{"id":7661,"date":"2011-06-21T12:54:42","date_gmt":"2011-06-21T15:54:42","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=7661"},"modified":"2011-06-21T13:51:47","modified_gmt":"2011-06-21T16:51:47","slug":"es-liegt-an-dir-und-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/06\/21\/es-liegt-an-dir-und-mir\/","title":{"rendered":"Es liegt an dir und mir"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Aggressivit\u00e4t<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Es kann der Fr\u00f6mmste nicht in Frieden leben,<br \/>\nWenn es dem b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt.<br \/>\n(Friedrich Schiller)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/zusammenarbeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/zusammenarbeit.jpg\" alt=\"\" title=\"zusammenarbeit\" width=\"250\" height=\"114\" class=\"alignleft size-full wp-image-7664\" \/><\/a>Die sch\u00f6ne Rousseausche Idee, der Mensch sei edel, hilfreich und gut geboren und nur durch die Zivilisation verdorben, ist leider von der Wissenschaft unanfechtbar zu Grabe getragen. Wie alle Lebewesen von der Am\u00f6be bis zum Schimpansen hat die Evolution den Homo Sapiens mit ausreichend Aggressivit\u00e4t ausgestattet, um sich in seiner Umwelt durchzusetzen; seine Erfolge dort sind offensichtlich. Was seine innerartliche Aggression anbetrifft: Nachbarlicher Zwist und Krieg sind ein beinahe selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Lebens von Individuen und Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Alle Bem\u00fchungen von Religionsstiftern und Gesetzgebern, Aggressionen einzuschr\u00e4nken &#8211; &#8220;Du sollst nicht t\u00f6ten, nicht Deines Nachbarn Frau, Ochs, Esel begehren&#8221; etc. &#8211; hatten nur recht bescheidene Wirkung. Eigentlich hatten sie gar keine. In manchen Regionen f\u00e4hrt man fort, sich wie zu Kains Zeiten die Sch\u00e4del einzuschlagen. Und wo, wie innerhalb der Westlichen Welt, Handgreiflichkeiten tabuisiert sind, greift man sich mit Worten an sowie mit gesch\u00e4ftlichen Strategien, Taktiken, Kniffen, Fallen. Wenn an Schulen und Universit\u00e4ten noch gelehrt wird &#8211; es ist immer seltener so -, dass wirtschaftlicher (und politischer) Wettbewerb darin besteht, bessere, preiswertere Produkte und Vertriebswege (oder vern\u00fcnftigere L\u00f6sungen f\u00fcr gesellschaftliche Probleme) als die Konkurrenz zu erfinden, dann ist das reine Heuchelei. Zukunft hat in den Unternehmen (und politischen Parteien) in aller Regel nur, wer die Konkurrenz \u00fcbert\u00f6nt, austrickst, besticht, \u00fcbervorteilt, erdr\u00fcckt oder \u00fcbernimmt. Damit kein Zweifel dar\u00fcber bestehen kann, dass das Gesetz des Dschungels herrscht, wird von Bewerbern ausdr\u00fccklich Aggressivit\u00e4t verlangt.<\/p>\n<p>Im Kulturbetrieb ist es nicht viel anders. Ein K\u00fcnstler kann noch so kreativ, feinf\u00fchlig, handwerklich perfekt sein; wenn er um seine Erzeugnisse nicht mehr Rummel als die Konkurrenz macht, also nicht aggressiver als jene ist, wird er kaum beachtet.<!--more--><\/p>\n<p>Der einzige Bereich, in dem Aggressionen einigerma\u00dfen offen und ehrlich ausgetragen und bewertet werden, ist der Sport. \u00dcber den abgelutschten Spruch &#8220;Teilnahme ist alles&#8221; wird inzwischen schon im Kindergarten gelacht. Nicht von ungef\u00e4hr haben die wildesten Sportarten &#8211; Fu\u00dfball, Boxen, Rugby, Eishockey &#8211; die fanatischsten Anh\u00e4nger. Offenbar dient die \u00f6ffentliche Austragung von Aggressionen manchen Leuten dazu, die eigenen abzubauen, durch Geschrei im und nicht selten Keilerei nach dem Stadion.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen (und man tut das klammheimlich auch), dass man (also die \u00dcberlebenden der Menschheit) nicht so schlecht gefahren ist mit seiner Aggressivit\u00e4t. Schlie\u00dflich hat die Menschheit trotz aller Kriege, Unterdr\u00fcckung und sonstigem Drangsal beinahe den ganzen Globus urbar und fischbar gemacht und damit einen Wohlstand errungen, der im vergangenen halben Jahrhundert gro\u00dfe Teile der Westlichen Welt und nun auch zunehmend die restlichen Regionen erfreut.<\/p>\n<p>Bei genauerem Hinsehen jedoch ist dieser Fortschritt nicht unserer Aggressivit\u00e4t zu verdanken, sondern, ganz im Gegenteil, dem Wunsch nach friedlicher, wohlwollender und rationaler Zusammenarbeit. Ohne die Vereinten Nationen (die versuchen, f\u00fcr Waffenfrieden zu sorgen), die Welthandelsorganisation (die dasselbe beim Handelsfrieden versucht) und dem Weltw\u00e4hrungsfonds (der durch aggressive, dumme Finanzman\u00f6ver entstandene Sch\u00e4den zu reparieren versucht) w\u00e4re dieser Wohlstand nicht denkbar.