Bafici-Nachlese: Jessica Krummachers “Totem”

Die Darstellung spießbürgerlichen Horrors der deutschen Nachwuchsregisseurin lief auf dem 14. Festival des Unabhängigen Films in Buenos Aires

Von Mirka Borchardt

Nach dem Film ist der Saal einige Sekunden totenstill, nur zögerlich setzt der Applaus ein. Bei der Vorführung in Wien, auf der Viennale, gab es einige Lacher im Publikum, hier beim Bafici in Buenos Aires nicht. Die Zuschauer wirken eher ein bisschen erschlagen, und zugegeben: Der Film ist keine leichte Kost.

Die Rede ist von “Totem”, dem Erstlingswerk der deutschen Nachwuchsregisseurin Jessica Krummacher. Darin geht es um ein junges Mädchen, die als Hausmädchen zu einer Familie aus dem Ruhrgebiet kommt und, so sagt es die Pressemappe, “dessen Alltag mit dem Erscheinen eines fremden Menschen aus den Fugen gerät”. “Der Name ‘Totem'”, sagt Krummacher im Telefoninterview, “hat etwas mit Schutzgeistern zu tun. Und auch, dass das deutsche Wort ‘tot’ darin enthalten ist, gefiel mir daran.”

Bei der Biennale in Venedig wurde der Streifen als Horrorfilm vorgestellt. Eine nicht greifbare Bedrohung begleitet den gesamten Film, keine Szene, die Erleichterung schaffen würde. Der Horror einer ganz normalen, kleinbürgerlichen Familie aus dem Ruhrpott, im Einfamilienhaus mit Kaninchen im Garten, einem Hund aus Plastik und zwei täuschend echt ausschauenden Babypuppen, die sowohl Mutter Claudia als auch Fiona, das Hausmädchen, behandeln, als seien sie echt. Ohne dass der Zuschauer entschlüsseln könnte, warum – der Film bietet keine simplen psychologischen Erklärungsmuster. Insofern ist er kafkaesk, die Motive der Handelnden bleiben unerklärt und unerklärlich. Warum behauptet Fiona, sie habe keine Eltern mehr, und erzählt ihrer Mutter später am Telefon, es gehe ihr gut? Wieso bricht Claudia von einem Moment auf den anderen in Tränen aus? Welche Rolle spielt die merkwürdige Nachbarin, die an den seltsamsten Orten auftaucht?

Man kann den Film aber auch anders lesen, politisch, wenn man so will: Als Film über Herrschaftsverhältnisse. “Wo bekommt man sowas?”, werden die Eltern an Fionas erstem Tag in der neuen Familie gefragt. “Aus dem Internet”, so die lakonische Antwort. Fiona wird mehr und mehr zum Blitzableiter für all die aufgestauten Aggressionen innerhalb der Familie: die Mutter schlägt sie aus Wut über die Zurückweisung durch ihren Ehemann, der wiederum vergewaltigt sie fast. Und dann wieder gibt es Momente, in denen Nähe geteilt wird, in denen Fiona gebraucht wird, so scheint es, wie ein Kuscheltier – oder eine dritte Puppe.

“Es geht auf jeden Fall auch um Herrschaftsverhältnisse”, sagt Jessica Krummacher, “aber ich finde es wichtig, dass jeder den Film für sich liest. Herrschaftsverhältnisse, ja, aber in Fiona habe ich andererseits eine Figur ausgewählt, die sich von den Herrschaftsstrukturen nicht so sehr beeindrucken lässt.”

Der Film entstand als Abschlussfilm ihres Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Ursprünglich hatte sie ihn als Dokumentarfilm geplant, nachdem sie von einem Hausmädchen erfuhr, das sich das Leben genommen hat. “Doch ich habe sehr schnell gemerkt, dass es schwierig ist, eine Doku über jemanden zu machen, der nicht mehr da ist.” So machte sie also einen Spielfilm, sie schrieb das Drehbuch, führte Regie, schnitt und produzierte den Film selbst. Viel von ihr steckt dementsprechend darin, auch Autobiographisches, zumindest indirekt. “Ich komme aus dem Ruhrgebiet, mir sind die Wohnungen bekannt, mir sind die Sofas bekannt. Und ich behaupte, dass viele Deutsche so sind.”

Die Publikumslacher in Wien, meint sie, seien dem Wiedererkennungseffekt zu verdanken – was auch erklärt, warum in Buenos Aires niemand lachte. “Letztendlich”, fährt sie fort, “ist aber alles, was diesen Film betrifft, unabhängig davon. Zwar ist es verbunden mit eigenen Erfahrungen, die man deutet. Ich denke aber meistens eher an andere Menschen als an mich selbst.” Fiona zum Beispiel habe nichts mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun, dennoch habe sie die Figur der Fiona aus der Ich-Perspektive konstruiert, weil sie sich in sie hineindachte.

Das Hausmädchen Fiona wird gespielt von der hervorragenden wie unbekannten Marina Frenk. Bis auf die Mutter Claudia, die von Nadja Brunckhorst dargestellt wird – bekannt aus “Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” -, dürften die Schauspieler kaum bekannt sein, auch deswegen, weil Krummacher eher am Theater nach ihnen suchte als am Filmset. “Dass in Deutschland immer wieder dieselben Schauspieler auf der Leinwand zu sehen sind, finde ich furchtbar”, sagt Krummacher, “deswegen wollte ich explizit unbekannte Gesichter, die noch nicht mit anderen Filmen und Geschichten beladen sind.” Und noch eine andere Kritik hat sie am deutschen Film: Dass die Förderungsprogramme für Fernsehen und Kino gekoppelt sind, sei fatal: “Kinofilme haben nichts mit Fernsehen zu tun. Im Fernsehen muss die Geschichte für jeden greifbar sein, der da um 20.15 Uhr sitzt, aber beim Kino kann jeder selbst entscheiden, ob er sich den Film anschaut oder nicht. So führt das zu einer Risikolosigkeit, die den deutschen Film nicht gerade voranbringt.”

Auch sie bekam keine Förderung, ihr Film erschien den Förderanstalten zu gewagt. Vielleicht werden die sich jetzt ärgern. Bisher war das Presseecho durchweg positiv, Der deutsche Filmkritiker Rüdiger Suchsland schrieb: “Eine Regisseurin ist entdeckt.” Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Foto:
Jessica Krummacher.

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