{"id":23028,"date":"2016-02-14T17:54:53","date_gmt":"2016-02-14T20:54:53","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=23028"},"modified":"2016-02-14T17:54:53","modified_gmt":"2016-02-14T20:54:53","slug":"das-meer-als-sechster-kontinent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2016\/02\/14\/das-meer-als-sechster-kontinent\/","title":{"rendered":"Das Meer als sechster Kontinent"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration&#8221; in den Hamburger Deichtorhallen<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/buggenhout.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/buggenhout.jpg\" alt=\"buggenhout\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"aligncenter size-full wp-image-23036\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/buggenhout.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/buggenhout-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nWer in diesen Tagen am Hamburger Hauptbahnhof ankommt, trifft auf Teek\u00fcchen, Essensausgaben und provisorische Zelte, in denen Menschen, die ihre angestammte Heimat verlassen mussten, zumindest notd\u00fcrftig versorgt werden. An den Stadtr\u00e4ndern entstehen Massenunterk\u00fcnfte, h\u00e4ufig in Form schlecht beheizter Zeltlager, die mit bis zu 3000 Menschen vollkommen \u00fcberbelegt sind. Viele der Neuank\u00f6mmlinge haben auf ihrer Odyssee zumindest ein Meer \u00fcberwunden. Sei es das Meer zwischen Nordafrika und S\u00fcditalien oder die griechische \u00c4g\u00e4is.<\/p>\n<p>Als die aus dem Senegal stammende Kuratorin Koyo Kouoh vor rund zwei Jahren mit der Vorbereitung der Ausstellung &#8220;Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration&#8221; begann, konnte sie nur ahnen, wie virulent das Thema ihrer Ausstellung zur Zeit der Er\u00f6ffnung sein w\u00fcrde. 15 internationale K\u00fcnstler aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa &#8211; viele davon haben f\u00fcr die Schau ganz neue Arbeiten entwickelt &#8211; schauen jetzt einmal genauer hin. Wie h\u00e4ngen die Warenstr\u00f6me, die Flucht- und Migrationsbewegungen, der Transfer von Informationen, Kultur, aber auch von Konflikten und Gewalt miteinander zusammen? Und welche Rolle spielt dabei das Meer?<br \/>\n\u00a0<br \/>\nKoyo Kouoh, die in der senegalesischen Hafenstadt Dakar aufgewachsen ist, war 2007 und 2012 Mitglied im Kuratorenteam der Documenta in Kassel. Die Ozeane definiert sie als den sechsten Kontinent: &#8220;Auf eine metaphorische Art und Weise haben die Ozeane keine Grenzen. Und sie widersetzen sich jedem, der versucht, welche zu ziehen.&#8221;<br \/>\n\u00a0<br \/>\n<a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/kuenstler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/kuenstler.jpg\" alt=\"kuenstler\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"aligncenter size-full wp-image-23034\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/kuenstler.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/kuenstler-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nObwohl nahezu allen Arbeiten kritisch-analytische Ans\u00e4tze zugrunde liegen, ist &#8220;Streamlines&#8221; zu einer \u00fcberaus sinnlichen Ausstellung geworden. Einen ersten Eindruck davon vermittelt gleich zu Beginn des Parcours die Arbeit von Otobong Nkanga. Die in Antwerpen lebende Nigerianerin hat eine Wandarbeit mit den Konturen der Elbe geschaffen, die mit Genussmitteln und Gew\u00fcrzen, wie sie in der Hamburger Speicherstadt verarbeitet werden, angef\u00fcllt ist. Schreitet man sie ab, so sieht und riecht man Pfeffer, Kaffee, Tee, Kakao und Tabak. Alles Waren aus weit entfernten Weltgegenden, die aber seit Jahrhunderten auch den kulturellen Kosmos in Deutschland pr\u00e4gen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/cocoa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/cocoa.jpg\" alt=\"cocoa\" width=\"250\" height=\"444\" class=\"alignright size-full wp-image-23032\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/cocoa.