{"id":9763,"date":"2011-12-01T16:30:05","date_gmt":"2011-12-01T19:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=9763"},"modified":"2011-12-04T13:48:47","modified_gmt":"2011-12-04T16:48:47","slug":"ein-paar-gange-zuruckschalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/12\/01\/ein-paar-gange-zuruckschalten\/","title":{"rendered":"Ein paar G\u00e4nge zur\u00fcckschalten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die beiden -Losigkeiten<\/p>\n<p><em>Von Friedbert W. B\u00f6hm<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/oma.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/oma.jpg\" alt=\"\" title=\"oma\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-9765\" \/><\/a>Wenn wir einmal f\u00fcr einen Augenblick die Schuldenkrise beiseite lassen, gibt es in Deutschland und einigen anderen westlichen L\u00e4ndern zwei Grund\u00fcbel: Arbeitslosigkeit und Kinderlosigkeit. Liegt es nicht eigentlich auf der Hand, dass diese \u00dcbel sich gegenseitig beheben?<\/p>\n<p>Dass die Arbeit durch Automatisierung und Rationalisierung weniger werden w\u00fcrde, wusste man schon in den Sechzigern (obwohl noch niemand sich Fabrikroboter oder Onlinek\u00e4ufe und -zahlungen vorstellen konnte). Damals tr\u00e4umte man von einem 4-st\u00fcndigen Arbeitstag \u2013 nat\u00fcrlich bei gleichem Lohn &#8211; und die Besorgnis war, was man wohl mit der riesigen Freizeit anfangen solle. Dabei war die heutige Geburtenschw\u00e4che noch gar kein Thema; man musste also mit der Verteilung der schrumpfenden Arbeit auf eine gleiche oder sogar steigende Bev\u00f6lkerung rechnen.<\/p>\n<p>Es ist ganz anders gekommen. Die Arbeit ist nicht nur weniger geworden, sie ist auch ausgewandert. Erst Japaner und Koreaner, dann Chinesen, Inder, sonstige Asiaten, Osteurop\u00e4er, Mexikaner, Brasilianer und auch schon manche Afrikaner haben durch gro\u00dfen Flei\u00df und geringe L\u00f6hne praktisch alle lohnintensiven Industrien an sich gezogen, und einige jener L\u00e4nder sind dabei, dies auch mit hochwertigen Produktionen und den Finanzen zu tun. Mit Spitzentechnologie und cleveren Nischenprodukten werden die alten Industriel\u00e4nder schon noch eine Weile in der Weltwirtschaft mitmischen, aber die Zeiten des Wachstums, des st\u00e4ndig steigenden Wohlstands, sind unwiderruflich vorbei.<!--more--><\/p>\n<p>Und das vertr\u00e4gt sich sehr gut damit, dass in unseren L\u00e4ndern auch die Bev\u00f6lkerung nicht mehr w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Oder h\u00e4lt es irgend jemand im Ernst f\u00fcr notwendig, uns mehrheitlich \u00dcbers\u00e4ttigte und Eingeengte mit noch mehr H\u00e4usern, Stra\u00dfen, Autos, Einkaufzentren, Flugh\u00e4fen und elektronischem Spielzeug zuzudecken?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df schon: Es gibt auch in reichen L\u00e4ndern eine Menge B\u00fcrger, die sich \u00fcberhaupt nicht vom Konsum &#8220;zugedeckt&#8221; f\u00fchlen. Das ist aber ein Verteilungs-Sonderproblem, dem unser Thema nicht gilt. Auf der anderen Seite des Bildes haben wir ja auch immer zahlreichere bestens ausgebildete und besoldete Mitmenschen, die des \u00dcberflusses an Arbeit und Konsum so \u00fcberdr\u00fcssig sind, dass sie beides radikal reduzieren und sich auf einen verlassenen Bauernhof oder eine ferne Insel zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht m\u00f6glich, dieselbe Freiheit von Stress, gesunde Ruhe, erfrischende Bewegungsfreiheit durch Verzicht auf einiges von dem zu erreichen, was unter Anlegung objektiver Ma\u00dfst\u00e4be als \u00fcberfl\u00fcssig gelten muss? Von Gymnastiks\u00e4len etwa, die \u00fcberquellen von dem Laufen, Radfahren, Strecken, Gewichtheben dienenden Ger\u00e4ten? Wenn unsere W\u00e4lder nicht von asphaltierten Stra\u00dfen kleinteilig zerschnitten und diese von Autos verstopft w\u00e4ren, wodurch