Kunst 2.0

Die Projekte von “Tec en Arte III” im Espacio Fundación Telefónica

Von Susanne Franz

Technologie in der Kunst, das klingt kühl und durchdacht, schematisch und kopflastig. Passen die beiden Bereiche eigentlich überhaupt zusammen? Und ob! Das beweist die Ausstellung der Projekte des diesjährigen “Tec en Arte”-Programms, das die Künstlerin und Kulturmanagerin Patricia Hakim seit drei Jahren im Espacio Fundación Telefónica durchführt. Bis zum 11. Juni kann die Schau im EFT (Arenales 1540) besucht werden, und es lohnt sich, denn sie steckt voller Überraschungen.

Bevor man das Gebäude betritt, begegnet man schon dem ersten Werk, es ist ein Kirmesstand aus schrill-bunt bemalter Pappe, kaum zu übersehen. Der US-amerikanische Künstler Nick Mahshie alias “Tranqui Yanqui”, der hinter diesem Projekt steckt, ist in bunte Klamotten gekleidet und mit einer schrillen Pappbrille im Gesicht auf einem Video zu sehen, er preist in “Infomercial”-Art seine Artefakte an, bunte Papp-Nachbauten von elektronischen Geräten, wie zum Beispiel Papp-Handys.

Liebevoll übt der Mann mit dem Zylinder Kritik an Marketingstrategien und nimmt Themen wie die Abhängigkeit von der digitalisierten Welt aufs Korn. An Mahshies Stand bleiben viele Leute stehen, die nie eine Kunstgalerie betreten würden, sein tiefsinnig-spaßiges Werk ist auf vielerlei Ebenen angstfrei erlebbare Kunst.

Im Erdgeschoss stößt man auf Iván Kozenitzkys Werk “Call Center Experience”. Der Künstler will die Angestellten von Call Centern rund um den Globus, die ständig Beschwerden entgegennehmen, aus der Anonymität holen und ihnen ein menschliches Antlitz verleihen. Der “Betrachter” des Werkes ist aufgerufen, selbst anzurufen, sich als Teilnehmer an einer Kunstaktion “auszuweisen” und einen dieser Angestellten dazu zu bringen, seinen Namen und Standort preiszugeben. Gelingt das, bekommt man einen Button (damit verweist der Künstler darauf, dass Call Center nach dem Belohnungsprinzip arbeiten).

Kozenitzkys Idee, seine Absicht, und die ästhetische Umsetzung des Projekts sind gut, doch hat er nicht daran gedacht, dass Leute, die unter derartigen Bedingungen arbeiten, oft keine andere Wahl haben, dass sie durch die Anrufe kompromittiert weden und den Job verlieren können, wenn sie ihre persönlichen Daten verraten.

Beim Hochsteigen der Treppe wird der Besucher von der Intervention “En vivo” von Melisa Bay “registriert”: Er wird gefilmt und sein kurzer Auftritt flimmert dann – zeitversetzt – über den Bildschirm. Mit einfachen Mitteln schafft die Künstlerin eine starke Aussage: Sie verwandelt Realität in Fiktion, Gegenwart in Vergangenheit, die konkrete Person in ein geisterhaftes Wesen.

In der Bibliothek im ersten Stock finden sich die restlichen Projekte. Sehr attraktiv ist die Intervention des Bücherregals des Künstlerkollektivs “rot(a)metaphorarq”: Die Bücher sind nicht nur in verschiedenfarbige Hüllen “gekleidet”, sondern erzeugen auch beim Herausnehmen unterschiedliche Klangmuster.

Die Laptops auf den Tischen, die sonst als Gratis-Internetcafé für die EFT-Besucher dienen, sind alle bis auf einen mit den anderen Kunstprojekten “belegt”. Joaquín Fargas hat ein Videogame zu ökologischen Themen programmiert, Christian Díaz stellte ein wunderschönes audiovisuelles Archiv seines Viertels “Villa Mitre” in Bahía Blanca zusammen. Neben nicht so leicht zu erschließenden Werken von Natalia Rizzo und Daniel Fischer ist Lorena Kaethners Werk ein Leckerbissen: Als ihr laszives Alter Ego Marlok ließ sie sich am Abend der Ausstellungseröffnung Ende April bei einer Elektromassage filmen; mit dieser und anderen Live-Aktionen, an denen der EFT-Besucher samstags um 18 Uhr via Skype teilnehmen kann, will sich “Marlok” einen ersehnten TV-Auftritt erarbeiten.

“Wir sehen hier Werke von Individuen, aber die Ausstellung, die extra für diesen Raum geschaffen wurde, ist zu einem Kollektiverlebnis geworden”, sagt die Koordinatorin und Kuratorin Patricia Hakim. Besonders komme das in dem letzten Werk zum Ausdruck, Darío Saccos “Lazo de consecuencias”. Das Werk besteht aus roten Kabelsträngen, die alle Tec-en-Arte-Projekte miteinander verbinden und die in einem Kasten gegenüber der Bibliothek zusammenlaufen. Darüber hinaus werden Eigen- und Fremdgeräusche aller Werke aufgenommen und in ein Klangerlebnis verwandelt.

“Tec en Arte III” verbindet Kunst und Technologie, Kreativität und Elektronik, Individuum und Kollektiv. Gemeinsamer Nenner ist laut Hakim “die Unvorhersehbarkeit der entstehenden Vernetzungen”. Kunst 2.0 eben.

  • “Un derrotero de conjeturas”, Expo der Projekte von “Tec en Arte III”.
  • Werke von Melisa Bay, Iván Kozenitzky, María Lorena Kaethner, Nick Mahshie, Colectivo metaphorarq – Bruno Rota, Christian Díaz, Joaquín Fargas, Daniel Fischer, Natalia Rizzo und Darío Sacco.
  • Koordinatorin/Kuratorin: Patricia Hakim.
  • Espacio Fundación Telefónica, Arenales 1540.
  • Di-Sa 14-20 Uhr.
  • 19.4.-11.6.

Fotos von oben nach unten:

“Tranqui Yanqui” Nick Mahshie mit Papptelefon.

Verbindendes Element: Darío Saccos Werk “Lazo de consecuencias”.

Un comentario sobre “Kunst 2.0”

  1. patricia dice:

    Gracias Susanne por tan linda nota. Como siempre transmitis de forma clara y bella lo que queres destacar, Besos


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