{"id":3890,"date":"2010-10-18T10:49:47","date_gmt":"2010-10-18T13:49:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3890"},"modified":"2010-10-31T10:09:40","modified_gmt":"2010-10-31T13:09:40","slug":"die-grausamkeit-des-banalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/10\/18\/die-grausamkeit-des-banalen\/","title":{"rendered":"Die Grausamkeit des Banalen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/10\/18\/la-crueldad-de-lo-banal\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Schulalltag in der Milit\u00e4rdiktatur: Mart\u00edn Kohan pr\u00e4sentierte seinen Roman &#8220;Sittenlehre&#8221; auf der Frankfurter Buchmesse<\/p>\n<p><em>Von Nils Witte<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/kohan11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/kohan11.jpg\" alt=\"\" title=\"kohan11\" width=\"220\" height=\"300\" class=\"alignright size-full wp-image-3891\" \/><\/a>Argentinien im Jahr 1982. Durch strenge F\u00fchrung wird im ehrbaren Colegio Nacional Buenos Aires der Lehralltag aufrecht erhalten. Hier spielt Mart\u00edn Kohans neuer Roman &#8220;Sittenlehre&#8221;, den er jetzt auf der Frankfurter Buchmesse pr\u00e4sentierte. Er beschreibt den Arbeitsalltag der Aufseherin Mar\u00eda Teresa in der Lehranstalt, die der Autor in der Zeit der Handlung als Sch\u00fcler erlebt hat.<\/p>\n<p>Wie schon in seinem letzten Roman &#8220;Zweimal Juni&#8221; interessiert sich Kohan auch diesmal f\u00fcr die Allt\u00e4glichkeit des Gehorsams in der Diktatur. Ist der Nacken ausrasiert? Haben die Str\u00fcmpfe der Sch\u00fcler die richtige Farbe? Wahren Knaben und M\u00e4dchen den angemessenen Abstand? Das sind die Fragen, mit denen sich Mar\u00eda Teresa auseinandersetzen muss. &#8220;Ich denke, dass es eine Dimension gibt, in der das Politische in all seiner Komplexit\u00e4t in den einfachsten Dingen verl\u00e4uft&#8221;, erkl\u00e4rt Kohan sein Interesse f\u00fcr die Geschichte dieser unbedeutenden Frau: &#8220;Die politische Unterdr\u00fcckung funktioniert in den einfachsten Situationen.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p>Mar\u00eda Teresa erf\u00fcllt ihre Aufgaben in gewissenhafter Kleinlichkeit, die man als Pedanterie bezeichnen w\u00fcrde, w\u00e4re sie nicht Pflichterf\u00fcllung. Dabei unterwirft sie sich gehorsam ihrem Vorgesetzten Biasutto. Kohan ergr\u00fcndet die Muster der Unterw\u00fcrfigkeit: &#8220;Weder der Soldat in \u2018Zweimal Juni\u2019, noch Mar\u00eda Teresa sind ideologische Personen. Aber sie sind absolut gehorsam und beide haben einen Vorgesetzten, dem sie Folge leisten.&#8221;<\/p>\n<p>Als die Protagonisten in &#8220;Sittenlehre&#8221; eines Tages bemerkt, dass einer der Sch\u00fcler nach Tabak riecht, fasst sie einen Entschluss: Sie beginnt die Knabentoilette zu \u00fcberwachen. Immer mehr steigert sie sich in diese selbsternannte Mission, bis sie schlie\u00dflich regelrechte Freude daran entwickelt, sich in einer Kabine auf der Toilette einzuschlie\u00dfen und dem Kommen und Gehen der Sch\u00fcler zu lauschen.<\/p>\n<p>Neben der Arbeit hat die Aufseherin kein Leben. Zu Hause wartet ihre Mutter mit dem Essen und h\u00f6rt Nachrichten \u00fcber den Malwinenkrieg. Der Bruder hat sich freiwillig zur Armee gemeldet und informiert auf knappen Postkarten \u00fcber seinen Aufenthaltsort. Die Geschichte ist dadurch eingebettet in den historischen Rahmen der Milit\u00e4rdiktatur, die jedoch im Hintergrund bleibt. Zwar m\u00fcssen die Angestellten des Colegio Nacional Buenos Aires gelegentlich auf innenpolitische Ereignisse reagieren, die Handlung des Romans konzentriert sich jedoch auf die Aufgaben und Gedanken der Protagonistin w\u00e4hrend ihrer Arbeit: diese sind banal, weshalb es der Geschichte oftmals an Spannung fehlt. Denn ihre Hauptaufgabe ist das Beobachten, was sie bis ins Groteske steigert.