das nat\u00fcrliche Laufen, Radfahren, Pilzesammeln und Sicheineweidenfl\u00f6teschneiden so unerquicklich wird, br\u00e4uchten wir diese S\u00e4le nicht. Dann m\u00fcssten wir vielleicht auch nicht jedes lange Wochenende in die Toscana fahren oder nach Mallorca fliegen! Der Verzehr frischer argentinischer \u00c4pfel im europ\u00e4ischen Fr\u00fchjahr oder von neuseel\u00e4ndischen Kiwis das ganze Jahr \u00fcber \u2013 ehemals als Neuheit gesch\u00e4tzt und als Statussymbol \u2013 ist inzwischen so allgemein geworden, dass wir dabei vergessen haben, wie \u00fcberraschend erquicklich das Erscheinen eigener erster Jahreszeitfr\u00fcchte nach l\u00e4ngerer Entbehrung sein kann. Der Neuigkeitswahn \u00fcberhaupt: Gebirge von nahezu neuwertigen, aber eben &#8220;veralteten&#8221;, Fernsehern, PCs, Notebooks, Handys, Kameras und anderem elektronischen und sonstigem Schnickschnack h\u00e4ufen sich auf unseren Halden oder schippern um die Welt, weil wir meinen, es nicht aushalten zu k\u00f6nnen, ohne st\u00e4ndig &#8220;auf der H\u00f6he der Zeit&#8221; zu sein. Der gr\u00f6\u00dfte Held dieser Zeit ist jetzt Steve Jobs, weil er uns alle Nase lang mit neuem Spielzeug versorgte.<\/p>\n<p>\u00dcber den &#8220;Konsumterror&#8221; ist schon so viel lamentiert worden, dass es sich nicht lohnt, mehr dar\u00fcber zu schreiben. Es lohnt aber, sich einmal vorzustellen, wie unser Leben in seiner Abwesenheit auss\u00e4he.<\/p>\n<p>&#8220;Oho!&#8221;, geht der Aufschrei durch die Runde, &#8220;Arbeitslosigkeit ohne Ende!. In der Autoindustrie, im Bau, in den Gymnastiks\u00e4len, dem Tourismus, in der Elektronikindustrie und im ganzen Dienstleistungsgewerbe.&#8221; Gewiss, blo\u00df ist diese Entwicklung so unumkehrbar wie das Gravitationsgesetz. Recht bald schon werden die neuen Industriel\u00e4nder die alten bei der Technologief\u00fchrerschaft eingeholt haben und jene mit ihren eigenen unn\u00fctzen Spielzeugen \u00fcbersch\u00fctten.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich gemeint mit &#8220;Arbeitslosigkeit&#8221;? In aller Regel Einkommenslosigkeit. W\u00e4hrend des weitaus gr\u00f6\u00dften Teils der Menschheitsgeschichte hatte Arbeit mit Einkommen \u00fcberhaupt nichts zu tun. Arbeit war Fron oder kreative T\u00e4tigkeit f\u00fcr den eigenen Lebensunterhalt. Vor der Fron br\u00e4uchten wir uns im Rechtsstaat nicht mehr zu f\u00fcrchten. Wir ordnen uns ihr aber freiwillig unter, indem wir \u2013 immer h\u00e4ufiger bis zur Ersch\u00f6pfung \u2013 Tag f\u00fcr Tag, drei\u00dfig, vierzig Jahre lang, unter Bedingungen, die wir kaum beeinflussen k\u00f6nnen, Dinge verrichten, die uns aufgegeben werden, die uns in vielen F\u00e4llen \u00fcberfordern oder langweilen und deren N\u00fctzlichkeit wir oft nicht verstehen oder nicht beurteilen k\u00f6nnen. Und wir begeben uns in diese Fron, um das Geld zu verdienen, das wir ben\u00f6tigen, um das Zweitauto, den Gymnastiksaal, das neue X-Pod, den Zweiturlaub auf Ibiza und die Fr\u00fchst\u00fcckskiwis zu finanzieren. Oder das Abendessen beim Italiener, denn das Selbstkochen der Maccaroni haben wir l\u00e4ngst verlernt oder keine Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht weise, nur die halbe Zeit zu arbeiten und die andere H\u00e4lfte zur selbstbestimmten Produktion vieler der G\u00fcter und Dienstleistungen zu verwenden, die uns heute dazu verdammen, das f\u00fcr ihren Erwerb n\u00f6tige Geld durch fremdbestimmte Arbeit zu verdienen?