{"id":9976,"date":"2011-12-30T15:11:02","date_gmt":"2011-12-30T18:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/kunstinargentinien.com\/?p=9976"},"modified":"2011-12-30T15:21:22","modified_gmt":"2011-12-30T18:21:22","slug":"metamorphose-eines-viertels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstinargentinien.com\/index.php\/2011\/12\/30\/metamorphose-eines-viertels\/","title":{"rendered":"Metamorphose eines Viertels"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der &#8220;Galp\u00f3n Cultural Piedra Buenarte&#8221; gibt jungen Menschen Hoffnung<\/p>\n<p><em>Von Laura Wagener<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon11.jpg\" alt=\"\" title=\"galpon11\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9980\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon11.jpg 500w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon11-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDas Viertel &#8220;Piedrabuena&#8221; liegt im s\u00fcdlichen Teil der Stadt Buenos Aires, eine knappe Busstunde vom Zentrum enfernt. In Gesellschaft von Luciano C\u00e9sar Garramu\u00f1o betrete ich das ehemalige Elendsviertel und bin erst einmal beeindruckt von der Architektur des Barrios. Die riesigen, 12-st\u00f6ckigen Geb\u00e4ude sehen aus, als seien sie zu Stalins Zeiten errichtet. Das Viertel ist eigentlich nicht besonders gro\u00df, in etwa zehn Minuten kann man hindurchlaufen. Luciano kl\u00e4rt mich jedoch auf, dass etwa 20.000 Menschen in den massiven Steinbl\u00f6cken wohnen. Viele der H\u00e4user wurden nicht richtig fertiggestellt, und so leben viele der Bewohner ohne Strom und Gas.<\/p>\n<p>Schnell bemerke ich, man kennt sich hier. W\u00e4hrend Luciano mich durch das Viertel f\u00fchrt, gibt es niemanden, der uns nicht gr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde. Der 29-j\u00e4hrige Fotograf kommt selbst aus Piedrabuena, hat nie woanders gewohnt, und die Leute kennen ihn alle durch seine Arbeit. Er ist einer der Initiatoren des Kulturvereins &#8220;Galp\u00f3n Cultural Piedra Buenarte&#8221; im Herzen des Viertels.<\/p>\n<p>Das Besondere an Piedrabuena ist n\u00e4mlich, dass es hier nicht nur die Wohnh\u00e4user, sondern auch eben jenen &#8220;Galp\u00f3n&#8221;, eine Art riesige Lagerhalle, gibt. Fr\u00fcher gab es mehrere dieser langen Hallen, die gleichzeitig mit den Wohnh\u00e4usern errichtet wurden. Alle au\u00dfer der gr\u00f6\u00dften sind im Laufe der Zeit Materialdiebst\u00e4hlen zum Opfer gefallen: Menschen aus den umliegenden Elendsvierteln haben die Wellbleche und Metalle geklaut und zum Hausbau verwendet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon22.jpg\" alt=\"\" title=\"galpon22\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignleft size-full wp-image-9981\" \/><\/a>Der \u00fcbriggebliebene Galp\u00f3n war schon in der Kindheit Lucianos und seiner Freunde dort, damals lagerte noch das Teatro Col\u00f3n dort seine B\u00fchnenmaterialien. Rund um den Galp\u00f3n befindet sich eine relativ gro\u00dfe Freifl\u00e4che, auf der es mittlerweile einen Spielplatz und ein Fu\u00dfballfeld gibt. Fr\u00fcher war der Galp\u00f3n umz\u00e4unt, auf dem Gel\u00e4nde lebten wilde Hunde. Das Viertel hatte einen schlechten Ruf, Taxifahrer aus der Hauptstadt fuhren, wenn \u00fcberhaupt, nur widerstrebend in das von Elendsvierteln umgebene Barrio, es gab wenig zu tun f\u00fcr die jungen Leute, deswegen verfielen viele den Drogen oder dem Alkohol. Die Gewaltrate war hoch.