{"id":3656,"date":"2010-09-24T22:24:05","date_gmt":"2010-09-25T01:24:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3656"},"modified":"2010-10-31T13:19:17","modified_gmt":"2010-10-31T16:19:17","slug":"fuhlbar-falsches-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/24\/fuhlbar-falsches-system\/","title":{"rendered":"&#8220;F\u00fchlbar falsches System&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/24\/fuhlbar-falsches-system\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Philip Koch kritisiert mit seinem Film \u201cPicco\u201d den Jugendvollzug in Deutschland<\/p>\n<p><em>Von Dilay T\u00fcrk<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/koch11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/koch11-206x300.jpg\" alt=\"\" title=\"koch11\" width=\"206\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3657\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/koch11-206x300.jpg 206w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/koch11.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a>Der deutsche Regisseur Philipp Koch (28) hat mit seinem Debutfilm &#8220;Picco&#8221;, der im Rahmen des <a href=\"http:\/\/www.cinealeman.com.ar\/festival10\/intro10.html\">Deutschen Kinofestivals in Buenos Aires<\/a> gezeigt wird, geschockt, entsetzt und ersch\u00fcttert. Das Drama schildert den Leidensweg eines jungen H\u00e4ftlings, der in einer Gemeinschaftszelle von seinen drei Mith\u00e4ftlingen auf brutalste Art gefoltert und schlie\u00dflich umgebracht wird. Tats\u00e4chlich ist es zu einem solch erschreckenden Fall in einer deutschen Jugendvollzugsanstalt im Jahr 2006 gekommen. Im Interview erz\u00e4hlt Philipp Koch, Drehbuchautor und Regisseur des Films, von den Hintergr\u00fcnden seines Projektes.<\/p>\n<p>DT: Mit dem Debutfilm in Cannes &#8211; wie f\u00fchlt sich das an?<\/p>\n<p>Koch: Als wir eingeladen wurden, waren wir alle kollektiv f\u00fcnf Tage total high. Das ist ja eigentlich so der &#8220;Urtraum&#8221; eines jeden Filmemachers, da zu laufen. Und dass es da gleich mit dem Debutfilm &#8211; respektive Abschlussfilm von der Filmhochschule  &#8211; so weit kommt, das war ein gro\u00dfer Wunsch, aber auch eine Utopie. Und deshalb waren wir echt von den Socken, als es dann Realit\u00e4t wurde. Die 10 Tage in Cannes waren so eine Art Pheromon-Dauerrausch und nat\u00fcrlich auch extrem spannend.<\/p>\n<p>DT: Warum haben Sie so einen Film gemacht?<\/p>\n<p>Koch: Die Intention l\u00e4sst sich eigentlich zusammenfassen als Sozialkritik, die schon ein ehemaliger Justizminister, Gustav Radbruch, angesprochen hat: Wir brauchen keine besseren Gef\u00e4ngnisse, wir brauchen etwas Besseres als das Gef\u00e4ngnis.<!--more--> Es ging darum zu zeigen, dass dieses System verkommen ist und einfach nicht funktioniert. Es gibt eine R\u00fcckfallquote von 80 %, es kommt immer wieder zu Folterskandalen. In deutschen Gef\u00e4ngnissen generell bringt sich alle drei Tage jemand um. Das sind die aktuellen Zust\u00e4nde, und die Gesellschaft schaut einfach weg. Darauf wollte ich aufmerksam machen und die Zuschauer dann quasi zwingen, hinzusehen. Was ja dann im letzten Teil des Films wirklich buchst\u00e4blich eine Herausforderung ist.<!--more--><\/p>\n<p>DT: Wie sind Sie auf den Fall aufmerksam geworden?<\/p>\n<p>Koch: Zum ersten Mal durch den Fall in Siegburg 2006. Der ging ja auch sehr gro\u00df durch die Medien in Deutschland. Da es einfach zu heftig war, habe ich das Thema, wie die Meisten, erstmal weggeschoben. Es blieb mir aber immer im Hinterkopf, und als es dann darum ging, meinen Abschlussfilm zu machen, also sozusagen die letzte M\u00f6glichkeit, wo man in Deutschland noch so wirklich radikale Sachen erz\u00e4hlen kann, fand ich das dann eigentlich genau das Richtige.