{"id":481,"date":"2007-03-27T08:32:10","date_gmt":"2007-03-27T11:32:10","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/03\/27\/wechselvolle-geschichte\/"},"modified":"2007-04-14T14:07:55","modified_gmt":"2007-04-14T17:07:55","slug":"wechselvolle-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/03\/27\/wechselvolle-geschichte\/","title":{"rendered":"Wechselvolle Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Argentinische Tageblatt<\/p>\n<p><em>Von Stefan Kuhn<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image957\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/03\/logoat.GIF\" alt=\"logoat.GIF\" \/><\/div>\n<p>So manch einer ist \u00fcberrascht, wenn ihm an argentinischen Zeitungskiosken ein in gotischen Lettern gedruckter deutscher Titel ins Auge springt. Neben der spanischsprachigen Presse und einer Tageszeitung in Englisch erscheint in Buenos Aires seit 117 Jahren das Argentinische Tageblatt. Der Name t\u00e4uscht etwas, denn seit fast 25 Jahren informiert das &#8220;Tageblatt&#8221; nur noch w\u00f6chentlich in deutscher Sprache \u00fcber Politik, Wirtschaft und Kultur.<\/p>\n<p>Das Argentinische Tageblatt wurde 1889 von dem Schweizer Auswanderer Johann Allemann zusammen mit seinen S\u00f6hnen Theodor und Moritz gegr\u00fcndet. Der liberale Journalist Alemann (das zweite &#8220;l&#8221; lie\u00df er aus Gr\u00fcnden der argentinischen Aussprache streichen) war Anfang der 70er-Jahre ins Land gekommen und gab schon seit 12 Jahren in Buenos Aires eine erfolgreiche Wochenzeitung heraus.<\/p>\n<p>Das Tageblatt war damals neben englischen, franz\u00f6sischen, italienischen und anderen deutschen Bl\u00e4ttern eine von vielen fremdspachigen Einwandererzeitungen. Heute ist es neben dem Buenos Aires Herald das letzte Relikt dieser Epoche der argentinischen Geschichte.<\/p>\n<p>Internationale Beachtung fand das Argentinische Tageblatt in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als der damalige Herausgeber Ernesto Alemann, ein Enkel des Gr\u00fcnders, es zu einem Sprachrohr des Exils und einer Waffe gegen den Nationalsozialismus machte.<\/p>\n<p>Alemann hatte w\u00e4hrend der Kaiserzeit in Deutschland studiert und in M\u00fcnchen sein journalistisches Handwerk erlernt. Er gewann namhafte Autoren f\u00fcr die Zeitung, aus Berlin schrieb der sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss, aus M\u00fcnchen Hans Christian Bry, ein Literat, der fr\u00fchzeitig die Gefahr des Nationalsozialismus erkannte. Alemann selbst arbeitete nach seiner R\u00fcckkehr als Argentinienkorrespondent f\u00fcr das renommierte Berliner Tagblatt.<\/p>\n<p>Schon zu Zeiten der Weimarer Republik vertrat das Argentinische Tageblatt eine bedingungslos demokratisch-liberale Position und handelte sich damit \u00c4rger mit gro\u00dfen Teilen der deutschen Gemeinschaft in Argentinien ein. Diese vorwiegend deutschnationalen Kreise sahen sich mehr vom Konkurrenzblatt, der Deutschen La Plata Zeitung, vertreten. Nach der &#8220;Machtergreifung&#8221; der Nationalsozialisten und der &#8220;Gleichschaltung&#8221; vieler deutscher Organisationen und Institutionen in Argentinien f\u00fchrte Alemann mit allen publizistischen Mitteln einen Kampf gegen das Hitler-Regime. Die Gegenreaktionen der &#8220;v\u00f6lkischen&#8221; deutschen Kreise in Argentinien lie\u00dfen nicht auf sich warten. Von der deutschen Botschaft angestrengte Prozesse oder Anzeigen-Boykotte von deutschen Unternehmen hielten Alemann nicht von seinem Kurs ab. Die Aktionen der Gegenseite hatten mitunter auch handfesten Charakter. Tageblatt-Redakteure wurden \u00fcberfallen und verpr\u00fcgelt, es gab einen Brandanschlag gegen die Zeitung.