{"id":23881,"date":"2016-09-16T10:39:36","date_gmt":"2016-09-16T13:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=23881"},"modified":"2016-09-16T10:40:49","modified_gmt":"2016-09-16T13:40:49","slug":"ich-brauche-eine-wirklich-starke-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2016\/09\/16\/ich-brauche-eine-wirklich-starke-geschichte\/","title":{"rendered":"\u201eIch brauche eine wirklich starke Geschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Wolfgang Becker, dem Stargast des Deutschen Kinofestivals<\/p>\n<p><em>Von Ivana Forster und Michaela Ehammer<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wolfgang_becker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wolfgang_becker.jpg\" alt=\"wolfgang_becker\" width=\"500\" height=\"335\" class=\"aligncenter size-full wp-image-23883\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wolfgang_becker.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/wolfgang_becker-300x201.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDer deutsche Regisseur Wolfgang Becker ist vor allem mit seinem Film &#8220;Good Bye Lenin&#8221; in Erinnerung geblieben. Seit diesem Beitrag sind jedoch viele Jahre vergangen. Nun gl\u00e4nzt er erneut mit seinem aktuellen Film &#8220;Ich und Kaminski&#8221;, nicht nur am deutschen Filmhimmel. Seit unglaublichen zwei Jahren tourt er in der Weltgeschichte herum, hat Werbung f\u00fcr seinen Film in stolzen 56 L\u00e4ndern gemacht und bisher 850 Interviews gegeben. Im Rahmen des <a href=\"http:\/\/www.cinealeman.com.ar\/festival16\/index.html\">16. &#8220;Festival de Cine Alem\u00e1n&#8221;<\/a> wurde sein j\u00fcngstes Werk gestern als Er\u00f6ffnungsfilm gezeigt. Zu diesem Anlass ist Wolfgang Becker pers\u00f6nlich nach Buenos Aires gereist.<\/p>\n<p><em>Herr Becker, gab es denn einen bestimmten Grund f\u00fcr die lange Pause seit Ihrem letzten Film, welcher ja bereits zw\u00f6lf Jahre zur\u00fcckliegt?<\/em><\/p>\n<p>Nichts h\u00e4tte ich lieber gemacht als gleich wieder einen Film, aber daf\u00fcr braucht man einfach ein gutes Drehbuch. Es gibt Regisseure, die verfilmen Drehb\u00fccher, weil sie damit Geld verdienen. Aber die h\u00e4ngen nicht mit so einem Herzblut an dem Film. Ich brauche eine wirklich starke Geschichte, die mir den langen Atem f\u00fcr zwei, drei oder vier Jahre gibt. Und die liegen nicht rum wie Sand am Meer. Au\u00dferdem kann ich nicht alles erz\u00e4hlen. Jeder hat seine Talente- wenn ich etwas finde, das mit meinem Talent f\u00fcr eine bestimmte Art von Geschichten zusammenkommt, dann kommen auch tolle Filme dabei heraus. Einfach nur einen Film zu machen, weil man einen machen will, w\u00fcrde bei mir zu einer ziemlichen Katastrophe f\u00fchren. Deswegen mache ich lieber keinen. Ich habe nur wenige, aber alle stehen sehr gut da und ich mag sie wie meine Kinder. Es gibt keinen, den ich lieber verstecke. Au\u00dferdem dauert es immer sehr lange, einen Film zu promoten. W\u00e4hrend Daniel Br\u00fchl schon f\u00fcnf weitere Filme gedreht hatte, war ich immer noch mit &#8220;Ich und Kaminski&#8221; besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><em>Sie haben Daniel Br\u00fchl erw\u00e4hnt- er hat sich ja insgesamt sehr weiterentwickelt seit dem letzten Film. Wie hat sich die Zusammenarbeit seit &#8220;Good Bye Lenin&#8221; ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p>Daniel war damals 21 oder 22 Jahre alt. Das war wirklich ein Vater-Sohn-Verh\u00e4ltnis. Er hat dann sehr viele Rollen bekommen, allerdings auch sehr einseitige Angebote. Er hatte auch eine Sehnsucht, danach, mal ein Arschloch zu spielen. Wenn man jung ist, macht man viel st\u00e4rkere Entwicklungen durch. Die Ver\u00e4nderung in meinem Alter ist nicht mehr so stark.