{"id":9787,"date":"2011-12-04T13:43:33","date_gmt":"2011-12-04T16:43:33","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=9787"},"modified":"2011-12-04T13:45:35","modified_gmt":"2011-12-04T16:45:35","slug":"verbindung-von-kunst-und-technologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/12\/04\/verbindung-von-kunst-und-technologie\/","title":{"rendered":"Vom Kriegerischen \u00fcber das Poetische zum Sch\u00f6nen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ausstellung &#8220;Bellico&#8221; des argentinischen K\u00fcnstlers Mart\u00edn Bonadeo<\/p>\n<p><em>Von Maike Pricelius<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo1.jpg\" alt=\"\" title=\"Bonadeo1\" width=\"250\" height=\"378\" class=\"alignleft size-full wp-image-9789\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo1.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo1-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>\u00dcber den Stufen zum Eingangsbereich des &#8220;Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica&#8221;, passend zum Ort, h\u00e4ngt ein &#8220;Langohr&#8221;. So jedenfalls k\u00f6nnte man den Titel &#8220;Largao\u00eddos&#8221; der Intervention von Mart\u00edn Bonadeo ins Deutsche \u00fcbersetzen. Ein 3,20 m langes, metallenes Horn ist unter der Decke angebracht, an dessen Ende ein Kopfh\u00f6rer baumelt, den der Besucher aufsetzt, noch bevor er die Ausstellung wirklich betreten hat. Das offene Ende ist auf den gegen\u00fcberliegenden Park gerichtet und verst\u00e4rkt die Ger\u00e4usche, die aus dem \u00f6ffentlichen Raum in den Zwischenbereich des Eingangs fallen. Die Parkbesucher, Spazierg\u00e4nger mit Hunden, alle ziehen sonst meist ungeh\u00f6rt vorbei. Der Apparat aber, der f\u00fcr das H\u00f6ren von Flugzeugen entwickelt wurde, \u00fcbertr\u00e4gt die Stimmen und Ger\u00e4usche bis auf die andere Stra\u00dfenseite, bis zur Ausstellung &#8220;Bellico&#8221;. So eingestimmt, nach angestrengtem H\u00f6ren ganz Ohr, betritt der Besucher den Ausstellungsraum.<\/p>\n<p>Der Titel &#8220;Bellico&#8221; setzt sich aus zwei W\u00f6rtern zusammen, die die zwei Achsen, welche die Ausstellung durchziehen, widerspiegeln. Alexander Graham Bell meldete 1876 das Patent f\u00fcr das Telefon an. Sein Name steht damit f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Kommunikation in Echtzeit \u00fcber gro\u00dfe Distanzen hinweg. Der zweite Teil des Titels steht f\u00fcr &#8220;b\u00e9lico&#8221;, kriegerisch. Aber ist die Kommunikation nicht die Antithese zum Krieg? In den Installationen und Interventionen im &#8220;Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica&#8221; kommen diese beiden auf den ersten Blick disparaten Konzepte zusammen. Verschiedene Konnotationen des Begriffes &#8220;Krieg&#8221; werden in den Kunstwerken beleuchtet, von der Entwicklung der ersten Kommunikationsapparate, wie Walkie Talkies, f\u00fcr die Kriegsindustrie, bis hin zum allt\u00e4glichen Kampf mit sich selbst, welcher die Anforderung, jederzeit und \u00fcberall erreichbar zu sein, ausl\u00f6st. Die Wissenschaft, das System, die Welt zu erkl\u00e4ren, und die Entwicklung der Technik, sowie ihre Effekte auf unser Leben, bilden den Ausgangspunkt f\u00fcr die \u00dcberlegungen des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Eine Sinfonie der Telefone begegnet dem Besucher (Telemon\u00f3logos), sobald er die Eingangst\u00fcr durchschritten hat. 150 Telefonh\u00f6rer h\u00e4ngen an ihren Kabeln von der Decke und laden dazu ein, sich unter sie zu mischen und ihrem Sound zu lauschen. Unterschiedliche Aufnahmen, von Anrufen auf Faxger\u00e4te, Besetztzeichen, bis zu Falsch-Verbunden-Ansagen lassen sich immer wieder neu kombinieren, je nachdem, wo man sich gerade aufh\u00e4lt und nach welchen H\u00f6rern man greift und sich an die beiden Ohren h\u00e4lt. