{"id":3620,"date":"2010-09-22T22:00:20","date_gmt":"2010-09-23T01:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3620"},"modified":"2010-10-31T13:00:14","modified_gmt":"2010-10-31T16:00:14","slug":"unsere-herzen-sind-nicht-so-unterschiedlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/22\/unsere-herzen-sind-nicht-so-unterschiedlich\/","title":{"rendered":"&#8220;Unsere Herzen sind nicht so unterschiedlich&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/22\/nuestros-corazones-no-son-tan-distintos\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Feo Aladag \u00fcber ihren Film &#8220;Die Fremde&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Dilay T\u00fcrk<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/feoaladag11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/feoaladag11-239x300.jpg\" alt=\"\" title=\"When We Leave (Die Fremde)\" width=\"239\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3643\" \/><\/a>&#8220;Die Fremde&#8221; &#8211; so hei\u00dft der Er\u00f6ffnungsfilm des diesj\u00e4hrigen <a href=\"http:\/\/www.cinealeman.com.ar\/festival10\/intro10.html\">Deutschen Kinofestivals in Buenos Aires<\/a>. Das Drama erz\u00e4hlt die Geschichte von Umay, einer jungen Mutter t\u00fcrkischer Abstammung, die aus ihrer ungl\u00fccklichen Ehe fl\u00fcchtet und dabei auf Unverst\u00e4ndnis und Ablehnung bei ihrer Familie st\u00f6\u00dft. Das gro\u00dfartige Spiel der jungen Sibel Kekilli ber\u00fchrt den Zuschauer emotional zutiefst und regt das Publikum auf erbarmungslose Weise zum Nachdenken an. Feo Aladag hat das Drehbuch geschrieben, den Film produziert und Regie gef\u00fchrt. Dass sie mit ihrem Erstlingsfilm so viel Erfolg auf zahlreichen internationalen Filmfestivals haben w\u00fcrde, hat sich die in Berlin lebende \u00d6sterreicherin nicht tr\u00e4umen lassen. Im Interview erz\u00e4hlt sie von den Hintergr\u00fcnden ihres Werkes.<\/p>\n<p>DT: Gratulation! Nach zahlreichen internationalen Auszeichnungen startet &#8220;Die Fremde&#8221; nun als deutscher Beitrag f\u00fcr den besten nicht englischsprachigen Film bei den Oscars ins Rennen. Wo haben Sie von dieser gro\u00dfartigen Nachricht erfahren und wie f\u00fchlt es sich an?<\/p>\n<p>Aladag: Freitag Abend war ich f\u00fcr ein Familienfest in Coburg, 150 Familienmitglieder und auch meine Eltern aus Wien waren da. Als der Anruf kam, war ich im Hotel und habe vor Freude erst mal laut ins Telefon geschrien. Es war sehr sch\u00f6n, diese erfreuliche Nachricht mit all meinen Angeh\u00f6rigen, die ich so lange nicht gesehen hatte, zu feiern! Es ist eine ganz gro\u00dfe Ehre f\u00fcr mich. Wenn man so einen Film in der Triple Funktion Drehbuch, Regie, Produktion macht, ist man so in seine Arbeit vertieft und konzentriert, dass man nicht dar\u00fcber nachdenkt, was man mit dem Film erreicht. Jetzt erst wird mir so langsam bewusst, was f\u00fcr einen Weg dieser urspr\u00fcnglich eigentlich kleine Film geht, und welche T\u00fcren sich \u00f6ffnen. Es ist nat\u00fcrlich unheimlich befriedigend, einfach toll!<!--more--><\/p>\n<p>DT: Wieso haben Sie sich gerade dieses Thema ausgesucht? Ging es Ihnen darum, explizit auf die Problematik &#8220;Ehrenmord&#8221; hinzuweisen?<\/p>\n<p>Aladag: Nein, es ging mir um die universellen Mechanismen jenseits aller kulturellen, nationalen oder ethnischen Hintergr\u00fcnde, die die Grundlagen liefern. Dieses Potenzial von Mechanismen, das einfach da ist, wenn wir ein System politischer, mentaler oder religi\u00f6ser Strukturen st\u00e4rker sein lassen als unsere Empathie dem Anderen gegen\u00fcber. Gerade Ehrverbrechen und Ehrenmorde sind ja \u00e4lter als alle Weltreligionen. Es muss dabei nicht immer zum Schlimmsten kommen, es gibt physische genauso wie psychische Repressialien oder Liebesentzug.<\/p>\n<p>DT: Haben Sie eine besondere Zielgruppe, die Sie ansprechen m\u00f6chten?