{"id":2295,"date":"2010-05-01T10:26:57","date_gmt":"2010-05-01T13:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/05\/01\/der-abschweifer\/"},"modified":"2010-09-14T17:23:58","modified_gmt":"2010-09-14T20:23:58","slug":"der-abschweifer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/05\/01\/der-abschweifer\/","title":{"rendered":"Der Abschweifer"},"content":{"rendered":"<p><strong>BAFICI-Nachlese: Einige Gedanken zu den Filmen des Schweizers Peter Liechti<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2296\" alt=liechti11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/liechti11.jpg\" align=left hspace=5 \/>Am 18. April ist das 12. BAFICI, das Festival f\u00fcr Independent-Kino von Buenos Aires, zu Ende gegangen, in dessen Rahmen dem Schweizer Filmemacher Peter Liechti eine Retrospektive gewidmet war. Dem interessierten Publikum stellte er seine wichtigsten Filme vor und erl\u00e4uterte bei einem Gespr\u00e4ch und einer exklusiven Masterclass f\u00fcr die Teilnehmer des &#8220;Talent Campus&#8221; seine Thesen zur Filmkunst. Als routinierter Festivalgast kennt Liechti die Gefahren von solchen Veranstaltungen, sie drohen oft mangels vorgegebenem Fokus in oberfl\u00e4chliche Rundumschl\u00e4ge auszuarten oder in einem zumindest in der Schweiz verbreiteten Klagen \u00fcber das fehlende Geld, die b\u00fcrokratischen Papierkriege f\u00fcr den Produktionsplan, etc.<\/p>\n<p>Bei hiesiger Gelegenheit redete man erfreulicherweise nicht ein einziges Mal \u00fcber das Geld, sondern \u00fcber die Kunst. Auf die Frage, warum denn das Schweizer Kino nicht bekannter sei in Argentinien oder gar weltweit, meinte Liechti sehr trefffend: \u201cDas Privileg der Schweiz ist auch eine Wand zwischen uns und der Welt. Wir sind in der Schweiz sehr isoliert, nehmen an vielen gro\u00dfen Weltgeschehen nur bedingt teil, und so sehen auch viele Filme aus.\u201d Nicht aber seine, die nehmen sehr wohl Teil an der Komplexit\u00e4t des Lebens, sind engagierte, pers\u00f6nlich motivierte Reisen voller Abschweifungen, die Themen und Schaupl\u00e4tze oft assoziativ umkreisen, immer mit einer gro\u00dfen Offenheit gegen\u00fcber dem Unvorhersehbaren. Diese Haltung macht seine Filme zu einzigartigen Erlebnissen, dicht, humorvoll, poetisch.<!--more--><\/p>\n<p>Liechtis Filme verfolgen dabei immer einen roten Faden, einmal ist es eine Reise von Musikern durch Afrika (\u201cNamibia Crossing\u201d, Roadmovie\/Essay 2004), mal das Tagebuch eines zum Hungertod Entschlossenen (\u201cDas Summen der Insekten &#8211; Bericht einer Mumie\u201d, Essayfilm 2008), der eigene Versuch, mittels eines Fu\u00dfmarschs von Z\u00fcrich zu seiner Geburtsstadt St. Gallen das Rauchen aufzugeben (\u201cHans im Gl\u00fcck &#8211; 3 Versuche, das Rauchen aufzugeben\u201d, Dokumentarischer Essay 2003). Auch begleitet er gerne befreundete K\u00fcnstler in seinen Filmen: So entstanden das sehr sensible Portr\u00e4t seines langj\u00e4hrigen Freundes Roman Signer, der inzwischen in der Kunstszene ein Weltstar ist (\u201cSigners Koffer\u201d, Dokumentarfilm 1996) oder der sehr spezielle Musikfilm \u201cHardcore Chambermusic &#8211; ein Club f\u00fcr 30 Tage\u201d (2006).<\/p>\n<p><strong>Kategorien schr\u00e4nken ein<\/strong><\/p>\n<p>Liechti m\u00f6chte im klassischen Sinne Dokumentarfilme machen, er grenzt sich bewusst von den Genrefundamentalisten ab, wie er selbst sagt. Seine Filme verflechten und verdichten fiktionale Elemente mit dokumentarischem Material, und es funktioniert so gut, dass die Frage der kategorischen Zuordnung unwichtig wird.