{"id":5031,"date":"2010-11-09T14:27:08","date_gmt":"2010-11-09T17:27:08","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=5031"},"modified":"2010-11-13T14:53:20","modified_gmt":"2010-11-13T17:53:20","slug":"das-recht-auf-privatsphare-ist-ein-menschenrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/11\/09\/das-recht-auf-privatsphare-ist-ein-menschenrecht\/","title":{"rendered":"&#8220;Das Recht auf Privatsph\u00e4re ist ein Menschenrecht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Julia Solomonoff im Gespr\u00e4ch \u00fcber ihren letzten Film, gesellschaftliche Ver\u00e4nderung, die Krise und neue Pl\u00e4ne<\/p>\n<p><em>Von Valerie Thurner<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/julia2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/julia2.jpg\" alt=\"\" title=\"julia2\" width=\"150\" height=\"197\" class=\"alignright size-full wp-image-5038\" \/><\/a>Die argentinische Filmemacherin Julia Solomonoff war Jury-Mitglied des Internationalen Spielfilm-Wettbewerbs am 6. Zurich Film Festival (24. September bis 3. Oktober 2010), hat an der Columbia University mit einem MFA in Filmproduktion abgeschlossen, ist Autorin und Regisseurin von Spielfilmen wie &#8220;Hermanas&#8221; (2004) und &#8220;El \u00faltimo verano de la Boyita&#8221; (2009), lebt und arbeitet zur Zeit in New York.<\/p>\n<p>VT: Herzlich willkommen in Z\u00fcrich. Sie sind ja bereits zum 2. Mal hier in der Limmatstadt zu Gast.<\/p>\n<p>JS: Das dritte Mal. Ich kam 2006 zum ersten Mal hierher mit meinem ersten Spielfilm &#8220;Hermanas&#8221;, der im Wettbewerb des 2. Zurich Film Festival lief. Im Jahr 2007 produzierte ich den Dokumentarfilm &#8220;Cocalero&#8221; \u00fcber den bolivianischen Pr\u00e4sidenten Evo Morales, der es aber nicht in den Wettbewerb schaffte. Und 2009 brachte ich meinen letzten Film &#8220;El \u00faltimo verano de la Boyita&#8221; in den Spielfilm-Wettbewerb. Dieses Jahr bin ich schlie\u00dflich zum dritten Mal zu Gast und zum ersten Mal in der Jury, versteht sich.<\/p>\n<p>VT: Was gef\u00e4llt Ihnen an dieser Aufgabe, in einer Festivaljury zu sitzen?<\/p>\n<p>JS: Als Filmemacherin habe ich viel dar\u00fcber gelernt, wie Filme rezipiert werden. Wenn Du Regie f\u00fchrst, bist Du empf\u00e4nglich f\u00fcr s\u00e4mtliche Kritik, alles, was Du dar\u00fcber h\u00f6rst oder siehst, betrifft Dich. Deshalb ist es sch\u00f6n, an einem Ort zu sein, wo Leute respektvoll Filme anschauen, und diese Jury ist \u00e4u\u00dferst respektvoll. Klar, unsere Standpunkte waren teilweise verschieden, aber wir konnten unsere Meinungen \u00e4u\u00dfern, unsere Differenzen und Bedenken besprechen. Und wir hatten einen gro\u00dfartigen Austausch.<!--more--><\/p>\n<p>VT: Sie unterrichten an der Columbia Universit\u00e4t in New York City, wo Sie mit einem MFA in Filmproduktion abgeschlossen hatten. Wie kam es zu dieser Wahlheimat?<\/p>\n<p>JS: Ich habe mich noch nie endg\u00fcltig f\u00fcr etwas in meinem Leben entschieden. Ich will damit aber auch nicht sagen, dass ich in den Tag hineinlebe. Aber zun\u00e4chst studierte ich in New York, und au\u00dferdem leben meine zwei Schwestern dort. So war es naheliegend, dorthin zu ziehen, wo ich schlie\u00dflich auch meinen Mann und Vater meiner zwei Kindern kennenlernte. Beruflich musste ich wieder zur\u00fcck nach Argentinien, und er kam mit mir, um die n\u00e4chsten acht Jahre in Buenos Aires zu leben. Alle meine letzten Filme als Produzentin habe oder Regisseurin entstanden in Argentinien. Wir kehrten erst 2009 zur\u00fcck nach New York.