{"id":958,"date":"2007-03-29T08:43:51","date_gmt":"2007-03-29T11:43:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/03\/29\/wer-spater-geboren-wird-erinnert-sich-nicht-mehr\/"},"modified":"2007-05-04T14:21:23","modified_gmt":"2007-05-04T17:21:23","slug":"wer-spater-geboren-wird-erinnert-sich-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/03\/29\/wer-spater-geboren-wird-erinnert-sich-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"&#8220;Wer sp\u00e4ter geboren wird, erinnert sich nicht mehr&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Virtuelles Exil-Archiv bietet Biografien verfolgter K\u00fcnstler und Intellektueller<\/p>\n<p><em>Von Florian Kraupa<\/em><\/strong><\/p>\n<div align=center><img decoding=\"async\" id=\"image1016\" alt=Peter3.jpg src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2007\/05\/Peter3.jpg\" \/><br \/>\n<em>Peter Gorlinsky in der Tageblatt-Redaktion.<\/em><\/div>\n<p>&#8220;19. April 1933: Emigration in die Schweiz; Niederlassung in Z\u00fcrich, Sommeraufenthalt in Ascona, von Freunden unterst\u00fctzt.&#8221; So beschreibt <a href=\"http:\/\/www.exil-archiv.de\/\">www.exil-archiv.de<\/a>, das virtuelle Zentrum der Verfolgten K\u00fcnste, den Moment, als die deutsche Schriftstellerin Else Lasker-Sch\u00fcler vor den Nationalsozialisten ins Exil fliehen musste. Neben einer umfangreichen Biografie Else Lasker-Sch\u00fclers finden sich in diesem Online-Archiv \u00fcber 1250 Biografien von Schriftstellern, K\u00fcnstlern, Schauspielern, Journalisten und anderen Intellektuellen aus \u00fcber 40 L\u00e4ndern wieder, die im Gegensatz zu ihrer jeweiligen Staatsmacht standen oder stehen.<\/p>\n<p>Auch Peter Gorlinsky, der 1938 aus Deutschland nach Uruguay floh und sp\u00e4ter die Redaktion des <a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2007\/03\/27\/wechselvolle-geschichte\/\">Argentinischen Tageblatts<\/a> leitete, ist in der Liste vertreten. Gorlinsky &#8211; 1912 bei Kiew geboren &#8211; \u00fcbersiedelte in den 1960er Jahren von Montevideo nach Buenos Aires und \u00fcbernahm beim Tageblatt eine Stelle als Korrektor. Nur drei Wochen sp\u00e4ter stieg er zum Chefredakteur auf, auch aufgrund seines journalistisches Engagements f\u00fcr <a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2006\/07\/20\/eine-vergessene-heldin-zum-leben-erweckt\/\">Emilie Schindler<\/a>, die Frau des Judenretters Oskar Schindler, auf deren desolate Existenz in Argentinien er mit seinem Artikel &#8220;Und was ist mit Mutter Courage?&#8221; aufmerksam machte.<\/p>\n<p>Gorlinskys Biographie wird durch Originaltonmaterial erg\u00e4nzt.<!--more--> So kann man einen Auszug aus einem Interview abrufen, in dem er \u00fcber die Bedeutung des Tageblatts als antifaschistisches Sprachrohr bis 1945 spricht (&#8220;Wenn Stefan Zweig in Buenos Aires gelebt h\u00e4tte, h\u00e4tte er keinen Selbstmord begangen! Hier konnte man den Geist des anderen Deutschlands sp\u00fcren.&#8221;). Bis kurz vor seinem Tod Ende 1995 erschien Peter Gorlinsky p\u00fcnktlich wie die Uhr an seinem Schreibtisch in der Tageblatt-Redaktion.