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/cocoa-169x300.jpg 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Weniger sinnlich, daf\u00fcr aber in ihrer minimalistischen Konsequenz beeindruckend ist die neue Arbeit des Berliner Bildhauers Thomas Rentmeister. Aus 6900 Tetra Paks mit Kakao Drinks hat er eine Bodenskulptur geschaffen, die auf geradezu erschreckende Art und Weise zeigt, wie aus einem exotischen Rohstoff durch industrielle Verarbeitung ein h\u00e4sslich verpacktes Massenprodukt entsteht.<\/p>\n<p>Ganz unmittelbar auf das Schicksal von Fl\u00fcchtlingen geht der algerischst\u00e4mmige Franzose Kader Attia ein. In drei Leuchtk\u00e4sten zeigt er Fotografien junger algerischer M\u00e4nner, die voller Sehnsucht am Strand von Algier sitzen und in Richtung Europa schauen. Gleich davor hat er die aus rund 300 gebrauchten blauen Kleidungsst\u00fccken bestehende Bodenskulptur &#8220;La Mer Morte&#8221; aufgebaut. Die ramponierten Textilien wirken wie \u00dcberbleibsel menschlicher Existenzen. In dieser ansonsten an eleganten Metaphern und Allegorien reichen Schau das wohl konkreteste und bedr\u00fcckendste Exponat.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nEine K\u00fcnstlerin, die sie sich schon seit Jahrzehnten mit dem Austausch von Handelsg\u00fctern, Wissen, Techniken, Religionen und Weltanschauungen besch\u00e4ftigt, ist die 1942 geborene Berliner Filmemacherin und Fotografin Ulrike Ottinger. Im hinteren Teil der Halle hat sie eine Art Containerdorf aufgebaut. F\u00fcr ihre Arbeit &#8220;Diamond Dance&#8221; besuchte sie Anfang der 1980er-Jahre die Zentren des Diamantenhandels in New York, Hong Kong, Antwerpen und Bombay. Ihre bildgewaltige Hamburger Installation vereinigt Fotografien, Filme, Wandtapeten, historisches Quellenmaterial und bedruckte Vorh\u00e4nge. &#8220;Weltweite Verbindungen&#8221;, so Ottinger, &#8220;gab es, lange bevor das Wort Globalisierung in aller Munde war.&#8221;<br \/>\n\u00a0<br \/>\nOb farbenfrohe, gro\u00dfformatige Tapisserien von Abdoulaye Konat\u00e9 aus Mali zu Themen wie Kolonialismus und Umweltverschmutzung oder das anr\u00fchrende Video des Thail\u00e4nders Arin Rungjang \u00fcber seinen Vater, einen Seemann, der 1977 in Hamburg von Neonazis verpr\u00fcgelt wurde und kurz nach seiner R\u00fcckkehr nach Thailand starb: &#8220;Streamlines&#8221; ist eine intelligent zusammengestellte Schau mit 15 pr\u00e4gnanten Positionen aus vier Kontinenten, die ausgehend von den Ozeanen als Metapher f\u00fcr den Austausch zwischen den Kulturen den Finger in die Wunde des alten und neuen Kolonialismus legt, aber durchaus auch Perspektiven f\u00fcr ein besseres Miteinander aufzeigt.<br \/>\n\u00a0<br \/>\n<a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/attia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/attia.jpg\" alt=\"attia\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"aligncenter size-full wp-image-23030\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/attia.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/attia-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\n\u00a0<br \/>\n<strong>Auf einen Blick:<\/strong>\u00a0<\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration<\/li>\n<li>Ort: Deichtorhallen Hamburg, Halle f\u00fcr aktuelle Kunst<\/li>\n<li>Zeit: 4. Dezember 2015 bis 3. M\u00e4rz 2016. Di-So 11-18 Uhr. 1. Do im Monat 11-21 Uhr <\/li>\n<li>Katalog: Snoeck Verlag, 256 S., zahlreiche Abb., 29,80 Euro<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deichtorhallen.de\/\">Internet<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<p>Peter Buggenhout: &#8220;The Blind Leading the Blind (Herzliya Piece), #1 final state&#8221;, 2008. (Foto: Klaas)<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler mit der Kuratorin Koyo Kouoh (5. v.l.).<br \/>\n(Foto: Klaas)<\/p>\n<p>Thomas Rentmeister: &#8220;Cocoa Milk&#8221;, 2015.<br \/>\n(Foto: Klaas)<\/p>\n<p>Kader Attia: &#8220;La Mer Morte&#8221;, 2015.<br \/>\n(Foto: Klaas)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration&#8221; in den Hamburger Deichtorhallen Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Wer in diesen Tagen am Hamburger Hauptbahnhof ankommt, trifft auf Teek\u00fcchen, Essensausgaben und provisorische Zelte, in denen Menschen, die ihre angestammte Heimat verlassen mussten, zumindest notd\u00fcrftig versorgt werden. 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