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr haben sie mir diesen Lehrauftrag an der Columbia angeboten, und da mein Mann US-Amerikaner ist, dachten wir, es sei eine tolle Chance, in New York zu leben, auch f\u00fcr meine Kinder, um Englisch zu lernen. Wir betrachteten es als Einjahresexperiment, ja, und das Experiment kommt soweit gut voran. (Lacht)<br \/>\nLetztes Jahr musste ich sehr viel auf Festivals reisen wegen meines Films &#8220;La Boyita&#8221;, ebenso zu den Premieren. Und von New York aus ist das einfacher als von Buenos Aires aus. N\u00e4chste Woche geht\u2019s nach Taiwan. Ich m\u00f6chte pr\u00e4sent sein und mich um die Presse k\u00fcmmern. Da es sich bei &#8220;La Boyita&#8230;&#8221; um einen kleinen Film handelt, braucht er Aufmerksamkeit, Du kannst nicht einfach erwarten, dass die Leute ihn im Kino anschauen gehen.<\/p>\n<p>VT: Ein sehr sch\u00f6ner Film, wom\u00f6glich, weil er keine gro\u00dfen Namen hat. Lass uns \u00fcber den Begriff &#8220;Independent Film&#8221; reden. Sie ziehen es vor, in kleinen Teams zu drehen. Ist das ein Weg, um sich in der Filmbranche eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit zu bewahren?<\/p>\n<p>JS: Unabh\u00e4ngigkeit ist ein sehr wichtiger Begriff. Ich denke, jede Geschichte hat ihre passende Gr\u00f6\u00dfe. Es ist sch\u00f6n, zu entdecken, wie wichtig die Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr jeden einzelnen Film ist. Wenn Du jahrelang in diesem Gesch\u00e4ft arbeitest, lernst Du, dass ein Film sowohl in zu kleinen Schuhen wie auch in zu gro\u00dfen leiden kann. Wenn Deine Geschichte bestimmte produktionstechnische Mittel ben\u00f6tigt, und Du kannst sie nicht kriegen, erleidet Dein Film Schaden. Und beinahe niemand wei\u00df es, aber ich bin davon \u00fcberzeugt: Wenn eine Geschichte einen intimen, kleinen Rahmen braucht, und Du beginnst die Produktion aufzublasen, wirst Du verlieren. &#8220;La Boyita\u2026&#8221; ist ein Film \u00fcber Kindheit und Intimit\u00e4t und erforderte eine sehr kleine Crew am Set, um das Kind nicht zu \u00fcberfahren, das zuvor noch nie in seinem Leben \u00fcberhaupt in einem Kino gewesen war. Diese Kinder hatten ihr Dorf noch nie verlassen, also wollte ich keine Armee von Leuten, die in ihre H\u00e4user eindringen, Make-up anbringen und so weiter. Ich wollte ihnen die Illusion lassen &#8211; nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass es eine Illusion ist -, als w\u00e4ren wir gar nicht dort.<\/p>\n<p>VT: Wie war das im Fall von &#8220;Hermanas&#8221;?<\/p>\n<p>JS: Ja, bei \u201cHermanas\u201d trat der Fall ein, dass die Produktion etwas gr\u00f6\u00dfer ausgefallen war, als es n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, was mich folglich stark unter Druck setzte und mir Kompromisse abverlangte. Jetzt gerade mache ich meinen ersten Film in einem Auftragsverh\u00e4ltnis, f\u00fchre Regie in einer gr\u00f6\u00dferen Produktion. Es handelt sich um einen Politthriller, und diese Geschichte erfordert nun mehr Budget, mehr Raum. Und ich m\u00f6chte herausfinden, wie sich dies anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>VT: Wird er wieder in Argentinien spielen?