{"id":3320,"date":"2010-09-11T14:18:43","date_gmt":"2010-09-11T17:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3320"},"modified":"2010-09-11T14:18:43","modified_gmt":"2010-09-11T17:18:43","slug":"die-pirateninsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/11\/die-pirateninsel\/","title":{"rendered":"Die Pirateninsel"},"content":{"rendered":"<p><strong>(K)ein M\u00e4rchen vom S\u00fcdatlantik<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/mioewe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/09\/mioewe.jpg\" alt=\"\" title=\"mioewe\" width=\"250\" height=\"159\" class=\"alignleft size-full wp-image-3330\" \/><\/a>Alles in allem war es ein friedlicher Ort gewesen. Die Insel lag im S\u00fcdatlantik, beinahe schon an der Grenze zu den Subtropen. Ihren Bewohnern bot sie die besten vorstellbaren Lebensumst\u00e4nde: reiche Fischgr\u00fcnde ringsumher, keine Fressfeinde, keine Menschen, sichere Nistpl\u00e4tze an den Felsen, die gegen das Meer steil abfielen. Seit Generationen hatten M\u00f6wen, T\u00f6lpel und Regenpfeifer, Albatrosse und sonstige Fischj\u00e4ger sich zusammengerauft. Nat\u00fcrlich hatte es immer wieder Streit um die besten Nistpl\u00e4tze und Nestunterlagen gegeben, innerhalb der einzelnen Gruppen und zwischen ihnen. Es waren h\u00e4ufig Federn geflogen und der eine oder andere Inselbewohner hatte dabei wohl auch ein Auge eingeb\u00fc\u00dft. Aber mit der Zeit hatte sich eben doch ein einigerma\u00dfen ertr\u00e4gliches Zusammenleben ergeben.<\/p>\n<p>Da erschienen die Fregattsegler. Als Seev\u00f6gel haben Fregattsegler ein Handicap. Sie besitzen kein wasserdichtes Federkleid, k\u00f6nnen deshalb weder schwimmen noch tauchen. Aber sie lieben Fischnahrung und lehnen es ab, sich etwa von Regenw\u00fcrmern zu ern\u00e4hren. Ihre Unf\u00e4higkeit zum Fischen \u00fcberspielen sie indes mit einer ausgepr\u00e4gten Fertigkeit zur Piraterie. Kein anderer Seevogel ist davor sicher, sich von ihnen seine Beute beim Heimflug abjagen zu lassen.<!--more--><\/p>\n<p>Das wussten die Inselbewohner zun\u00e4chst nicht. Zwar hatten vorbeikommende Seeschwalben von einem anderen Ort \u2013 einer kleineren Insel \u2013 gemurmelt, wo die Fregattsegler eine autorit\u00e4re Herrschaft errichtet h\u00e4tten, aber solche Ger\u00fcchte konnten die selbstbewussten Inselbewohner nicht verunsichern. Schlie\u00dflich sitze man auf einer ziemlich gro\u00dfen Insel und wisse sich schon irgendwelcher \u00dcbergriffe zu erwehren. Au\u00dferdem waren es ja nur zwei Fregattsegler, ein P\u00e4rchen.<\/p>\n<p>Man nahm sie also auf, nicht gerade mit Begeisterung, aber mit jener erwartungsvollen Neugier, die Neuank\u00f6mmlingen entgegengebracht zu werden pflegt. In der Hackordnung der Insel wurde dem Fregattseglerich angesichts seiner eindrucksvollen Fl\u00fcgelspannweite und des martialischen Aussehens sogar eine F\u00fchrungsposition zugestanden.<\/p>\n<p>Anfangs schien das P\u00e4rchen sich recht gut ins Inselleben zu f\u00fcgen. Dass die Fregattsegler einigen T\u00f6lpeln ihre Fische abnahmen, st\u00f6rte nicht viele; man war ja selbst kein T\u00f6lpel. Manche applaudierten sogar, denn die Effizienz der flei\u00dfigen und geschickten T\u00f6lpel war ihnen schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Andere wiederum fanden den Fregattseglerich sehr opportun, denn er gab ihnen einen Teil der geraubten Fische ab, so dass sie sich, statt zu arbeiten, in die Sonne setzen konnten. So gewann das neue P\u00e4rchen viele Freunde.<\/p>\n<p>Dann aber wurde offenbar, dass die Fregattsegler nicht nur T\u00f6lpel beraubten, sondern immer mehr Fischergruppen. Sie hatten nun ja auch ihre Freunde bei der Stange zu halten. \u00dcbrigens begannen die Freunde, die besten Nistpl\u00e4tze zu besetzen. Missstimmung begann sich auszubreiten, zumal die Fresslust der Freunde den Fischreichtum zu mindern begann.