{"id":2306,"date":"2010-05-06T13:17:51","date_gmt":"2010-05-06T16:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/05\/06\/intellektuelles-abenteuer-romantik\/"},"modified":"2010-05-15T18:20:11","modified_gmt":"2010-05-15T21:20:11","slug":"intellektuelles-abenteuer-romantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/05\/06\/intellektuelles-abenteuer-romantik\/","title":{"rendered":"Intellektuelles Abenteuer Romantik"},"content":{"rendered":"<p><strong>R\u00fcdiger Safranski stellte auf der Buchmesse sein Buch zum Thema vor<\/p>\n<p><em>Von Marcus Christoph<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image2309\" alt=safranski11.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/safranski11.jpg\" align=left hspace=5 \/>\u201cSollen wir es wagen, die kleine Insel der Rationalit\u00e4t zu verlassen und auf den Ozean des Irrationalen und Unerkennbaren hinauszufahren?\u201d Mit dieser, an ein Zitat von Immanuel Kant angelehnten Fragestellung stimmte R\u00fcdiger Safranski seine zahlreichen Zuh\u00f6rer auf das intellektuelle Abenteuer ein, sich mit der Epoche der Romantik auseinanderzusetzen. Der deutsche Publizist und Philosoph war auf Einladung des Goethe-Instituts bei der 36. Internationalen Buchmesse in Buenos Aires zu Gast, um im Gespr\u00e4ch mit dem Kulturredakteur Pablo Gianera (\u201cLa Naci\u00f3n\u201d) sein Buch \u201cRomantik &#8211; Eine deutsche Aff\u00e4re\u201d zu pr\u00e4sentieren. Dieses ist k\u00fcrzlich unter dem Titel \u201cRomanticismo. Una odisea del esp\u00edritu alem\u00e1n\u201d auch auf Spanisch erschienen (Verlag Tusquets).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kant, der gro\u00dfe Vernunftphilosoph, von einem solchen, in der Eingangsfrage bildhaft beschriebenen Schritt noch abriet, waren die romantischen Geistesheroen wie Schlegel, Novalis, Tieck, Fichte, Schleiermacher oder Schelling zu Beginn des 19. Jahrhunderts fest entschlossen, das Wagnis einzugehen. Sie lie\u00dfen die Welt der Ratio hinter sich und setzten ganz auf Fantasie, Einbildungskraft und Subjektivit\u00e4t, um auf diese Weise eine neue Beziehung zu den \u201cMysterien des Lebens\u201d herzustellen. \u201cIch gehe in mich selbst zur\u00fcck und finde eine Welt\u201d, zitiert Safranski aus Goethes \u201cLeiden des jungen Werthers\u201d, um das romantische Denken auf den Punkt zu bringen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Romantik brachte eine enorme Aufwertung der Kunst mit sich. In Malerei, Musik und Literatur suchten die Romantiker eine neue, \u00e4sthetische Transzendenz anstelle \u00fcberkommener religi\u00f6ser Dogmen. Es ging nicht nur um ein Philosophie- und Literaturprogramm, sondern um ein Lebensprogramm, verdeutlicht Safranski, der in diesem Zusammenhang auch von \u201cKunstreligion\u201d spricht. Der Anspruch Richard Wagners etwa, aus seinem Festspielhaus in Bayreuth eine Art religi\u00f6se Weihest\u00e4tte f\u00fcr ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, sei \u201cdurch und durch romantisch\u201d.<\/p>\n<p>Die Bewegung wandte sich gegen den Konformismus und das Allt\u00e4gliche und r\u00e4umte stattdessen der subjektiven Innenwelt gro\u00dfe Wichtigkeit ein: \u201cWenn ich im Gew\u00f6hnlichen das Geheimnisvolle entdecke, dann romantisiere ich\u201d, wie der romantische Schriftsteller Novalis es formulierte.<\/p>\n<p>Als ein weiteres Charakteristikum der Epoche nennt Safranski den Ironie-Begriff der Romantiker: \u201cZur Subjektivit\u00e4t geh\u00f6rt, dass man seine eigene relative Bedeutung erfasst.\u201d Als Beispiel f\u00fcr diese Selbstrelativierung nennt Safranski das Bild \u201cM\u00f6nch am Meer\u201d von Caspar David Friedrich, auf dem ein kleiner Mensch vor einem riesigen Horizont steht. Vor dem Hintergrund des Unendlichen erscheine das Individuum als Zwerg. Dogmatische oder totalit\u00e4re System seien laut Safranski \u00fcbrigens durch die Abwesenheit von Ironie gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Die Romantik wirkte in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, besonders stark aber in Deutschland. Ihre Protagonisten wandten sich von antiken Vorbildern ab und widmeten sich der Kultur des eigenen Volkes. Dies zog eine gesteigerte Wertsch\u00e4tzung des Mittelalters und seiner Mythen nach sich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Safranski ist die Romantik aber nicht nur eine begrenzte Epoche vom Ende des 18. bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, sondern eine geistige Str\u00f6mung, die bis in die Gegenwart wirkt. So macht der Publizist auch in der 68er-Bewegung romantische Elemente aus. Die Renaissance eines von der Romantik gepr\u00e4gten Autors wie Hermann Hesse in dieser Zeit unterstreiche diese These.