<\/p>\n<p>JS: Ja, in Buenos Aires.<\/p>\n<p>VT: Sie haben mal \u00fcber die am Machismo leidenden argentinischen M\u00e4nner gesprochen, \u00fcber die Emanzipation der Argentinierinnen, dass Sie dieser Stoff interessiert. M\u00f6chten Sie nach wie vor \u00fcber dieses Thema einen Film realisieren?<\/p>\n<p>JS: Lustig, dass Sie das erw\u00e4hnen, ich wei\u00df noch genau, wo ich das etwa vor einem Jahr in welcher Situation gesagt habe&#8230; Ja, ich habe eine Idee, aber das Projekt, das ich nun angehen werde, ist eine Romanverfilmung und hat nichts mit diesem Thema zu tun. Es geht um die Transformation der St\u00e4dte. \u00dcber die Gier der Immobilien-Spekulanten, die Manipulationen, die Gesch\u00e4fte, die darin m\u00fcnden, dass wir dann all diese riesigen T\u00fcrme und keinen Wohnraum mehr haben, womit auch viel vom Charakter eines Ortes verlorengeht. Dieser Film braucht mehr Budget, da die Gro\u00dfstadt Buenos Aires wie ein Charakter im Film fungiert.<\/p>\n<p>Was die Macho-Gesellschaft betrifft, erlebe ich dies aktuell nicht in Argentinien, sondern in New York. Es ist interessant zu beobachten, wie in einer Krise Frauen dazu neigen, sich besser damit zu arrangieren, w\u00e4hrend M\u00e4nner mehr unter dem gro\u00dfen Knall zu leiden scheinen. Ich habe das 2001 in Argentinien erlebt. Und ich habe es 2009 in New York erfahren. Frauen repr\u00e4sentieren eine Art Stabilit\u00e4t und Sicherheit, was Du in der heutigen Welt von keinem Mann mehr erwarten kannst, aber nach wie vor erwarten es viele Frauen von ihren M\u00e4nnern. Dar\u00fcber wurde viel geforscht und geschrieben. In den Staaten nennen sie die aktuelle Wirtschaftskrise nicht &#8220;recession&#8221; (Rezession), sondern &#8220;man-cession&#8221;, weil diejenigen, die gefeuert wurden, vorwiegend M\u00e4nner waren, was gesellschaftliche Auswirkungen nach sich zieht.<\/p>\n<p>VT: Nun, in Argentinien habe ich eine Art permanente Krise wahrgenommen, die Leute waren st\u00e4ndig auf den n\u00e4chsten H\u00f6hepunkt der Krise vorbereitet.<\/p>\n<p>JS: Nein, sie sind eben nie vorbereitet! (Lacht) Sie meinen zwar, sie w\u00e4ren es, aber in Wirklichkeit sind sie es nie, und das ist die eigentliche Tragik, zu glauben, Du k\u00f6nntest sie meistern, und dann zu realisieren, dass Du es eben nicht kannst. Eine Krise kann man nicht meistern, aber sie kann Dir Wege zeigen und \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/hermanas11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/hermanas11-213x300.jpg\" alt=\"\" title=\"hermanas11\" width=\"213\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5033\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/hermanas11-213x300.jpg 213w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/hermanas11.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a>VT: Lassen Sie uns an dieser Stelle \u00fcber Argentiniens j\u00fcngste Geschichte sprechen. Die Milit\u00e4rdiktatur scheint nach wie vor, oder gerade wieder ein gro\u00dfes Thema f\u00fcr argentinische Filmemacher zu sein. Beispiele daf\u00fcr sind &#8220;El secreto de sus ojos&#8221; oder &#8220;Andr\u00e9s no quiere dormir la siesta&#8221;. Der Film &#8220;Hermanas&#8221; behandelt das Thema der Verschwundenen. Wie denken Sie dar\u00fcber, hat dieses dunkle Kapitel der Geschichte nach wie vor einen Einfluss auf das heutige Argentinien?