<\/p>\n<p>Aladag: Ich habe den Film wirklich gemacht, damit ihn Menschen unabh\u00e4ngig von ihren kulturellen und nationalen Hintergr\u00fcnden oder ihres Alters sehen. Ich glaube, es ist teilweise sehr schwierig, gerade eine \u00e4ltere Generation, die in den im Film angesprochenen Mechanismen steckt, \u00fcberhaupt in deutsche Kinos zu bringen. Was wir gemacht haben und was wir auch im n\u00e4chsten Jahr fortf\u00fchren werden, ist, dass wir in Gemeindezentren gehen, gerade in Berlin oder in St\u00e4dten, wo diese Themen so stark brennen, und den Film dort zeigen. Da diese Menschen kaum ins Kino gehen und wenn, dann schon gar nicht in solche Filme, setzen wir proaktive Schritte und bringen den Film quasi zu ihnen, oder aber die Elterngeneration ins Kino. Klar w\u00fcnsche ich mir, dass das Publikum m\u00f6glichst breit gef\u00e4chert ist. M\u00e4nner wie Frauen, junge wie \u00e4ltere Menschen, Menschen mit muslimischen und nichtmuslimischen Hintergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>DT: Sehen Sie denn eine Chance f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Denkweisen von Menschen, die so sehr in ihren Traditionen verhaftet sind?<\/p>\n<p>Aladag: Ich denke vor Allem, dass es m\u00f6glich ist die Menschen zum F\u00fchlen zu bringen, sonst h\u00e4tte ich den Film nicht gemacht, sonst h\u00e4tte ich nicht sieben Jahre versucht, genau das damit zu erreichen. Und ich glaube, wenn wir schreiben, Filme machen oder Musik machen, erreichen wir die Menschen meistens nicht so sehr \u00fcber den Kopf, sondern \u00fcber das Gef\u00fchl. Es ist die Art medial schaffender Menschen, ihren Beitrag zu leisten. Dass wir versuchen, eine Stimme zu haben, die eine Haltung ver\u00e4ndern kann. Und eine Haltung entsteht immer aus Gef\u00fchl. Wenn ich mein Gef\u00fchl zu etwas ver\u00e4ndere, ver\u00e4ndere ich meistens auch meine Haltung und demnach meine Handlungen. Daran glaube ich ganz stark, dass das geht. Aber ich glaube auch, dass es viel Arbeit und auch teilweise Kampfes im positiven Sinn bedarf. Wenn ich aufh\u00f6re, daran zu glauben, dann wei\u00df ich nicht, was ich auf der Welt noch mache, denn dann gebe ich die Hoffnung auf. Das k\u00f6nnen wir uns nicht leisten, auch nicht als junge Generation. Es muss ein weltweites Bem\u00fchen sein, die Weiterentwicklung der Haltung der Menschen zu erm\u00f6glichen. Und der Weg dorthin f\u00fchrt \u00fcber das Gef\u00fchl, weil unsere Herzen nicht so unterschiedlich sind.<\/p>\n<p>DT: Hatten Sie keine Bedenken, eventuell Kritik von &#8220;normalen&#8221; T\u00fcrken zu bekommen?<\/p>\n<p>Aladag: Nein, ich habe keine Angst davor gehabt, weil ich ja keinen Film \u00fcber <em>die<\/em> t\u00fcrkische Minderheit in Deutschland gemacht habe, sondern einen Film \u00fcber Mechanismen, die nicht im Islam verhaftet sind &#8211; und schon gar nicht in einer t\u00fcrkischen Kultur. Wenn wir beim Thema Ehrenmord bleiben wollen, ist in der T\u00fcrkei zum Beispiel ein Gesetz ver\u00e4ndert worden, dass es kein Jugendstrafrecht gibt, wenn ein solcher Fall vor Gericht kommt. Das k\u00f6nnte sich Deutschland ja auch mal \u00fcberlegen. Dadurch, dass es die Minderheiten in Deutschland so schwer haben, kann ich es absolut verstehen, dass sie hochsensibel sind, was ihre Reflektionen und den Umgang der Medien mit ihnen betrifft. Aber auch f\u00fcr mich ist es ganz klar, dass die Thematik mit der t\u00fcrkischen Kultur und mit dem Islam nichts zu tun hat. Was hier passiert, ist, dass eine Religion und vor Allem eine Tradition dazu instrumentalisiert wird, etwas weiterleben zu lassen, was vor Jahrtausenden angewandt wurde und ungesund ist! Aber es ist nichts spezifisch T\u00fcrkisches! Und es ist auch keine Praxis, die man singul\u00e4r auf den Islam eingrenzen kann. Und insofern habe ich eher gehofft, dass eine Diskussion und eine ganz klare Haltung der Menschen dazu entsteht.<\/p>\n<p>DT: Wie haben Sie f\u00fcr einen derartigen Film recherchiert?