<\/p>\n<p>In Deutschland wurde das Tageblatt schon im April 1933 verboten und Redakteure ausgeb\u00fcrgert. Ernesto Alemann versuchte man zu schm\u00e4hen, indem man ihm seinen in Heidelberg erworbenen Doktortitel aberkannte. Alemann nahm das publizistisch humorvoll und der Zeitung schadete es wenig. Politische Fl\u00fcchtlinge aus Deutschland und \u00d6sterreich, zehntausende deutschsprachige Juden fanden im Tageblatt nicht nur unzensierte Lekt\u00fcre in ihrer Muttersprache, sondern viele auch einen Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland Kultur und freie Meinungs\u00e4u\u00dferung ihren Niedergang fanden, konnte man im Argentinischen Tageblatt Artikel der Creme der Weimarer Literaten und Journalisten lesen. Artikel von Lion Feuchtwanger, den Gebr\u00fcdern Mann, Alfred Kerr und Manfred George wurden ver\u00f6ffentlicht. Stefan Zweig und Albert Einstein gratulierten dem Tageblatt im April 1939 zum 50. Geburtstag.<\/p>\n<p>Nach dem 2. Weltkrieg geriet die Zeitung in Konflikt mit der peronistischen Regierung. Das Per\u00f3n-Regime mit seiner Anlehnung an faschistische Traditionen war dem linksliberal eingestellten Alemann ein Gr\u00e4uel. Die Peronisten reagierten hart. Anfang der 50er-Jahre wurde das Tageblatt zwei Monate lang verboten.<\/p>\n<p>Die Zeitung \u00fcberstand dennoch alle Schikanen und Anfeindungen. Selbst das 1946 entstandene deutschnationale Konkurrenzblatt, die Freie Presse, musste nach gut drei\u00dfig Jahren die Segel streichen, obwohl es von der deutschen Nachkriegsauswanderung mehr als das Tageblatt profitiert hatte.<\/p>\n<p>1981, ein Jahr vor dem Tod Ernesto Alemanns, wurde das Argentinische Tageblatt in eine Wochenzeitung umgewandelt. Das zur\u00fcckgehende Anzeigenaufkommen und die stagnierende Einwanderung lie\u00dfen der Verlagsleitung keine andere Wahl. Seither erscheint die Zeitung jeden Samstag. 1993 verkaufte der Verlag seine antiquierte Druckerei und den Verlagssitz und beschr\u00e4nkte sich ausschlie\u00dflich auf die Herausgabe des Argentinischen Tageblatts. Seit dem 1. Januar 2000 erscheint die Zeitung im handlichen Kleinformat und mit Farbseiten. Der Verlag kam damit einem in einer Umfrage ausgesprochenen Wunsch der Leser nach.<\/p>\n<p>Heute wird das Argentinische Tageblatt von Roberto T. und Juan E. Alemann, den Urenkeln des Gr\u00fcnders, herausgegeben. Die Herausgeber sind renommierte Wirtschaftsexperten, Roberto Alemann war in zwei Regierungen Wirtschaftsminister, Juan Alemann Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Finanzen. Sie stehen f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Wirtschaftsteils der Zeitung. Seit sieben Jahren ist das Tageblatt auch im Internet pr\u00e4sent. Unter <a href=\"http:\/\/www.tageblatt.com.ar\/\">www.tageblatt.com.ar<\/a> gibt es jeden Dienstag im pdf-Format die neuesten Nachrichten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport in Argentinien.<\/p>\n<p>Die Redaktion besteht heute aus in Deutschland ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten. Sie und Praktikanten aus deutschsprachigen L\u00e4ndern sorgen daf\u00fcr, dass das Argentinische Tageblatt auch nach 117 Jahren eine anspruchsvolle Mischung aus aktuellen Nachrichten, Hintergrundberichten, Kulturinformationen, Veranstaltungshinweisen, Unterhaltung und Berichten aus dem deutschen Vereinsleben in Argentinien enth\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Argentinische Tageblatt Von Stefan Kuhn So manch einer ist \u00fcberrascht, wenn ihm an argentinischen Zeitungskiosken ein in gotischen Lettern gedruckter deutscher Titel ins Auge springt. Neben der spanischsprachigen Presse und einer Tageszeitung in Englisch erscheint in Buenos Aires seit 117 Jahren das Argentinische Tageblatt. 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