{"id":6731,"date":"2011-03-24T12:03:55","date_gmt":"2011-03-24T15:03:55","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=6731"},"modified":"2011-03-24T12:23:00","modified_gmt":"2011-03-24T15:23:00","slug":"videlas-schnurrbart-im-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/03\/24\/videlas-schnurrbart-im-museum\/","title":{"rendered":"Videlas Schnurrbart im Museum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ausstellung &#8220;Radical Shift&#8221; zeigt in Schloss Morsbroich politische und soziale Umbr\u00fcche in der Kunst Argentiniens<\/p>\n<p><em>Von David Schneider<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Radical-Shift-Bild-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Radical-Shift-Bild-1.jpg\" alt=\"\" title=\"Radical Shift Bild 1\" width=\"250\" height=\"246\" class=\"alignleft size-full wp-image-6733\" \/><\/a>Der Rhein, Schornsteine, Silos, K\u00fchlt\u00fcrme und kilometerlange Rohre pr\u00e4gen das Stadtbild von Leverkusen. Bayer ist nahezu allgegenw\u00e4rtig. Der ortsans\u00e4ssige Fu\u00dfballclub bezeichnet sich wie selbstverst\u00e4ndlich als &#8220;Die Werkself&#8221;. Und auch die bekannten Jazztage werden zumindest teilweise vom Chemieriesen unterst\u00fctzt. Sie sind das eine kulturelle Aush\u00e4ngeschild der 161.000-Einwohner-Stadt. Das andere, ein h\u00fcbsches Barock-Schl\u00f6sschen passt eigentlich gar nicht richtig hierher. Etwas au\u00dferhalb der Stadt, umgeben von einem englischen Garten, beherbergt Schloss Morsbroich eine der wichtigen zeitgen\u00f6ssischen Kunstsammlungen in Deutschland. Im Jahr 2009 wurde es sogar zum deutschen Museum des Jahres gew\u00e4hlt. &#8220;Aufgrund des vorbildlichen Br\u00fcckenschlages zwischen der eigenen Sammlung und dem Ausstellungsprogramm&#8221;, lautet die Begr\u00fcndung. Heute wie im Auszeichnungsjahr zeigt eine Wechselausstellung zeitgen\u00f6ssische Kunst aus S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Unter dem Titel &#8220;Radical Shift &#8211; Politische und soziale Umbr\u00fcche in der Kunst Argentiniens seit den 60er Jahren&#8221; pr\u00e4sentiert das Museum noch bis zum 22. Mai Werke von Oscar Bony, Le\u00f3n Ferrari, Alberto Heredia, Guillermo Kuitca, Victor Grippo und anderen. Abgesehen von einer Ausnahme sind alle Arbeiten der insgesamt 14 argentinischen K\u00fcnstler zum ersten Mal in Europa zu sehen.<!--more--><\/p>\n<p>&#8220;Ziel der Ausstellung ist es zun\u00e4chst, argentinische Kunst in Deutschland bekannt zu machen. Dar\u00fcber hinaus geht es darum zu zeigen, wie die dortigen sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse k\u00fcnstlerische Entwicklungen beeinflusst haben&#8221;, erkl\u00e4rt Kuratorin Heike van den Valentyn. Um die verschiedenen K\u00fcnstlergenerationen und ihre Bildsprachen miteinander in Bezug zu setzen, verzichtet &#8220;Radical Shift&#8221; auf eine chronologische Pr\u00e4sentation.<\/p>\n<p>&#8220;Wir sind ganz stark der Meinung, dass wir die Kunst aus sich heraus wirken lassen m\u00fcssen und nicht zugekleistert mit erkl\u00e4renden Texten&#8221;, er\u00f6rtert Museumsdirektor Markus Heinzelmann das dramaturgische Prinzip. Aber so ganz ohne Hintergrundinformationen zur argentinischen (Kunst-)Geschichte kommt &#8220;Radical Shift&#8221; dann doch nicht aus. Am Museumseingang erhalten Besucher einen doppelseitig bedruckten DIN-A3-Handzettel. Er verhindert, dass sich der Durchschnittsbesucher in den gezeigten Werken und der recht vertrackten neueren Geschichte Argentiniens verliert. Denn welcher deutsche Kunstfreund wei\u00df schon so mir nichts dir nichts, dass das Foto &#8220;Arbeiterfamilie&#8221; von Oscar Bony w\u00e4hrend der politischen und wirtschaftlichen Orientierungslosigkeit nach Per\u00f3ns erster Amtszeit entstand?