Zutiefst menschliche Komödie – FIBA-Nachlese

“Interiors” der schottischen Gruppe “Vanishing Point” begeisterte das Publikum

Von Susanne Franz

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Ein hell erleuchtetes Fenster, dahinter ein für sieben Personen gedeckter Tisch. Es ist die längste Nacht des Jahres, irgendwo oben im hohen Norden. An diesem Winterabend lädt Peter jedes Jahr seine Freunde und Nachbarn zum Dinner ein. Geschäftigt rennt der alte Mann hin und her und trifft die letzten Vorbereitungen. Auch Ruby, seine Enkeltochter, ist da, obwohl sie mehr an ihrem Spiegelbild interessiert ist und an ihrer Unterwäsche zupft, wenn Peter in der Küche ist. Nach und nach treffen die Gäste ein, alle dick eingepackt und bewaffnet – draußen scheint es gefährlich zu sein. Ann bringt einen Kuchen mit, Paul einen guten Wein, den Peter gleich im Schrank verschwinden lässt. Der Abend nimmt seinen Lauf, man isst, trinkt eine Menge, singt, tanzt, erzählt Witze.

Die Zuschauer sehen das alles – und hören 90 Minuten lang keinen einzigen Ton von den Darstellern. Der Abend wird von einer rätselhaften Person, die sich ebenso wie die Zuschauer draußen vor dem Fenster befindet, erzählt und halb liebevoll, halb sarkastisch kommentiert. Sie berichtet nicht nur, was die Personen tun, sondern weiß auch, was sie denken. Teilweise führt der Gegensatz zwischen dem, was man sieht, und dem Einblick ins Innerste der Personen, zu so komischen Gegensätzen, dass der gesamte Theatersaal vor Lachen erbebt.

“Interiors” der schottischen Gruppe “Vanishing Point”, das am Wochenende des 18., 19. und 20. Oktober in Buenos Aires im Rahmen des 9. Internationalen Theaterfestivals FIBA gezeigt – und gefeiert – wurde, basiert auf “Intérieur” (1895), einem Werk von Maurice Maeterlinck, in dem eine Familie durch ein Fenster beobachtet wird, während der Vater draußen steht und überlegt, wie er ihnen den Tod einer der Töchter mitteilen soll. Regisseur Matthew Lenton begeisterte sich für die Idee und probte mit den Darstellern zunächst einen gesprochenen Text, dann dasselbe ohne Worte. Nach und nach entwickelte das Ensemble das Werk, in dem alle Darsteller unter ihren eigenen Namen auftreten.

Das Ergebnis ist eine umwerfende Komödie, die tiefsinnig und liebevoll die Schwächen der Menschen aufs Korn nimmt. Regisseur Lenton erklärt, dass er mit seiner fast ausschließlich visuellen Arbeit ein junges Publikum ansprechen will, das visuelle Codes sofort versteht, während “die Älteren” aufs Hören fixiert seien. Vielleicht stimmt das – und vielleicht wirkt das “Gesehene” in dem Werk für die Älteren wie eine Vorstellung, etwa die, die man sich als Kind beim Lesen von den Figuren eines spannenden Buches machte, während die Stimme der Geheimnisvollen aus dem Totenreich der Text ist, den man im Kopf hörte.

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