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/bonadeo2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/bonadeo2.jpg\" alt=\"\" title=\"bonadeo2\" width=\"500\" height=\"331\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9790\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/bonadeo2.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/bonadeo2-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more-->Ein Telefondom (Resonador) begegnet einem im n\u00e4chsten Raum, eine h\u00f6lzerne Kuppel, in der 60 Telefone aufgereiht sind, alle noch aus dem analogen Zeitalter. Die \u00e4ltesten stehen ganz unten und verj\u00fcngen sich bis zur Spitze hin. Ganz oben haben die Telefone schon Tasten. In einer Ecke des Raumes steht eine alte Telefonverbindungsanlage, von der aus ein Kabelgewirr bis hin zu den einzelnen Apparaten f\u00fchrt. Der Besucher l\u00f6st durch das Betreten des Raumes einen Sensor aus, und die Telefone beginnen zu klingeln, spiralenf\u00f6rmig steigt der L\u00e4rm nach oben. In der Mitte des Doms wird das Klingeln k\u00f6rperlich erfahrbar. Diese Form der Antikommunikation, hervorgerufen durch die Invasion der Apparate in den pers\u00f6nlichen Bereich des Lebens, werden f\u00fcr den Besucher am eigenen Leib sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Die Arbeit &#8220;Olalo&#8221; bezeichnet einen Ort in der Geschichte, der vor der Erfindung von Bell liegt, eine Apparatur, die wie die menschliche Kehle T\u00f6ne bildet. Drei gl\u00e4serne Objekte, die den menschlichen Kehlkopf nachahmen, sind jeweils in ein aufrecht stehendes Horn eingelassen, welche sich in der Mitte der nach oben f\u00fchrenden Treppe befinden. Ebenfalls durch einen Sensor wird ein Luftzug ausgel\u00f6st und die Worte (h)ola (Hallo) werden geformt. Ein Horn bildet das O, eines das L und das n\u00e4chste das A. Beim Heruntergehen entsteht das Wort ALO.<\/p>\n<p>Am Ende der Treppe befindet sich die Mediathek der Fundac\u00f3n. Vier der tragenden Metallst\u00fctzen hat Bonadeo zu Telefonmasten umfunktioniert (&#8220;Paisaje telef\u00f3nico&#8221;). Unter der Decke spannen sich blau leuchtende Dr\u00e4hte von einem Ende des Raumes zum n\u00e4chsten. Die Fenster sind abgedunkelt, ein Drittel ist mit gr\u00fcner, zwei Drittel mit blauer Folie beklebt, ein Konzept, das in der Tradition der argentinischen Kunst die endlosen Weiten der Pampa in Erinnerung ruft, durch die sich heute die Telefonmasten ziehen. Unter einem der Pfosten liegt ein Originalvogelnest, welches an den ebenfalls authentischen Holzstreben hing, die nun im Ausstellungsraum angebracht sind. Die Technik nimmt nicht nur Einfluss auf das Leben der Menschen, sondern beeinflusst auch die Natur.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo4.jpg\" alt=\"\" title=\"Bonadeo4\" width=\"500\" height=\"331\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9795\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo4.