{"id":664,"date":"2006-08-29T07:58:13","date_gmt":"2006-08-29T10:58:13","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2006\/08\/29\/immer-nur-ein-spiel-2000\/"},"modified":"2006-08-29T11:38:19","modified_gmt":"2006-08-29T14:38:19","slug":"immer-nur-ein-spiel-2000","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2006\/08\/29\/immer-nur-ein-spiel-2000\/","title":{"rendered":"\u201eImmer nur ein Spiel&#8221; (2000)"},"content":{"rendered":"<p><strong>L\u00f3r\u00e1nd Hegyi kommentiert den \u00f6sterreichischen Beitrag zur Biennale von Buenos Aires<\/p>\n<p><em>Von Susanne Franz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"image663\" alt=lorand.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2006\/08\/lorand.jpg\" align=left hspace=5 \/>Dr. L\u00f3r\u00e1nd Hegyi, geb\u00fcrtiger Ungar, ist der Direktor des Museums Ludwig in Wien. Er hat den \u00f6sterreichischen Beitrag zur Ersten Internationalen Biennale von Buenos Aires zusammengestellt &#8211; Werke von Franz West, Lois Weinberger und Hermann Nitsch &#8211; und hat im Rahmen der Kritikertage, die zu Beginn der Biennale Anfang Dezember stattfanden, den hochinteressanten Vortrag \u201eArt in the Former Peripheries&#8221; (Kunst in den ehemaligen Peripherien, womit haupts\u00e4chlich die damaligen Ostblockstaaten gemeint sind) gehalten. Im Anschluss unterhielt er sich mit dem Argentinischen Tageblatt.<\/p>\n<p><em>AT: Herr Hegyi, Sie haben einmal Franz West als den bedeutendsten zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler \u00d6sterreichs bezeichnet.<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Bedeutendster K\u00fcnstler habe ich wohl nicht gesagt &#8211; er ist aber sicher einer der paradigmatischsten. Er verbindet so viele Momente der mitteleurop\u00e4ischen und \u00f6sterreichischen Kunst miteinander. Er ist ein wahrhaft suggestiver K\u00fcnstler, und er hat eine ungeheure Sensualit\u00e4t, die er aber auch ironisch relativiert. Er arbeitet sozusagen \u201ein Klammern&#8221;, er sagt: ,So k\u00f6nnte es sein&#8217;, aber es ist immer nur ein Spiel. Das ist so typisch f\u00fcr die mitteleurop\u00e4ische Mentalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Da ist aber auch sein Reichtum an literarischen und pers\u00f6nlichen Referenzen; aus seinen Werken schaut immer etwas selbst Erlebtes, sehr Pers\u00f6nliches heraus. Er gibt einen Kommentar ab, greift einen Aspekt heraus, arbeitet nicht systematisch, sondern ephemer, spontan, in einer offenen Struktur.<\/p>\n<p><em>AT: Geh\u00f6ren die Werke von Franz West, die hier auf der Biennale zu sehen sind, zusammen?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Er schafft nie nur ein Bild, meist sind es mehrere, oft mischt er auch mit Objekten. Er schafft \u201eQuasi-Bilder&#8221; aus seinen eigenen Ausstellungsplakaten, die er \u00fcbermalt. Er \u00fcbermalt auch Freunde oder sich selbst &#8211; er relativiert immer, man wei\u00df nicht, was ist real, was Imitation. Das ist auch so ein typisches Ph\u00e4nomen dieser Mentalit\u00e4t, von der ich vorhin sprach: die permanente Verunsicherung. Es erinnert zum Beispiel an Musil oder Kafka, dieser Ausdruck der Verunsicherung. Das kann man auch bei Nitsch und bei Weinberger feststellen.<\/p>\n<p><em>AT: Inwiefern sind literarische Anspielungen wichtig?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Weinberger wollte urspr\u00fcnglich Dichter sein. Das gro\u00dfe Bild zum Beispiel, das auf der Biennale zu sehen ist, ist auf Text aufgebaut. Es zeigt einen Traum, den er gehabt hat, einen Traum, in dem er wandert. Das Bild ist eine Traumdeutung, ein Labyrinth, das von einer konfusen Situation ausgeht.