{"id":6471,"date":"2011-02-19T07:45:39","date_gmt":"2011-02-19T10:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=6471"},"modified":"2011-03-05T16:26:56","modified_gmt":"2011-03-05T19:26:56","slug":"schau-mir-in-die-augen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/02\/19\/schau-mir-in-die-augen\/","title":{"rendered":"Schau mir in die Augen"},"content":{"rendered":"<p><strong>June Newton alias Alice Springs wird in der Berliner Helmut Newton Stiftung mit einer umfassenden Retrospektive ihres fotografischen Werkes geehrt<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings22.jpg\" alt=\"\" title=\"!SPRINGS 4780-20\" width=\"250\" height=\"374\" class=\"alignleft size-full wp-image-6476\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings22.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings22-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, um eine gro\u00dfe Karriere zu starten. Helmut Newton war 1970 viel zu verschnupft, um den Aufnahmetermin f\u00fcr eine Zigarettenkampagne wahrzunehmen. Seine Ehefrau June lie\u00df sich daher kurz die Kamera erkl\u00e4ren, ging ans Set und machte den Job. Offenbar zur vollsten Zufriedenheit des Kunden. Die Aufnahme eines wild gelockten, maskulinen Models f\u00fcr &#8220;Gitanes&#8221;, die leicht verruchte Lieblingszigarette franz\u00f6sischer Musiker und Intellektueller, entsprach genau dem Image der Marke. Das Honorar jedenfalls wurde anstandslos an Helmut Newton \u00fcberwiesen. So trat June Newton aus dem Schatten ihres ber\u00fchmten Mannes heraus und wurde von da an regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Werbestrecken, unter anderem f\u00fcr den Pariser Edelcoiffeur Jean Louis David, und trendige Modekampagnen gebucht. Die Helmut Newton Stiftung in Berlin pr\u00e4sentiert jetzt die weltweit erste gro\u00dfe Retrospektive mit 250 Aufnahmen der Newton-Witwe. Die firmierte jedoch bald schon unter dem Pseudonym Alice Springs. Angeblich, so die K\u00fcnstlerlegende, hat sie w\u00e4hrend eines Abendessens einen Dartpfeil auf eine Australienkarte geworfen und dabei rein zuf\u00e4llig die Kleinstadt mit dem wohlklingende Namen getroffen.<!--more--><\/p>\n<p>Eigentlich war die geb\u00fcrtige Australierin Theaterschauspielerin. In Paris, wo das Ehepaar Newton, das sich 1946 in Melbourne kennengelernt hatte, damals lebte, fand sie aber auf Grund ihrer mangelnden Franz\u00f6sischkenntnisse keinen Job. So kam die Fotografenkarriere gerade recht. Helmut Newton sah in ihr keine Konkurrentin, sondern ermutigte sie, sich auf das Genre Portr\u00e4t zu st\u00fcrzen. So stehen auch im Fokus der Berliner Ausstellung Aufnahmen von Protagonisten aus der Modewelt wie Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld, von bildenden K\u00fcnstlern wie Gerhard Richter oder Niki de Saint Phalle, von Filmstars und Regisseuren wie Dennis Hopper oder Billy Wilder. Was allen Portr\u00e4taufnahmen gemeinsam ist: Alice Springs gelingt es, ihre Modelle zu einem offenen Blick in die Kamera zu bewegen. Oft hat man den Eindruck, sie blicken direkt ins Auge des Betrachters. &#8220;Sie agiert wie eine Regisseurin und begegnet ihrem Gegen\u00fcber auf Augenh\u00f6he&#8221;, so der Kurator der Helmut Newton Stiftung, Matthias Harder.<\/p>\n<p>Alice Springs benutzt eine Kleinbildkamera und nat\u00fcrliches Licht. Kein Blitz, keine Scheinwerfer, keinerlei \u00fcberfl\u00fcssiges Tamtam. Sie bevorzugt die h\u00e4usliche Umgebung ihrer Protagonisten: K\u00fcnstler in ihrem Atelier oder im Museum, der Modezar Yves Saint Laurent mit seinem Lebensgef\u00e4hrten Pierre Berg\u00e9 im heimischen Salon. Diese ebenso sensible wie repr\u00e4sentative Aufnahme fand sogar den Weg in die Privatr\u00e4ume des Pariser Edelschneiders. Gerade die K\u00fcnstler pr\u00e4sentieren sich f\u00fcr Alice Springs nat\u00fcrlich und unverkrampft: Der Pop Artist Roy Lichtenstein hat den Pinsel nicht aus der Hand gelegt, Keith Haring steht im einfachen T-Shirt und auff\u00e4llig gemusterter Hose vor einer farbbeklecksten Wand, und Gerhard Richter posiert schon 1987 mit dem Selbstbewusstsein des arrivierten Malers im dunklen Zweireiher mit leger drapiertem K\u00fcnstlerschal.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings66.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings66.jpg\" alt=\"\" title=\"!SPRINGS B001\" width=\"250\" height=\"348\" class=\"alignleft size-full wp-image-6473\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings66.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/alicesprings66-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>&#8220;Ihre Portr\u00e4ts haben etwas vollkommen Unschuldiges&#8221;, lobte Ehemann Helmut Newton. &#8220;Ich kenne sonst niemanden, der auf diese Art und Weise Portr\u00e4ts macht.&#8221; Alice Springs hatte auch keine Scheu vor sensiblen Themen. Ihre Aufnahmen von aufgedonnerten Hollywood-M\u00fcttern mit Baby haben etwas Entlarvendes. Und die eher d\u00fcsteren Portr\u00e4ts von zwielichtigen russischen Rausschmei\u00dfertypen oder Mitgliedern der Rockerbande Hells Angels entf\u00fchren in eine Welt jenseits von Glamour und Glorienschein. Ihre ausnahmsweise einmal farbigen Aktfotos mit Models in lesbischen Posen dagegen wirken eher s\u00fc\u00dflich und verkitscht. An die unterk\u00fchlte Klarheit ihres Mannes kommen sie nicht heran &#8211; ein Ausrutscher nur in einem ansonsten faszinierenden \u0152uvre.<\/p>\n<p>Die Berliner Schau w\u00fcrdigt jetzt endlich in umfassender Art und Weise das Werk der Fotografin, die mehr als eine Schattenfrau oder K\u00fcnstlerwitwe ist. Die Eigenst\u00e4ndigkeit ihrer fotografischen Sprache wird mit der abwechslungsreich inszenierten Ausstellung, die man wie ein &#8220;Who\u2019s Who&#8221; der Kunst-, Film- und Modewelt der 70er bis 90er Jahre durchschreiten kann, eindrucksvoll belegt.<\/p>\n<p><strong>Auf einen Blick:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Alice Springs\n<li>Ort: Museum f\u00fcr Fotografie &#8211; Helmut Newton Stiftung\n<li>Zeit: bis 15. Mai 2011, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr\n<li>Katalog: Taschen-Verlag, 29,99 Euro\n<li><a href=\"http:\/\/www.smb.spk-berlin.de\/smb\/home\/index.php\">Webseite<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Richter, Bonn, 1987.<\/p>\n<p>Fashion, D\u00e9p\u00eache Mode, Paris, 1971.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>June Newton alias Alice Springs wird in der Berliner Helmut Newton Stiftung mit einer umfassenden Retrospektive ihres fotografischen Werkes geehrt Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Manchmal muss man ins kalte Wasser springen, um eine gro\u00dfe Karriere zu starten. Helmut Newton war 1970 viel zu verschnupft, um den Aufnahmetermin f\u00fcr eine Zigarettenkampagne wahrzunehmen. 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