“Spiegel der russischen Seele“

Fotoausstellung über Leo Tolstoi im Centro Cultural Borges

Von Marcus Christoph

tolstoi
Er gilt als einer der ganz Großen der Weltliteratur: Leo Tolstoi. Der Autor so bedeutender Werke wie “Krieg und Frieden” oder “Anna Karenina” steht dieser Tage im Mittelpunkt einer Foto-Ausstellung, die unter dem Titel “Leo Tolstoi – Spiegel der russischen Seele” noch bis zum 8. Juni im Centro Cultural Borges zu sehen ist. Gezeigt werden Aufnahmen aus dem Leben des 1910 verstorbenen Schriftstellers, der trotz seiner adeligen Herkunft das einfache Leben propagierte.

Zur Eröffnung der Foto-Schau war mit Alexander “Sascha” Tolstoi der Urenkel des rauschebärtigen Poeten nach Buenos Aires gekommen, um mit einem Vortrag über seinen berühmten Vorfahren auf die Ausstellung einzustimmen. Der in Frankreich geborene und heute in Uruguay lebende Nachkomme ging auf die große Tradition der Familie Tolstoi ein, deren Ahnen einst vor sieben Jahrhunderten von Deutschland nach Russland gekommen waren, dort den Zaren dienten und in den Adelsstand aufstiegen. Leo Tolstoi übernahm Jasnaja Polnaja, das Landgut seiner Familie südlich von Moskau, und feierte mit den eingangs erwähnten Werken Erfolge, die ihm internationale Anerkennung brachten.

Doch mit Beginn seines sechsten Lebensjahrzehnts begann eine Zeit der inneren Einkehr. “Er wollte eine Religion praktizieren: nicht im Himmel, sondern auf Erden”, so Sascha Tolstoi über seinen Urgroßvater. Von den Ideen des französischen Philosophen und Zivilisationskritikers Jean-Jacques Rousseau beeinflusst, erblickte Leo Tolstoi in der schlichten, naturnahen Lebensweise der russischen Bauern eine Form, die dem idealen Naturzustand des Menschen frei von den (schädlichen) Einflüssen der Zivilisation nahe komme. Sascha Tolstoi berichtete dabei vom Ringen seines Urgroßvaters mit sich selbst, um dem Ideal zu entsprechen. Der Dichter predigte Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit und beeinflusste so unter anderem den indischen Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi.

Dabei machte Sascha auch Widersprüche bei seinem berühmten Vorfahren aus: “Er predigte die universelle Liebe, aber seine eigene Frau behandelte er mitunter schlecht.” Als Tolstoi in seinem Testament verfügte, dass seine Werke als Besitztümer des Volkes anzusehen seien, kam es zum Streit mit der Gattin. Der 82-jährige Dichter verließ das heimatliche Gut und brach zu einer Eisenbahnfahrt auf, bei der an einer Lungenentzündung starb.

Dass das geistige Erbe des vor über 100 Jahren verstorbenen Dichters weiterhin aktuell ist, machte Valery Kucherov, der Chef des russischen Kulturhauses in Buenos Aires (Casa de Rusia) deutlich: “Das Vermächtnis Tolstois ist für immer und ewig und für alle.” Seine Gedanken lebten weiter. Tolstois Kritik am Konsumismus und einer “unmoralischen Lebensweise” sei aktueller denn je. Kucherov spannte bei seiner Ansprache zudem den Bogen zur aktuellen politischen Situation auf der Krim, die jüngst zum Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine wurde. In Erinnerung an Tolstois Teilnahme am Krim-Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts meinte der Kulturfunktionär, es könne gar keinen Zweifel geben, dass die Halbinsel im Schwarzen Meer russisch sei. Schließlich habe Russland in der Geschichte mit seinem Blut dafür gezahlt.

Der russische Botschafter Victor V. Koronelli würdigte die Ausstellung als “bedeutendes kulturelles Ereignis” für Buenos Aires. Dies zeige auch das große Publikumsinteresse zur Eröffnung, der rund 200 Gäste beiwohnten.

Die Ausstellung im Centro Cultural Borges (Viamonte 500) ist noch bis zum 8. Juni montags bis sonnabends von 10 bis 21 Uhr sowie sonn- und feiertags von 12 bis 21 Uhr zu sehen.

Foto:
Das Bild zeigt (v.l.n.r.) den russischen Botschafter Victor Koronelli, Sascha Tolstoi und dessen langjährige Freundin Ana María Bozzo, Kuratorin Virginia Fabri und Valery Kucherov, den Chef des russischen Kulturhauses.
(Foto: Marcus Christoph)

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