{"id":2866,"date":"2010-08-09T10:24:47","date_gmt":"2010-08-09T13:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=2866"},"modified":"2011-01-15T15:53:59","modified_gmt":"2011-01-15T18:53:59","slug":"erfolgsverwohntes-filmerduo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/08\/09\/erfolgsverwohntes-filmerduo\/","title":{"rendered":"Erfolgsverw\u00f6hntes Filmerduo"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Gast\u00f3n Duprat und Mariano Cohn<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat3.jpg\" alt=\"\" title=\"cohnduprat3\" width=\"250\" height=\"166\" class=\"alignleft size-full wp-image-2878\" \/><\/a>Das erfolgreiche Filme- und Fernsehmacher-Duo Gast\u00f3n Duprat und Mariano Cohn hat den TV-Kanal Ciudad Abierta der Stadt Buenos Aires entwickelt, gegr\u00fcndet und gef\u00fchrt. Zusammen haben Cohn und Duprat \u00fcber 20 Experimentalfilme und -videos kreiert. Ihre bisherigen Spielfilme erhielten zahlreiche Auszeichnungen, wie &#8220;Enciclopedia&#8221; (1998), &#8220;Yo Presidente&#8221; (2006) und &#8220;El artista&#8221; (2008). &#8220;El hombre de al lado&#8221; (2009) wurde beim 24. Filmfestival von Mar del Plata als bester argentinischer Langspielfilm pr\u00e4miert und gewann au\u00dferdem innerhalb des Wettbewerbs &#8220;World Dramatic&#8221; in Sundance den Preis f\u00fcr die beste Kamera. Der Film wurde im Mai\/Juni 2009 in der &#8220;Casa Curutchet&#8221; gedreht, dem einzigen Geb\u00e4ude des ber\u00fchmten Architekten Le Corbusier auf dem amerikanischen Kontinent. In einem Interview gaben die beiden Auskunft \u00fcber ihre Arbeit.<!--more--><\/p>\n<p>V.T.: Mich interessiert erstmal die Beziehung von Architektur und Personen, was ja ein zentrales Thema ist in diesem Film, sowohl erz\u00e4hlerisch wie formal.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Die Idee eines klassischen Nachbarnkonflikts hatten wir seit etwa vier Jahren. Wir wollten aber den Film von Anfang an in der Casa Curutchet drehen und schrieben vor Jahren bereits ein Drehbuch. Es dauerte jedoch weitere zwei Jahre, bis wir die Drehbewilligung erhielten, die unverzichtbar war f\u00fcr die Realisation dieses Films. Ohne dieses spezifische Haus als Schauplatz h\u00e4tte es den Film &#8220;El hombre de al lado&#8221; nicht gegeben. Das Haus fungiert in der Geschichte wie ein zus\u00e4tzlicher Charakter.<\/p>\n<p>V.T.: Warum musste der Film unbedingt in diesem Haus gedreht werden?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Naja, es ist eben das einzige Einfamilienhaus von Le Corbusier in diesem Stil auf dem amerikanischen Kontinent, wenn nicht sogar in der Welt. Es gab f\u00fcr uns keine Alternative. Die Bauweise und die Lichtf\u00fchrung der Architektur von Le Corbusiers Wohnh\u00e4usern sind einzigartig auf der Welt. Die meisten H\u00e4user sind jedoch von gro\u00dfz\u00fcgigen Parkanlagen umgeben. Die Casa Curutchet ist mitten in einem Wohnviertel in La Plata. Diese engen Raumverh\u00e4ltnisse, die der Architekt so genial gel\u00f6st hatte, waren zwingend f\u00fcr unsere Geschichte.<\/p>\n<p>V.T.: Ist das Haus normalerweise bewohnt?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Nein, es ist kein Privathaus mehr, sondern ein Museum.<\/p>\n<p>V.T.: War es schwierig, die Drehbewilligung zu erhalten?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Ja, sehr.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat1.jpg\" alt=\"\" title=\"cohnduprat1\" width=\"250\" height=\"141\" class=\"alignleft size-full wp-image-2879\" \/><\/a>V.T.: Der Film behandelt ja auch auf einer philosophischen Ebene die Frage der Gegens\u00e4tze. Einerseits dieser einfache Mann Victor und auf der anderen Seite der erfolgreiche, affektierte Leonardo. Zwei Welten, die auf der Trennmauer aufeinanderprallen. Ist der Vorschlaghammer ein Symbol f\u00fcr das Einbrechen der Realit\u00e4t in diese k\u00fcnstliche Welt eines Stardesigners?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Hm, eigentlich sind beide Welten k\u00fcnstlich. Das ist eine Frage der Perspektive, die ein Zuschauer einnimmt. Das Publikum erkennt sich einmal mehr in der einen Welt wieder, mal mehr in der andern. Wir sind nicht von einer wertenden Gegen\u00fcberstellung von Lebenssystemen ausgegangen, sondern mehr daran interessiert, auf Kontraste hinzuweisen. In diesem Sinne ist der Hammer ein Symbol einer Grenz\u00fcberschreitung, ja.