<br \/>\nDer Unterschied war, dass aus dem Vater-Sohn- ein Freundschaftsverh\u00e4ltnis geworden ist &#8211; trotz des gro\u00dfen Altersunterschiedes. Wir sind Kumpels und ziehen gemeinsam los und in den Urlaub. Er ist jetzt ein Kollege auf Augenh\u00f6he mit einem gro\u00dfen Erfahrungsschatz. Man muss sich vorstellen: Er hat seit &#8220;Ich und Kaminski&#8221; sechs Filme gedreht und ich sitze immer noch hier und mache Interviews zum selben Film.<\/p>\n<p><em>Da Sie eben die so genannte &#8220;Arschloch-Rolle&#8221; angesprochen haben &#8211; war Daniel Br\u00fchl Ihre erste Wahl f\u00fcr den Film?<\/em><\/p>\n<p>Ja, er war die einzige Wahl. Wenn er den Film nicht gemacht h\u00e4tte, h\u00e4tte ich den auch nicht gedreht. Daniel hatte viele Anfragen f\u00fcr Drehs, bei denen er viel, viel mehr verdient hat. Wir mussten immer sehen, welche Zeit er f\u00fcr den Film freih\u00e4lt, denn wir konnten nur im Sommer drehen. H\u00e4tte das nicht geklappt, w\u00e4re der Film gar nicht erst gedreht worden. Ich kenne n\u00e4mlich keinen anderen Schauspieler, der es hinbekommt, ein Arschloch zu sein, aber gleichzeitig doch irgendwie nach einer bestimmten Zeit bei Frauen so einen Schutzreflex hervorzurufen. Bei M\u00e4nnern ist es so, dass man ihn eigentlich sch\u00fctteln m\u00f6chte. Man nimmt es ihm nicht so \u00fcbel, wie man es anderen Leuten \u00fcbelnehmen w\u00fcrde. Das geh\u00f6rt auch zu seiner privaten Pers\u00f6nlichkeit (lacht). Was mich ma\u00dflos an unserem Verh\u00e4ltnis \u00e4rgert, ist, dass er sich Dinge, also Kleinigkeiten leisten kann, die man mir immer \u00fcbelnimmt. Beispielsweise schnorrt er \u00fcberall Zigaretten. Aber sein nat\u00fcrlicher Charme macht es wieder wett.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr diejenigen, die &#8220;Ich und Kaminski&#8221; nicht gelesen haben &#8211; waren die Personen im Buch auch solche sturen K\u00f6pfe?<\/em><\/p>\n<p>Ja, die waren sie, doch jeder liest das Buch anders und interpretiert f\u00fcr sich selber, inwieweit es f\u00fcr den Leser nun ein Sturkopf und Egozentriker ist. Im Film ist das festgelegt, da l\u00e4sst sich das nicht mehr interpretieren. Das ist der gro\u00dfe Unterschied zur Literatur.<\/p>\n<p><em>Sie hatten bei der Pressekonferenz einen Kameramann erw\u00e4hnt, f\u00fcr den Sie sich eigentlich entschieden hatten, welcher jedoch verstorben ist.<\/em><\/p>\n<p>Der Kameramann, mit dem ich all meine Filme gedreht habe, war Martin Kukula. Mit ihm habe ich angefangen. Ich habe ihn kennengelernt, w\u00e4hrend ich an der Filmhochschule war und meinen Abschlussfilm gedreht habe. Das war sein erster gr\u00f6\u00dferer Film und danach haben wir viele zusammen gedreht. Er ist an Krebs verstorben und ein wichtiger Mitarbeiter ist damit weggebrochen. Er ist einfach nicht mehr da gewesen. Der Kameramann ist f\u00fcr mich der wichtigste Partner, den man als Regisseur hat. Die Arbeit mit Martin war eine fast nonverbale. Er fehlt mir heute noch und ist eigentlich gar nicht ersetzbar, auch als Mensch nicht. Doch mit J\u00fcrgen J\u00fcrges ist die Zusammenarbeit auch ein Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p><em>Nun eine inhaltliche Frage zum Film. Wie hat sich der Verdacht Sebastian Z\u00f6llners, dass Kaminski gar nicht blind sei, so verh\u00e4rtet?