{"id":87,"date":"2005-06-05T18:57:00","date_gmt":"2005-06-05T21:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2005\/06\/05\/vergangenheitsbewaltigung-heute\/"},"modified":"2006-08-12T23:29:51","modified_gmt":"2006-08-13T02:29:51","slug":"vergangenheitsbewaltigung-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2005\/06\/05\/vergangenheitsbewaltigung-heute\/","title":{"rendered":"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung &#8211; heute (2002)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die K\u00fcnstlerin <a href=\"http:\/\/www.silvina-der-meguerditchian.de\/\">Silvina Der-Meguerditchian<\/a> arbeitet \u00fcber den Genozid am armenischen Volk und ihre eigene Geschichte<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Von Susanne Franz<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/granat.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Der Granatapfel als Symbol der armenischen Identit\u00e4t.<\/em><\/p>\n<p>In einem Seminar \u00fcber die armenische Identit\u00e4t, das die 1967 in Argentinien geborene armenischst\u00e4mmige K\u00fcnstlerin Silvina Der-Meguerditchian in Berlin besucht, wo sie seit 14 Jahren lebt, hat ein Satz von Krikor Beledian sie besonders ber\u00fchrt: \u201eDie nationale Katastrophe hat offensichtlich die \u00dcbermittlung von Lebensregeln unm\u00f6glich gemacht. (&#8230;) Unter dieser Voraussetzung wird die Identit\u00e4t gleich einer \u201eleeren Identit\u00e4t&#8221;, strukturlos, fragmentarisch, zerstreut.&#8221;<\/p>\n<table align=left>\n<tr>\n<td align=center>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/flucht2.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>\u201eFlucht&#8221;.<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Die Fragmentierung der Identit\u00e4t ist eines der zentralen Themen im Werk Silvina Der-Meguerditchians &#8211; und die Fragmentierung der Erinnerung.<\/p>\n<p>Mit Fragmenten begann sie im Jahr 2001 zu arbeiten, mit Fotos und Dokumenten der Flucht ihrer armenischen Gro\u00dfeltem, \u00dcberlebende des Massakers, bei dem im Jahr 1915 eineinhalb Millionen Armenier von den T\u00fcrken in einem beispiellosen Blutbad abgeschlachtet und ausgerottet wurden. W\u00e4hrend die Ost-Armenier auf russischem Gebiet sich unter den Schutz des russischen Staates begeben hatten, wurden die West-Armenier ermordet oder vertrieben, um dann, in aller Welt verstreut, in der Diaspora zu leben. Die Gro\u00dfeltern flohen erst nach Paris, dann, aus Angst vor einem zweiten Weltkrieg, nach Argentinien.<\/p>\n<p>Bilder des Massakers, W\u00f6rterbuchausschnitte, geschriebene Worte wie \u201eWut&#8221; und \u201eAngst&#8221;, die in Kontrast treten mit wundersch\u00f6nen Symbolen der armenischen Kultur, oder Zeichnungen hat Silvina Der-Meguerditchian eingescannt und auf Folien projiziert, um diese dann durch geh\u00e4kelte Wollstreifen locker miteinander zu verbinden und zu Teppichen zu vereinen.  Diese von der Decke herabh\u00e4ngenden luftigen Erinnerungsteppiche symbolisieren ihre Hoffnung und ihren Horror, ihre Tr\u00e4ume und Alptr\u00e4ume. Die H\u00e4kelmaschen versinnbildlichen ihren Wunsch nach Einheit.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eMeine armenische Identit\u00e4t, die armenische Identit\u00e4t an sich besteht aus Fragmenten. Das fand ich bislang bequem. Die Juden haben ein geschriebenes Gesetz: Erinnere dich! Bei den Armeniern ist das nur unterschwellig vorhanden. Aber es ist da&#8221;, erkl\u00e4rt Silvina. Ihrer Meinung nach ist es \u201eZeit, dass wir uns mit unserer Vergangenheit besch\u00e4ftigen, dass wir eine L\u00f6sung finden&#8221;. Die K\u00fcnstlerin sieht diese L\u00f6sung so: Man muss sich erinnern, aber nicht Opfer sein.<\/p>\n<table align=right>\n<tr>\n<td align=center>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/verdr3.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>\u201eVerdr\u00e4ngung&#8221;. Detail.<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Die armenische Gemeinschaft in Argentinien hat ihrer am 2. August 2002 im Saal 14 des Centro Cultural Recoleta er\u00f6ffneten Ausstellung \u201eLa textura de la identidad&#8221; gro\u00dfes Interesse entgegengebracht. \u201eEs reicht nicht mehr, dass die Diaspora-Armenier ihre Sitten und Gebr\u00e4uche bewahren und erhalten&#8221;, erkl\u00e4rt sich Silvina diesen Enthusiasmus. \u201eEs ist n\u00f6tig, dass die Problematik mit modernen Mitteln aufgegriffen wird, mit einer Sprache des Heute.&#8221;<\/p>\n<p>Die Installationen Silvina Der-Meguerditchians leisten einen mehr als eindrucksvollen Beitrag zum Thema Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Traumwandlerisch sicher bedient sich die K\u00fcnstlerin einer modernen Sprache, die Respekt und Trauer, Aufbegehren und Wut, aber auch die Bereitschaft zu verzeihen ausdr\u00fcckt &#8211; zu verzeihen, ohne zu vergessen oder sich in Legenden zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien am 10.8.2002 im \u201eArgentinischen Tageblatt&#8221;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die K\u00fcnstlerin Silvina Der-Meguerditchian arbeitet \u00fcber den Genozid am armenischen Volk und ihre eigene Geschichte Von Susanne Franz Der Granatapfel als Symbol der armenischen Identit\u00e4t. 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