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Das Viertel vor der Kamera<\/strong><\/p>\n<p>Aufmerksamkeit bekommt die Lagerst\u00e4tte, als Luciano und seine Freunde eine Rockband gr\u00fcnden. F\u00fcr ihre Liveauftritte im Barrio wollen sie eine kleine B\u00fchne bauen, und ihnen f\u00e4llt ein, dass der ganze Galp\u00f3n voll mit Materialien f\u00fcr diesen Zweck ist. Sie verschaffen sich Zugang zum Galp\u00f3n. Die dort nachl\u00e4ssig gelagerten B\u00fchnenteile sind teilweise feucht geworden oder haben anderweitig Schaden genommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Zeit lernt Luciano durch seinen Bruder, der gerade einen Fotokurs besucht, dessen Lehrer, den in Buenos Aires ans\u00e4ssigen Schweizer Fotografen Gian Paolo Minelli kennen. Sie freunden sich an, und der 1968 geborene Schweizer interessiert sich f\u00fcr die k\u00fcnstlerischen Aspekte der Gegend und den Galp\u00f3n, von dem ihm Luciano erz\u00e4hlt. Er schie\u00dft eine Reihe von Fotos (bekannt unter &#8220;Galp\u00f3n Col\u00f3n&#8221;), eine weitere Serie im Viertel (&#8220;Zona Sur Barrio Piedrabuena 2001-2008&#8221;), dreht mit Luciano einige Kurzfilme und schlie\u00dflich einen Dokumentarfilm. Diese Werke finden bei in- und ausl\u00e4ndischen Zeitungen gro\u00dfe Beachtung, und so r\u00fcckt auch das bisher sich selbst \u00fcberlassene Viertel auf einmal ins Zentrum des Interesses.<\/p>\n<p>Etwa um 2006 herum beschlie\u00dft das Teatro Col\u00f3n, seinen Lagerstandort aufzul\u00f6sen, und verbrennt zum Entsetzen der Jugendlichen seine Lagerbest\u00e4nde im Galp\u00f3n. Die Jungen konnten nur einige wenige St\u00fccke vor den Flammen retten.<\/p>\n<p><strong>Der Galp\u00f3n wird belebt<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon55.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon55.jpg\" alt=\"\" title=\"galpon55\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-9983\" \/><\/a>Der Dokumentarfilm Minellis beginnt damit, dass Luciano durch ein Loch in der T\u00fcr in den vollgestopften Galp\u00f3n sp\u00e4ht. Er endet mit der gleichen Szene, nur ist der Galp\u00f3n nun leer, und der Junge sieht wie im Traum einen Ort des sozialen Lebens, der Begegnung und des Lernens.<\/p>\n<p>Aus dieser Vision wird nun immer mehr Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Nach dem Ausr\u00e4umen des Galp\u00f3ns begannen die Jugendlichen, ihn immer st\u00e4rker f\u00fcr sich zu nutzen. Sie bauten die Halle aus, legten Stromleitungen, schlossen das Wasser an, l\u00f6sten Dachplatten, damit Tageslicht in die R\u00e4ume fallen kann, pflanzten drau\u00dfen B\u00e4ume, m\u00e4hten Gras, bauten Kletterger\u00fcste und legten einen Gen\u00fcsegarten f\u00fcr die Gemeinde an.<\/p>\n<p>Durch die Bilder Gian Paolo Minellis sowie Zeitungsberichte erfahren immer mehr Leute vom Galp\u00f3n und seinen M\u00f6glichkeiten. So bieten etwa K\u00fcnstler und Schauspieler jetzt Workshops an, um im Gegenzug dort arbeiten zu k\u00f6nnen, Architekten tauschen Arbeit gegen Arbeitsplatz, und sogar eine Krankenstation wird eingerichtet.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Problem an dieser sehr sch\u00f6nen Entwicklung ist die Frage des Eigentums, denn eigentlich geh\u00f6rt der Galp\u00f3n den dort Werkenden ja nicht. Allerdings wei\u00df wohl auch niemand so genau, wem er denn nun genau geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Bewaffneter Einsatz<\/strong><\/p>\n<p>Am 4. Dezember 2009 fahren gegen 20 Uhr f\u00fcnf Busse mit bewaffneten Personen vor, die den Galp\u00f3n und das Land um ihn herum einnehmen. Alle werden aus dem Galp\u00f3n vertrieben, Kunstwerke zerst\u00f6rt, erz\u00e4hlt Luciano. Da er und seine Freunde mit ihrer Arbeit im Galp\u00f3n nie die Absicht hatten, sich politisch zu positionieren &#8211; sie wollten den brachliegenden Ort einfach daf\u00fcr nutzen, etwas Hoffnung und Zukunft in das Viertel zu bringen -, geben sie den Galp\u00f3n ohne Widerstand her.