Tasten

Das Herantasten an die Wahrheit ist komplizierter denn je

Von Friedbert W. Böhm

WalterCrane_ManOfTheFutureBevor das Auge sich erfand, tasteten sich die Wesen durch das Leben. Was sich essbar anfühlte, wurde verschlungen, Anderes gemieden. Zum Tastsinn gesellten sich im Laufe der Entwicklung das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, beim Menschen. Andere Wesen entbehren einige dieser Sinne, besitzen dafür oder zusätzlich andere, wie etwa Radar oder Elektrizitätsempfindung. Sie alle dienen der Orientierung in der Umwelt; ein Wesen ohne Sinne wäre schon vor der Entstehung des Auges ausgestorben gewesen.

Wir tasten mit den Fingern, schmecken mit der Zunge, sehen mit den Augen (oder der Brille), hören mit den Ohren (wenn wir wollen), riechen mit der Nase (wenn uns nicht gerade der Smog es versaut). So sind wir immer ganz gut zurecht gekommen, im afrikanischen Urwald, in der Savanne, zwischen den Bergen, selbst während der Eiszeit, in Wasser und Luft, heute sogar im Weltraum.

Unsere Sinne können jedoch täuschen. Was uns da bei der Nachtfahrt entgegenkommt: ist es ein Auto oder sind es zwei Motorräder? Vielleicht hilft uns ein Beifahrer, der bessere Augen oder mehr Erfahrung hat als wir. Die Kommunikation mit Unsresgleichen ist ein unschätzbarer Vorteil und hat uns mutmaßlich die Dominanz über alle anderen Wesen (mit Ausnahme der Stechmücken) verschafft.

Allerdings kann uns auch der Beifahrer täuschen. Wir tun gut daran, Informationen aus zweiter Hand nur dann den gleichen oder höheren Wahrheitsgehalt als unseren Sinnen und unseren eigenen Rückschlüssen zuzuschreiben, wenn wir den Informanten beurteilen können. Ist er wohlmeinend, intelligent, erfahren? Oder ein chronischer Lügner, ein Angeber, ein gerissener Verfolger eigenen Vorteils? Dies werden wir am Besten ermessen können, wenn wir ihn aus eigener Erfahrung kennen oder von vertrauenswürdigen Dritten Verlässliches über ihn gehört haben. Das ist umso einfacher, je kleiner die Gesellschaft ist, in der wir mit Informant und Informiertem zusammenleben – je länger ihr Weg, desto verdrehter ist jede Information.

In unserer heutigen Megagesellschaft ist das Herantasten an die Wahrheit komplizierter denn je. Und mehr denn je benötigen wir letzere, um in ersterer zurecht zu kommen. Glücklicherweise besitzen wir Kommunikationsmittel, von denen unsere Vorfahren nicht einmal hätten träumen können. Oder doch? Der englische Illustrator und Kunstlehrer Walter Crane lebte am Übergang vom IXX. zum XX. Jahrhundert. Er zeichnete 1907 den “Tastendrücker”. Das ist ein einsamer Mensch, der weder hört, noch sieht, noch schmeckt noch riecht. Nein, tasten tut er auch nicht mehr. Er drückt Tasten, welche ihm aus wer weiß wievieler Hand die Informationen vermitteln, die er meint, zum Leben zu benötigen. Er grinst sogar.

Sieht er so aus, als könne er Erfolg haben?

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