<\/p>\n<p>Dass im romantischen Gedankengut gleichwohl auch \u201cetwas Riskantes und Gef\u00e4hrliches\u201d inne wohnt, machte Safranski am Beispiel Thomas Manns und seiner w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs verfassten \u201cBetrachtungen eines Unpolitischen\u201d deutlich. Darin beschreibt der sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4ger den Gegensatz zwischen dem \u201cromantischen\u201d Deutschland einerseits und seinen Kriegsgegnern, den \u201crationalistischen\u201d Westm\u00e4chten andererseits. Deutsche \u201cKultur\u201d kontra westliche \u201cZivilisation\u201d lautet die Formel. Seitdem sei die Romantik \u201cin Verdacht\u201d, wie Safranski es formuliert. Der Untertitel seines Buches, f\u00fcr den Safranski die Formulierung \u201cAff\u00e4re\u201d w\u00e4hlte, ist vor diesem Hintergrund zu sehen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter versuchten auch die Nazis, romantische Traditionen f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Auf die Frage von Pablo Gianera, inwieweit die NS-Kunst eine Art triviale Romantik gewesen sei, erl\u00e4uterte Safranski, dass es doch gravierende Unterschiede gegeben habe. Zwar h\u00e4tten die Nazis eine volkst\u00fcmliche Heimatideologie gebraucht und von daher auch auf Werke und Lieder der Romantik zur\u00fcckgegriffen. Doch im Kern seien die Romantiker den Nazis \u201cviel zu weich\u201d gewesen, so Safranski. Diese Sichtweise komme auch in Goebbels Forderung nach einer neuen, \u201cst\u00e4hlernen Romantik\u201d zum Ausdruck. Die Romantiker h\u00e4tten zwar ein ausgepr\u00e4gtes Gef\u00fchl f\u00fcr nationale Identit\u00e4t entwickelt. Doch mit dem Rassebegriff der Nazis habe das nicht viel gemein gehabt. Diese h\u00e4tten letztlich nicht an die romantisch-philosophischen Traditionen, sondern vielmehr an einen pseudo-wissenschaftlichen Biologismus aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert angekn\u00fcpft und diesen dann auf verbrecherische Weise in die Tat umgesetzt.<\/p>\n<p>Um den \u201cZauber der Romantik\u201d trotz all des Unheils, das unter Zuhilfenahme dieser Epoche geschehen ist, zur Geltung zu bringen, lautet Safranskis Credo: \u201cMan muss Romantiker sein und gleichzeitig Realist.\u201d Als Vorbild f\u00fcr eine solche \u201cskeptische Romantik\u201d dient ihm dabei E.T.A. Hoffmann. Dieser sei einerseits ein \u201centfesselter Romantiker\u201d gewesen, habe andererseits aber auch als liberaler Jurist eine realistische Einstellung zum Leben gehabt. \u201cDas ist mir sehr sympathisch\u201d, so der Publizist.<\/p>\n<p>Als Beispiel daf\u00fcr, wo einem in der Gegenwart romantisches Denken und Empfinden begegnen k\u00f6nne, nannte Safranski den j\u00fcngsten Vulkanausbruch in Island, der in Europa den Flugverkehr f\u00fcr mehrere Tage lahm legte: \u201cDas war zwar einerseits eine Katastrophe. Gibt andererseits aber auch ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, was mit \u201cErhabenheit\u201d gemeint ist.\u201d Es habe verdeutlicht, dass die Zivilisation einem \u201czerbrechlichen Flo\u00df auf einem gro\u00dfen Ozean\u201d gleiche. Sich dies zu verdeutlichen, sei wichtig, \u201cdamit man bescheiden bleibe und nicht einem Allmachtswahn anheim falle\u201d, so Safranski.<\/p>\n<ul>\n<li>Die 36. Internationale Buchmesse in Buenos Aires ist noch bis zum kommenden Montag, 10. Mai, ge\u00f6ffnet. Sie steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des Bicentenario. Das Motto lautet \u201cMit B\u00fcchern 200 Jahre Geschichte feiern\u201d. Weitere Infos sind <a href=\"http:\/\/www.el-libro.org.ar\/\">auf der Homepage der Buchmesse<\/a> abzurufen.<\/li>\n<\/ul>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image2310\" alt=safranski22.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/safranski22.jpg\" \/><br \/>\n<em>R\u00fcdiger Safranski pr\u00e4sentiert sein Buch \u00fcber die Romantik.<br \/>\nOben: Safranski im Gespr\u00e4ch mit Pablo Gianera.<br \/>\n(Fotos: Marcus Christoph)<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00fcdiger Safranski stellte auf der Buchmesse sein Buch zum Thema vor Von Marcus Christoph \u201cSollen wir es wagen, die kleine Insel der Rationalit\u00e4t zu verlassen und auf den Ozean des Irrationalen und Unerkennbaren hinauszufahren?\u201d Mit dieser, an ein Zitat von Immanuel Kant angelehnten Fragestellung stimmte R\u00fcdiger Safranski seine zahlreichen Zuh\u00f6rer auf das intellektuelle Abenteuer ein, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,10],"tags":[],"class_list":["post-2306","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein-general","category-off-topic"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2306","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2306"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2306\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2306"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2306"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2306"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}