<\/p>\n<p>Aladag: Sehr lange und sehr zeitintensiv und viel. Zwei Jahre lang habe ich nur recherchiert, bevor ich angefangen habe, das Drehbuch zu schreiben. Ich habe vor Allem viel zugeh\u00f6rt und viele Gespr\u00e4che mit Betroffenen und Familienmitgliedern gef\u00fchrt. Ich hatte das Gl\u00fcck, dass Menschen ihre Emotionen, Gef\u00fchle und Erfahrungen mit mir geteilt haben. Dazu habe ich mit verschiedenen Organisationen, Zentren und Betroffenenvereinen zusammengearbeitet und au\u00dferdem viel Zeit in Frauenh\u00e4usern verbracht. Ich habe alles gelesen, was es dazu gibt, und ich habe sehr viel vor Gericht gesessen, um Verhandlungen von unterschiedlichen F\u00e4llen zu verfolgen. Gl\u00fccklicherweise habe ich tolle Berater gehabt, die Experten auf den einzelnen Gebieten sind und mir geholfen haben, die Strukturen besser zu verstehen. Die lange Phase des Streetcastings hat mir auch sehr geholfen, zahlreiche Perspektiven von Menschen mit Migrationshintergrund zu bekommen. Ich habe so gut ich konnte versucht, in Familien einzutauchen, in denen Strukturen herrschen, die eben ganz anders funktionieren als das, was f\u00fcr uns normal ist. Das braucht nat\u00fcrlich sehr lange, denn man muss erst mal die existierenden Barrieren abbauen. Auf der anderen Seite merkt man dann auch sehr stark, wie gro\u00df das Bed\u00fcrfnis dieser Menschen ist, sich mitzuteilen.<\/p>\n<p>DT: Das Thema Integration ist und bleibt ein allgegenw\u00e4rtiges Thema in der deutschen Presse. Wie sch\u00e4tzen Sie die Situation ein?<\/p>\n<p>Aladag: Die Situation in Deutschland ist in Bewegung. Mir gef\u00e4llt der Ton, in dem die Diskussionen gef\u00fchrt werden, aber oft nicht. Ich w\u00fcnsche mir mehr Miteinander, mehr empathisches Aufeinanderzugehen, weniger mit dem Finger zeigen, weniger Vorurteile von beiden Seiten. Es ist doch toll, dass wir diese Leute mit verschiedensten Hintergr\u00fcnden in unserem Land haben! Warum bewegen wir uns so langsam in eine konstruktive Richtung? Ich sch\u00e4tze die Lage so ein, dass von allen Seiten gebr\u00fcllt, gepr\u00fcgelt und geschrien wird, gerade in der Sarrazin-Debatte. Ich bin aber generell der Ansicht, dass wie in allen Beziehungen die Sachen, die da sind, die Gef\u00fchle, die da sind, irgendwann halt mal auf den Tisch m\u00fcssen. Die Dinge m\u00fcssen rauskommen, auch wenn sie das nicht immer in einer Form tun, die ich besonders respektvoll finde, aber sie m\u00fcssen diskutiert werden. Und das ist die einzige Chance. Dass wir uns den Problemen stellen, die da sind, und sie versuchen gemeinsam zu l\u00f6sen. Dass wir uns auf Augenh\u00f6he zusammensetzen und \u00fcberlegen, wie wir gemeinschaftlich damit umgehen. Das w\u00fcnsche ich mir. Ein echtes wirkliches Miteinander und den Stolz der deutschen Nation darauf, dass wir eine Gesellschaft sind, wo Menschen unterschiedliche Hintergr\u00fcnde mitbringen.<\/p>\n<p>DT: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es bei negativer Berichterstattung \u00fcber Vorf\u00e4lle immer um T\u00fcrken geht, aber bei Artikeln \u00fcber Fatih Akin, Cem \u00d6zdemir oder andere herausragende T\u00fcrken immer von Deutscht\u00fcrken die Rede ist?<\/p>\n<p>Aladag: Nat\u00fcrlich! Wenn ein ein Tor geschossen wird, ist es der Deutscht\u00fcrke! Alles super! Wenns ein \u00dcberfall an der Stra\u00dfenecke ist, dann ist es der T\u00fcrke! Ein Riesenproblem! Ich finde, dass jeder, der journalistisch t\u00e4tig ist, wirklich in seiner Redaktion Kollegen, denen die Sensibilit\u00e4t daf\u00fcr fehlt, darauf hinweisen sollte. Diese ganzen Etikettierungen und diese negative Art der Differenzierungen, das ist so kontraproduktiv, schlimm und respektlos. Das hilft uns wirklich nicht dabei, eine Gemeinschaft zu werden, die gleichberechtigt miteinander umgeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Feo Aladag \u00fcber ihren Film &#8220;Die Fremde&#8221; Von Dilay T\u00fcrk &#8220;Die Fremde&#8221; &#8211; so hei\u00dft der Er\u00f6ffnungsfilm des diesj\u00e4hrigen Deutschen Kinofestivals in Buenos Aires. 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