{"id":7654,"date":"2011-06-25T15:00:50","date_gmt":"2011-06-25T18:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=7654"},"modified":"2011-07-03T16:44:03","modified_gmt":"2011-07-03T19:44:03","slug":"fast-so-weit-weg-wie-utopia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/06\/25\/fast-so-weit-weg-wie-utopia\/","title":{"rendered":"Fast so weit weg wie Utopia"},"content":{"rendered":"<p><strong>Transparentien<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/transparenz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/transparenz.jpg\" alt=\"\" title=\"transparenz\" width=\"250\" height=\"70\" class=\"alignleft size-full wp-image-7657\" \/><\/a>Dieses Land erreicht man, wenn man von Korruptia \u00fcber Normalien hinaus f\u00e4hrt. Es liegt kurz vor Utopia, welches bekanntlich am \u00e4u\u00dfersten Rand der Weltscheibe gelegen ist. Das Besondere an Transparentien ist die sprichw\u00f6rtliche Wahrheitsliebe seiner Bewohner. Zudem besitzt es, dank seines hervorragenden Bildungssystems, einen ungew\u00f6hnlich hohen technischen Standard. Insbesondere auf dem Gebiet elektronischer Systeme haben seine Unternehmen Weltgeltung und die entsprechenden Anwendungen sind unter seinen aufgeschlossenen B\u00fcrgern von jeher mehr verbreitet als sonst irgendwo.<\/p>\n<p>Schon bei Geburt erh\u00e4lt jeder Transparentiner seine Kennnummer, die sp\u00e4ter auch seine Telefonnummer und die seines Bankkontos sein wird. Unter dieser Nummer ist er jederzeit identifiziert und ansprechbar. Ab Kindergarten besitzt er ein individuelles Handy, UniPod genannt, in welchem mit der Zeit weitere Funktionen zugeschaltet werden, die des Zahlens, Kassierens, W\u00e4hlens.<\/p>\n<p>Bis hierher w\u00e4re Transparentien nicht mehr als ein wohlhabendes, sympathisch modernes L\u00e4ndchen. Was es jedoch absolut einzigartig macht, ist etwas Anderes: Nicht das \u00fcppige Vorhandensein einer Materie, die in allen bewohnten Teilen der Welt wie keine andere gesch\u00e4tzt wird, sondern just deren Abwesenheit: des Bargeldes.<!--more--><\/p>\n<p>Bargeld ist nicht verboten in Transparentien, aber es ist nutzlos. Kein Laden, kein Kiosk besitzt dort eine Kasse, nicht einmal die Banken. Alle Zahlungsvorg\u00e4nge, selbst die allerkleinsten, werden per UniPod abgewickelt, der nur mit dem Fingerabdruck des Besitzers funktioniert. Die Gehalts- oder Renten- oder Sozialhilfeempf\u00e4nger (die es nat\u00fcrlich sogar in Transparentien gibt)  lassen ihren UniPod beim Arbeitgeber, der Rentenkasse, dem Sozialamt direkt oder eben bei einer von diesen beauftragten Bank aufladen wie eine Geldb\u00f6rse. Was sie nicht unmittelbar ben\u00f6tigen, wird auf das Bankkonto \u00fcbertragen, wie \u00fcberall sonst auf der Welt. Mit dem Rest erledigt man alle Zahlungen des t\u00e4glichen Lebens. Der UniPod kann mit jedem anderen UniPod ganz einfach verbunden werden, und da jede Person und jede Firma in Transparentien einen UniPod besitzt, sogar die Bettler, werden alle anderswo mit schmuddeligen Scheinen oder unhandlichen M\u00fcnzen gemachten Zahlungen schlicht mit einem elektronischen Klick geregelt. Keine schmutzigen Finger mehr, kein Falschgeld, kein ins Gully rollendes F\u00fcnfpenunzenst\u00fcck!<\/p>\n<p>Welch weitere Folgen die Abwesenheit von Bargeld hat, kann sich au\u00dferhalb Transparentiens aber kaum jemand vorstellen:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal spart sich das Land die Kosten f\u00fcr eine M\u00fcnzanstalt und die ganze komplizierte Logistik, die mit der Bargeldbewegung verbunden ist, Panzerwagen, Tresore, Kassen, Geldautomaten, Chauffeure, Bewacher, Geldz\u00e4hler. Das Finanzsystem ist deshalb wesentlich billiger, schneller und leistungsf\u00e4higer als sonstwo. Auch schlummern keine Milliardenbetr\u00e4ge nutzlos in Geldbeuteln, Sparschweinen, Schlie\u00dff\u00e4chern oder unter Matratzen. Alles Spargeld liegt bei den Banken und kommt somit der Wirtschaft zugute, die nicht auf ausl\u00e4ndische Kredite angewiesen ist und trotzdem beneidenswert floriert.<\/p>\n<p>Die Inflation ist unbekannt in jenem gebenedeiten Land. Da es keinen schwer zu sch\u00e4tzenden Bargeldumlauf gibt und die Statistiken jederzeit auf dem Laufenden sind, kann die Zentralbank die Geldmenge stets so quantifizieren, dass sie just zur Bezahlung der angebotenen G\u00fcter und Dienstleistungen ausreicht und keinen inflation\u00e4ren Nachfrage\u00fcberhang schafft.