{"id":8083,"date":"2011-07-30T14:52:26","date_gmt":"2011-07-30T17:52:26","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=8083"},"modified":"2011-07-30T14:52:26","modified_gmt":"2011-07-30T17:52:26","slug":"nah-dran-und-in-farbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/07\/30\/nah-dran-und-in-farbe\/","title":{"rendered":"Nah dran und in Farbe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Essener Museum Folkwang zeigt eine gro\u00dfe \u00dcbersichtsschau des New Yorker Fotografen Joel Sternfeld<\/p>\n<p><em>Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto11.jpg\" alt=\"\" title=\"foto11\" width=\"250\" height=\"171\" class=\"alignleft size-full wp-image-8124\" \/><\/a>Joel Sternfeld ist ein sympathischer und erz\u00e4hlfreudiger Mensch. Doch in einem Punkt versteht der New Yorker Fotograf absolut keinen Spa\u00df. Niemand darf ihn fotografieren. &#8220;Ein guter Fotograf muss versuchen, unsichtbar zu bleiben. Wie eine Fliege auf der Wand&#8221;, sagt er und verbittet sich jegliches Portr\u00e4t. Sternfelds Werk wird jetzt in einer gro\u00dfen \u00dcbersichtsschau im Essener Museum Folkwang  gezeigt. 130 seit 1970 entstandene Farbfotografien sind zu sehen. Einen Schwerpunkt mit 60 Aufnahmen bildet sein bisher unver\u00f6ffentlichtes Fr\u00fchwerk aus den Jahren zwischen 1970 und 1980. Es ist Joel Sternfelds erste gro\u00dfe Einzelausstellung in Europa.<\/p>\n<p>Eigentlich erstaunlich, denn seine Fotografien des amerikanischen Alltags, von Menschen auf der Stra\u00dfe und unheroischen Landschaften wurden bereits in allen gro\u00dfen amerikanischen Museen gezeigt. Seine anspruchsvollen Buchprojekte werden auch in Deutschland mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Ute Eskildsen, seit 1979 Kuratorin f\u00fcr Fotografie am Museum Folkwang, zeigt den 1944 geborenen Joel Sternfeld nun in der letzten gro\u00dfen Einzelpr\u00e4sentation vor ihrer Pensionierung. Mit Sternfelds Werk ist sie seit langem bestens vertraut: &#8220;Es geht bei ihm immer um den Menschen, auch wenn er auf den Bildern nicht immer zu sehen ist.&#8221;<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto55.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto55.jpg\" alt=\"\" title=\"foto55\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-8119\" \/><\/a>Den Sommer 1975 verbrachte der damals 31-j\u00e4hrige Sternfeld im Ferienort Nags Head in North Carolina. Im darauffolgenden Herbst stand ihm eine komplizierte Wirbels\u00e4ulenoperation bevor. Sollte sie schiefgehen, so hatten ihm die \u00c4rzte gesagt, w\u00e4re er vom Hals an gel\u00e4hmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Sternfeld entschied sich also, sich mit der Kamera dort ins volle Leben zu st\u00fcrzen, wo es scheinbar am unbeschwertesten war. Mitten im Sommer begab er sich an die Atlantikk\u00fcste. Er kam bei einem befreundeten Surfer unter und fotografierte Menschen beim Sonnenbad, das abendliche Treiben in den Bars, junge gebr\u00e4unte Paare am Strand, aber auch alte, vom Leben gezeichnete Sonnenanbeter mit verbranntem R\u00fccken. Nags Head scheint wahrlich kein Luxusressort zu sein. Auf Sternfelds Fotografien sieht man marode Strandh\u00fctten, einfache Fastfood-Lokale und dazwischen immer wieder Menschen beim Versuch, der Melancholie des kurzen Sommers Augenblicke des bescheidenen Gl\u00fccks abzutrotzen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto44.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto44.jpg\" alt=\"\" title=\"foto44\" width=\"250\" height=\"200\" class=\"alignleft size-full wp-image-8120\" \/><\/a>Die Operation verlief letzten Endes komplikationslos. Und so konnte Sternfeld, dem gleich zweimal hintereinander ein gro\u00dfz\u00fcgiges Guggenheim-Stipendium zuerkannt wurde, seine fotografischen Recherchen in seinem Heimatland fortsetzen. Von seinem ersten richtigen Geld kaufte er sich einen VW-Bus und machte sich auf, den Seelenzustand eines Landes zu erkunden, das 1976 in einer Art verordnetem nationalem Rausch das 200. Jubil\u00e4um seiner Unabh\u00e4ngigkeit feierte. Den offiziellen Bildern von Glamour, Patriotismus und Pathos setzte Sternfeld Aufnahmen des ganz normalen amerikanischen Alltags entgegen. Passanten in der Rush Hour: Ein Mann kauft sich rasch noch ein Sixpack Bier f\u00fcr den Feierabend. Ein Anwalt holt einen Anzug aus der Reinigung.