<\/p>\n<p>Da jedoch regt sich die Nachbarschaft, die die positive Entwicklung des Viertels durch die Arbeit im Galp\u00f3n beobachtet hat und bl\u00e4st zur Verteidigung &#8220;ihres&#8221; Kulturzentrums. Sie gehen gegen die Besetzenden vor, einige bewaffnet, andere unbewaffnet. Insgesamt 20 Verletzte gibt es bei den K\u00e4mpfen, die erst durch den Einsatz des \u00f6rtlichen Pfarrers gestoppt werden k\u00f6nnen. Letztlich fahren die Truppen in ihren Bussen davon, und der Galp\u00f3n steht wieder den Menschen von Piedrabuena frei.<\/p>\n<p><strong>Wie es weitergeht<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon33.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon33.jpg\" alt=\"\" title=\"galpon33\" width=\"250\" height=\"375\" class=\"alignright size-full wp-image-9982\" srcset=\"https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon33.jpg 250w, https:\/\/kunstinargentinien.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/galpon33-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Luciano und vier weitere junge M\u00e4nner stehen jetzt an der Spitze des Kulturvereins &#8220;Galp\u00f3n Cultural Piedra Buenarte&#8221;. Seit diesem Jahr sind sie ein eingetragener Verein und erhalten staatliche F\u00f6rderungen f\u00fcr ihre Projekte. Die Kunst im Galp\u00f3n hat auch auf die Wohngebiete \u00fcbergegriffen, ein lokaler Graffitik\u00fcnstler versch\u00f6nert freie Wandfl\u00e4chen mit Werken bekannter K\u00fcnstler. Immer mehr Leute von au\u00dferhalb interessieren sich f\u00fcr das Viertel und den Galp\u00f3n. L\u00e4ngst ist der Ruf von Piedrabuena nicht mehr der, der er einmal war.<\/p>\n<p>Auf die Frage hin, was die geplanten Projekte des &#8220;Galp\u00f3n Cultural Piedra Buenarte&#8221; sind, kommt Luciano ins Schw\u00e4rmen: &#8220;Es soll nat\u00fcrlich mehr Workshops geben. Daf\u00fcr wollen wir mit recycelten Materialen mehr S\u00e4le und \u00dcbungsr\u00e4ume im Galp\u00f3n errichten. Die Krankenstation soll ausgebaut werden, und dann m\u00f6chten wir gerne eine Art Schule errichten. Die Leute sollen hier eine Ausbildung erhalten, um etwas aus ihrem Leben machen zu k\u00f6nnen. Und das, ohne daf\u00fcr zahlen zu m\u00fcssen. Das w\u00e4re wirklich unser Traum!&#8221;<\/p>\n<p>Informationen zu Ausstellungen etc. und Kontakt finden Sie auf der <a href=\"http:\/\/piedrabuenarte.blogspot.com\/\">Webseite des Kulturvereins<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Fotos von oben nach unten:<\/strong><br \/>\nH\u00e4userfassade mit B\u00fchne und Galp\u00f3n.<\/p>\n<p>Der Galp\u00f3n innen.<\/p>\n<p>Aus der Vogelperspektive.<\/p>\n<p>Graffiti eines Hokusai-Werks.<br \/>\n(Fotos: Laura Wagener)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8220;Galp\u00f3n Cultural Piedra Buenarte&#8221; gibt jungen Menschen Hoffnung Von Laura Wagener Das Viertel &#8220;Piedrabuena&#8221; liegt im s\u00fcdlichen Teil der Stadt Buenos Aires, eine knappe Busstunde vom Zentrum enfernt. In Gesellschaft von Luciano C\u00e9sar Garramu\u00f1o betrete ich das ehemalige Elendsviertel und bin erst einmal beeindruckt von der Architektur des Barrios. 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