{"id":3508,"date":"2010-10-02T13:22:25","date_gmt":"2010-10-02T16:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3508"},"modified":"2010-10-02T13:22:25","modified_gmt":"2010-10-02T16:22:25","slug":"kapazitat-ausgelastet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/10\/02\/kapazitat-ausgelastet\/","title":{"rendered":"Kapazit\u00e4t ausgelastet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist nur los mit den Neuronen?<br \/>\n<em><br \/>\nVon Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich habe immer gelesen, die Anzahl unserer Neuronen sei so unermesslich gro\u00df, dass man die Hirnkapazit\u00e4t getrost als unbegrenzt bezeichnen k\u00f6nne. Dies umso mehr, als man unl\u00e4ngst feststellte, dass altersm\u00e4\u00dfig abgestorbene Neuronen entgegen fr\u00fcherer Annahmen in gewissem Ausma\u00df ersetzt werden.<\/p>\n<p>Wenn das so ist, besitze ich ein ziemlich minderwertiges Hirn.<\/p>\n<p>Das hat, glaube ich, nichts mit dem Alter zu tun, denn mein Erinnerungsverm\u00f6gen funktioniert noch ganz ordentlich. Ich entsinne mich noch, mit etwa 3 Jahren von der Sirene in den Luftschutzkeller gejagt worden zu sein, und auch an meine erste Liebe im Kindergarten kann ich mich gut erinnern.<\/p>\n<p>In der Folge verarbeiteten meine Neuronen ohne gro\u00dfe M\u00fche das ABC, das kleine und gro\u00dfe Einmaleins, allerlei Erdkunde und Geschichte, dann Schulenglisch mit schw\u00e4bischem Akzent, sp\u00e4ter Algebra, Geometrie, Physik, Chemie und sogar Hochdeutsch. Daneben mannigfaltige Eindr\u00fccke \u00fcber H\u00e4user, Ortschaften, Naturformen, Pflanzen, Tiere sowie viele, viele Namen von Nachbarn, Schul- und sonstigen Freunden, Lehrern, Sportlern, Schauspielern, S\u00e4ngern, B\u00fcchern mit ihren Autoren und Akteuren. Dies alles \u00fcbrigens nicht nur aus meiner eigenen damaligen Zeit, sondern, den Erz\u00e4hlungen der Eltern und Gro\u00dfeltern folgend, bis zur\u00fcck zum Ende des XVIII. Jahrhunderts.<!--more--><\/p>\n<p>Berufliches musste dann Platz im Hirn finden: kaufm\u00e4nnisches Rechnen, ein wenig Betriebswirtschaft, ein wenig Handelsrecht, alles nat\u00fcrlich verbunden mit vielen neuen Namen von Kollegen, Kunden, Gesch\u00e4ftsfreunden. Dazu kamen die Herausforderungen neuer Technik. In meinen ersten 15 Jahren hatte ich kein Telefon in der Hand gehabt und war in keinem Auto gesessen. Diese Artefakte zu bedienen, wie auch elektrische Sch\u00fcttelwagen- und Buchungsmaschinen (niemand erinnert sich heute mehr daran) fiel meinen Neuronen nicht schwer. Sie waren auch nicht besonders beeindruckt im Angesicht eines der ersten EDV-Zentren in der Gro\u00dfstadt \u2013 eine riesige Halle mannshoher grauer K\u00e4sten, die von M\u00e4nnern in Ingenieurskitteln bedient wurden, ungeheure Hitze verstr\u00f6mten und deren gesamte Kapazit\u00e4t wohl in einen halben Laptop gepasst h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Keine gr\u00f6\u00dferen Probleme hatten meine Neuronen beim \u00dcbergang von der l\u00e4ndlichen Provinz in die Weltstadt mit neuen Gesch\u00e4ften, Gebr\u00e4uchen, Namen, Bestimmungen. Und Maschinen und Methoden. Kaum hatte ich die mechanische Kurbel-Multiplikationsmaschine zu beherrschen gelernt, kam der erste elektrische Rechner. Sehr eilige internationale Kommunikation musste wie 50 Jahre zuvor per Telegramm erledigt werden. Der &#8220;Peddy-Code&#8221; (nicht zu verwechseln mit dem weitaus sympathischeren &#8220;Petty-Coat&#8221;) erm\u00f6glichte konveniente