<\/p>\n<p>Die Biographien lassen sich alphabetisch oder thematisch sortiert abrufen. In der Kategorie &#8220;Journalismus&#8221; finden sich neben Gorlinsky weitere wichtige Exilpublizisten wieder. Der 1893 in Berlin geborene Manfred George, \u00fcberzeugter linksliberaler Schriftsteller und Journalist, emigrierte 1934 zun\u00e4chst nach Prag. Nach dem M\u00fcnchner Abkommen im Herbst 1938 floh er \u00fcber Ungarn, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich in die USA. In New York fand er bei der von j\u00fcdischen Einwanderern gegr\u00fcndeten Zeitung &#8220;Aufbau&#8221; eine neue Wirkungsst\u00e4tte. Als Chefredakteur baut Manfred George die Zeitung zum wichtigsten Organ der deutschsprechenden j\u00fcdischen und politischen Emigranten aus. Er leitete das Blatt bis zu seinem Tod 1965.<\/p>\n<p>Unter dem Schlagwort &#8220;Theater&#8221; st\u00f6\u00dft man auf den Theatermacher Paul Walter Jacob. Bereits 1932 fl\u00fcchtete er vor der zunehmenden Anfeindung durch die Nationalsozialisten nach Paris und sp\u00e4ter nach Luxemburg. Anfang 1939 emigrierte er nach Argentinien. In Buenos Aires schrieb er unter anderem auch f\u00fcr das Argentinische Tageblatt. Ein Jahr sp\u00e4ter er\u00f6ffnete er seine &#8220;Freie Deutsche B\u00fchne&#8221;. 1949 kehrte Jacob nach Deutschland zur\u00fcck und arbeitete als Intendant der St\u00e4dtischen B\u00fchnen Dortmund.<\/p>\n<p>Das virtuelle Zentrum f\u00fcr verfolgte K\u00fcnste besteht seit drei Jahren. Die Biografien sind in sieben Sprachen verf\u00fcgbar, darunter Deutsch und Spanisch. Das Internetportal wird gemeinsam von der Wuppertaler Else-Lasker-Sch\u00fcler-Stiftung &#8220;Verbrannte und verbannte Dichter\/K\u00fcnstler&#8221; und dem Museum Baden, Solingen betrieben. Das Ziel der Stiftung ist die Gr\u00fcndung eines realen Zentrums der Verfolgten K\u00fcnste. Themen wie Zensur, Verbieten und Verbrennen von B\u00fcchern, Verfolgung und Emigration von Schriftstellern, Bildenden K\u00fcnstlern und anderen Intellektuellen in der Vergangenheit und in der Gegenwart sollen in diesem Zentrum ihren Platz finden. Als Standort ist das Museum Baden, Solingen geplant. Bis jetzt fehlen allerdings die finanziellen Mittel zur Realisierung des Vorhabens. Die Internetseite dient daher als virtueller Platzhalter des realen Zentrums. Sie soll aber auch nach dessen Bau mit dem Zentrum vernetzt werden.<\/p>\n<p>Neben den Biografien der verfolgten K\u00fcnstler und Intellektuellen gibt es zus\u00e4tzlich Informationen zu Themen wie B\u00fccherverbrennung, Fluchtwege und Exilstationen, Liebesgeschichten im Exil und vieles andere mehr.<\/p>\n<p>Das Zentrum der Verfolgten K\u00fcnste will die demokratische Kultur f\u00f6rdern und zur Herausbildung von Toleranz und Respekt von Andersdenkenden beitragen. Damit soll ein aktiver Beitrag gegen Menschenrechtsverletzungen, Rassismus, Antisemitismus und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit geleistet werden. &#8220;Wer wei\u00df heute noch, dass Elisabeth Bergner, Billy Wilder, Max Reinhardt oder Peter Lorre vor der Nazidiktatur geflohen waren? Wer sp\u00e4ter geboren wird, erinnert sich nicht mehr, er wird erinnert&#8221;, meint Hajo Jahn, Gr\u00fcnder und Vorsitzender der Else-Lasker-Sch\u00fcler-Gesellschaft. Und genau das schafft diese Seite &#8211; an die vielen Emigrantenschicksale zu erinnern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Virtuelles Exil-Archiv bietet Biografien verfolgter K\u00fcnstler und Intellektueller Von Florian Kraupa Peter Gorlinsky in der Tageblatt-Redaktion. &#8220;19. 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