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig benutzt Sternfeld ein stroboskopartiges Blitzlicht. Das Ergebnis sind ungesch\u00f6nte, oft extrem ausschnitthafte Aufnahmen, die die Menschen zeigen, wie sie wirklich sind &#8211; mit Pickeln, Sorgenfalten und manchmal auch fettigen Haaren.<br \/>\nSternfeld ist kein Hohepriester des auratischen Einzelbildes. Er arbeitet stets in Serien. &#8220;Mich interessieren nicht einzelne W\u00f6rter, sondern ganze Geschichten&#8221;, sagt er. In seiner Serie &#8220;On This Site&#8221; etwa hielt er auf den ersten Blick vollkommen unspektakul\u00e4r wirkende Orte und Landschaften fest. Auf beigef\u00fcgten Texttafeln erf\u00e4hrt der Betrachter, dass es sich um Tatorte von Kapitalverbrechen handelt.<\/p>\n<p>In &#8220;American Prospects&#8221; entwirft Sternfeld auf gro\u00dfformatigen Panorama-Aufnahmen ein fast an Hollywood-Einstellungen erinnerndes Bild amerikanischer Wirklichkeiten. Beil\u00e4ufiges und Dramatisches, Komik und Tragik r\u00fcckt Sternfeld eng aneinander. So sucht sich auf der Aufnahme &#8220;McLean, Virginia, December 1978&#8221; ein Feuerwehrmann in orangefarbener Jacke in aller Ruhe an einem K\u00fcrbisstand einen Halloweenk\u00fcrbis aus, w\u00e4hrend seine Kollegen im Hintergrund vergeblich versuchen, ein lichterloh brennendes Haus zu l\u00f6schen. Gleich dreimal taucht die Farbe Orange auf dieser Aufnahme auf. Bei aller Inhaltlichkeit, bei allem gesellschaftlichen Skeptizismus: Sternfeld ist immer auch ein Meister der formal spannenden Bildkonstruktion. Sein dezidierter Einsatz von Farbe lenkt den Betrachterblick nicht ab &#8211; er treibt ihn an.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto33.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto33.jpg\" alt=\"\" title=\"foto33\" width=\"500\" height=\"400\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8121\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto33.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/foto33-300x240.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Farbfotografie in der Kunst &#8211; heute ist das eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Als Joel Sternfeld aber in den fr\u00fchen siebziger Jahren damit anfing, stellte der k\u00fcnstlerische Gebrauch von Farbfilm noch einen enormen Tabubruch dar. Nur einige andere Fotografen wie William Eggleston, Helen Levitt oder Stephen Shore hatten ihn zuvor gewagt. Sternfeld, der seriell arbeitende Farb-Virtuose mit dem Hang zur psychosozialen Erforschung amerikanischer Befindlichkeiten, hat sich in diesem Umfeld seinen ganz eigenen Weg gebahnt. Im Museum Folkwang kann man das Werk dieses einflussreichen Pioniers der unaufgeregt-analytischen Farbfotografie jetzt in all seiner Tiefe entdecken.<\/p>\n<p><strong>Auf einen Blick:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ausstellung: Joel Sternfeld &#8211; Farbfotografien seit 1970<\/li>\n<li>Ort: Museum Folkwang, Essen<\/li>\n<li>Zeit: 16. Juli -23. Oktober 2011<\/li>\n<li>Katalog: Steidl Verlag, 326 S., 48 Euro<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.museum-folkwang.de\/\">Internet<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Washington D.C., 1974<\/li>\n<li>&#8220;Mel McCombe&#8221;, Nags Head, NC, 1975<\/li>\n<li>&#8220;The Space Shuttle Columbia Lands at Kelly Lackland Air Force Base&#8221;, San Antonio, Texas, 1979. Aus der Serie &#8220;American Prospects&#8221;<\/li>\n<li>&#8220;McLean&#8221;, Virginia, 1978. Aus der Serie &#8220;American Prospects&#8221;<\/li>\n<li>Copyright: Joel Sternfeld und Luhring Augustine, New York, 2011<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Essener Museum Folkwang zeigt eine gro\u00dfe \u00dcbersichtsschau des New Yorker Fotografen Joel Sternfeld Von Nicole B\u00fcsing und Heiko Klaas Joel Sternfeld ist ein sympathischer und erz\u00e4hlfreudiger Mensch. Doch in einem Punkt versteht der New Yorker Fotograf absolut keinen Spa\u00df. 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