t\u00f6dliche Arbeitsunf\u00e4lle. Es herrscht ein bedr\u00fcckendes Klima der Brutalit\u00e4t sowie des latenten Misstrauens. Die Geschehnisse nehmen bald die Form von rituellen Kollektivbestrafungen an. Und inmitten dieses von Hass, Ekel und Triebverzicht gepr\u00e4gten Dorflebens stehen die Kinder. Aber sind sie auch unschuldig, nur weil sie Kinder sind? Haneke sprach sich bereits in seinem Film \u201cFunny Games\u201d gegen den Mythos der kindlichen Unschuld aus. Er zeigt uns keine Bilder von ausgelassenen, selbstvergessenen Kinderspielen, sondern von misstrauisch herumstehenden, furchteinfl\u00f6\u00dfenden Gruppen, von fl\u00fcsternden Verschw\u00f6rungsszenarien.<\/p>\n<p>Obwohl &#8211; einmal erschallt doch kurz eine kindliche Freudenbekundung. Ausgerechnet in jener Szene, in der der Bauer gefunden wird, der sich aus Verzweiflung in seinem Stall erh\u00e4ngt hat.<\/p>\n<p><strong>Authentizit\u00e4t in Schwarzwei\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Und das \u201cWei\u00dfe Band\u201d erz\u00e4hlt mit einer distanzierten Schwarzwei\u00df-Fotografie. Der Film ist mutig in seiner schlichten \u00c4sthetik und pr\u00e4zisen Wahl von filmischen Mitteln. Statische Kamera, nur Originalmusik, lebt die Entwicklung der Geschichte von der schauspielerischen Leistung. Die Wahl, in Schwarzwei\u00df zu drehen, wurde von der Produktion und den Verleihern erst nicht mit Begeisterung aufgenommen. Haneke argumentiert jedoch \u00fcberzeugend mit der Tatsache, dass wir die Geschichte der ersten H\u00e4lfte des 20 Jahrhunderts aussschlie\u00dflich in Schwarzwei\u00df kennen, was dem Film eine untr\u00fcgerische Authentizit\u00e4t verleiht, au\u00dferdem meidet er so die falsche Illusion von Naturalismus.<\/p>\n<p>Den Darstellern ist viel Raum zur Entfaltung ihres K\u00f6nnens gegeben. Aber vergleichbar mit Jeff Bridges\u2019 Stil sind es keine exzessiven K\u00f6rpereins\u00e4tze, sondern bewusst reduziert, um im richtigen Moment sich gehen zu lassen. Die Protagonisten werden von bisher eher unbekannten Darstellern verk\u00f6rpert, die alle haupts\u00e4chlich vom Theater kommen.<\/p>\n<p><strong>Nicht nur deutsches Thema<\/strong><\/p>\n<p>Die Bedeutung des Films liegt nicht nur in seiner dramaturgisch und \u00e4sthetischen Gekonntheit, sondern tr\u00e4gt eine klar humanistische Botschaft, wobei sich Haneke davon distanziert, ausschlie\u00dflich auf die deutsche Geschichte Bezug zu nehmen, wenn auch die Wahl der historischen Verortung nicht zuf\u00e4llig war. Die Annahme scheint berechtigt, dass eben diese Kinder sich 20 oder 30 Jahren sp\u00e4ter in braunen Uniformen zusammenrotten. So meinte Haneke in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger im Oktober des Vorjahres, dass er vermeiden m\u00f6chte, \u201cdass die Ausl\u00e4nder sagen: Das betrifft ja nur die Deutschen. Wenn ich in Deutschland bin, werde ich schon insistieren, dass es ein deutsches Thema ist.\u201d Die Keime des B\u00f6sen finden ihren n\u00e4hrenden Boden in obrigkeitsgl\u00e4ubigen und prinzipientreuen Gesellschaften. Sobald Prinzipien wie in diesem Fall der protestantische Reinheitsdrang und Triebverzicht absolut werden, wird es unmenschlich. Der gesellschaftliche und ideologische Rahmen kann aber beliebig sein, islamischer Fundamentalismus oder politische Ideologie, sie alle f\u00fchren am Ende in eine unmenschliche Kontrollgesellschaft, zu Misstrauen, Folter und Verfolgung.<\/p>\n<p>Die Kameraarbeit ist ebenso asketisch wie das Klima im Dorf. Es gibt praktisch keine schnellen Schnitte von Halbtotalen auf Nahaufnahmen, keine rasenden Bewegungen oder Schwenks. Keine Schnitte in media res von Bluttaten. In Hanekes Filmen findet Gewalt immer im Off statt, was zus\u00e4tzlich mit der Phantasie des Zuschauers spielt, die in einen beklemmenden Bann gezogen werden. Entscheidend ist, was man nicht sieht. Die Ahnung dr\u00fcckt umso b\u00f6ser.<\/p>\n<ul>\n<li>\u201cDas Wei\u00dfe Band\u201d &#8211; Deutschland 2009. 154 Min. Buch und Regie: Michael Haneke. Mit Christian Friedel, Ernst Jacobi, Leonie Benesch.<\/li>\n<\/ul>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2286\" alt=dasweisseband1.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/dasweisseband1.jpg\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDas wei\u00dfe Band\u201d von Michael Haneke l\u00e4uft heute in Buenos Aires an Von Valerie Thurner Der \u00f6sterreichische Filmemacher Michael Haneke z\u00e4hlt zu denjenigen, deren Ehrung von seiten Hollywoods l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig gewesen w\u00e4re, doch er musste die Auszeichnung f\u00fcr den besten ausl\u00e4ndischen Film Juan Jos\u00e9 Campanellas \u201cEl secreto de sus ojos\u201d \u00fcberlassen. 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