<\/p>\n<p>Die Geschichten, die er findet, sind mitten aus dem Leben gegriffen, denn vorgefundene Geschichten sind oft verr\u00fcckter und spannender als erfundene. Das Vorgefundene und die eigenen Erfahrungen bilden das Reservoir, aus dem Liechti seine Geschichten sch\u00f6pft. Er hat nicht wie viele Dokumentarfilmer den Willen und Glauben, mit seinen Filmen die Realit\u00e4t zu zeigen: \u201cIch sage nie \u2018That\u2019s it\u2019!\u201d Die Filmerei sei seine Art und Weise, \u00fcber das Leben nachzudenken. Es sind Reisen, motiviert durch seine eigene Neugier, eine Spur zu verfolgen, um den unz\u00e4hligen Geheimnissen des Lebens n\u00e4herzukommen. Er wolle nie wissen, was genau am Ende dabei rauskomme, das w\u00fcrde ihn sonst langweilen und der Film w\u00fcrde hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2297\" alt=liechti22.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/liechti22.jpg\" align=right hspace=5 \/>\u201cHans im Gl\u00fcck\u201d ist eine ironisch-melancholische Selbstbefragung als filmische Methode, und so ist die Struktur gepr\u00e4gt durch eine thematische Konzentration, die im Verlauf des Films mehr und mehr um grunds\u00e4tzliche Fragestellungen zu Leben und Tod kreist. Dieses Abschweifen ist ein Charakteristikum Liechtis und ein Privileg des Kleinunternehmers im Filmgesch\u00e4ft, der sich nicht an ein vorweg durchgeplantes Drehbuch halten muss. Ob aus einem jeweiligen Projekt eine Kom\u00f6die, ein Melodrama oder ein stinklangweiliges Misslingen resultiere, das wei\u00df er nie im Voraus, und das ist auch jedesmal von Neuem das Risiko &#8211; ein Risiko, das leider immer weniger Filmprojekte wegen kommerziellen Sicherheitsdenkens tragen wollen oder k\u00f6nnen. Dieses Risiko zu tragen, ist Genuss und Leiden zugleich, und es kommt dem Anspruch an das Independent-Kino sehr nahe. Liechti arbeitet so unabh\u00e4ngig wie m\u00f6glich, was eben auch bedeutet, dass er sehr viel selbst macht, von der Produktion \u00fcber Buch und Regie, und in sehr kleinen Teams arbeitet.<\/p>\n<p><strong>Eine experimentelle Versuchsanordnung<\/strong><\/p>\n<p>Was hei\u00dft schon Independent-Kino? Eigentlich ist es ein unsinniger Begriff, der sich in der Industrie, in der Produktion sowie im Verleih und der Festivalwelt durchgesetzt hat. Independent-Kino definiert lediglich jenes Arthouse Kino abseits der gro\u00dfen, auf Genre spezialisierten Studioproduktionen. Auch ohne klares Storyboard sind Liechtis Filme fernab von dem unverbindlichen \u201cAnything goes\u201d. Sie unterliegen klaren konzeptionellen Strukturen. Die bew\u00e4hrte Methode f\u00fcr die Umsetzung einer filmischen Erz\u00e4hlung ist der klar definierte Rahmen, oft ein bestimmter zeitlicher Rahmen oder ein Prozess, der das strukturelle Regelwerk und die mentale Disposition vorgibt. Innerhalb dieser Versuchsanordnung passiert dann eine intensive Auseinandersetzung mit einem bestimmten Prozess, wo auch viel Raum f\u00fcr Improvisation besteht; vergleichbar mit einem Musiker, der sich zwar an die Akkordabfolge halten muss, in der Wahl der Melodie und der Phrasierung jedoch frei ist. Die Kunst der Improvisation generell, sei es im Theater, im Film oder der Musik, des Tanzes, ist eine Energie, die den K\u00fcnstler wach und neugierig h\u00e4lt, ein Rezept gegen dumpfe Routine, durchgeplante Filme, deren kreativer Prozess eigentlich mit der Drehbucheingabe abgeschlossen ist.