<\/p>\n<p>Der Einwand, selbstbestimmte Arbeit sei einer Minderheit vorbehalten, den &#8220;Kreativen&#8221;, ist falsch. Jeder gesunde Mensch mit einem Mindeststandard an Erziehung, Bildung, Erfahrung und Anstand besitzt F\u00e4higkeiten, sein eigenes Leben und das seiner Umgebung zu bereichern. Wenn es nicht so w\u00e4re, h\u00e4tten sich in vorgeldlicher Zeit nicht \u00fcber Jahrhunderte stabile Dorfgemeinschaften entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit soll nicht einer romantischen &#8220;R\u00fcckkehr ins Dorf&#8221; das Wort geredet werden. Auch in St\u00e4dten, auch in Metropolen haben gegenseitige Hilfen und Dienstleistungen bis zur \u00dcberindividualisierung der heutigen westlichen Welt eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Und sie tun es heute noch, nicht nur in den Slums unterentwickelter L\u00e4nder. Kita- und Fahrgemeinschaften, Floh- und Bauernm\u00e4rkte, freiwillige Betreuer von Alten oder bildungsfernen Kindern, improvisiertes Catering und nicht zuletzt die vielf\u00e4ltigen Formen der Schwarzarbeit m\u00f6gen ein Hinweis darauf sein.<\/p>\n<p>Wenn wir nun ohnehin immer weniger werden und auch noch weniger arbeiten, woher soll der Staat dann das Geld f\u00fcr seine Sozialarbeit und unsere Renten nehmen?<\/p>\n<p>Nun, von seiner Sozialarbeit nehmen wir ihm ja einiges ab, wenn wir unsere Freizeit kreativ und vern\u00fcnftig verwenden, wie nicht Wenige das heute schon tun. Die Betreuung von Kleinkindern und Alten sollte gr\u00f6\u00dftenteils im Familien- und Nachbarschaftsbereich zu erbringen sein. Und bei den \u00fcbrigen Leistungen \u2013 mit Ausnahme der intensiven Betreuung von Kindern aus bildungsfernen Familien \u2013 k\u00f6nnte es nicht schaden, den Akzent mehr auf Fordern als auf F\u00f6rdern zu legen. Das sollte auch den ungeordneten Zuzug von Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen aus anderen Weltgegenden vermindern. Die (von Singapur abgeguckte) Abwesenheit sozialer Gratisleistungen hat dem spektakul\u00e4ren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg Chinas keinen Abbruch getan.<\/p>\n<p>Wie \u00fcbrigens auch nicht das Fehlen eines staatlichen Rentensystems. Nach konfuzianischer Tradition sind es die Kinder, die sich um ihre Eltern k\u00fcmmern (was allerdings dazu f\u00fchren d\u00fcrfte, dass die dortige Ein-Kind-Politik gelegentlich revidiert werden muss). Sei es wie es sei, auch bei uns wird eine R\u00fcckbesinnung auf die westliche Familientradition nahezu unausbleiblich sein. Kein noch so \u00fcppiges Wachstum von Geburtenzahl und\/oder Produktivit\u00e4t (und auch die cleverste Finanzalchimie nicht) wird zuk\u00fcnftigen Rentnern Eink\u00fcnfte bescheren k\u00f6nnen, die den derzeitigen auch nur ann\u00e4hernd vergleichbar sind. Famili\u00e4res Zusammenr\u00fccken wird also ohnehin wieder modern werden. Das sollte der Lebensqualit\u00e4t nicht abtr\u00e4glich sein. Wenn Bubi von Rotk\u00e4ppchen nichts mehr wissen will, kann Oma ja auch das M\u00e4rchen vom Roboter erz\u00e4hlen, der L\u00e4cheln und Streicheln gelernt hat. Und wenn die Gro\u00dfeltern im gleichen Haus oder um die Ecke wohnen, entfallen auch die energiefressenden und klimasch\u00e4dlichen Anfahrten zum Besuch. Bedeutet unsere \u00fcberbordende Mobilit\u00e4t denn tats\u00e4chlich mehr Erkenntnis und Genuss als Kosten und M\u00fchsal?<\/p>\n<p>Einen oder zwei G\u00e4nge zur\u00fcckschalten, und die beiden \u2013Losigkeiten verwandeln sich in h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t und einen wesentlichen Beitrag zum Klima- und Naturschutz. Allerdings w\u00e4re es sinnlos, darauf zu warten, dass die Politik dies in Gang setzt. Du und ich und unsere Familien, Nachbarn und Freunde m\u00fcssen damit anfangen!<\/p>\n<p><strong>Foto:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn M\u00e4rchen nicht mehr angesagt sind, kann die Oma ja auch Robotergeschichten vorlesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden -Losigkeiten Von Friedbert W. B\u00f6hm Wenn wir einmal f\u00fcr einen Augenblick die Schuldenkrise beiseite lassen, gibt es in Deutschland und einigen anderen westlichen L\u00e4ndern zwei Grund\u00fcbel: Arbeitslosigkeit und Kinderlosigkeit. 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