<\/p>\n<p>JS: Ich denke schon. Erst nach einer Weile manifestiert sich diese Zeit in ihrer Komplexit\u00e4t. Es ist nicht einfach Schwarz\/Wei\u00df, unterschiedliche Geschichten kommen an die Oberfl\u00e4che. Es ist gesellschaftlich gesund, dass soviel Output \u00fcber diesen Teil unserer Geschichte generiert wird, als Katharsis f\u00fcr diejenigen, die ihn erlebt haben. Ich denke, die gesamte Gesellschaft hat diese Diktatur erlebt, auch wenn einige nichts davon wussten oder vorgeben, nichts gewusst zu haben. Wenn ich sage, erlebt haben, dann meine ich damit nicht, dass sie ins Gef\u00e4ngnis mussten oder jemanden kannten, der verschleppt, gefoltert oder sogar get\u00f6tet wurde. Ich meine damit, dass jede und jeder \u00fcber 40 oder sogar 30 die Diktatur erlebt hat, sowie die Konsequenzen daraus. Ich finde es wichtig, dass alle erfahren, was geschehen ist, auch als Zeugnis f\u00fcr die folgenden Generationen.<\/p>\n<p>Genauso wichtig wie die Aufarbeitung ist auch, als Gesellschaft die Idee der B\u00fcrgerrechte weiterzubringen zu anderen (aktuelleren) Schaupl\u00e4tzen. Das geschah beispielsweise dieses Jahr mit dem Gleichstellungsgesetz f\u00fcr homosexuelle Ehen, als Zeichen, dass das Ideal der Menschenrechte weiterhin verfolgt wird, nicht nur in einem politischen Kontext, sondern auch auf konstitutioneller Ebene. Vor vierzig Jahren noch lebten lesbische oder schwule Aktivisten gef\u00e4hrlich, und heute k\u00f6nnen sie heiraten. Und das ist ebenso bedeutend wie ein Film \u00fcber die letzte Diktatur. Weil es ebenso die unglaubliche soziale Ungerechtigkeit in meinem Land anspricht.<\/p>\n<p>VT: Ist das eventuell der Grund, weshalb Sie einen Film \u00fcber einen hermaphroditischen Jungen machten, um Fragen zu Geschlecht und Identit\u00e4t aufzuwerfen?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/boyita11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/boyita11-209x300.jpg\" alt=\"\" title=\"boyita11\" width=\"209\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5034\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/boyita11-209x300.jpg 209w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/boyita11.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/a>JS: Ich benutze nie das Wort Hermaphrodit. Es ist ein unsensibles Wort und au\u00dferdem nicht pr\u00e4zise. Der Film fragt danach, was ein Junge und was ein M\u00e4dchen ist. Nach den Unterschieden, die sich ja immer mehr schm\u00e4lern. Aber viel wird nach wie vor von dieser Differenz bestimmt. &#8220;El \u00faltimo verano de la Boyita&#8221; ist ein Film \u00fcber Identit\u00e4t und thematisiert, wie wir mit k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen umgehen. Der Grund, weshalb ich die Geschichte aus der Perspektive von Jorgelina erz\u00e4hle und nicht aus der Sicht des Jungen Mario, ist, weil ich erz\u00e4hlen m\u00f6chte, wie wir der Unterschiedlichkeit begegnen. Lehnen wir sie ab, f\u00fcrchten wir uns vor ihr, f\u00fchlen wir uns durch sie bedroht? Oder, wie im gegenteiligen Falle der kleinen Jorgelina, begegnen wir ihr neugierig, offen, mitf\u00fchlend, und sind wir f\u00e4hig, die Unterschiedlichkeit anzunehmen und jemand Andersartigen an der Hand zu nehmen, und zwar nicht aus Mitleid. Was ich an Jorgelina so mag, sie tut es aus einem Gef\u00fchl der Verbundenheit heraus.