{"id":3903,"date":"2010-10-18T12:28:54","date_gmt":"2010-10-18T15:28:54","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=3903"},"modified":"2012-02-18T14:36:14","modified_gmt":"2012-02-18T17:36:14","slug":"eine-sehr-personliche-reise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/10\/18\/eine-sehr-personliche-reise\/","title":{"rendered":"Eine sehr pers\u00f6nliche Reise"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/10\/18\/un-viaje-muy-personal\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Alan Pauls \u00fcber seinen Aufenthalt in Berlin im Rahmen des &#8220;Rayuela&#8221;-Projekts<\/p>\n<p><em>Von J\u00fcrgen Ramspeck<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Alan-Pauls11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Alan-Pauls11-225x300.jpg\" alt=\"\" title=\"Alan Pauls11\" width=\"225\" height=\"300\" class=\"alignright size-medium wp-image-3904\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Alan-Pauls11-225x300.jpg 225w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Alan-Pauls11.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Himmel oder H\u00f6lle? Im Rahmen des Projekts &#8220;Rayuela&#8221; lebten f\u00fcnf deutschsprachige Autoren im Herbst 2010 f\u00fcr knapp vier Wochen in Argentinien, w\u00e4hrend f\u00fcnf Argentinier nach Deutschland kamen. In den Tageb\u00fcchern der Schriftsteller steht teils Banales, wie erste Erfahrungen in Superm\u00e4rkten, aber auch Gedanken zu Gesellschaft und Leidenschaften. Die wohl pers\u00f6nlichste Reise unternahm der Argentinier Alan Pauls. Er besuchte im September und Oktober Berlin \u2013 die Stadt, die sein Vater im Alter von sechs Jahren im Jahre 1939 Richtung Argentinien verlie\u00df. W\u00e4hrend eines Spaziergangs \u00fcber den St. Matth\u00e4us-Friedhof, ein b\u00fcrgerlicher Friedhof des 19. Jahrhunderts, schreibt er in sein Tagebuch: &#8220;(\u2026) es [ist] das erste Mal, dass es mich ernsthaft, k\u00f6rperlich reut, meinen Vater einge\u00e4schert zu haben: nicht die M\u00f6glichkeit zu haben, ein eigenes Ritual zu erfinden, ein Zwiegespr\u00e4ch mit dem, was von ihm geblieben w\u00e4re.&#8221; In einem Interview spricht der 51-J\u00e4hrige \u00fcber diese Zeitreise in die eigene Vergangenheit.<\/p>\n<p>JR: Alan Pauls, was haben Sie als erstes gef\u00fchlt, als Sie in Berlin angekommen sind?<\/p>\n<p>Pauls: Eine gro\u00dfe Vertrautheit. Ich kannte Berlin kaum, ich war vor einem Jahr nur zwei Tage dort gewesen. Schon da hat mich die Stadt sehr beeindruckt, deswegen hatte ich mich entschlossen f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zur\u00fcckzukommen. Ich fand eine Stadt vor, die mir einerseits total unbekannt war. Aber andererseits f\u00fchlte ich ein gewisses Wohlbefinden, mich komplett frei bewegen zu k\u00f6nnen. Das war seltsam f\u00fcr eine mir eigentlich unbekannte Stadt. Sonst f\u00fchlt man als Reisender immer einen gewissen Druck, aber in Berlin war das nicht so. Ich war meistens mit dem Fahrrad unterwegs. Es war, als h\u00e4tte ein Teil dieser Stadt schon immer in mir gelebt, noch bevor ich das erste Mal die F\u00fc\u00dfe auf Berliner Boden gesetzt habe.<!--more--><\/p>\n<p>JR:  Welche Bedeutung hat dieser Besuch f\u00fcr Sie?<\/p>\n<p>Pauls: Berlin war so etwas wie meine letzte Schuld. Eine Schuld, die ich erst sehr sp\u00e4t zur\u00fcckbezahlt habe. Ich musste einen sehr hohen Preis daf\u00fcr bezahlen. Dieser Preis war der Tod meines Vaters. Er war gerade eine Woche zuvor in Buenos Aires gestorben, als ich nach Berlin kam.<\/p>\n<p>JR: Haben Sie von Ihrem Vater Charakterz\u00fcge geerbt, die Sie eher als \u201etypisch deutsch\u201c bezeichnen w\u00fcrden und die Sie auf dieser Reise entdeckt haben?<\/p>\n<p>Pauls: Naja, ich war schon immer ziemlich ordentlich, sehr rational. Ich habe schon immer das Denken als Logik, als System, als Prozess gewisserma\u00dfen, gesehen. Das ist eine Sichtweise, die man als typisch Deutsch bezeichnen k\u00f6nnte. Ich k\u00f6nnte jetzt nicht genau sagen, ob das eine Eigenschaft meines Vaters war, aber es existiert eine gewisse Affinit\u00e4t zwischen einem geordneten System und meiner Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>JR: Ihr Vater hat nie die argentinische Staatsb\u00fcrgerschaft angenommen. Wenn man wie Sie aus einer grenz\u00fcberschreitenden Familie kommt, welche Bedeutung hat dann noch die Nationalit\u00e4t?<\/p>\n<p>Pauls: Die Nationalit\u00e4t hat schon eine gewisse Bedeutung. Das Gro\u00dfartige an zwei Nationalit\u00e4ten ist, dass die eine die andere relativiert. Das hei\u00dft, dass man sich niemals als Nichts f\u00fchlt. Ich glaube, das ist sehr wichtig und sehr positiv, denn jede tiefe, homogene und stolze nationale Identit\u00e4t bedeutet immer eine gewisse Gefahr, jedenfalls ist das bei mir als Argentinier so. Jedes Mal, wenn mein Heimatland Argentinien seine Identit\u00e4t mit Stolz erf\u00fcllt hat, war das meistens w\u00e4hrend einer Milit\u00e4rdiktatur. Und f\u00fcr mich war das stets ein Synonym f\u00fcr einen, sagen wir mal, Faschismus  oder besser gesagt eine repressive Gesellschaft.  Zwei Nationalit\u00e4ten oder zwei Herk\u00fcnfte, oder wie man das auch immer nennen mag, neutralisieren eine gewisse Tendenz, die jede nationale Identit\u00e4t inne hat: n\u00e4mlich sich einer anderen Identit\u00e4t aufzuzwingen. Und so bleibt man immer irgendwie in der Schwebe, zwischen den Territorien. Auf diese Art, glaube wie, lebt man freier.<\/p>\n<ul>\n<li>Alan Pauls, Jahrgang 1959, ausgezeichnet mit dem Premio Herralde f\u00fcr den Roman &#8220;El pasado&#8221;, der 2007 verfilmt wurde. Er erschien auf Deutsch unter dem Titel &#8220;Die Vergangenheit&#8221;, neben dem Roman &#8220;Geschichte der Tr\u00e4nen&#8221;.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Foto oben:<\/strong><\/p>\n<p>Alan Pauls.<br \/>\n(Foto: J\u00fcrgen Ramspeck)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Alan Pauls \u00fcber seinen Aufenthalt in Berlin im Rahmen des &#8220;Rayuela&#8221;-Projekts Von J\u00fcrgen Ramspeck Himmel oder H\u00f6lle? Im Rahmen des Projekts &#8220;Rayuela&#8221; lebten f\u00fcnf deutschsprachige Autoren im Herbst 2010 f\u00fcr knapp vier Wochen in Argentinien, w\u00e4hrend f\u00fcnf Argentinier nach Deutschland kamen. 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