<\/p>\n<p>Den einzigen Spannungsbogen bietet Mar\u00eda Teresas retardiertes sexuelles Erwachen, das selbst in seiner D\u00e4mmerung noch unterdr\u00fcckt ist. Kindlich ist die Deutung ihrer Erregung auf der Knabentoilette als Harndrang und naiv ist ihr Umgang mit dem Vorgesetzten Biasutto, dessen Erwartungen sie unbedingt gerecht werden will, ohne jedoch ihre Gef\u00fchle f\u00fcr ihn deuten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kann ein Roman unterhaltsam sein, der sich durch die Banalit\u00e4t der Handlung und eine stumpfsinnige Protagonistin auszeichnet? Erstaunlicherweise ja. Vielleicht weil Diktaturen nur durch Menschen wie Mar\u00eda Teresa funktionieren. Nur wenn ein Volk die allt\u00e4gliche Unterdr\u00fcckung in all ihrer Absurdit\u00e4t als Normalit\u00e4t akzeptiert, k\u00f6nnen Regierende ihre Herrschaft in solche Extreme ausbreiten wie im sogenannten Prozess der Nationalen Reorganisation. Deshalb konzentriert sich Kohan nicht auf die Regierenden, sondern auf die unbedeutend erscheinenden kleinen R\u00e4der des Systems. &#8220;Mich interessiert es, zu erforschen, warum bestimmte Situationen sich als Normalit\u00e4t etablieren&#8221;, erkl\u00e4rt Kohan seine literarische Mission.<\/p>\n<p>Die eigene Biographie hat ihm dieses R\u00e4tsel auf den Weg gegeben. &#8220;Als ich 1980 ins Colegio Nacional Buenos Aires eintrat, waren die Diktatur und ihre Kontrolle schon Gewohnheit. Ich kannte nichts Anderes&#8221;, erinnert der Autor sein Erleben der Milit\u00e4rdiktatur als dreizehnj\u00e4hriger Sch\u00fcler. Erst nach 1982 bemerkte er die \u00dcberwachung an ihrer Abwesenheit.<\/p>\n<p>Die Romanidee mag an Heinrich Manns &#8220;Der Untertan&#8221; erinnern, Mart\u00edn Kohan betont jedoch wiederholt, dass sein Interesse weder politisch noch historisch ist: &#8220;Im Vordergrund steht f\u00fcr mich die literarische \u00c4sthetik.&#8221; Und so wird die Protagonistin in &#8220;Sittenlehre&#8221; auch nicht als tyrannische Unterdr\u00fcckerin pr\u00e4sentiert, wenngleich ihre Rolle das Potenzial dazu h\u00e4tte. Mar\u00eda Teresa ist eine sch\u00fcchterne, in sich gekehrte Frau, sie tut das, was in den Jahren 1976-1982 die meisten Argentinier gemacht haben, sie arbeitet wohlmeinend im Alltag der Diktatur. Damit steht sie f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen, das auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte aufschlussreich ist. Sie ist Teil der Normalit\u00e4t, die das Grauen erm\u00f6glicht, ohne es selbst zu sein.<\/p>\n<ul>\n<li>Mart\u00edn Kohan: \u201cSittenlehre\u201d. Roman. Aus dem Spanischen \u00fcbersetzt von Peter Kultzen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 248 S., geb., 19,90 \u20ac. Originaltitel: \u201cCiencias Morales\u201d.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Foto oben:<\/strong><\/p>\n<p>Mart\u00edn Kohan.<br \/>\n(Foto: Alejandra L\u00f3pez\/Suhrkamp Verlag)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Schulalltag in der Milit\u00e4rdiktatur: Mart\u00edn Kohan pr\u00e4sentierte seinen Roman &#8220;Sittenlehre&#8221; auf der Frankfurter Buchmesse Von Nils Witte Argentinien im Jahr 1982. Durch strenge F\u00fchrung wird im ehrbaren Colegio Nacional Buenos Aires der Lehralltag aufrecht erhalten. 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