<\/p>\n<p>V.T.: Ihr wollt keine Kritik an der Oberschicht aus\u00fcben?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Nein. Wir wollen nicht in diese Schublade der Gesellschaftskritik gesteckt werden. Es ist mehr eine Kritik an gesellschaftlichen Konventionen allgemein, aber nicht ausschlie\u00dflich an einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Das Konzept des Films ist die L\u00f6sung eines zwischen zwei Nachbarn entstandenen Konflikts.<\/p>\n<p>V.T.: Aber es geht doch auch um Besitzverh\u00e4ltnisse? Ich denke da an eine Schl\u00fcsselszene des Films, als Victor und Leonardo sich an der Trennwand begegnen, und Victor Leonardo erkl\u00e4ren will, dass er ja nur einige Sonnenstrahlen nehmen will, die jener nicht alle selbst braucht. Mir scheint diese Szene im Film wie ein Kristallisationsmoment des Grundkonflikts.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Ja, das kann man so sehen. Das Drehbuch hat ja Gast\u00f3ns Bruder Andr\u00e9s Duprat geschrieben, wie auch bereits die Skripte aller fr\u00fcheren Filme von uns. Und er schrieb die Geschichte mit einem seiner Nachbarn im Hinterkopf, der dem Protagonisten Victor sehr \u00e4hnlich ist.<\/p>\n<p>V.T.: Aber ihr seid mit der Kritikerin, die in eurem Film einen ironischen Unterton am neureichen Lebensstil erkannt hat, nicht einig?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Nein, das war nicht die Idee. Schau, Kritiker m\u00fcssen dich immer irgendwie in eine Schublade stecken, wenn sie dich vorher nicht gekannt haben.<\/p>\n<p>V.T.: Viele Journalisten schreiben, dass eure Filme immer um die Gef\u00fchle von Scham oder Beklemmung kreisen, sowohl filmisch wie auch inhaltlich. Stimmt ihr dem zu?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Ja, wir wollen immer Situationen des Unbehagens schaffen. Das ist, was uns interessiert. Unsere Filme sind unbequem. Auch die Kameraarbeit schafft oft Momente der visuellen Enge, die dann beklemmend wirken.<\/p>\n<p>Vor allem war ja die Beschr\u00e4nkung auf einen szenischen Handlungsraum das Grundkonzept des Films. Die Kameraarbeit ist sehr reduziert, die Einstellungen meistens mit fixer Kamera gedreht, die in dem einen Moment nur eine einzige Perspektive auf das Geschehen bietet. Au\u00dferdem gibt es keine einzige Aufnahme oder Innenaufnahme des Hauses von Victor. Auch dann nicht, wenn die Kamera beispielsweise Leonardo verfolgt, wenn er den Raum durchquert, oder bei Aufnahmen ohne Figuren. Das Haus Victors bleibt ungesehen.<\/p>\n<p>V.T.: Die Objekte im Film haben eine bestimmte narrative Bedeutung. Eure preisgekr\u00f6nte Kameraarbeit setzt die Architektur, die Innenausstattung, das Mobiliar in eine psychologische Beziehung zu den Figuren, die auch wiederum R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Beziehungen zwischen den Figuren zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Klar, wenn du eine filmische Welt erzeugst, hast du alles unter Kontrolle, was du auf dem Bildschirm sehen willst.<\/p>\n<p>V.T.: Ja, aber ich meine konkreter: Da gibt es diese Partyszene, wo Victor in einen Schaukelstuhl sinkt, das einzige bewegliche Mobiliar in dieser sehr statischen Umgebung. Passiert dieser Moment nicht auch an einem Wendepunkt der Geschichte?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Ja \u2026 kann sein. (Sie lachen beide, ohne weiter darauf eingehen zu wollen.)<\/p>\n<p>V.T.: Eine Frage zum Schluss des Films: Warum habt ihr ein tragisches Ende einem Happy-End vorgezogen? Gab es auch andere Optionen f\u00fcr das Ende des Films?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Es ist nicht eindeutig am Ende, ob Victor stirbt oder nicht. Aber es ist ein abruptes, \u00fcberraschendes Ende nach einer personellen Ann\u00e4herung und Solidarisierung zwischen Leonardo und Victor, und man geht davon aus, dass dieses Fenster letztlich doch machbar w\u00e4re. Und nach dieser Ann\u00e4herung ist dann die Wendung doch sehr abrupt und \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>V.T.: Wie steht es mit der Finanzierung? Ist die Limitierung des Budgets ein Grund, weshalb ihr euch auf einen Schauplatz beschr\u00e4nkt? In Buenos Aires gibt es ja seit etwa 10 Jahren eine boomende Filmszene, aber es fehlt konstant an Geld.