Abk\u00fcrzungen f\u00fcr Hunderte von stereotypen Nachrichten. Das schafften meine Neuronen mit links, wie auch deren umst\u00e4ndliche Verschl\u00fcsselung. Es war weiterhin noch reichlich Platz im Hirn f\u00fcr die Erlernung neuer Sportarten und den (allerdings nicht billigen) Wechsel vom Schafkopf zum Skat. Inzwischen hatten sich meine Gehirnwindungen auch ohne merklichen Stress bez\u00fcglich Heiztechnologie von Kohle \u00fcber \u00d6l und Strom auf Gas und, was die Fortbewegung anbetrifft, von Moped \u00fcber Roller auf Auto mit Drei-, dann Vier-, dann F\u00fcnfganggetriebe, im Gegensatz zum Fahrschulgef\u00e4hrt jetzt vollsynchronisiert, umgestellt.<\/p>\n<p>Im festen Glauben an die Unbegrenztheit meiner Hirnkapazit\u00e4t hatte ich \u00fcberhaupt keine Bedenken, mein Umfeld erneut zu wechseln, diesmal in einen fremden Kontinent und eine neue Sprache. Das klappte sogar. Ohne die alten zu vernachl\u00e4ssigen, richteten die Neuronen eine Vielzahl neuer Hirnschubladen ein und begannen, sie zu f\u00fcllen. Da gab es ja nicht nur wieder neue Namen, Gebr\u00e4uche, Modalit\u00e4ten usw.; gesch\u00e4ftlich waren die eben erschienenen Fernschreiber und Diktierger\u00e4te zu verdauen und die Buchungsdaten wurden nicht mehr per Hand eingetragen, sondern in Lochkarten gestanzt. Privat musste ich mich sportlich umstellen und in meine Schubladen massenhaft neue geschichtliche, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Daten stopfen. Auch flog man inzwischen, statt mit dem Schiff zu fahren, was damals allerdings wesentlich weniger Neuronenarbeit erforderte als heute.<\/p>\n<p>Bald geh\u00f6rten elektrische Abrechnungsmaschinen und Lochkartendrucker der Vergangenheit an; es begann das Computerzeitalter. An Bin\u00e4res mussten meine Neuronen sich gew\u00f6hnen. Das Bin\u00e4re war aufgeteilt in Analyse, Programmierung und Operation \u2013 jede Sparte f\u00fcr sich eine Wissenschaft, die sie in die richtigen Schubladen stecken mussten, damit das Hirn nicht von den Spezialisten \u00fcbers Ohr gehauen werden konnte. Kaum war dies geschehen, konnten diese Schubladen wieder geschlossen werden, denn es gab fertige Programme zu kaufen, deren Auswahl nur unter Anlage wieder neuer F\u00e4cher zu beurteilen war. So wendig waren meine Neuronen in solchen Dingen, dass ich als einer der Ersten Heimcomputer und Computerspiele ins Haus brachte und meinen Kindern erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Das Hirn schien l\u00e4ngst noch nicht ausgelastett zu sein, obwohl in ihm nunmehr nicht nur die letzten Kriegs- und Nachkriegsereignisse gespeichert waren, sondern auch die Gr\u00fcndung der Bundesrepublik, die W\u00e4hrungsreform, die Berlin-Blockade, das Wettr\u00fcsten im Kalten Krieg, die Errichtung der Berliner Mauer, die Hamburger Hochwasserkatastrophe, die Kubakrise, Kennedys und Kings Ermordung, die 68er-Revolten, der Vietnamkrieg, die RAF, die Emanzipation der Frauen, die Habilitation der Homosexuellen, das Einknicken der Autorit\u00e4t im pers\u00f6nlichen und \u00f6ffentlichen Bereich, die Wiedervereinigung, alles mit ihren Hauptakteuren aus Politik, Wirtschaft und Kultur, ferner nicht wenige Olympiaden und Fu\u00dfball-WMs mit ihren Spielern und Gewinnern neben unz\u00e4hligen neuen B\u00fcchern, wissenschaftlichen Erkenntnissen, Liedern, Filmen und Witzen. Dazu kamen zwei hautnah erlebte Staatsstreiche, ein blutiger Krieg zwischen Regierung und Terroristen sowie ein weiterer gegen England und die NATO, unvorstellbar viele Namen von Politikern und B\u00fcrokraten mit den von diesen alle Nase lang neu geschaffenen Gesetzen, Dekreten und Verordnungen, deren Fu\u00dfangeln zu entgehen neuronale Gro\u00dfanstrengung erforderte.