<\/p>\n<p>Diese Organisationen verdanken ihr Entstehen und ihre &#8211; wenn auch sehr partielle und st\u00e4ndig bedrohte &#8211; Wirkung dem Einsatz vern\u00fcnftiger Politiker, welche die Betroffenheit der durch Katastrophen (Weltkriege, die Gro\u00dfe Depression, den \u00d6lpreisschock) ver\u00e4ngstigten Gesellschaften dazu bringen konnten, ihre Aggressivit\u00e4t zugunsten zukunfstr\u00e4chtiger Zusammenarbeit ein wenig einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise besitzen wir Menschen, \u00e4hnlich wie andere gesellige Wirbeltiere, auch Anlagen f\u00fcr den Gemeinsinn. Gemeinsinn ist die Ausdehnung der Verantwortungsbereitschaft \u00fcber den Kreis der Verwandten hinaus. Wir haben nicht nur genetisch Verbundene, mit denen wir (ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht) zum Schutz unserer eigenen Gene zusammenarbeiten m\u00fcssen; wir haben auch geistig Verbundene, mit deren Hilfe wir Ziele anstreben und erreichen k\u00f6nnen, die nicht nur deinen und meinen Interessen dienen, sondern denen der ganzen Menschheit. Hier ist nicht von Freunden die Rede. Freunde haben auch Affen, Hunde und Schweine. Die Rede ist von einem universalen Verbund rational denkender und handelnder Menschen. Die oben genannten internationalen Organisationen sind ein Ansatz daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Ein Ansatz aber, der st\u00e4ndig in Gefahr ist, zu versickern. Nationale, regionale und Wirtschaftsinteressen wirken unentwegt auf die Politik ein, um aggressionsmindernde Entwicklungen zu blockieren. Wachstumshemmend seien sie und ihre Bef\u00fcrworter werden als &#8220;Gutmenschen&#8221; l\u00e4cherlich gemacht. So kommt es, dass diktatorischen, aggressiven Regimen nur dann entschieden entgegengetreten wird, wenn diese nicht gute Handelspartner oder gar wichtige \u00d6llieferanten sind. Und im Sinne einer aggressiven Wachstumspolitik werden finanzielle Missst\u00e4nde, statt sie zu beseitigen, immer wieder in die Zukunft verschoben. Dass wir Menschen dabei sind, unsere Existenzgrundlage durch aggressive Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Reserven unseres Planeten und Dezimierung anderer Lebensformen stark zu gef\u00e4hrden, bezweifelt inzwischen kein seri\u00f6ser Wissenschaftler mehr. Dennoch scheinen wir nicht in der Lage zu sein, uns mit einer weniger expansiven, weniger aggressiven, also bescheideneren Lebensweise abzufinden.<\/p>\n<p>Wenn es etwas gibt, was uns Menschen von anderen Tieren unterscheidet, ist es die M\u00f6glichkeit, unsere angeborene Aggressivit\u00e4t zu kontrollieren. Das ist nicht Sache der Regierungen. Jeder Einzelne steht hier in der Verantwortung. Es f\u00e4ngt bei der Kindererziehung an. Solange wir darauf stolz sind, dass unser S\u00f6hnchen ein Draufg\u00e4nger ist &#8211; ein Macho, der alles unterkriegt, was ihm in die Quere kommt &#8211; und unsere Tochter eine coole Puppe oder Emanze &#8211; die sogar die Machos unterkriegt -, werden wir fortfahren, aggressive B\u00fcrger zu schaffen. Solange wir selbst es resigniert hinnehmen, dass die Aggressiven uns im t\u00e4glichen Leben beeintr\u00e4chtigen &#8211; durch flegelhaftes Benehmen, freches Vordr\u00e4ngen, l\u00fcgenhafte Werbung und andere Versprechungen, durch unerbetene Telefonanrufe oder \u00dcberschwemmung mit Flugbl\u00e4ttern, durch L\u00e4rm, Dreck, Wegnahme der Vorfahrt oder Parken auf Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberg\u00e4ngen, durch Besetzung von B\u00fcrgersteigen und Stra\u00dfen, sogar Schulen &#8211; solange werden wir keine Gesellschaften haben, die vern\u00fcnftige Politiker w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Es liegt an dir und mir, zu einer friedlicheren, nachhaltigeren Entwicklung beizutragen. Eine gute Richtlinie daf\u00fcr w\u00e4re ein Elftes Gebot (in Abwandlung des Paragraphen 1 der deutschen Stra\u00dfenverkehrsordnung):<\/p>\n<p>Jeder Mensch hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer gesch\u00e4digt, gef\u00e4hrdet oder mehr als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behindert oder bel\u00e4stigt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Aggressivit\u00e4t Von Friedbert W. B\u00f6hm Es kann der Fr\u00f6mmste nicht in Frieden leben, Wenn es dem b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt. (Friedrich Schiller) Die sch\u00f6ne Rousseausche Idee, der Mensch sei edel, hilfreich und gut geboren und nur durch die Zivilisation verdorben, ist leider von der Wissenschaft unanfechtbar zu Grabe getragen. 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