<!--more--><\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt ist immer Freud, auch bei Nitsch und West. Alle geben einen Kommentar zu Freud ab. In Wien herrscht eine sehr verbale Kultur, und alle drei K\u00fcnstler repr\u00e4sentieren typische Attit\u00fcden des Wiener Kunstlebens. Aufbauend auf konkreten kulturgeschichtlichen, historischen und anthropologischen Referenzen schaffen sie ihre individuelle Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>AT: Inwiefern ist Freud von Bedeutung?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Freud betrachtete den K\u00f6rper als Prothese. Er war geradezu davon besessen. Die Dinge galten als Verl\u00e4ngerung des K\u00f6rpers. Die gest\u00f6rten Funktionen des K\u00f6rpers r\u00fcckten in den Vordergrund. Literatur und Kunst mussten immer einen psychoanalytischen, einen therapeutischen Hintergrund haben.<\/p>\n<p><em>AT: Ist Hermann Nitsch eigentlich jugendfrei?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Jedes Land hat Gesetze, in denen das geregelt wird. Mit Nitschs Werk sind wir vor kurzem auf Europatournee gegangen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. In einigen L\u00e4ndern, so in Schweden, waren es religi\u00f6se Gruppen, die gegen Nitschs Werke protestierten, in anderen, wie in Italien, radikale Tiersch\u00fctzer. Obwohl Nitsch nie selbst Tiere t\u00f6tet.<\/p>\n<p><em>AT: Wahrscheinlich werden die Argentinier relativ locker mit dem Thema umgehen.<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Ja, das kann ich mir vorstellen. Auch in Spanien hatten wir zum Beispiel \u00fcberhaupt keine Proteste.<\/p>\n<p><em>AT: Dennoch waren viele Besucher der Biennale ziemlich geschockt von den Video-Szenen und Bildern.<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Der Schock ist in der \u00e4sthetischen Rezeption immer pr\u00e4sent, aber sublimiert.<\/p>\n<p><em>AT: Die Videos basieren auf Hermann Nitschs \u201eSechs-Tage-Spiel&#8221; von 1998?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Ja, leider konnte ich nur f\u00fcr einen Tag hinfahren&#8230; Nitschs Ideen sind typisch mitteleurop\u00e4isch-\u00f6sterreichisch. Er strebt das Gesamtkunstwerk an, die sensuelle Erfahrung. Mit realen Materialien in realer Zeit will er keine Story erfinden, sondern einen Ritus vollziehen, der immer wiederholt wird. Wie in der Religion die gleichen Prozesse immer wieder vollzogen werden. Reale Zeit in Verbindung mit dem Mythos, mit dem kollektiven Unbewussten. Nitsch will zur\u00fcck zum archaischen Theater, zu den direkten Effekten.<\/p>\n<p><em>AT: Nitsch ist ja auch Komponist?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Ja, er komponiert die Musik zu seinen Ritualen, er mischt V\u00f6lksmusik, klassische\/romantische und elektronische Musik, die oft parallel zu den Ritualen spielen. Da tritt zum Beispiel immer ein Bauern-Orchester auf. F\u00fcr mich ist die Musik der sch\u00f6nste Teil an Nitschs Werk.<\/p>\n<p><em>AT: Wie gef\u00e4llt Ihnen Buenos Aires?<\/em><\/p>\n<p>Hegyi: Ich bin jetzt schon zum sechsten Mal hier und es gef\u00e4llt mir wahnsinnig gut! Exotische St\u00e4dte mag ich nicht besonders gern, und hier scheint mir genau die richtige Mischung zu herrschen.<\/p>\n<p><em>Das Interview erschien am 30.12.2000 im &#8220;Argentinischen Tageblatt&#8221;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00f3r\u00e1nd Hegyi kommentiert den \u00f6sterreichischen Beitrag zur Biennale von Buenos Aires Von Susanne Franz Dr. L\u00f3r\u00e1nd Hegyi, geb\u00fcrtiger Ungar, ist der Direktor des Museums Ludwig in Wien. 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