{"id":6314,"date":"2011-02-03T16:50:56","date_gmt":"2011-02-03T19:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=6314"},"modified":"2011-02-06T11:09:48","modified_gmt":"2011-02-06T14:09:48","slug":"uber-das-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/02\/03\/uber-das-reden\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Reden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist Schweigen tats\u00e4chlich Gold?<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/reden.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/reden.jpg\" alt=\"\" title=\"reden\" width=\"250\" height=\"126\" class=\"alignleft size-full wp-image-6317\" \/><\/a>Ich rede nicht von Sprache. Sprache ist reden, schreiben und Geschriebenes verstehen. Reden ist die erste Stufe von Sprache. Nie konnte ich mich auf dieser Stufe wohlf\u00fchlen. Ich geh\u00f6re nicht zu den Leuten, die sagen &#8220;wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich geh\u00f6rt habe, was ich sage?&#8221;. Als in S\u00fcddeutschland Aufgewachsener habe ich mich eine Zeitlang an den Spruch geklammert: &#8220;Die Norddeutschen sind wie eine Taschenuhr &#8211; tic, tic, tic, tic. Und die S\u00fcddeutschen &#8211; tac &#8211; wie eine &#8211; tac &#8211; Turmuhr &#8211; tac. Aber beide zeigen zur gleichen Zeit die Zw\u00f6lfe an.&#8221; Das ist aber blo\u00df die halbe Wahrheit.<\/p>\n<p>Reden ist der unmittelbare Ausdruck der Gef\u00fchlswelt. Damit dieser Ausdruck beim H\u00f6rer einen Eindruck erweckt, muss er dessen Gef\u00fchlswelt ansprechen. Dabei ist die K\u00f6rpersprache sehr hilfreich, aber nicht ausreichend. Es m\u00fcssen die Ausdr\u00fccke und der Zungenschlag dazukommen, die beim H\u00f6rer Emotionen erwecken. In aller Regel sind das Laute, welche in dessen fr\u00fcher Kindheit eine Gef\u00fchlswelt schufen &#8211; muttersprachliche, nachbarschaftliche, Kindergarten-, Bolzplatz-, Zeltlager- und Tanzschullaute &#8211; und recht wenig mit geschriebener Hochsprache zu tun haben.<!--more--><\/p>\n<p>Meine Mutter sprach ein Hochdeutsch, das durch allerlei von meinem Gro\u00dfvater \u00fcbernommene schw\u00e4bische Keime und meiner Gro\u00dfmutter verdankten altbayrischen Einsprengseln verunreinigt war. Damit kam ich auf der Stra\u00dfe nicht durch. Um die Gef\u00fchlswelt meiner Spezis zu erreichen, h\u00e4tte ich das breiteste Oberschw\u00e4bisch anzuwenden gehabt, das man sich vorstellen kann. Ich brachte es aber nur zu Mitteloberschw\u00e4bisch und h\u00e4tte eine ungl\u00fcckliche Kindheit gehabt, wenn nicht viele Fl\u00fcchtlingskinder meine Redem\u00e4ngel geteilt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der schlesischen Familie meines fr\u00fch verstorbenen Vaters klangen die Laute meiner Kindheit allesamt barbarisch. Dort herrschte ein preu\u00dfisches, mit entz\u00fcckenden schlesischen Kringeln geschm\u00fccktes Hochdeutsch &#8211; im Falle meiner dortigen Gro\u00dfmutter mit franz\u00f6sischen Redensarten gesprenkelt, wie sie wohl im 19. Jahrhundert h\u00f6heren T\u00f6chtern gelehrt worden waren. Ich h\u00f6rte auf der Schule &#8211; neben Englisch &#8211; zwar auch ein wenig Franz\u00f6sisch, aber mit schlesischen Kringeln wusste ich zun\u00e4chst nicht viel anzufangen, genau so wenig wie jene mit meinen schw\u00e4bisch-bayerischen Splittern. Irgendwie f\u00fchrte die Liebe dann aber doch zu einer angemessenen \u00dcbereinstimmung der Gef\u00fchlswelten.