{"id":5928,"date":"2010-12-11T16:03:37","date_gmt":"2010-12-11T19:03:37","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=5928"},"modified":"2010-12-13T17:30:41","modified_gmt":"2010-12-13T20:30:41","slug":"neue-attraktion-fur-argentinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2010\/12\/11\/neue-attraktion-fur-argentinien\/","title":{"rendered":"Neue Attraktion f\u00fcr Argentinien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Symbolische Einweihung der spektakul\u00e4ren Wandmalerei &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; von Siqueiros<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros111.jpg\" alt=\"\" title=\"cristinasiqueiros11\" width=\"250\" height=\"166\" class=\"alignleft size-full wp-image-5930\" \/><\/a>Eines der beeindruckendsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts, die Raum\/Wandmalerei &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221;, die der mexikanische K\u00fcnstler David Alfaro Siqueiros im Jahre 1933 in Argentinien schuf und um die ein jahrzehntelanger Streit tobte, ist am Freitag vergangener Woche von Pr\u00e4sidentin Cristina Fern\u00e1ndez de Kirchner und ihrem mexikanischen Amtskollegen Felipe Calder\u00f3n eingeweiht worden. Es war eine symbolische Er\u00f6ffnung, denn das restaurierte Kunstwerk wird dem Publikum erst im April zug\u00e4nglich sein, wenn mit ihm der unterirdische Raum &#8220;Aduana Taylor&#8221; unter der Casa Rosada und der Plaza Col\u00f3n als &#8220;Museo del Bicentenario&#8221; seine Pforten \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der mexikanische K\u00fcnstler und kommunistische Agitator Siqueiros hielt sich im Jahr 1933 einige Monate in Argentinien auf, wo er die intellektuellen Kreise mit seiner harschen Gesellschaftskritik geh\u00f6rig aufmischte und schlie\u00dflich polizeilich gesucht wurde, weil er mit &#8220;subversiven&#8221; Kunstaktionen und flammenden Revolutionsaufrufen &#8220;die \u00f6ffentliche Ordnung&#8221; st\u00f6rte. Der m\u00e4chtige Zeitungsmagnat Natalio Botana (&#8220;Cr\u00edtica&#8221;) gab Siqueiros nicht nur Raum in seiner Zeitung und deren Beilagen, sondern bot ihm, als das Pflaster in Buenos Aires zu hei\u00df f\u00fcr ihn wurde, an, in seinem weit au\u00dferhalb gelegenen Landhaus Los Granados in Don Torcuato einen Auftrag auszuf\u00fchren und einen Kellerraum auszumalen.<!--more--><\/p>\n<p>Der Mexikaner, der sich sowohl in seiner Heimat als auch in den USA mit Wandmalereien von brisantestem politischen Inhalt einen Namen gemacht hatte (bis er ausgewiesen wurde), ging dieses Werk in dem 130 Meter langen Kellergew\u00f6lbe auf au\u00dfergew\u00f6hnliche Art an: Mit Hilfe der K\u00fcnstler Antonio Berni, Lino Enea Spilimbergo und Juan Carlos Castagnino malte er innerhalb von drei Monaten den gesamten Raum, jeden Winkel und sogar den Boden aus, wobei das Motiv nackte weibliche K\u00f6rper waren. In dem dunklen Gew\u00f6lbe schufen er und seine Helfer die Illusion, dass man sich in einem gl\u00e4sernen Raum befindet, in den die erotischen Gestalten, die auf eine Art &#8220;verzerrt&#8221; dargestellt sind, dass sie vom an ihnen vor\u00fcber gehenden Betrachter dreidimensional und in Bewegung wahrgenommen werden, hineinzukommen versuchen. Man befindet sich wie in einer durchsichtigen Blase inmitten des Meeres, auf die die Figuren mit ihren wallenden Haaren und riesigen Augen zuschwimmen, auf die sie H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe pressen, um hineinzukommen.<\/p>\n<p>Siqueiros schuf mit &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; ein unvergleichliches Meisterwerk ohne jegliche politische Aussage, in einem Keller eines isoliert gelegenen Landhauses eines umstrittenen Pressezars, der ihm auch noch die Frau ausspannte (die sch\u00f6ne Uruguayerin Blanca Luz Brum). All diese ungew\u00f6hnlichen Umst\u00e4nde, zusammen mit seinem aufbrausenden Charakter, der f\u00fcr seine Mitmenschen oft unertr\u00e4glich war, m\u00f6gen eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr sein, dass das Kunstwerk jahrzehntelang vergessen wurde (Berni, Spilimbergo und Castagnino sprachen nie \u00fcber ihre Erfahrungen in dem Keller). Und dass es bei Abriss der Quinta Natalio Botanas einfach in St\u00fccke gehackt und in Containern verstaut in schon bedauernswertem Zustand weiter verrottete, w\u00e4hrend ein Rechtsstreit um es entbrannte, der immer noch nicht zu Ende ist.