Drei Brüder mit außergewöhnlichem Talent

Ein Überblick über das Werk der Brüder Ortiz Echagüe im Museum Fernandez Blanco

Von Philip Norten


Ende Juli wurde der Palacio Noel, Hauptsitz des Museo Fernández Blanco (MIFB) in Retiro, nach mehrmonatigen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Neben neu eingerichteten Sammlungsräumen ist vor allem die Sonderausstellung “La Luz, el Color y la Palabra” über das Werk der drei Brüder Ortiz Echagüe sehenswert.

Zu Beginn der Ausstellungskonzeption stand zunächst nur der international bekannteste der drei Brüder, José, im Mittelpunkt des Interesses der Kuratoren. José Ortiz Echagüe (*1886 in Guadalajara, Spanien) hat nicht nur einen großen Namen als Ingenieur, Auto- und Flugzeugpionier, sondern auch als Fotograf. Schon zu Lebzeiten wurde er als einer der bedeutendsten Fotografen Spaniens anerkannt. Er gilt dabei als ein Hauptvertreter des sogenannten Piktoralismus, eine Fotografiegattung, deren zentrales Anliegen es war, das damals noch neue Medium der Fotografie künstlerisch aufzuwerten. So wurden erstmals Kriterien wie Komposition und persönlicher Ausdruck aus der Malerei übernommen und auch in der Fotografie zu einem bedeutenden Faktor.

José Ortiz Echagüe schuf seine “malerischen” Fotos, indem er das Fotopapier für seine Aufnahmen im Entwicklungsprozess bearbeitete und so Effekte erreichte, die stark an Malerei erinnern, z.B. die “weichgezeichneten” fast impressionistischen Hintergründe seiner Fotos. Zudem verwendete er Zeit seines Lebens Fresson-Fotopapier, das seinen Aufnahmen einen besonderen Farbstich verlieh.

Inhaltlich sind seine Arbeiten als Reportage- und Dokumentarfotografie zu verorten. Seine Motive fand er sowohl im ländlichen Spanien mit seinen historischen Landschaften und folkloristischen Bräuchen, als auch auf seinen zahlreichen Reisen wie z.B. in Marokko, wo Bilder entstanden, die stark mit der Tradition der Orientreisen europäischer Künstler des 19. Jahrhunderts verbunden sind.

Seine Reise- und Abenteuerlust brachte José auch nach Argentinien, wo er besonders in den Kreisen der spanischen Gemeinschaft verkehrte, aber auch Bekanntschaft mit Jorge Newbery machte, mit dem er seine Leidenschaft fürs Fliegen teilte. Das größte Konvolut seiner Fotografien besitzt heute die Universidad de Navarra, und gerade diese große Distanz und der fragile Zustand der Fotoabzüge machten einen Transport nach Buenos Aires schließlich unmöglich und stellten die Kuratoren vor die Herausforderung, die Ausstellung neu zu konzipieren.

Bei ihren vorbereitenden Recherchen stießen sie auf Josés Bruder Antonio (*1883, Guadalajara), der seinem Bruder in künstlerischer Begabung und Reiselust in nichts nachstand. Antonio absolvierte eine traditionelle Malereiausbildung an der Academie Julien und an der Kunstakademie in Paris und schloss seine Ausbildung mit einem längeren Romaufenthalt ab. Er blieb den Grundlagen seiner Akademieausbildung treu und experimentierte nie mit avantgardistischen Ideen, die die Kunst der Zeit bestimmten. Vielmehr erinnert sein Malstil an die französischen Maler der frühen Moderne, wie z.B. Manet, der in seinen Gemälden die Schattenwirkung zugunsten einer größeren Flächigkeit reduzierte. Ortiz Echagüe machte sich früh einen Namen und war besonders als Porträtmaler auch wirtschaftlich erfolgreich, was u.a. ein offizielles Porträt für den spanischen König Alfonso XIII. beweist.

Nach Argentinien verschlug es ihn über Umwege: der Vater seiner niederländischen Frau Elizabeth Smidt war der Gründer der Banco Holandés Unido in Buenos Aires und errichtete auch das Landgut “La Holanda” auf einem 20.000 Hektar großen Grundstück in der Provinz La Pampa. Zunehmend unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in Spanien, ließ er sich in den 1930er Jahren endgültig in Argentinien nieder, wo er 1942 auch starb. 1998 wurde ein Teil des Landgutes zu einem Museum umgewandelt, in dem Gemälde von Antonio Ortiz Echagüe ausgestellt werden. Zahlreiche dieser Werke traten nun für die Ausstellung im Museo Fernandez Blanco die Reise nach Buenos Aires an. Und auch die ausgestellten Fotografien von José stammen aus der Sammlung dieses Museums.


Ähnlich wie sein Bruder José interessierte sich Antonio für folkloristische Themen, was sich in den Gemälden mit traditionell arabischen Szenen aus Marokko oder bei den niederländischen Motiven zeigt. Sein wichtigstes wirtschaftliches Standbein blieb die Porträtmalerei, die er auch in Argentinien erfolgreich betrieb. Ein immer wiederkehrendes Thema war seine eigene Familie, besonders die Töchter, die er in Gemälden verewigte. Neben der extremen Größe der Formate – fast alle Personen sind in Lebensgröße porträtiert – fallen die Gemälde durch die qualitätsvolle Ausführung bei der Farbgebung und Pinselführung auf.

Schließlich wird auch noch das Leben von von Fernando Ortiz Echagüe beleuchtet. Als Journalist für die angesehene Tageszeitung “La Nación” verbrachte er große Teile seines Lebens in Argentinien und wird heute als einer der wichtigsten Reporter dieser Epoche angesehen. Als Kriegskorrespondent pendelte er oft zwischen Europa und der neuen Welt und ist seinen Brüdern so nicht nur durch Talent, sondern auch seine Reise- und Abenteuerlust verbunden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. September im Palacio Noel, Museo Fernández Blanco (Suipacha 1422, Buenos Aires) zu sehen.

Fotos von oben nach unten:
Antonio Ortiz Echagüe, “La Casa Amarilla”, Triptychon I, II and III (Detail). Öl auf Leinwand, jeweils 239 x 149 cm. Holland, 1920.
(Collection Echagüe)

José Ortiz Echagüe, “Prayer”, Fotografie auf Fresson-Papier, 29 x 32 cm.
(Collection Echagüe)

José Ortiz Echagüe, “Fisherman”, Fotografie auf Fresson-Papier, 44.8 x 32.5 cm.
(Collection Echagüe)

Antonio Ortiz Echagüe, „Courtesans of Moulay Abdallah“ (Diptychon II). Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm. Fez, 1930.
(Collection Echagüe)

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