<\/p>\n<p>Mit einem solchen Katalysator konnte ich nicht rechnen, als mein Beruf mich nach Hamburg f\u00fchrte. Zwar konnte ich mich im B\u00fcro, nachdem ich das rollende gegen ein Gaumen-R eingetauscht hatte, ganz gut in einem langsamen Hochdeutsch ausdr\u00fccken (&#8220;dich wird mal eine Stra\u00dfenwalze \u00fcberfahren&#8221;, wurde mir gesagt). Aber beim Skatspielen war das l\u00e4ngst nicht ausreichend. Woher sollte ich wissen, was &#8220;plietsch&#8221; und &#8220;muksch&#8221; und &#8220;f\u00fcnsch&#8221; bedeutet? Ganz abgesehen davon, dass dann im Segelhafen sowieso \u00fcberwiegend platt gesnackt wurde. Ich habe dann doch gute Freunde dort bekommen, etwa durch einige wider Erwarten gewonnene &#8220;Grand ohne Vier&#8221; oder durch akzeptablen Einsatz als Vorschotmann, aber gewiss nicht durch Reden.<\/p>\n<p>Was mich in Bezug auf Reden in Argentinien erwartete, er\u00f6ffnete mir in den ersten Tagen mein Spanischlehrer (\u00fcbrigens einer, der Spanisch mit sehr starkem Stuttgarter Akzent sprach): &#8220;Ich kann dir Grammatik und Orthographie beibringen&#8221;, sagte er (und tat das dann auch), &#8220;aber glaub blo\u00df nicht, dass du je wie ein Argentinier sprechen wirst. Ab einem gewissen Alter sind Mund- und Kehlmuskulatur nicht mehr f\u00e4hig, sich auf neue Laute umzustellen.&#8221;<\/p>\n<p>Recht hatte er! Ich versuchte alles M\u00f6gliche. Manche Landsleute staunten dar\u00fcber, wie schnell ich das rollende R (wieder) beherrschte. Dar\u00fcber hinaus trieb ich mich in allen Gegenden herum, in denen man die Gassensprache lernen konnte. Lunfardo mit deutschem Akzent ist aber doch nicht das Richtige und beinahe so l\u00e4cherlich, wie wenn ein Preu\u00dfe es auf Bayerisch versucht.<\/p>\n<p>Meine Cordobeser Frau hat mich gewiss nicht wegen meiner verf\u00fchrerischen Reden geheiratet. Sie half mir, ganz im Gegenteil, den Zungenschlag zu verbessern. Auch dadurch, dass ich durch sie Gelegenheit hatte, ziemlich tief in die Urgr\u00fcnde des Argentiniertums einzudringen: Eine weitl\u00e4ufige Familie, zum gro\u00dfen Teil im Binnenland ans\u00e4ssig, mit enger Beziehung zur Volksmusik. Den Gedanken, Gitarre zu lernen, gab ich bald wieder auf. Aber ich lernte einige Folkloretexte, sang, nahm am Viehtreiben und an Hasenjagden teil, an &#8220;Pe\u00f1as&#8221;, Schlachtfesten und nat\u00fcrlich an unz\u00e4hligen Asados. Immer als halber Au\u00dfenseiter, denn gleichberechtigtes Reden lernte ich dadurch nicht. Wenn mehrere Leute \u00fcbers Kreuz reden, bricht meine Gef\u00fchlswelt zusammen.<\/p>\n<p>Die absolute Grenze f\u00fcr meine argentinische Geselligkeit ist der &#8220;Truco&#8221;. Truco ist ein Kartenspiel, bei dem es am Allerwenigsten auf die Karten ankommt. Wichtig ist die blitzschnelle Interpretation der kleinsten Geste, eines anscheinend achtlos hingeworfenen Wortfetzens, gro\u00dfsprecherischer oder \u00fcbertrieben dem\u00fctiger Wortmalereien der Mitspieler und deren unverz\u00fcgliche Beantwortung durch gleicherma\u00dfen hinterh\u00e4ltige, missverst\u00e4ndliche und meist witzige eigene Redekapriolen. Ein paar Mal versuchte ich, Truco zu lernen. Ich f\u00fchlte mich dabei wie in einem Tennismatch gegen Federer.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich das Reden weitgehend aufgegeben. Dabei mag ich Silber eigentlich lieber als Gold und bewundere einen ausgezeichneten Redner ohne Einschr\u00e4nkung. Dennoch w\u00fcrde ich einen solchen nicht bitten, mich anzurufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Schweigen tats\u00e4chlich Gold? Von Friedbert W. B\u00f6hm Ich rede nicht von Sprache. Sprache ist reden, schreiben und Geschriebenes verstehen. Reden ist die erste Stufe von Sprache. Nie konnte ich mich auf dieser Stufe wohlf\u00fchlen. 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