<\/p>\n<p>Als die Globalisierung begann, waren in meinem Hirn gewiss schon mehr Daten gespeichert als in den vereinten Hirnen aller Steinzeitmenschen. Es musste sich nun aber weiter \u00f6ffnen f\u00fcr unerwartete Verschiebungen in allen gewohnten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kategorien. Neue Gesch\u00e4fte, neue Gro\u00dffirmen, Zusammenbr\u00fcche oder \u2013schl\u00fcsse althergebrachter, neue Denkweisen, Wege und Geschwindigkeiten. Die in den Schubladen meines Hirns gespeicherten Gesichter, Bilder und Laute verloren zusehends an Wert, denn die entsprechenden Personen und Arbeitsst\u00e4tten waren entweder nicht mehr da, nicht mehr erreichbar oder wechselten st\u00e4ndig. Sie mussten ersetzt werden durch Ziffern, Zahlen und Codew\u00f6rter, deren richtiger Gebrauch die Erlernung der Internet-Navigation, die Beherrschung von &#8220;Word&#8221; und &#8220;Excel&#8221;, das Eindringen in SAP sowie Verst\u00e4ndnis der neuen Sprache voraussetzte, welche die Erfinder all dieser Systeme gleich miterfunden hatten. Ein guter Teil meiner Hirnkapazit\u00e4t ist nun damit besch\u00e4ftigt, all die Schl\u00fcssel und Codew\u00f6rter zu verwalten, die allein mir Zugang zu lebenswichtigen Leistungen verschaffen. Sie d\u00fcrfen nicht aufgeschrieben werden und sind in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden zu erneuern.<\/p>\n<p>Gleichzeitig m\u00fcssen meine Neuronen jedoch h\u00e4ufig ganz alte Daten aus beinahe vergessenen Schubladen hervorkramen und aktualisieren, jene der Geschichte, Natur- und Sozialwissenschaften. Wie soll ich mir sonst eine Meinung bilden \u00fcber brennende Zeitthemen wie Klima\u00e4nderung, \u00dcberv\u00f6lkerung, Energieverschlei\u00df, Verlagerung der Wirtschaftsgewichte, Politikverdruss, steigende Armut und Kriminalit\u00e4t, R\u00fcckwendung zu Nationalismus, Populismus und Xenophobie, selbst in als aufgekl\u00e4rt geltenden Weltgegenden? Eine solche eigene Meinung scheint mir wichtiger denn je angesichts des bedauerlichen Mangels an Wahrheitsgehalt in der Mehrzahl \u00f6ffentlicher Aussagen.<\/p>\n<p>Jetzt stelle ich allerdings fest, dass mein Hirn nicht zu jenen beneidenswerten geh\u00f6rt, die Platz f\u00fcr Alles haben. Ob die Neuronen m\u00fcde oder die Schubladen voll sind, ich wei\u00df es nicht. Jedenfalls getraue ich mich nicht, es mit neuen Daten zu belasten, die nicht wirklich \u00fcberlebensnotwendig sind. Ich bitte also, mich in Ruhe zu lassen mit immer neuen, allesk\u00f6nnenden Mobiltelefonen, mit Facebook, Youtube und Twitter, mit Autos, die nur \u00fcber den Computer zu steuern sind, und substanzlosen oder repetitiven Mailrundschreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen gut erz\u00e4hlten Witz hat mein Hirn aber immer noch ein Pl\u00e4tzchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist nur los mit den Neuronen? Von Friedbert W. B\u00f6hm Ich habe immer gelesen, die Anzahl unserer Neuronen sei so unermesslich gro\u00df, dass man die Hirnkapazit\u00e4t getrost als unbegrenzt bezeichnen k\u00f6nne. Dies umso mehr, als man unl\u00e4ngst feststellte, dass altersm\u00e4\u00dfig abgestorbene Neuronen entgegen fr\u00fcherer Annahmen in gewissem Ausma\u00df ersetzt werden. 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