<\/p>\n<p><strong>Unkonventionelle K\u00fcnstlerportr\u00e4ts<\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2298\" alt=liechti33.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/liechti33.jpg\" align=left hspace=5 \/>\u201cHardcore Chambermusic\u201d und \u201cSigners Koffer\u201d sind beides keine konventionellen K\u00fcnstlerportr\u00e4ts. Es sind sensible und dichte Ann\u00e4herungen an die Kunst. Liechtis Suche nach zeitgem\u00e4\u00dfen Ausdrucksformen und sein Interesse am kinematografischen Experiment f\u00fchrten schlie\u00dflich zu seinem ersten international gefeierten Meisterwerk \u201cSigners Koffer\u201d (1996), das Portr\u00e4t des Ostschweizer K\u00fcnstlers Roman Signer, der f\u00fcr Liechtis filmisches Werk von \u00fcberragender Bedeutung ist (nicht nur durch seine h\u00e4ufige Pr\u00e4senz darin). Roman Signer ist inzwischen ein Weltstar in der Kunstszene. Liechti begleitete Signer w\u00e4hrend mehreren Jahren bei seinen Aktionen von Island \u00fcber Stromboli, im Appenzell oder nach Polen. Der Film f\u00e4ngt das Wesen von Signers Kunst ein, n\u00e4mlich skulpturale Momentaufnahmen mit einer sehr kurzen Lebensdauer. Verg\u00e4ngliche Augenblicke, fotografische Momente werden durch den Film um eine zus\u00e4tzliche Dimension erweitert. Auch wird der Mensch Roman Signer sehr sp\u00fcrbar, was auf die langj\u00e4hrige Freundschaft zwischen den beiden Ostschweizern zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Seine Verspieltheit, die kindliche Neugier und Experimentierfreude, aber auch seine Scham und Zweifel werden transparent.<\/p>\n<p>\u201cHardcore Chambermusic\u201d begleitet die 30-t\u00e4gige Konzertreihe eines Schweizer Improvisationstrios, die w\u00e4hrend eines Monats allabendlich in einem provisorischen Club in Z\u00fcrich auftraten. Der Film untersucht die Beziehung zwischen dem Publikum und der improvisierten Musik. Improvisation k\u00e4mpft mit dem Vorurteil der Kopflastigkeit, das wollte Liechti widerlegen. Am Ende der 30 Tage tanzt das Publikum am Schluss zu dieser nicht ganz einfachen Musik des Trios. \u201cDer Film war die Herausforderung, nicht nur ein musikalisches Highlight nach dem andern zu zeigen, wie das oft bei Musikfilmen geschieht, sondern auch die manchmal ruhigen und frustrierenden Phasen zu beleuchten, die zu diesen Highlights f\u00fchrten.\u201d<\/p>\n<p>Die Essenz von Liechtis Filmkunst ist, dass er sich auf einen nicht planbaren Prozess einl\u00e4sst, in dem assoziativ ein Gedanke zum n\u00e4chsten f\u00fchrt, mal aus Erinnerungen, mal aus Beobachtungen, und das Abschweifen wieder zum roten Faden des Projekts f\u00fchrt. Seine Filme leben von dieser besonderen Energie des gedanklichen M\u00e4anderns, ein St\u00fcck Freiheit in unserer durchregulierten Welt.<\/p>\n<p>Die Filme von Liechti und alle Informationen <a href=\"http:\/\/www.peterliechti.ch\/page.php?en,5,0,0\"><em>hier<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BAFICI-Nachlese: Einige Gedanken zu den Filmen des Schweizers Peter Liechti Von Valerie Thurner Am 18. April ist das 12. BAFICI, das Festival f\u00fcr Independent-Kino von Buenos Aires, zu Ende gegangen, in dessen Rahmen dem Schweizer Filmemacher Peter Liechti eine Retrospektive gewidmet war. 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