<\/p>\n<p>VT: Mitleid kann ja auch eine Art Diskriminierung sein.<\/p>\n<p>JS: Ja. Einige Leute sagten, es w\u00e4re ein Film \u00fcber Toleranz, aber ich mag das Wort nicht. Im Spanischen ist das eher negativ konnotiert. Du tolerierst (ertr\u00e4gst) etwas, das Du nicht magst&#8230; Ich m\u00f6chte den Unterschied nicht tolerieren, ich m\u00f6chte ihn aufrechterhalten. Das f\u00fchrt uns zu etwas Besserem, wir sollten nicht weiter zwei Stereotypen folgen.<\/p>\n<p>Einer der Werte in &#8220;El \u00faltimo verano de la Boyita&#8221; ist das Recht auf Privatsph\u00e4re, ein Wert, der zunehmend in Vergessenheit geraten ist. Das ist ein Grundrecht, ein \u00e4u\u00dferst wichtiges, und die Jugendlichen heute sind verst\u00f6rt, da ihnen dieses Grundrecht nicht einmal mehr vermittelt wird.<br \/>\nGestern kamen mir die Tr\u00e4nen, als ich in der Zeitung \u00fcber einen Vorfall in Jersey erfahren habe. Ein 18-j\u00e4hriger Student der Rutgers Universit\u00e4t ist von der Br\u00fccke gesprungen. Und weshalb? Weil zwei Tage zuvor sein Zimmerkollege ihn beim Sex mit einem andern jungen Mann mit der Webcam gefilmt hatte. Der Student war Musiker und hatte sich nie als homosexuell geoutet, und dieser Zimmerkollege verbreitete die Aufnahmen im ganzen Intranet der Uni, so dass ihn alle beim Sex sehen konnten. Selbstverst\u00e4ndlich wusste der Junge nicht, dass er gefilmt wurde. Als er aber herausfand, dass er von all diesen Leuten gesehen worden war, sprang er von der Br\u00fccke! Das wird nun als Verbrechen behandelt. Es handelt sich um Diskriminierung der schlimmsten Art. Der Typ dachte wahrscheinlich, er w\u00e4re originell, aber im Grunde genommen beging er eine f\u00fcrchterliche Verletzung der Privatsph\u00e4re! Nur schon zu glauben, Du h\u00e4ttest das Recht, etwas zu tun, nur weil es technologisch m\u00f6glich ist, und nicht zu verstehen, dass Du kein Recht dazu hast!<\/p>\n<p>VT: M\u00f6chten Sie diesen Stoff eines Tages verarbeiten, diesen Verlust von Privatsph\u00e4re und Intimit\u00e4t durch all unsere Netzwerk- und Kommunikationstechnologie?<\/p>\n<p>JS: Mein Film handelt auf dem Land vor 20 Jahren. Und das ist wichtig, im letzten Satz des Films sagt das M\u00e4dchen: &#8220;Das ist Privatsache.&#8221; Mich reizt es nicht so sehr, einen urbanen Film \u00fcber all die moderne Technologie zu machen. Wir k\u00f6nnen auch so \u00fcber Privatsph\u00e4re reden. Und ich denke, es ist ein sehr wichtiges Thema.<\/p>\n<p>VT: Die Schweizer Filmbranche kr\u00e4nkelt in der Stoffentwicklung. Nun meine Frage an Sie: Wie finden Sie gute Geschichten, und wie entstehen gute Drehb\u00fccher?