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Wir m\u00f6chten alles so einfach wie m\u00f6glich halten, sowohl finanziell wie auch narrativ. Wir haben verl\u00e4ssliche Produzenten wie in diesem Film Aleph Media, Television Abierta oder das Argentinische Filminstitut (INCAA). In der Vergangenheit hatten wir auch internationale Koproduzenten wie Cinecitt\u00e0 Italia bei &#8220;El artista&#8221;.<\/p>\n<p>V.T.: Wie positioniert ihr euch in der Kunstszene? <\/p>\n<p>(Sie schmunzeln.)<\/p>\n<p>V.T.: In der Filmszene?<\/p>\n<p>(Sie schmunzeln weiter.)<\/p>\n<p>V.T.: Nein, im allgemeinen, ihr arbeitet ja in verschiedenen Bereichen, von der Bildenden Kunst \u00fcber Fernsehen bis hin zum Kino.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Wir w\u00e4hlen immer jeweils das Medium, das sich m\u00f6glichst gut eignet f\u00fcr die Idee, die wir umsetzen m\u00f6chten. Einmal ist es Video, dann ein Fernsehformat oder auch ein Langspielfilm. Wir verstehen uns im Grunde genommen nicht als Cinephile. Wir kennen die gro\u00dfen Meister des Kinos nicht, so haben wir auch keine Vorbilder aus der Kinogeschichte. Wir haben einen unbelasteten Zugang zum Film.<\/p>\n<p>V.T.: Was haltet ihr von dieser Unterscheidung zwischen High und Low Culture? F\u00fcr mich ist diese Unterscheidung Nonsense.<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: F\u00fcr mich ist alles Low. (Beide lachen.) Das Fernsehen zum Beispiel gilt als Low Culture, aber f\u00fcr uns war es das schlaueste Medium mit dem gr\u00f6\u00dften Potenzial. Da gibt es viel mehr kreativen Spielraum. Zum Beispiel in unserem Programm Ciudad Abierta, da konntest du jemanden anrufen und eine Stunde sp\u00e4ter waren wir mit der Kamera bei denen zu Hause.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/cohnduprat2.jpg\" alt=\"\" title=\"cohnduprat2\" width=\"250\" height=\"141\" class=\"alignleft size-full wp-image-2880\" \/><\/a>Oder wir versuchen auch immer, andere Sparten mit einzubeziehen in einen Film. Der K\u00fcnstler Le\u00f3n Ferrari beispielsweise war Produzent f\u00fcr &#8220;El artista&#8221;. Oder nur schon die Tatsache, dass der Drehort ein Haus von Le Corbusier ist. Oder das Fingertheater, das Victor vorf\u00fchrt am umk\u00e4mpften Fenster, das sind Werke des K\u00fcnstlers Carlos Herrera. Und dieser spielt dieses Fingertheater auch jeweils selbst in den entsprechenden Szenen, wo wir Victors H\u00e4nde in Nahaufnahme sehen, das sind eigentlich die H\u00e4nde Herreras, die da einen so kunstvollen Tanz vorf\u00fchren. Er arbeitet da immer mit Essensresten und Alltagsgegenst\u00e4nden und bastelt damit eine Inneneinrichtung.<\/p>\n<p>V.T.: Habt ihr einen Beitrag f\u00fcr das Bicentenario in Planung?<\/p>\n<p>G.D.\/M.C.: Nein, f\u00fcr uns bedeutet das nichts, wir arbeiten weiter an einem neuen Film. Der hei\u00dft &#8220;Querr\u00eda comprar cigarrillos y vuelvo&#8221;. Es handelt von einem Typen, der in die Vergangenheit reist. Es wird bestimmt eine \u00dcberraschung sein. <\/p>\n<p>V.T.: Danke f\u00fcr das Interview.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/08\/09\/messerscharfe-satire\/\">Filmkritik von &#8220;El hombre de al lado&#8221;.<\/a><\/p>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<p>Cohn und Duprat beim Dreh.<\/p>\n<p>Konflikt: Victor schl\u00e4gt ein Loch in die Wand zu seinem Nachbarn Leonardo.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerisches Element: Fingertheater am umk\u00e4mpften Fenster.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Gast\u00f3n Duprat und Mariano Cohn Von Valerie Thurner Das erfolgreiche Filme- und Fernsehmacher-Duo Gast\u00f3n Duprat und Mariano Cohn hat den TV-Kanal Ciudad Abierta der Stadt Buenos Aires entwickelt, gegr\u00fcndet und gef\u00fchrt. Zusammen haben Cohn und Duprat \u00fcber 20 Experimentalfilme und -videos kreiert. 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