<\/p>\n<p>Den n\u00e4chsten Vorteil der Bargeldlosigkeit hat der Leser schon erkannt: Es gibt keine Wirtschaftskriminalit\u00e4t in Transparentien und die pers\u00f6nliche Sicherheit seiner B\u00fcrger ist beneidenswert. Bank\u00fcberf\u00e4lle sind ohnehin sinnlos und einen Passanten zu berauben ist wenig attraktiv, wenn die Beute h\u00f6chstens eine Uhr betragen kann! Denn der UniPod des Opfers k\u00f6nnte ja allenfalls dazu dienen, denjenigen des R\u00e4ubers aufzuladen, wodurch dieser jederzeit entdeckt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dies gilt nat\u00fcrlich nicht nur f\u00fcr Taschendiebe. Jede organisierte Kriminalit\u00e4t bedarf des Bargeldes. Wenn alle Geldbewegungen dokumentiert und f\u00fcr die Beh\u00f6rden einsehbar sind, muss die Mafia einpacken, an Geldw\u00e4sche ist nicht zu denken und auch der Drogenhandel macht einen weiten Bogen um Transparentien. Deshalb kommt das Land mit einem Bruchteil der Polizisten, Kriminalisten, Staatsanw\u00e4lte, Strafrichter und Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter aus, welche im Rest der Welt &#8211; meist vergeblich &#8211; versuchen, dem Unwesen Einhalt zu gebieten. Wo Transparenz herrscht, hat auch die Korruption das Nachsehen. Wer will schon Gefahr laufen, wegen einer jederzeit aufdeckbaren Schmiergeldzahlung Posten und Kragen zu riskieren?<\/p>\n<p>Oder wegen einer Steuerhinterziehung oder wegen Schwarzarbeit empfindliche Bu\u00dfgelder zu zahlen, gar ins Gef\u00e4ngnis zu kommen? Die perfekte Steuermoral erlaubt es Transparentien, die niedrigsten Steuern weit und breit zu erheben und seinen B\u00fcrgern trotzdem vorbildliche staatliche Leistungen zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen sind die Kostenersparnisse, die sich in Transparentiens privater und \u00f6ffentlicher Verwaltung durch die allgemeine Vernetzung ergeben. Da jederzeit einsehbar ist, wer welche Zahlung wann und wof\u00fcr geleistet hat, haben die Betriebe ihre internen Organisationen vereinfachen und die teure Revisionsarbeit erheblich verringern k\u00f6nnen. Private Steuererkl\u00e4rungen er\u00fcbrigen sich weitgehend, da die Beh\u00f6rde Ein- und Ausgaben aus dem Netz erf\u00e4hrt und beim B\u00fcrger nur in strittigen F\u00e4llen Zusatzinformation abfragt.  <\/p>\n<p>All diese sehr erheblichen materiellen Ergebnisse machen jedoch nur einen Teil des Vorteils der absoluten Transparenz aus. Wohl noch h\u00f6her ist deren Auswirkung auf die Denkweise der B\u00fcrger einzusch\u00e4tzen. Wo keiner unlautere Eink\u00fcnfte haben kann und alle ihrer Steuerpflicht nachkommen, entwickelt sich in der Gesellschaft ein Bewusstsein adequater allgemeiner Gerechtigkeit. In Transparentien gibt es kaum Sozialneid. Da die \u00f6ffentlichen Statistiken jederzeit aktuell, vollst\u00e4ndig und einsehbar, daher glaubhaft, sind, finden auch die politischen Auseinandersetzungen auf einer wesentlich sachlicheren Ebene als anderswo statt. Endlose Spiegelfechtereien sind selten, \u00f6ffentliche Vorw\u00fcrfe, Beschuldigungen, Anklagen und die daraus resultierenden Skandale absolute Ausnahmen. Auch im t\u00e4glichen Leben herrscht das Prinzip des &#8220;bona fide&#8221;. Jeder h\u00e4lt seinen N\u00e4chsten prinzipiell f\u00fcr ehrenhaft. Das entbindet die Gesellschaft von einer Unzahl vorsorglicher Sicherheitsma\u00dfnahmen, die andernorts das t\u00e4gliche Leben so komplizieren und vergiften. Die Abwesenheit von Bargeld scheint die Abwesenheit von Aggressivit\u00e4t nach sich gezogen zu haben. Man ist freundlich zueinander in Transparentien.<\/p>\n<p>Und die Intimsph\u00e4re, die Datensicherheit? Eine vom Kongress eingesetzte, von politisch unabh\u00e4ngigen Fachleuten besetzte Beh\u00f6rde gew\u00e4hrleistet, dass die pers\u00f6nlichen Daten nur von Berechtigten eingesehen werden k\u00f6nnen. In der Regel sind dies das Steueramt und, nach gerichtlicher Genehmigung, die Sicherheitskr\u00e4fte. <\/p>\n<p>\u00dcbrigens gibt es in Transparentien auch keine illegalen Einwanderer. Wie sollten die sich wohl den \u00fcberlebensnotwendigen UniPod beschaffen?<\/p>\n<p>Am Liebsten w\u00fcrde man gleich dorthin ziehen. Wenn das Land nicht so weit weg l\u00e4ge! Wie gesagt, es ist beinahe so entfernt wie Utopia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transparentien Von Friedbert W. 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