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Bonadeo4-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDie komplexeste Arbeit in der Ausstellung ist wohl &#8220;Estados vibracionales I y II&#8221; (Staat\/Zustand in Schwingung), in denen die Astronomie eine zentrale Rolle spielt. Zwei Titelbilder aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Abhandlungen aus dem 17. Jahrhundert liegen stark vergr\u00f6\u00dfert auf dem Boden. Athanasius Kirchers &#8220;Ars Magna Lucis et Umbrae&#8221; (Die gro\u00dfe Kunst von Licht und Schatten) zeigt zwei Frauenfiguren. Die eine verk\u00f6rpert die Sonne und den Tag, die andere den Mond und die Nacht. Ihr K\u00f6rper ist mit Sternen bedeckt und unter ihr sitzen zwei Pfauen. Lichtstrahlen werden durch verschiedene Linsen zwischen Tag und Nacht geleitet und zeugen von Athanasius&#8217; Erfindungen, die es erm\u00f6glichten, Licht auch im Dunkeln zu reflektieren. Kircher war ebenfalls ein Anh\u00e4nger der sogenannten &#8220;Sph\u00e4renharmonie&#8221;, der aus der griechischen Antike stammenden Vorstellung, dass bei den Bewegungen der Himmelsk\u00f6rper T\u00f6ne entstehen, deren H\u00f6he von ihren Abst\u00e4nden und Geschwindigkeiten abh\u00e4ngt. So zeigt das zweite Titelbild eine astronomische Abbildung, die ein erweitertes ptolem\u00e4isches Weltbild mit der Erde im Zentrum darstellt, welches auf eben dieser Vorstellung beruht. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden senken sich Lautsprecher von der Decke auf die Abbildungen und werfen ihren kreisrunden Schatten auf die Abbildungen der Weltbilder. Der eine ist mit dem Ger\u00e4usch, welches an ein Flugzeug beim Durchbruch der Schallgeschwindigkeit erinnert, ausgestattet, der andere mit T\u00f6nen in den Abst\u00e4nden aus der Sph\u00e4renharmonielehre. <\/p>\n<p>In einer Ecke des Ausstellungsraums h\u00e4ngt eine Bell x-1, ein Raketenflugzeug der US Airforce, das speziell f\u00fcr die Durchbruch der Schallmauer entwickelt worden ist (Barrera audiovisual). Ein wei\u00dfer Kreis umgibt das Flugzeug, der entsteht, wenn eben dieser Punkt erreicht ist und der Sound sichtbar wird.<\/p>\n<p>In &#8220;Marketing des Krieges&#8221; hat Bonadeo einen Pfeiler des Ausstellungsraumes in einem Gestr\u00fcpp von Kabeln versteckt. Dieser ist einer der zentralen Pfeiler der Fundaci\u00f3n, die als Schaltzentrale f\u00fcr Buenos Aires funktionierte, in der alle Telefonkabel zusammenliefen. In dem Gestr\u00fcpp befinden sich die Aufnahmen von dem Anrufbeantworter aus seinem Atelier, fast ausschlie\u00dflich Werbung und Umfragen.<\/p>\n<p>&#8220;Aller wissenschaftliche Fortschritt baut auf dem auf, was andere gemacht haben. Ein Objekt setzt sich aus zwei oder drei Objekten zusammen, welche schon existieren: nichts ist wirklich neuartig&#8221;, erkl\u00e4rt Bonadeo in einem Interview. Das bezieht sich sowohl auf die Entwicklung von Apparaturen, die T\u00f6ne transportieren k\u00f6nnen, als auch auf die Bedeutung von Sound f\u00fcr die Erkenntnis. Auch wenn die unterschiedlichen Interventionen, Installationen und Objekte auf den ersten Blick in keinem Bezug zueinander stehen, zeigen sich doch beim genauen Hinsehen viele Verbindungen. Die Materialit\u00e4t der alten Telefone als eigenst\u00e4ndige Objekte aus vergangener Zeit und der Fokus auf den H\u00f6rsinn, die Verbindung von Kunst und Technologie, bilden den Rahmen f\u00fcr diese Ausstellung.<\/p>\n<ul>\n<li>Mart\u00edn Bonadeo, &#8220;Bellico. De lo b\u00e9lico a lo po\u00e9tico a lo bello&#8221;<\/li>\n<li>Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica<\/li>\n<li>Arenales 1540<\/li>\n<li>Mo-Sa 15-20 Uhr<\/li>\n<li>Buenos Aires<\/li>\n<li>19. Oktober bis 17. Dezember 2011<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8220;Bellico&#8221; des argentinischen K\u00fcnstlers Mart\u00edn Bonadeo Von Maike Pricelius \u00dcber den Stufen zum Eingangsbereich des &#8220;Espacio Fundaci\u00f3n Telef\u00f3nica&#8221;, passend zum Ort, h\u00e4ngt ein &#8220;Langohr&#8221;. So jedenfalls k\u00f6nnte man den Titel &#8220;Largao\u00eddos&#8221; der Intervention von Mart\u00edn Bonadeo ins Deutsche \u00fcbersetzen. 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