<\/p>\n<p>DT: Wie haben sich die jungen Schaupieler auf ihre Rollen vorbereitet?<\/p>\n<p>Koch: Die haben sich nat\u00fcrlich auch mit Leuten getroffen und unterhalten, die im Jugendknast waren. Jeder hatte da so f\u00fcr sich seine eigene Herangehensweise. Wir haben davor recht intensiv geprobt, um in die Rollen reinzukommen. Was diese extrem brutalen Szenen angeht, kann man einfach nur sagen, dass die Jungs hochprofessionell und seit einigen, teilweise vielen Jahren im Gesch\u00e4ft sind, was die Sache nat\u00fcrlich leichter macht. Es stimmt, dass man diese extremen emotionalen Herausforderungen wirklich durch die Technik des Schauspielens meistert. F\u00fcr Joel Basman, der das Opfer spielt, war das nat\u00fcrlich besonders schwierig. Der hat sich dann immer seine f\u00fcnf Minuten genommen, in denen er einfach in sich gehen musste, vor diesen harten Szenen.<\/p>\n<p>DT: Gab es Momente, in denen der Dreh zu beklemmend wurde f\u00fcr Beteiligte?<\/p>\n<p>Koch: Das kann man sich wahrscheinlich ganz schwer vorstellen, wenn man den Film sieht, aber die Stimmung am Set war super. Wir waren da in einem richtigen Gef\u00e4ngnis, was an sich nat\u00fcrlich schon ein krass deprimierender Ort ist. Aber durch die Haltung &#8220;Wir arbeiten hier zusammen und m\u00f6chten gemeinsam ein Filmwerk kreieren&#8221; haben wir das sehr gut hinbekommen. Das gesamte Team war einfach Feuer und Flamme f\u00fcr das Projekt. Es war wirklich eine Vision, f\u00fcr die man gemeinsam gek\u00e4mpft hat. Deshalb hat die Stimmung im Gef\u00e4ngnis schon Magie gehabt, es war der angenehmste Dreh, den ich bisher erlebt habe.<\/p>\n<p>DT: Sind Sie der Meinung, dass man die Menschen nur aufr\u00fctteln kann, indem man so extrem brutale Szenen zeigt?<\/p>\n<p>Koch: Der Film wurde nicht gemacht, um bewusst zu provozieren, das war in niemandes Interesse. Aber es war wichtig, als erster Film, der sich dem Thema Jugendgef\u00e4ngnis widmet, zu zeigen, was dort passiert ist, ohne etwas auszusparen. Wenn man diese radikalen Szenen ausgelassen h\u00e4tte, das w\u00e4re, als w\u00fcrde man den ersten Film \u00fcber die Titanic drehen und auslassen, dass am Ende 3000 Leute sterben.<\/p>\n<p>DT: Wo sehen Sie die Ans\u00e4tze, das Justizvollzugssystem zu verbessern?<\/p>\n<p>Koch: Es ist ganz bewusst so, dass nicht gezeigt wird, was es f\u00fcr Alternativen g\u00e4be. Wir wollten mit &#8220;Picco&#8221; f\u00fchlbar und nachvollziehbar machen, dass das System falsch ist. Und nicht, wie man es anders machen kann. Es gibt ein paar Andeutungen im Film, in denen L\u00f6sungsans\u00e4tze verborgen liegen k\u00f6nnten. Wichtig ist auch die Frage, die in der Besuchsszene aufgeworfen wird. Sie macht sp\u00fcrbar, dass das Jugendgef\u00e4ngnis als Endstation viel zu sp\u00e4t ist, um wirklich etwas zu ver\u00e4ndern. Und dass es weniger ein Justizproblem, sondern im gro\u00dfen Kontext gesehen ein soziales Problem ist. Dass man verhindern muss, dass Jugendliche \u00fcberhaupt dort landen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Philip Koch kritisiert mit seinem Film \u201cPicco\u201d den Jugendvollzug in Deutschland Von Dilay T\u00fcrk Der deutsche Regisseur Philipp Koch (28) hat mit seinem Debutfilm &#8220;Picco&#8221;, der im Rahmen des Deutschen Kinofestivals in Buenos Aires gezeigt wird, geschockt, entsetzt und ersch\u00fcttert. 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