Annäherungen an die Fremdheit

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Im Espacio Fundación Telefónica zeigt Martín Bonadeo gemeinsam mit anderen Künstlern seine Gedanken zum Fremdsein in der Ausstellung “Extranjerías”

Von Maria Exner

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Betritt der Besucher einen privaten oder öffentlichen Raum, fragt die Anzeige von Martín Bonadeo.

Im Einwandererland Argentinien ist kaum ein Thema so präsent wie die Frage der Fremdheit. Was treibt den Fremden aus der Heimat hierher? Wie lange dauert es, bis aus Fremdheit Vertrautheit wird? Warum fühlt man sich fremd? Diese Fragen stellten die Kuratoren der Ausstellung “Extranjerías”, die noch bis morgen im Espacio Fundación Telefónica zu sehen ist. 10 Künstler spüren diesen Fragen mit ihren Arbeiten nach, versuchen Antworten zu geben. In ihren Werken geht es aber nicht allein um die Fremdheit im Bezug auf fremde Länder, sondern vielmehr um die Existenz fremder Lebenswelten und die Momente der Fremdheit im Alltag, die es, ausgedrückt durch das spanische Wort “extrañarse” in Buenos Aires ziemlich häufig zu geben scheint.

Den Porteño Martín Bonadeo befremdet beispielsweise der Zaun, der den Park gegenüber des Telefónica-Gebäudes in der Calle Arenales umgibt. Es ist ein kleiner, öffentlicher Park – doch damit er nachts nicht zum Zufluchtsort für Obdachlose und Kleinkriminelle wird, ist er umzäunt. “Wem gehört also dieser Park? Ist er wirklich öffentlich? Oder wird er durch den Zaun nicht doch zum privaten Ort eines bestimmten Teils der Öffentlichkeit?”, fragt sich der Künstler.

Mit seiner Installation “Público/Privado” trägt er diese Fragen an die Besucher der Ausstellung heran. Über der Eingangstür des Espacio Fundación Telefónica befestigte er eine schwarze Anzeigetafel mit sieben Ziffern, ähnlich jenen, die man von Bahnhöfen und Abflughallen kennt. Die erste Ziffer “P” und die letzte Ziffer “O” stehen fest, die übrigen bilden abwechselnd die Worte “Público” und “Privado”. Jeder Buchstabenwechsel wird von einem lauten Knattern begleitet, das der 34-Jährige mit der Hilfe eines Musikers genau dem Geräusch der Bahnhofstafeln nachempfunden hat.

Damit kennzeichnet der Multimedia-Künstler Bonadeo den Eingang als einen Übergangsort zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum, ohne allerdings zu sagen, auf welcher Seite der Tür sich was befindet. “Alle Arbeiten sind explizit für diesen Ausstellungsort gemacht worden und ich beziehe mich mit “Público/Privado” auf die Funktion des Hauses. Einerseits ist es eine Schaltzentrale der Telefónica in Buenos Aires – hier verlaufen tausende Kabel, die die Anrufe der Stadt weiterleiten. Andererseits ist es ein Haus der Kunst, das jedem offen steht.”

Der Einladung der beiden Kuratoren Néstor García Canclini und Andrea Giunta, über das Thema Fremdheit zu arbeiten, sind außer Martín Bonadeo unter anderem auch die Künstler Jorge Macchi und Pat Badani gefolgt. Macchi, der 2005 den argentinischen Beitrag der Biennale di Venezia stellte und gerade eine Einzelausstellung im Künstlerhaus Bremen zeigt, kommentiert mit der großformatigen Zeichnung einer Tastatur die Fremdheit, die gerade ältere Menschen im Computerzeitalter empfinden. Die in Buenos Aires geborene Pat Badani dagegen führte Video-Interviews mit Menschen aus verschiedenen Ländern und ließ sie ganz persönliche Antworten auf die Fragen “Woher kommst Du? Wo bist du gerade? Wohin gehst Du?” geben. Während man ihren Protagonisten zuhört, stellt man diese Fragen auch sich selbst und geht einen Moment lang in sich.

Andere Arbeiten der Ausstellung berühren weniger. Die verwackelte Videoaufnahme von Roberto Jacoby aus einem Aufzug, der zwischen zwei Stockwerken auf und abfährt, erscheint etwas beliebig. Das Badezimmer, das laut Tamara Stuby der Ort ist, an dem wir uns allmorgendlich mit uns selbst vertraut machen, lässt eine zweite oder gar dritte Bedeutungsebene vermissen. Auch ist der Aufbau mancher Arbeiten im ansonsten ansprechenden Ausstellungssaal im ersten Stock des Espacio Fundación Telefónica etwas lieblos.

Dafür gibt Martín Bonadeo dem Besucher auch auf dem Weg nach Hause noch einen Denkanstoß mit: Die Anzeige “Público/Privado” projiziert er mit Hilfe eines Videobeamers auf den Gehweg auf der anderen Straßenseite. Dort liegen die Worte mal flach auf dem Asphalt, mal verfangen sie sich auf den Kleidern der vorübereilenden Menschen. Und vielleicht fragt sich der ein oder andere: “Wem gehören die Straßen von Buenos Aires?” Martín Bonadeo hofft es jedenfalls.

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