<\/p>\n<p>JS: F\u00fcr mich ist eine Geschichte zun\u00e4chst eine Figur. Mich interessiert diese Figur, und die Frage, ob diese glaubw\u00fcrdig ist. Manche Leute haben eine eher oberfl\u00e4chliche Herangehensweise, konzentrieren sich auf plot turns. Dann erkennst Du all diese N\u00e4hte der Geschichte, die folglich nicht organisch ist. Das Wichtigste ist, die Figur zu finden und sie dann in diese pr\u00fcfende Laborsituation zu setzen. Das ist eines der Dinge, die ich an der Schule gelernt hatte. Einst war ich zu sanft zu meinen Figuren, bis ich lernte, dass die Hindernisse die Figuren ausmachen. Wenn ich einmal die Richtung entschieden habe, in die ich will, muss ich mir \u00fcberlegen, was das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr diese Figur w\u00e4re &#8230; und hier beginnt das Problem. Viele Drehbuchautoren sind bequem.<\/p>\n<p>VT: Meinen Sie faul? Mangel an Inspiration, Geld oder Zeit, um ein gutes Drehbuch zu entwickeln?<\/p>\n<p>JS: Faulheit ist, sich nicht die M\u00fche zu machen, das Problem auszusch\u00f6pfen, sondern gleich mit der L\u00f6sung zu kommen. Faulheit ist beispielsweise, wenn Du ein Problem hast, und Du dann einfach eine Pistole nimmst und jemanden erschie\u00dft. Das ist reine Faulheit.<\/p>\n<p>VT: Oder ein Autounfall&#8230;<\/p>\n<p>JS: Ja&#8230; Wenn du Gott spielst und Dinge geschehen l\u00e4sst, weil sie Dir als Drehbuchautorin gerade gelegen kommen. Es kann sich dabei um ein kleines Detail im Plot handeln, aber als Zuschauer fragst Du Dich dann, wie konnte diese Figur so handeln? Als Drehbuchautor musst Du der Figur den Raum geben, nach ihrem Weg zu suchen.<\/p>\n<p>VT: Eine kleine Frage abschlie\u00dfend zur argentinischen Filmf\u00f6rderung, die prim\u00e4r vom INCAA abh\u00e4ngt. Ist dieses Monopol gef\u00e4hrdet durch den Trend der Privatisierung in der Kulturf\u00f6rderung?<\/p>\n<p>JS: Uff, das ist eine komplexe Frage! Ich denke, das nationale Filminstitut ist essenziell. Private Gelder sind auch wichtig. Aber die Argentinier folgen dem franz\u00f6sischen Modell, Film ist Kultur und nicht prim\u00e4r ein Gesch\u00e4ft. Investment ist zwar wichtig, aber kann nicht bestimmen, was gedreht wird. Im Kino geht es um Identit\u00e4t und geteilte Werte, die nicht unbedingt absatzf\u00e4hig sind, die aber die kulturelle Identit\u00e4t eines Landes pr\u00e4gen. Und in L\u00e4ndern wie Chile, Argentinien oder Mexiko kann Film ein wichtiges Mittel f\u00fcr die Konstruktion von Identit\u00e4t und damit verbundene Debatten sein, deshalb finde ich, es darf keinesfalls von privaten Investitionen abh\u00e4ngen. Wir brauchen die staatliche F\u00f6rderung, die uns vermittelt, dass wir es hier mit einer der m\u00e4chtigsten Kunstformen zu tun haben. Die kann uns ein Gef\u00fchl der Gemeinschaft vermitteln &#8211; der &#8220;pertenencia&#8221; (Zugeh\u00f6rigkeit). Ich denke, es ist die Aufgabe jedes Staates, ein Image zu vermitteln, eine Diversit\u00e4t von Images nat\u00fcrlich, die dann in die Welt hinausgetragen und gespiegelt werden. Filmf\u00f6rderung darf auf keinen Fall privatisiert werden.<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><\/p>\n<p>Julia Solomonoff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Solomonoff im Gespr\u00e4ch \u00fcber ihren letzten Film, gesellschaftliche Ver\u00e4nderung, die Krise und neue Pl\u00e4ne Von Valerie Thurner Die argentinische Filmemacherin Julia Solomonoff war Jury-Mitglied des Internationalen Spielfilm-Wettbewerbs am 6. Zurich Film Festival (24. September bis 3. 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