<\/em><\/p>\n<p>Er hat letztendlich keinen Beweis daf\u00fcr. Z\u00f6llner ist ja ein Schaumschl\u00e4ger und will unbedingt sein Buch verkaufen. Er kommt sozusagen mit einem Dummy an, auf dem sein Name schon draufsteht, genauso gro\u00df wie \u201eKaminski\u201c. Den Inhalt will er noch schnell schreiben und behauptet, die Sensation \u00fcberhaupt zu haben. Das ist ja heute so, man kann Biografien nur noch verkaufen, indem man eine v\u00f6llig abstruse These hinstellt. Beispielsweise die von Gandhi: Vor zwei, drei Jahren hat ein Engl\u00e4nder eine neue Biografie \u00fcber Gandhi, die Galionsfigur des gewaltlosen Widerstandes, geschrieben. Die wurde damit gen\u00e4hrt, dass Gandhi seine Frauen verpr\u00fcgelt habe. Man braucht halt einen kleinen Skandal als Aufh\u00e4nger, wenn man etwas verkaufen will. Woher Z\u00f6llner diesen Verdacht letztendlich hat, ist unerheblich, und er stellt dann am Ende zu seinem Erstaunen fest, dass er sich anscheinend geirrt hat.<\/p>\n<p><em>Warum wurden ausgerechnet die 90er Jahre als Schauplatz f\u00fcr den Film gew\u00e4hlt? War das im Buch auch schon so vorgegeben?<\/em><\/p>\n<p>Die ganze Kunstszene, wie sie im Buch beschrieben ist, w\u00fcrde mit dem Zeitpunkt, an dem wir angefangen haben zu drehen, nicht mehr \u00fcbereinstimmen. Man h\u00e4tte das sehr stark ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Die Kunstszene hat sich innerhalb dieser Jahre so unglaublich ver\u00e4ndert, dass es nicht mehr glaubw\u00fcrdig gewesen w\u00e4re. Es h\u00e4tte auch nicht gepasst, wenn es im Jahr 2015 spielt, denn wenn man einmal nachrechnet, wie alt jemand sein muss, um Sch\u00fcler von Matisse gewesen zu sein, dann m\u00fcsste Kaminski ja schon weit \u00fcber 100 sein.<\/p>\n<p><em>Gibt es ein Idol, das Sie besonders inspiriert hat, den Beruf als Regisseur zu w\u00e4hlen?<\/em><\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re nicht zu den Regisseuren, die in der Talkshow erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, dass sie schon mit sechs Jahren auf dem Scho\u00df des Filmvorf\u00fchrers gesessen haben und, wie hei\u00dft es so sch\u00f6n, das Leben f\u00fcr das Kino geschw\u00e4nzt haben. Dass ich selbst einmal mit dem Kino zu tun haben w\u00fcrde, habe ich selbst im Alter von 20 Jahren noch nicht gewusst. Ich habe zun\u00e4chst Germanistik und Geschichte studiert, bin also ausgebildeter Historiker, und bin erst \u00fcber die Kameraarbeit zur Regie gekommen. Es gibt schon Leute, die mich sehr begeistern, und diese beeinflussen mich nat\u00fcrlich auch in meinem Tun. Ich mag Filme von Martin Scorsese, Mike Leigh oder Truffaut, auch Kubrick-Filme gefallen mir sehr, doch ich bin da nicht exzeptionell, denn die gefallen vielen Menschen.<\/p>\n<p><em>Noch eine kurze Frage zum Schluss: D\u00fcrfen wir uns schon auf ein neues Filmprojekt freuen?<\/em><\/p>\n<p>Ich plane einen neuen Film und einer der Drehorte soll Buenos Aires sein, aber ich m\u00f6chte noch nichts Genaueres dar\u00fcber verraten (schmunzelt).<\/p>\n<p><em>Herr Becker, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><br \/>\n&#8220;Ich und Kaminski&#8221;-Regisseur Wolfgang Becker.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Wolfgang Becker, dem Stargast des Deutschen Kinofestivals Von Ivana Forster und Michaela Ehammer Der deutsche Regisseur Wolfgang Becker ist vor allem mit seinem Film &#8220;Good Bye Lenin&#8221; in Erinnerung geblieben. Seit diesem Beitrag sind jedoch viele Jahre vergangen. 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