{"id":7927,"date":"2011-07-08T20:44:10","date_gmt":"2011-07-08T23:44:10","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=7927"},"modified":"2011-07-08T20:44:10","modified_gmt":"2011-07-08T23:44:10","slug":"ein-burotraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/07\/08\/ein-burotraum\/","title":{"rendered":"Ein B\u00fcrotraum"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8220;La isla desierta&#8221; von Roberto Arlt im Dunkeln, aufgef\u00fchrt von &#8220;Grupo Ojcuro&#8221;<\/p>\n<p><em>Von Anna Weber<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/laisladesierta1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/laisladesierta1.jpg\" alt=\"\" title=\"laisladesierta1\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"alignleft size-full wp-image-7930\" \/><\/a>Wir m\u00fcssten uns jedes Mal selbst verlieren. Statt zu passiven Sitzplatznummern, zu einem Teil des Theaterst\u00fccks werden. Mitf\u00fchlen, mitschreien, mitlachen, mitleben. Bis wir wieder in die Realit\u00e4t zur\u00fcckgeworfen werden, benommen zu klatschen beginnen und, w\u00e4hrend wir noch immer neben uns selbst stehen, das eigene Leben mit dem soeben Gelebten vergleichen.<\/p>\n<p>Aber wie bringt man den Zuschauer dazu mitzuleben, statt sich zur\u00fcckzulehnen und zu konsumieren? Das Ensemble &#8220;Grupo Ojcuro&#8221; hat eine verbl\u00fcffend einfache, aber wirkungsvolle Antwort gefunden: Man macht ganz einfach das Licht aus.<\/p>\n<p>Seit zehn Jahren f\u00fchrt &#8220;Grupo Ojcuro&#8221; das St\u00fcck &#8220;La isla desierta&#8221; von Roberto Arlt im Dunkeln auf und hat damit zahlreiche Preise gewonnen. Der Regisseur Jos\u00e9 Menchaca adaptierte das St\u00fcck des argentinischen Schriftstellers und begann mit blinden Schauspielern zusammenzuarbeiten, die meisten von ihnen ohne Schauspielerfahrung. Anschlie\u00dfend kamen sehende Schauspieler dazu, denen die Augen verbunden wurden. Und zuletzt wurde das Licht gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Im Dunkeln findet sich der Zuschauer in einem Gro\u00dfraumb\u00fcro wieder und h\u00f6rt, f\u00fchlt und riecht die Tr\u00e4ume einer Gruppe melancholischer B\u00fcroangestellter. &#8220;Es ist unm\u00f6glich hier zu arbeiten&#8221;, ruft der langj\u00e4hrige Angestelle Manuel pl\u00f6tzlich und unterbricht so die ewigen Schreibmaschinensalven. Wegen der Schiffe, erkl\u00e4rt er. Seit das B\u00fcro aus dem Untergeschoss ans Tageslicht verlegt wurde und man durch das gro\u00dfe B\u00fcrofenster die auslaufenden Schiffe betrachten kann, tr\u00e4umen die Angestellten, statt zu arbeiten.<\/p>\n<p>Fremde L\u00e4nder, nie Gelebtes, nie Gesehenes, ein Abenteuer, eine einsame Insel. Manuels Schrei gibt Anlass zu einem Kollektivtraum von einem Ort, wo es keine Richter, Buchhalter und Scheidungspapiere gibt. Stattdessen lebt man von Freiheit, Liebe und Magnoliensalat. Statt auf Schreibmaschinen h\u00e4mmern die Angestellten bald auf Buschtrommeln ein und verlieren sich in wilden T\u00e4nzen, bis der Traum schlie\u00dflich an der Realit\u00e4t zerplatzt.<\/p>\n<p>&#8220;La isla desierta&#8221; ist auch f\u00fcr den Zuschauer nicht anderes als eine Einladung, sich zu verlieren. F\u00fcr einmal ist da keine B\u00fchne, kein Zuschauerraum. Das Theater geschieht rundherum und mit dem Zuschauer. Ist der Schrei oder das Gel\u00e4chter in der Dunkelheit Teil des St\u00fccks oder die Reaktion dessen, der neben einem sitzt? Oder geh\u00f6rt sogar die Reaktion zum St\u00fcck? Aus dem Nichts wird man \u00fcberflutet und mitgerissen, bis es egal ist, wer da lacht, wer da schreit. Am Ende leben alle denselben Traum.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht schwer, sich in &#8220;La isla desierta&#8221; zu vergessen. Das St\u00fcck ist leicht, man lacht. Keine schwerf\u00e4llige Kritik an dieser Gesellschaft, die ihre Angestellten in B\u00fcros sperrt, die vor unerf\u00fcllten Tr\u00e4umen platzen. Doch wenn man am Ende neben sich und all den anderen im Dunkeln steht und zu klatschen beginnt, da sieht man trotzdem pl\u00f6tzlich das eigene B\u00fcrofenster vor sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;La isla desierta&#8221; von Roberto Arlt im Dunkeln, aufgef\u00fchrt von &#8220;Grupo Ojcuro&#8221; Von Anna Weber Wir m\u00fcssten uns jedes Mal selbst verlieren. Statt zu passiven Sitzplatznummern, zu einem Teil des Theaterst\u00fccks werden. Mitf\u00fchlen, mitschreien, mitlachen, mitleben. 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