{"id":6677,"date":"2011-03-22T13:40:19","date_gmt":"2011-03-22T16:40:19","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=6677"},"modified":"2011-03-22T13:40:19","modified_gmt":"2011-03-22T16:40:19","slug":"verwischen-um-anschaulich-zu-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/03\/22\/verwischen-um-anschaulich-zu-machen\/","title":{"rendered":"Verwischen, um anschaulich zu machen"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;Gerhard Richter. Bilder einer Epoche&#8221; im Bucerius Kunst Forum in Hamburg<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter11.jpg\" alt=\"\" title=\"Sekret\u00c3\u00a4rin, 1964\" width=\"250\" height=\"377\" class=\"alignright size-full wp-image-6678\" \/><\/a>Zwei Autos, die auf einer Landstra\u00dfe so schnell aneinander vorbeirasen, dass ihre wei\u00dfen Konturen fast wie UFOs wirken. Ein wei\u00dfer Sarg, der aus einem Hauseingang gewuchtet wird. Ein schemenhaft erkennbarer Toter unter einem Eisblock. Ein Mann in Wehrmachtsuniform, vor einer Mauer stehend. Gerhard Richters auf Fotovorlagen basierende Gem\u00e4lde aus den 1960er Jahren zeigen scheinbar banale Gegenst\u00e4nde, Personen und Ereignisse. Ganz \u00fcberwiegend hat er sie in Grauabstufungen gemalt. Selten, zum Beispiel auf dem von Marcel Duchamp inspirierten Bild &#8220;Ema (Akt auf einer Treppe)&#8221; von 1966, verwendet er auch andere Farben. Am Ende des Malprozesses aber ist er jedes Mal in rhythmischen Bewegungen mit einem breiten B\u00fcrstenpinsel \u00fcber die noch feuchte Farbe gegangen. Das Ergebnis: Ein verunkl\u00e4render Weichzeichnereffekt, der die zeittypischen Details der Fotovorlage weitgehend aufl\u00f6st und die zwischen 1962 und 1967 entstandenen Bilder formal zu einer Werkgruppe mit hohem Wiedererkennungswert verschmelzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8220;Bilder einer Epoche&#8221; lautet der Titel einer Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum, die nun knapp ein Jahr vor Richters 80. Geburtstag und den gro\u00dfen Retrospektiven in der Berliner Nationalgalerie, der Londoner Tate Modern und dem Pariser Centre Pompidou genau den Werkkomplex zeigt, mit dem Gerhard Richter sich und seine Kunst in Westdeutschland quasi neu erfunden hat. Sie geh\u00f6ren zu seinen ersten &#8220;g\u00fcltigen&#8221; Bildern. Sein in der DDR entstandenes Fr\u00fchwerk hatte Richter vor seiner Flucht 1961 fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. 35 dieser mittlerweile weltber\u00fchmten Gem\u00e4lde sind f\u00fcr die Hamburger Schau aus Museen und Privatsammlungen in Europa und den USA zusammengetragen worden. Erg\u00e4nzt wird dieser fr\u00fche und richtungsweisende Richter-Komplex um den erst 1988 entstandenen Zyklus &#8220;18. Oktober 1977&#8221;, eine 15-teilige tiefbohrend-malerische Auseinandersetzung mit der RAF und den Ereignissen im sogenannten &#8220;Deutschen Herbst&#8221; 1977. Die auch als &#8220;RAF-Zyklus&#8221; bekannte Werkgruppe stammt aus dem New Yorker Museum of Modern Art.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter22.jpg\" alt=\"\" title=\"Motorboot, 1965\" width=\"250\" height=\"251\" class=\"alignleft size-full wp-image-6679\" \/><\/a>Kuratiert wird die Schau von Uwe M. Schneede, dem ehemaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle. Schneede wagt die These, wonach die verwendeten Vorlagen, nicht wie lange Zeit von Richter selbst behauptet, nur banale Anl\u00e4sse zum Malen, zur blo\u00df feingeistigen, letzlich aber weltfernen Auseinandersetzung mit Malgrund, Farben und Methoden des Farbauftrags waren. Ganz im Gegenteil, Richter habe Bilder aus Illustrierten wie Stern, Quick oder der Neuen Illustrierten, aber auch aus dem eigenen Familienalbum nicht nur als Malanlass, sondern als popul\u00e4re zeithistorische Quellen benutzt. Von Richter ausgew\u00e4hlt und malerisch bearbeitet, seien so aus Presse- und Privatbildern Historienbilder der Gegenwart entstanden. Warum hat Richter dann so lange jegliche inhaltliche und kontextbezogene Auslegung seiner Malerei abgestritten? &#8220;Ach, das war so eine Schutzbehauptung&#8221;, sagt er heute. &#8220;Es war die Zeit der sozialkritischen Werke, und damit wollte ich nichts zu tun haben und habe deshalb alle direkten Zeitbez\u00fcge abgestritten. Ich wollte nur meine Ruhe haben und mich nicht festlegen lassen, sondern meiner Sache nachgehen, rausfinden, was ich will.