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Radical-Shift-Bild-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/Radical-Shift-Bild-2.jpg\" alt=\"\" title=\"Radical Shift Bild 2\" width=\"250\" height=\"277\" class=\"alignleft size-full wp-image-6734\" \/><\/a>1968 stellt Bony die Familie Rodr\u00edguez im Instituto Di Tella auf ein Podest. Ihr Ern\u00e4hrer Luis Ricardo, von Beruf Formenbauer, erh\u00e4lt von Bony f\u00fcr die Dauer der Ausstellung das Doppelte seines normalen Arbeitslohns. Eine Provokation. Und bereits kurz nach ihrer Er\u00f6ffnung wird die Ausstellung von Polizisten geschlossen. Der Grund sind Ongan\u00eda-kritische Kritzeleien auf einem Exponat. Kurzerhand bef\u00f6rdern alle ausstellenden K\u00fcnstler ihre Kunstwerke auf die Calle Florida, um sie dort \u00f6ffentlich zu zerst\u00f6ren. &#8220;Diese Protestaktion gegen die vordringende Zensur kann man als Wendepunkt in der argentinischen Kunst bezeichnen&#8221;, kommentiert Heike van den Valentyn. &#8220;Anschlie\u00dfend ist eine Radikalisierung und Politisierung der Kunstszene zu beobachten.&#8221;<\/p>\n<p>Zugleich ist die Polizeiaktion eine Ank\u00fcndigung der ideologischen S\u00e4uberungen, die ab 1976 w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur durchgef\u00fchrt werden. Zu den K\u00fcnstlern, die ihre Arbeit trotz Staatsterror fortsetzen, z\u00e4hlt Norberto G\u00f3mez. Eindeutig nehmen seine in Leverkusen ausgestellten Kunstharzskulpturen &#8220;Gerippe&#8221; und &#8220;Der Erh\u00e4ngte&#8221; (1979) Bezug auf die Foltermethoden des Regimes. Staatliche Gr\u00e4ueltaten thematisiert auch das Werk &#8220;Warten auf die Barbaren&#8221; von Graciela Sacco aus dem Jahre 1996. In einem kleinen Raum sind Drucke von menschlichen Augenpaaren hinter d\u00fcnnen Holzleisten angeordnet. Beim Betrachter entsteht so der Eindruck, er werde angestarrt &#8211; von ver\u00e4ngstigten Menschen, verpackt in Kisten, fertig zum Abtransport.<\/p>\n<p>&#8220;Die Auswirkungen der Diktatur sind auch in vielen j\u00fcngeren Arbeiten pr\u00e4sent. Zum Teil eher indirekt. Zum Teil sehr direkt&#8221;, erl\u00e4utert Heike van den Valentyn eines der Kennzeichen argentinischer Gegenwartskunst. So greift die 1971 geborene Gabriela Golder mit ihrer Videoinstallation &#8220;Im Gedenken an die V\u00f6gel&#8221; (2000) jene perfide Ermordungspraxis auf, bei der Regimegegner \u00fcber dem R\u00edo de la Plata aus Flugzeugen geworfen wurden.<\/p>\n<p>Wie empfindlich sich das Trauma Diktatur auch heute noch auf die argentinische Kunst auswirkt, hat Heike Valentyn unmittelbar im Vorfeld der Ausstellung erlebt: &#8220;Urspr\u00fcnglich wollten wir Fabi\u00e1n Marcaccios \u2018Reduccionismo\u2019 auf das Cover des Kataloges bringen. Die Probedrucke waren schon fertig. Doch die K\u00fcnstler waren entsetzt. Denn die Arbeit basiert auf einem Portr\u00e4t von Jorge Videla. Und den wollten sie nicht unkommentiert und sozusagen dekorativ auf dem Cover abgebildet sehen.&#8221; Dabei geht Marcaccio keinesfalls unkritisch oder zweideutig mit dem General um. Mittels vierer Abbildungen zoomt er in das Gesicht des Diktators. Jedes Mal verfremdet er dessen Schnurrbart nahezu unmerklich ein wenig mehr. Bild f\u00fcr Bild entwickelt sich der Oberlippenbart so zu einem schwarzen Balken, der f\u00fcr Sprachlosigkeit, Redeverbot und Zensur steht.<\/p>\n<p>Ein kurioser Zufall ist, dass die Ausstellung ausgerechnet im Fr\u00fchjahr und damit auch am 24. M\u00e4rz, dem 35. Jahrestag des Milit\u00e4rputsches stattfindet. Mit Blick auf das offenbar zurzeit noch zur\u00fcckhaltende Publikumsinteresse, k\u00f6nnte sich dieser Termin als Gl\u00fccksfall erweisen. Ebenso wie die Art Cologne. Auf der Kunstmesse vom 13. bis zum 17. April werden auch drei argentinische Galerien vertreten sein. Nur ein paar Kilometer rheinaufw\u00e4rts, in K\u00f6ln. In Sichtweite des Doms.<\/p>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><br \/>\nEin Diktator ist kein Coverboy. Der Ausstellungskatalog wurde deshalb neu gedruckt.<\/p>\n<p>Subversive Arbeiterfamilie. Nach der Schlie\u00dfung ihrer Ausstellung im Instituto Di Tella 1968 zerst\u00f6rten die K\u00fcnstler \u00f6ffentlich ihre Arbeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8220;Radical Shift&#8221; zeigt in Schloss Morsbroich politische und soziale Umbr\u00fcche in der Kunst Argentiniens Von David Schneider Der Rhein, Schornsteine, Silos, K\u00fchlt\u00fcrme und kilometerlange Rohre pr\u00e4gen das Stadtbild von Leverkusen. Bayer ist nahezu allgegenw\u00e4rtig. Der ortsans\u00e4ssige Fu\u00dfballclub bezeichnet sich wie selbstverst\u00e4ndlich als &#8220;Die Werkself&#8221;. 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