{"id":4873,"date":"2010-09-14T11:27:23","date_gmt":"2010-09-14T14:27:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=4873"},"modified":"2010-11-21T11:55:16","modified_gmt":"2010-11-21T14:55:16","slug":"die-unertragliche-virtualitat-des-seins-1995","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/14\/die-unertragliche-virtualitat-des-seins-1995\/","title":{"rendered":"Die unertr\u00e4gliche Virtualit\u00e4t des Seins (1995)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/09\/14\/la-insoportable-virtualidad-del-ser-1995\/\">Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano.<\/a><\/p>\n<p><strong>Leandro Berras &#8220;Virtual Piano-Bidimensional&#8221; im Goethe-Institut: ein Beispiel f\u00fcr sein k\u00fcnstlerisches Konzept<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Berra.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/Berra.jpg\" alt=\"\" title=\"Berra\" width=\"250\" height=\"189\" class=\"alignleft size-full wp-image-5214\" \/><\/a>Leandro Berra wurde 1956 in Buenos Aires geboren und lebt seit 1981 in Paris. Der K\u00fcnstler gibt seiner Heimatstadt die leider seltene Ehre eines Besuchs &#8211; wenn auch nur im \u00fcbertragenen Sinne, mit einem Kunstwerk, einer Installation, die unter dem Titel &#8220;Virtual Piano-Bidimensional&#8221; im Auditorium des Goethe-Instituts zur Auff\u00fchrung kommt.<\/p>\n<p>Zu dieser Gelegenheit hier etwas Hintergrundinformation \u00fcber diesen viel zu wenig bekannten, exzellenten K\u00fcnstler, an dessen letzte gro\u00dfe Ausstellung im Centro Cultural Recoleta, &#8220;El otro el mismo&#8221;, im Mai 1993 sich vielleicht einige Kunstfreunde noch erinnern. Sechs Werke, die auch dort zu sehen waren, zeigt das Goethe-Institut im Foyer des Auditoriums, jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn (n\u00e4chste Woche noch Montag und Dienstag, 20 Uhr). Anhand dieser St\u00fccke und seiner Musik-Installation kann man exemplarisch Berras k\u00fcnstlerisches Konzept ablesen, bei dem das Thema der Zeit eine zentrale Rolle spielt.<\/p>\n<p>&#8220;Die Formen der Kunst unterscheiden sich nicht nur in ihrer Technik voneinander&#8221;, jede von ihnen erz\u00e4hle auf eine andere Art und Weise vom Problem der Zeit &#8211; so begann Leandro Berra vor einigen Monaten in einem Interview, seine Ideen zu erl\u00e4utern. Auf die Frage, warum er Elemente wie Fotografie und Skulptur mische, erw\u00e4hnt er Walter Benjamins Beschreibung des Ursprungs der Kunst, der ihr einen rituellen und einen &#8220;exhibitionistischen&#8221; Wert zuweist. Von diesen Wurzeln, meint Berra, sei heute nur der letztere, der publikumswirksame Aspekt geblieben.<!--more--><\/p>\n<p>Die Skulptur hat jedoch einen Teil ihres rituellen, &#8220;magischen&#8221; Wertes bewahrt. Sie versucht nicht, etwas \u00fcber den Ablauf der Zeit zu erz\u00e4hlen, sondem will das Ewige darstellen. Eine C\u00e4sar-B\u00fcste steht somit, im Gegensatz zu einer C\u00e4sar-Biographie, die Ursachen und Wirkungen zu rekonstruieren sucht, au\u00dferhalb der Zeit. Die Fotografie ihrerseits unterbricht den Ablauf der Zeit, und das entstandene Abbild passt schon Sekunden nach der Aufnahme nicht mehr in die logische Abfolge der Ereignisse.