&#8221;<\/p>\n<p>Die Hamburger Schau sieht er als &#8220;Arbeitsausstellung&#8221; &#8211; nicht mehr und nicht weniger. Uwe M. Schneede ist es dank akribischer Recherche gelungen, Richters Bilder wieder in ihre urspr\u00fcnglichen inhaltlichen Kontexte einzuordnen. In Vitrinen pr\u00e4sentiert er aufgeschlagene Magazine und Fotovorlagen aus Richters &#8220;Atlas&#8221;. Schneede zeigt die von Richter ausgew\u00e4hlten Motive im Zusammenhang ihrer damaligen Ver\u00f6ffentlichung. Die rasenden Autos etwa entstammen einer etwas hausbackenen Anzeige f\u00fcr Sarotti-Schokolade, und im wei\u00dfen Sarg liegt das Opfer eines Heiratsschwindlers. Die Ausstellung ist extrem neutral gehalten: indirektes, tageslichtartiges Licht, keine Spots, fast keine Wandtexte. Der Betrachter darf und soll sich ganz auf die Bilder konzentrieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr das 2002 er\u00f6ffnete Bucerius Kunst Forum ist die Ausstellung eine Premiere: Das bisher auf Themenausstellungen von den Etruskern bis zur Klassischen Moderne spezialisierte Haus wendet sich der Gegenwart zu und zeigt mit Richter erstmals einen lebenden K\u00fcnstler.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter33.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/richter33.jpg\" alt=\"\" title=\"richter33\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6680\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation des Zyklus &#8220;18. Oktober 1977&#8221; im ersten Obergeschoss bildet einen ebenso schaurigen wie faszinierenden H\u00f6hepunkt der Schau. Isoliert von den anderen Bildern, wird hier unter fast aseptisch-klinischen Lichtverh\u00e4ltnissen die Erinnerung an das Trauma der Stammheimer Selbstmorde wachgerufen. Nachdem er sich ab Ende der 1960er ganz seinen Farbfeldern und abstrakten Bildern verschrieben hatte, kehrte Richter hier noch einmal zu seiner fr\u00fchen Verwischungstechnik zur\u00fcck. Der gro\u00dfe Experimentator und Erneuerer der Malerei wird sp\u00e4testens mit diesen Bildern auch als Epochen- und Historienmaler wahrgenommen. Dass er das aber auch in den 1960er Jahren schon war, beweist diese au\u00dferordentlich sorgf\u00e4ltig recherchierte und ebenso pr\u00e4zise wie behutsam eingerichtete Hamburger Ausstellung.<\/p>\n<p><strong>Auf einen Blick:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche<\/li>\n<li>Ort: Bucerius Kunst Forum, Hamburg<\/li>\n<li>Zeit: 5.2.-15.5.2011. T\u00e4glich 11-19 Uhr. Donnerstag 11-21 Uhr.<\/li>\n<li>Katalog: Hirmer Verlag, 216 S., 24,80 Euro (Museum)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.buceriuskunstforum.de\/h\/index.php\">Internet<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Richter: &#8220;Sekret\u00e4rin&#8221;, 1964. Sammlung zeitgen\u00f6ssischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Gerhard Richter: &#8220;Motorboot&#8221;, 1965. Privatsammlung des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Gerhard Richter w\u00e4hrend der Arbeit am Zyklus &#8220;18. Oktober 1977&#8221;, 1988.<br \/>\nFoto: Timm Rautert.<\/p>\n<p><em>Alle Fotos: Copyright Gerhard Richter, K\u00f6ln 2011.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Gerhard Richter. Bilder einer Epoche&#8221; im Bucerius Kunst Forum in Hamburg Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Zwei Autos, die auf einer Landstra\u00dfe so schnell aneinander vorbeirasen, dass ihre wei\u00dfen Konturen fast wie UFOs wirken. 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