<\/p>\n<p>Missstimmungen zu beseitigen war nicht die starke Seite des Fregattseglerichs. Dazu h\u00e4tte er zu den Mitbewohnern der Insel freundlich reden m\u00fcssen. Er konnte aber nur aggressiv knarzen und schnarren. So trat er seine F\u00fchrungsposition vordergr\u00fcndig an sein Weibchen ab. Dieses war eine begabte Gackerin und Schnatterin.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber fuhr das M\u00e4nnchen fort, seine Herrschaft auszu\u00fcben und auszuweiten. Des m\u00fchevollen eigenen Raubens m\u00fcde, zwangen der Herrscher und seine Freunde die Fischer, einen guten Teil ihrer F\u00e4nge gleich in die Nester der Freunde zu tragen. Das N\u00e4chste wird sein, sagten sich die Fischer, dass wir auch noch deren K\u00fcken f\u00fcttern m\u00fcssen. Und rebellierten. Eine Zeitlang sah es so aus, als k\u00f6nnten sie die Piraten zur\u00fcckdr\u00e4ngen, aber sie waren zu uneins, um ihre Macht zu b\u00fcndeln. Auch gelang es den Fregattseglern immer wieder, einige Fischer auf ihre Seite zu ziehen, durch Beteiligung an der Beute oder durch \u00dcberredung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00dcberredung war die Fregattseglerin zust\u00e4ndig. Beinahe jeden Tag putzte sie ihr Federkleid auf neue Weise, flog auf den Gemeinschaftsfelsen und schnatterte auf das Publikum ein. Dabei nahm sie es mit der Wahrheit nicht so genau. Die h\u00e4ufigen \u00dcberf\u00e4lle etwa bezeichnete sie als eine von missg\u00fcnstigen Nachbarplapperern in die Welt gesetzte Illusion. Wenn das Wetter schlecht f\u00fcrs Fischen war, f\u00fchrte sie dies auf die Umtriebe oppositioneller Schnatterer zur\u00fcck oder auf das s\u00fcndige Gebaren irgendwelcher externer St\u00f6renfriede. War das Wetter gut, beschrieb sie dies als Ergebnis ihrer weisen Herrschaft. Was ihr dabei an Sachargumenten fehlte, ersetzte sie durch Gef\u00fchlsbetonung. Und wenn ihr Fabuliertalent nicht ausreichte, Begr\u00fcndungen f\u00fcr ihre Aussagen zu erfinden, setzte sie ein verschw\u00f6rerisches L\u00e4cheln auf und sagte: &#8220;Ihr wisst schon, was ich meine.&#8221; Das Publikum wusste \u00fcberhaupt nichts, aber die weniger Gescheiten darunter dachten, dass sie einfach zu dumm seien, solche Dinge zu verstehen. Und die Gescheiteren waren es bald so m\u00fcde, auf den Arm genommen zu werden, dass sie den Gemeinschaftsfelsen mieden.<\/p>\n<p>Die durch das st\u00e4ndige Geplapper bewirkte Ablenkung der Inselgemeinde nutzte der Fregattseglerich mittlerweile zur Erweiterung seiner Macht. Mit Hilfe einer Gruppe skrupelloser Raubm\u00f6wen, die er sich zu Aposteln gemacht hatte, schr\u00e4nkte er die Freiheit der Gemeindemitglieder immer weiter ein. Jetzt sollten sie nur noch auf genehmigten Routen zum Fischen ausfliegen, solche Arten von Fischen herbeibringen, die dem Herrscher genehm waren und die Beute nach seinen Angaben verteilen. Die Raubm\u00f6wen erheischten immer neue Privilegien, und wenn diese nicht unverz\u00fcglich zugestanden wurden, belagerten sie die Flugrouten und hinderten die Fischer bei der Arbeit. Neue Nistpl\u00e4tze gab es nur noch f\u00fcr Freunde, die es auch einzurichten wussten, den traditionellen Besitzern ihre Pl\u00e4tze abzutrotzen. Dabei machten sie neuerdings nicht einmal vor den m\u00e4chtigen Albatrossen Halt, welche nun zu begreifen begannen, dass sie dem Treiben der Fregattsegler schon entgegenwirken h\u00e4tten sollen, als es den T\u00f6lpeln an den Kragen ging. Zuletzt versuchten die Fregattsegler, sogar das Schnattern zu regulieren. Es sollte nur noch ihren Freunden erlaubt sein.<\/p>\n<p>Ob diese Geschichte eine Fortsetzung hat, h\u00e4ngt vom Erfolg jener Regulierungsversuche ab.<\/p>\n<p><em>Foto oben:<br \/>\n<\/em><br \/>\nSkrupellose Raubm\u00f6wen halfen dem Fregattseglerich bei der Erweiterung seiner Macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(K)ein M\u00e4rchen vom S\u00fcdatlantik Von Friedbert W. B\u00f6hm Alles in allem war es ein friedlicher Ort gewesen. Die Insel lag im S\u00fcdatlantik, beinahe schon an der Grenze zu den Subtropen. 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