{"id":7509,"date":"2011-06-08T06:40:00","date_gmt":"2011-06-08T09:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=7509"},"modified":"2011-06-09T12:43:32","modified_gmt":"2011-06-09T15:43:32","slug":"und-laut-rauscht-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/06\/08\/und-laut-rauscht-das-leben\/","title":{"rendered":"Und laut rauscht das Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kritische \u00dcberlegungen zu Claudio Tolcachirs Theaterproduktion \u201cEl viento en un viol\u00edn\u201d<\/p>\n<p><em>Von Karlotta Bahnsen<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/violin11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/violin11.jpg\" alt=\"\" title=\"violin11\" width=\"250\" height=\"141\" class=\"alignleft size-full wp-image-7510\" \/><\/a>Ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch, zwei alleinerziehende M\u00fctter, die sich nichts sehnlicher w\u00fcnschen als das Gl\u00fcck ihrer bereits erwachsenen Kinder, ein unzufriedener, noch bei der Mutter lebender Sohn. Die Familienbande in Claudio Tolcachirs \u201cEl viento en un viol\u00edn\u201d sind alles andere als traditionell.<\/p>\n<p>Zwischen etwas abgeranztem Mobiliar entsteht hier eine Patchworkfamilie der besonderen Art. Der Sohn aus gutem Hause, der mit therapeutischer Hilfe und ordentlich Mutterliebe endlich seine Desorientierung im Leben \u00fcberwinden soll, wird zum Vater des Wunschkindes zweier junger Frauen auserkoren, die genau wissen, was sie zum Gl\u00fcck brauchen: einen Mann jedenfalls nicht. Pl\u00f6tzlich will aber der werdende Vater auch teilhaben am Familiengl\u00fcck, und au\u00dferdem: W\u00fcrde das Kind nicht viel besser in seiner Familie heranwachsen, mit geregeltem Einkommen und Alltag? Alle wollen schlie\u00dflich nur das Beste f\u00fcr das Kind, verstecken sich hinter ihm, um eigene Interessen durchzusetzen. Wie das Leben eben so spielt.<!--more--><\/p>\n<p>Die Figuren in Tolcachirs St\u00fccken suchen ihr Gl\u00fcck, jeder f\u00fcr sich in ambivalenten Zwangsgemeinschaften von Abh\u00e4ngigkeiten, die den Mittelpunkt ihres Lebens formen. Das Geflecht ihrer Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche und die Schwierigkeiten, diese umzusetzen, bilden das dramaturgische Fundament des St\u00fcckes.<\/p>\n<p>Durch pr\u00e4zise Beobachtungen hat der Autor und Regisseur eine humorvolle und leichte Art gefunden, die Grenzen von Sprache darzustellen, die in diesem Falle zwischen den Generationen bestehen. Die M\u00fctter wollen immer nur das Beste f\u00fcr ihre Kinder, was aber, wenn die Kinder etwas anderes wollen oder einfach nicht zufrieden sind? Sie finden keine Worte f\u00fcr das, was im Leben ihrer Spr\u00f6sslinge geschieht, bezahlen stattdessen den Therapeuten oder kochen zur Beruhigung erstmal etwas. Geschickt wird die Wahrheit umgangen, hinter Alltagsgeb\u00e4rden verborgen und sich vor der Haush\u00e4lterin gerechtfertigt. Man will das Handeln von Tolcachirs Figuren nicht bewerten, versteht man doch nur zu gut ihre Motive.<\/p>\n<p>Claudio Tolcachir entwirft ein ungew\u00f6hnliches und doch lebensnahes Beziehungsgeflecht mit blitzschnellen Wortgefechten, das in feinster argentinischer Mundart und in rasanten Dialogen mit nicht minderer Situationskomik von der Schwierigkeit erz\u00e4hlt, Situationen zu erfassen, die nicht in unser Muster vom Gl\u00fcck passen. Langweilig wird es nicht in diesem St\u00fcck, man wird unterhalten, man lacht \u00fcber und mit den Figuren. Doch was ist jetzt mit der Wahrheit, die vermeintlich unter der Oberfl\u00e4che brodelt, was mit den Konflikten der Figuren? Wo sind die Br\u00fcche, die dramaturgischen Kniffe, die Tiefen der Charaktere, wo ihre innere Entwicklung? Wann erklingt endlich wieder die Violine, die sich im Titel des St\u00fccks sowie zu seinem Beginn so vielversprechend ank\u00fcndigt?<\/p>\n<p>\u201cEl viento en un viol\u00edn\u201d ist eine internationale Co-Produktion mit Tolcachirs Theater Timbre 4 aus Buenos Aires, welches dieses Jahr zum internationalen Festival f\u00fcr darstellende Kunst \u201cFestival de Oto\u00f1o en Primavera\u201d in Madrid eingeladen wurde. Timbre 4 hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Prinzip der Telenovela f\u00fcr die B\u00fchne zu adaptieren. Leider bleibt daher vieles an der Oberfl\u00e4che h\u00e4ngen, wirkt zu glatt und pl\u00e4tschert als humorvolle, geradlinige Unterhaltung dahin. Es gibt wenige poetische, leise Momente in dem St\u00fcck, die wie Inseln wirken und die rauschende Hektik der Aktion wohltuend unterbrechen. Wenn zum Beispiel die Haush\u00e4lterin Dora beim Nudelteig kneten anf\u00e4ngt zu singen, oder der Therapeut resigniert versucht, seinen Anrufbeantworter neu zu besprechen. In diesen Momenten schaffen die Figuren kurzfristig den Ausbruch aus ihrem Beziehungskn\u00e4uel, sind mit sich und in Ruhe, bis sie wieder unterbrochen werden vom lauten Leben.<\/p>\n<p>Gerade durch den Kontrast zur vorherigen Rasanz erreichen aber diese Momente ihre Sch\u00f6nheit und Wahrhaftigkeit. Man verl\u00e4sst das Theater gut gelaunt und mit Lust auf mehr von dieser Art des wirklichkeitsnahen Theaters, welches das Gewicht der theatralen Tradition mitsamt bedeutungsschwangerer Schwere ablegt. Ein angemessener Schritt auf der Suche nach zeitgem\u00e4\u00dfen Theaterformen, bei dem jedoch das Potenzial des Theaters zur Erzeugung einer eigenen Welt, die nicht Abbild der Realit\u00e4t ist, nicht zu kurz kommen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische \u00dcberlegungen zu Claudio Tolcachirs Theaterproduktion \u201cEl viento en un viol\u00edn\u201d Von Karlotta Bahnsen Ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch, zwei alleinerziehende M\u00fctter, die sich nichts sehnlicher w\u00fcnschen als das Gl\u00fcck ihrer bereits erwachsenen Kinder, ein unzufriedener, noch bei der Mutter lebender Sohn. 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