<\/p>\n<p>In Berras Werken wird die Skulptur mit ihrem Abbild, der Fotografie ihrer selbst, konfrontiert &#8211; er stellt so zwei Sprachen einander gegen\u00fcber. Was ist realer: das Foto oder die Skulptur? Was war zuerst da? Technisch gesehen die Skulptur, und doch scheint das Foto die Vorlage f\u00fcr sie gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Sie sind unterschiedlich und doch eins &#8211; auf das Individuum \u00fcbertragen: der Andere ist man selbst (&#8220;El otro el mismo&#8221;). Und eine Beziehung mit &#8220;dem Anderen&#8221; ist unm\u00f6glich&#8230;<\/p>\n<p>Berra dr\u00fcckt etwas schwer Fassbares \u00fcber die menschliche Natur aus, \u00fcber das Problem der Existenz des Individuums in der Zeit. Eine Gegenwart gibt es nicht, die Zeit ist nicht einfangbar. Lebt man f\u00fcr den Tod, wie Heidegger sagt, oder existiert der Tod nicht? Hat man eine M\u00f6glichkeit zu handeln, in der Zeit zu leben? Oder realisiert sich eine bewusste Existenz in Wirklichkeit nie?<\/p>\n<p>Gefragt nach der Motivation f\u00fcr seine k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit, betont Berra, dass er mit seinen Skulpturen\/Gem\u00e4lden etwas \u00fcber die Zerbrechlichkeit der modernen Gesellschaft erz\u00e4hlen m\u00f6chte, Er erinnert sich, dass ihn der Anblick von Skulpturen gro\u00dfer Pers\u00f6nlichkeiten in den Museen Italiens ber\u00fchrte, die dort, in Massen aufgereiht und von der Menschheit vergessen, verstauben. Der Wunsch dieser &#8220;gro\u00dfen M\u00e4nner&#8221; nach Unsterblichkeit, der sich in der Sehnsucht nach einem &#8220;ewigen Abbild&#8221; manifestierte, ist erf\u00fcllt worden \u2013 und auch, auf eine tragische Art und Weise, wieder nicht. Dann wurde ihm klar, dass auch die sprichw\u00f6rtliche Fotografierwut japanischer Touristen nichts anderes ist als ein Wunsch, Eindr\u00fccke zu verewigen, die dann im nachhinein zu Hause &#8220;erlebt&#8221; werden &#8211; anstelle der Reise selbst, der Gegenwart.<\/p>\n<p>In diesem Sinne unterscheidet sich das Bed\u00fcrfnis des r\u00f6mischen Eroberers, sein Bildnis in Stein hauen zu lassen, nicht vom heutigen Hang zum Familienfoto: Es geht um die ablaufende Zeit und immer wieder um das Problem des Todes.<\/p>\n<p>Der Mensch ist das, was er als Bild von sich selbst hat und nach au\u00dfen als &#8220;Image&#8221; projiziert. Oft ist diese Realit\u00e4t eine erfundene &#8211; deshalb ist es f\u00fcr Berra so interessant, dieselbe Geschichte mit zwei Abbildern zu erz\u00e4hlen und so den Bruch zwischen Sein und Schein aufzudecken. Zwei, Pluralit\u00e4t: das ist Unendlichkeit. Anhand von zwe\u00ed Bildern leuchten zwei beliebige Punkte auf der Skala des Zeitablaufs auf: Unendlich zeigen sie die Vielfalt des einen, das in jedem neuen Moment schon ein anderes ist. Jeder tr\u00e4gt diese Pluralit\u00e4t\/Unendlichkeit in sich, die Berra die &#8220;unertr\u00e4gliche Virtualit\u00e4t des Seins&#8221; nennt.<\/p>\n<p>Leandro Berra wird in Buenos Aires von der Galerie Atica, Libertad 1240, Tel.: 813-3544, vertreten.<\/p>\n<p><em>Erschienen im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221; am 12.8.1995.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click aqu\u00ed para leer la versi\u00f3n en castellano. Leandro Berras &#8220;Virtual Piano-Bidimensional&#8221; im Goethe-Institut: ein Beispiel f\u00fcr sein k\u00fcnstlerisches Konzept Von Susanne Franz Leandro Berra wurde 1956 in Buenos Aires geboren und lebt seit 1981 in Paris. 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