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr beschloss die argentinische Regierung ein Verbot, das Kunstwerk au\u00dfer Landes zu schaffen, und verpflichtete sich, f\u00fcr die Erkl\u00e4rung, dass es sich um ein St\u00fcck unver\u00e4u\u00dferlichen argentinischen Kulturgutes handelt, 12 Millionen Pesos zu zahlen. Das ist den Besitzern angeblich nicht genug, sie wollen weiter um die Vermarktungsrechte f\u00fcr das unsch\u00e4tzbar wertvolle Kunstwerk streiten, reden von Formfehlern in vergangenen Verhandlungen und drohen mit weiteren Prozessen,  mit denen sie im schlimmsten Fall die Pl\u00e4ne f\u00fcr das Zug\u00e4nglichmachen des Werkes noch in Frage stellen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Warum das Werk so lange in Vergessenheit geriet und so wenig Bilder an die \u00d6ffentlichkeit gelangten &#8211; Annemarie Heinrich fotografierte u.a. im Jahr 1933 das Kunstwerk &#8211; mag auch daran liegen, dass Siqueiros selbst es mit der Bezeichnung &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; (k\u00fcnstlerische \u00dcbung) abwertete, denn er konnte es nicht mit seinem kommunistischen Gewissen vereinbaren, ein Werk geschaffen zu haben, das nicht der Revolution diente, sondern einfach aus reiner Freude am Schaffen entstanden war. Seine kommunistischen Mitstreiter griffen ihn wegen des Werkes aufs Sch\u00e4rfste an oder bel\u00e4chelten ihn wie etwa sein ber\u00fchmter Landsmann Diego Rivera.<\/p>\n<p>Warum Siqueiros selbst, der doch die \u00d6ffentlichkeit und massenhafte Verbreitung seiner Werke anstrebte, in einem Keller in einer gottverlassenen Gegend ein Werk solcher Gr\u00f6\u00dfe und Bedeutung schuf, erkl\u00e4rt Ana Mart\u00ednez Quijano in ihrem soeben (bei Ediciones Larivi\u00e8re) erschienenen Buch &#8220;Siqueiros: Muralismo, Cine y Revoluci\u00f3n&#8221; (aus dem die meisten hier wiedergegebenen Informationen stammen) folgenderma\u00dfen: Siqueiros, als K\u00fcnstler ein Vision\u00e4r, der unter anderem das &#8220;Dripping&#8221; erfunden und 1932 vor Sch\u00fclern in den USA praktiziert hat, mit dem Jackson Pollock sp\u00e4ter ber\u00fchmt wurde, wollte, dass &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; von einem Filmk\u00fcnstler gefilmt w\u00fcrde und im Kino dem breiten Publikum zug\u00e4nglich gemacht werden sollte. Er verf\u00fcgte dies ausdr\u00fccklich in seinen Schriften, denen jedoch niemand Beachtung schenkte, als man das Kunstwerk in St\u00fccke schlug, um es auf Welttournee zu schicken.<\/p>\n<p>Vor diesem barbarischen Akt wurde das Werk zumindest zwar nicht von gro\u00dfen K\u00fcnstlern, aber einem Dokumentarfilmer-Team aufgezeichnet, was eine unerl\u00e4ssliche Grundlage f\u00fcr seine Restauration darstellte.<\/p>\n<p><strong>Das Buch<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/siqueirosbook11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/siqueirosbook11.jpg\" alt=\"\" title=\"siqueirosbook11\" width=\"250\" height=\"362\" class=\"alignleft size-full wp-image-5932\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/siqueirosbook11.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/siqueirosbook11-207x300.jpg 207w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Das im Verlag Ediciones Larivi\u00e8re erschienene Buch &#8220;Siqueiros: Muralismo, Cine y Revoluci\u00f3n&#8221; der Kunstexpertin Ana Mart\u00ednez Quijano ist ideale Lekt\u00fcre, um sich auf die Er\u00f6ffnung der Ausstellung des Siqueiros-Werkes vorzubereiten. Von einem kunstkritischen Standort aus schreibt Mart\u00ednez Quijano spannend und kurzweilig \u00fcber die Umst\u00e4nde des Entstehens des Meisterwerkes &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; und liefert ein lebendiges Bild der Zeit und der Akteure in dem menschlichen und politischen Drama um den Ausnahmek\u00fcnstler und Vision\u00e4r Siqueiros.<\/p>\n<p>Der handliche, sch\u00f6n bebilderte 357-Seiten-Band liest sich locker wie ein Krimi in wenigen Tagen &#8211; ein perfektes Weihnachtsgeschenk f\u00fcr alle Kulturbegeisterten.<\/p>\n<p>Ana Mart\u00ednez Quijano ist Journalistin, Kunstkritikerin, Uni-Dozentin und Herausgeberin von &#8220;\u00c1mbito de las Artes&#8221;. Sie schreibt seit mehr als 20 Jahren f\u00fcr &#8220;\u00c1mbito Financiero&#8221; und hat zahlreiche Artikel und Essays in anderen bedeutenden Zeitungen und Kunstzeitschriften ver\u00f6ffentlicht sowie Kunstsendungen im Fernsehen produziert. Als unabh\u00e4ngige Kuratorin bereichert sie seit Jahren mit Ausstellungen wie &#8220;Borges y el arte&#8221;, &#8220;Porque yo soy otro&#8221; (\u00fcber Sandro Pereira) oder &#8220;Abre tus ojos&#8221; (Videos) die Kunstlandschaft Argentiniens.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros1.jpg\" alt=\"\" title=\"cristinasiqueiros1\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5934\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros1.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/cristinasiqueiros1-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nPr\u00e4sidentin Cristina Fern\u00e1ndez de Kirchner und ihr mexikanischer Amtskollege Felipe Calder\u00f3n bewundern das Meisterwerk.<br \/>\n<em>(Foto: Presidencia)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Symbolische Einweihung der spektakul\u00e4ren Wandmalerei &#8220;Ejercicio pl\u00e1stico&#8221; von Siqueiros Von Susanne Franz Eines der beeindruckendsten Kunstwerke des 20. 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