Aus der eigenen Geschichte lernen

Die “Casa del Bicentenario” will eine Schnittstelle von historischer Aufarbeitung und Kulturvermittlung sein

Von Valerie Thurner

Casa11.jpgAm vergangenen 16. März wurde die mit Spannung erwartete “Casa del Bicentenario” eröffnet. Das Angebot klingt vielversprechend, die programmatischen Ziele, angesiedelt an der Schnittstelle von historischer Aufarbeitung und Kulturvermittlung, ehrgeizig. Man darf annehmen, dass es sich um eines der gelungensten neuen Kulturprojekte im Zusammenhang mit der 200-Jahr-Feier Argentiniens handelt. Die Regierung knausert nicht, wenn es darum geht, prestigeträchtige Häuser in der Hauptstadt termingerecht in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Die beiden Bauten aus dem Jahr 1913 in der Straße Riobamba 985 wurden durch eine sanfte Renovierung in einen typischen Museumsbau des heutigen globalen Standards verwandelt. Ein White Cube, wo sich Ausstellungsräume, Büros und Recherche-Bereiche auf die vier Stockwerke verteilen; durch Glas wird eine Transparenz zwischen Besucherbereich und Backoffice gewährt.

Besinnung auf die eigene Identität und Geschichte

Der Leitgedanke der “Casa del Bicentenario” ist zunächst ein Haus für das Volk. Eine Stätte des “Kollektiven Gedächtnisses”, wo die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anhand Bildender Kunst, Musik, Theater, Kino und Diskussionen aktiv gefördert werden soll. Es soll ein lebendiger Ort der Reflexion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes sein, wo alle Generationen ihre Visionen und Themen ansprechen dürfen. Die Direktorin Liliana Piñeiro kündet in der Zeitschrift “Nuestra Cultura” diesen Grundsatz der “Casa del Bicentenario” an. An diesem Ort soll eine Auseinandersetzung mit den politischen, sozialen und kulturellen Transformationen der vergangenen 200 Jahre argentinischer Geschichte stattfinden. Ein pädagogischer Impetus ist ebenfalls gegeben. Die Jugend soll in den Genuss von Spezialprogrammen für Schulklassen und Universitätsbetriebe kommen. Unter der Leitung von Fachleuten gibt es ein großes Angebot an Kursen und Seminaren in den Bereichen Theater, Kino oder Literatur.

Das Kulturministerium unter Jorge Coscia setzt den Fokus auf einen integrativen Kulturbegriff. Angesichts des ungebremsten Bevölkerungswachstums Argentiniens und zunehmender Zuwanderung aus Nachbarländern sieht sich die Nation als Einwanderungsland vor große ökonomische, energiepolitische und kulturelle Herausforderungen gestellt. Ein fruchtbarer diplomatischer Dialog mit den Nachbarn Chile, Brasilien oder auch Venezuela ist unabdingbar. Das ist auch die Klimax in der etwas sehr propagandistisch angehauchten Diashow im Erdgeschoss. Die Dauer-Installation “Muchas voces, una historia. Argentina 1810-2010” bietet dem Besucher einen assoziativen Streifzug durch die Marksteine der argentinischen Geschichte. Die Obergeschosse bieten Raum für Wechselausstellungen, deren Auftakt eine thematisch gegliederte Schau über die vielschichtige Bedeutung der Frau in Argentinien ist.

Stell Dir vor es gibt Kunst, und niemand schaut hin

Die Einweihungsfeier hatte einen sehr prominenten Gast aus der Kunstwelt: León Ferrari gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts, dessen thematische Grundpfeiler Krieg, Religion und beißende Kritik an den Herrschaftsverhältnissen sind. Doch wie es nun im zeitgenössischen Kunstbetrieb üblich ist, leben die Widersprüche zwischen intellektuellem Anspruch und Abhängigkeiten. So war die Gedankenlosigkeit einer Mehrheit der Anwesenden während der Tanz- und Klangperformance zu León Ferraris musikalischen Skulpturen sehr befremdend. Anstelle von gebannt auf die Bühne gerichteten Gesichtern, eröffnete sich eine Szene der gedankenlosen Ignoranz. Die meisten hörten der zugegeben nicht leicht zugänglichen Darbietung gar nicht zu, sondern nutzten den Patio für lautstarke Telefongespräche und angeregten Smalltalk.

Es bleibt zu hoffen, dass das Stammpublikum nicht den Botox-Gläubigen, dem sich selbst überschätzenden Beamtentum und den sich neureich gebenden Mittzwanzigern der Eröffnungsfeier entsprechen wird. Hoffen wir, dass die Ausstrahlung dieses Hauses nicht unter diesem Stern der Eitelkeit steht, sondern tatsächlich eine produktive geistige Auseinandersetzung mit der argentinischen Geschichte und der komplexen Gegenwart fördert.

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Offizielle Eröffnung am Dienstagnachmittag durch Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner (Mitte), Liliana Piñeiro und Jorge Coscia.

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