{"id":23328,"date":"2016-04-20T12:30:18","date_gmt":"2016-04-20T15:30:18","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=23328"},"modified":"2016-05-08T12:43:17","modified_gmt":"2016-05-08T15:43:17","slug":"zwischen-pathos-und-party","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2016\/04\/20\/zwischen-pathos-und-party\/","title":{"rendered":"Zwischen Pathos und Party"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mateo de Urquizas experimenteller &#8220;Titus Andronicus&#8221; im Teatro El Extranjero<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tito-Andronico1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tito-Andronico1.jpg\" alt=\"Tito Andronico1\" width=\"500\" height=\"446\" class=\"aligncenter size-full wp-image-23329\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tito-Andronico1.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tito-Andronico1-300x268.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\n&#8220;Titus Andronicus&#8221; ist William Shakespeares brutalste Trag\u00f6die. Mord, Folter, Vergewaltigung, Verst\u00fcmmelungen, Kannibalismus; die menschlichen Beziehungen von Betrug, Rachsucht, Hinterlist, L\u00fcgen, Eifersucht und Hass gepr\u00e4gt. Das Werk entstand wahrscheinlich um 1590, der Barde wollte damit wohl dem Geschmack der damaligen Zeit Rechnung tragen, als blutr\u00fcnstige Dramen gro\u00df in Mode waren. In sp\u00e4teren Jahrhunderten fiel der &#8220;Titus Andronicus&#8221; in Ungnade wegen seiner besrialischen Grausamkeit, aber im 20. Jahrhundert wurde er wieder vermehrt gespielt. Zwei bestialisch grausame Weltkriege und Hunderte von Konflikten in der ganzen Welt charakterisierten das vergangene Jahrhundert &#8211; und im 21. Jahrhundert muss man nur an die Grausamkeiten des IS und die perfiden Methoden von Selbstmordattent\u00e4tern denken und erkennt, dass die furchterregenden Br\u00e4uche des alten Rom nichts von ihrer Aktualit\u00e4t verloren haben.<\/p>\n<p>Der junge argentinische Dramaturg und Regisseur Mateo de Urquiza hat den &#8220;Titus&#8221; unter dem Titel &#8220;Tito Andr\u00f3nico quiere decir Habeas Corpus&#8221; auf einen eineinhalbst\u00fcndigen Akt verschlankt und in die heutige Zeit versetzt. In De Urquizas Adaptation sind nur sechs der zahlreichen Shakespearschen Charaktere erhalten geblieben: Titus selbst, sein Widersacher im Kampf um das Amt der r\u00f6mischen Herrschers Saturninus, Titus\u2019 Sohn Lucius (der einzige, der im Originalwerk \u00fcberlebt), seine Tochter Lavinia, die Gotenk\u00f6nigin Tamora, die Titus als Gefangene von einem Feldzug mit nach Rom gebracht hat, und Tamoras Dienstbote und heimlicher Geliebter Aaron.<\/p>\n<p>Getragen wird das Werk von sich abwechselnden Monologen der Darsteller, die Teile des Shakespearschen Originals gemischt mit Zitaten von und Anspielungen auf Dichter und Denker der heutigen Zeit, argentinische Politiker, K\u00fcnstler oder gar Fernsehstars vortragen. Die Wucht und Dramatik der leidenschaftlichen Deklamationen sind teils \u00fcberw\u00e4ltigend, Lavinias Bericht etwa von ihrer Vergewaltigung ist mehr als bedr\u00fcckend. Mit oft drastischen Worten werden die schrecklichsten Taten, zu denen Menschen f\u00e4hig sind, denunziert, und die Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele blo\u00dfgelegt.<\/p>\n<p>Dann wieder wird das Werk oft pl\u00f6tzlich von Brechtschen Elementen durchbrochen &#8211; etwa wenn die sechs Darsteller unvermittelt nach vorne treten und die Zuschauer direkt ansprechen und auffordern, doch nach Hause zu gehen, wenn sie hier ein Shakespeare-St\u00fcck erwartet h\u00e4tten und jetzt entt\u00e4uscht seien. Manchmal f\u00fchlt man sich zudem in eine Szene von Big Brother versetzt, wenn die Schauspieler sich wie nebenbei \u00fcber eher banale Fragen austauschen. Zu diesen Techniken, die dem Spannungsabbau dienen, z\u00e4hlen auch das B\u00fchnenbild (Sofia Eliosoff) mit Planschbecken und einem Tisch, wie er an einem Nachmittag im Garten bei Freunden bei einem Asado stehen k\u00f6nnte, die Kost\u00fcme (Daniela Dralye) &#8211; wei\u00dfe Kleidung oder Badeanz\u00fcge und Shorts, Badelatschen, Handt\u00fccher -, und immer wieder laute Trash-Popmusik-Einlagen von Britney Spears oder Rihanna, zu denen die Beteiligten tanzen, sich mit Plastikhaifischen und B\u00e4llen bewerfen, Sport\u00fcbungen machen oder erotische Handlungen andeuten (Choreografie: Valeria Narv\u00e1ez).<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Lob auch f\u00fcr den Ton (Vanesa del Barco), die Beleuchtung (Julia Vega) und die Videobearbeitung (Federico Shmidt) und die durchweg sehr guten Schauspielleistungen von Norberto Laino (Titus), Juan Pablo Sierra (Saturninus), Vicente Santos (Aaron), Santiago Paciullo (Lucius) und vor allem der beiden Damen Cintia Hern\u00e1ndez (Lavinia) und Martina Greiner (Tamora).<\/p>\n<p>Das St\u00fcck kann man noch heute Abend sowie Mittwoch, den 27. April, und Mittwoch, den 4. Mai, jeweils um 20.30 Uhr im Teatro El Extranjero, Valent\u00edn G\u00f3mez 3328, Buenos Aires, sehen. Karten im Theater oder bei Alternativa Teatral.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\nTitus-Adaptation mit Selfie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mateo de Urquizas experimenteller &#8220;Titus Andronicus&#8221; im Teatro El Extranjero Von Susanne Franz &#8220;Titus Andronicus&#8221; ist William Shakespeares brutalste Trag\u00f6die. Mord, Folter, Vergewaltigung, Verst\u00fcmmelungen, Kannibalismus; die menschlichen Beziehungen von Betrug, Rachsucht, Hinterlist, L\u00fcgen, Eifersucht und Hass gepr\u00e4gt. 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