Konstrukteur anderer Welten

Ingo Günther stellte in Buenos Aires eine Anthologie seiner Werke vor

Von Hanna Jochims

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“Ich möchte die Welt verstehen”, ist die Motivation des deutschen Künstlers Ingo Günther.

“Wenn man sich für Kunst interessiert, aber kein Talent hat, ist es sehr schwierig, etwas zu machen. Und so hat bei mir Technologie Talent ersetzt.” Ingo Günther, 1957 in Dortmund geboren und aufgewachsen, kann auf eine sehr sympathische Art und Weise bescheiden sein. Das Euroamerikanisches Festival für Film, Video und Digitalkunst, MEACVAD08 hat ihn eingeladen, eine Anthologie seiner Werke vorzustellen. Mit mehreren Preisen ausgezeichnet, lehrte er an verschiedenen Kunsthochschulen, wurde in den renommiertesten Kunstzentren der Welt ausgestellt – unter anderem auf der Biennale in Venedig und Fukui in Japan, auf der documenta in Kassel oder auf der Ars Electronica in Linz – und eröffnete seinen Vortrag im Goethe-Institut Buenos Aires am vergangenen Donnerstag so: “Danke, dass Sie 1 ½ Stunden Ihrer Zeit opfern, ich hoffe, es wird nicht langweilig.”

Wurde es nicht. Auch nach zwei abendfüllenden Präsentationen des in New York lebenden Künstlers bleibt das Gefühl, gerade erst einen kleinen Einblick in die umfangreiche und extrem vielschichtige Arbeit Günthers bekommen zu haben.

Anfang der 80er Jahre entstehen seine ersten Projekte – “die übrigens sehr preiswert waren – Ökonomie ist in den Medien ja immer ganz wichtig”, erzählt Günther und fährt fort: “Ich wollte früher nie Videokünstler sein, denn das bedeutete, sich in eine Art Ghetto zu begeben.”

Technische Probleme, Schwierigkeiten mit der Präsentation machen normale Ausstellungen unmöglich. Schlechte Bedingungen, die für Günther aber auch Antrieb waren: Aus seiner Frustration habe er auch Motivation schöpfen können. Eine Motivation, die sich aus Ärger über bestehende Zustände entwickelt – diese Dynamik steht hinter vielen von Ingo Günthers Arbeiten.

1987 wird aus dem Video-Ghetto, aus der Nische, “plötzlich eine Art Refugium”. Günther erhält eine Einladung zur documenta nach Kassel. Er gestaltet einen Raum, der komplett mit Marmor ausgekleidet ist. In der Mitte ein Block, auf den aus der Decke Satellitenaufnahmen von AWACS-Flugzeugen projiziert wurden. Für die nicht an Projektionen gewöhnten Zuschauer sah das Ganze nach Magie aus. “Sie fragten sich: Kommt das Bild aus dem Stein?”, berichtet der Künstler. Die Daten stammten aus einem “Ausflug in den Journalismus” – Günther war als Korrespondent bei den Vereinten Nationen in New York akkreditiert.

Nach dem Fall der Berliner Mauer sieht Ingo Günther eine Chance, seine als passiv empfundene Position als Medienkünstler zu verlassen. Er fliegt nach Deutschland und baut innerhalb von zwei Wochen in Leipzig einen Piratensender auf. “Die Mediengesetze waren außer Kraft gesetzt, diese Situation haben wir genutzt.” Im Sender werden später Journalisten ausgebildet, er sendet mehrere Jahre lang aus dem Leipziger Haus der Demokratie.

Staatskonkurrent und Geschichtsschreiber

“Ich bin ein zutiefst politischer Mensch, der gerne auf allen Ebenen mit dem Staat konkurriert, nicht nur in den Medien”, sagt Günther über sich. Staatssymbole, insbesondere Flaggen wecken sein Interesse. “Flaggen sind als Symbol eines Staates extrem abstrakt, ein paar Farbbalken reichen aus, um Menschen zu Tränen oder sogar in den Tod zu treiben.” Er beginnt, eigene zu entwerfen, so zum Beispiel zu Beginn des Golfkriegs 1990 Flaggen für Märtyrer, Überlebende, Flüchtlinge.

Anfang der 90er Jahre recherchiert und schreibt Günther für die taz über kambodschanische Flüchtlingscamps in Thailand. Die Berichterstattung empfindet er als “ständiges Lamento über die Situation der armen Flüchtlinge” und als für ihn unbefriedigend. Aus dem Versuch, eine positive Geschichte zu schreiben, entsteht das Projekt “Refugee Republic”, an dem Günther seitdem kontinuierlich weitergearbeitet hat. In der Refugee Republic sind – in Anlehnung an Beuys` “Kunst = Kapital” – die Flüchtlinge Kapital. Die Republik hat eine Flagge, deren “RR” stark an das Rolls Royce-Logo erinnert, Geld, Pässe, eine eigene Homepage. Diese sieht zeitweilig der offiziellen Seite des Flüchtlingshilfswerks der UNO (UNHCR) so ähnlich, dass Günthers Versuch, über die Seite “Flüchtlingsaktien” zu verkaufen, zu empörten Anfragen führt: Finanziert sich so etwa die UNO?

In einer seiner Installationen findet sich der Flüchtlingstext auf Neonröhren gedruckt. Diese hängen über den auf dem Fußboden eingezeichneten Ländergrenzen – um den Text zu lesen, müssen Grenzen überschritten werden. In der platzsparenden Version sind die Röhren um einen Globus gewickelt.

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Eine andere Sicht auf die Welt – Globen aus dem Projekt Worldprocessor.

Globen sind es auch, die den zweiten Teil des Vortrags dominieren. Das von Günther so bezeichnete “Mapping”, die ganze Welt als Thema, taucht schon in seinen frühen Arbeiten auf. Seit Ende der 80er Jahre vorwiegend in Kugelform: Innerhalb von 20 Jahren produziert er über 1000 Globen zu mehr als 350 verschiedenen Themen. “Dinge sichtbar machen, die unanschaulich sind – das war mir ein Anliegen”, so Günther, und: “Ich dachte: Den Globus kann ich neu erfinden.”

Das Projekt “Worldprocessor” wäre wohl am Finanziellen gescheitert – wenn Günther nicht das weltpolitische Geschehen in die Hände gespielt hätte: Nach dem Fall der Mauer und der Neuordnung der alten Ostblockstaaten mussten neue Globen her. Die alten, die zuvor 100 DM kosteten, waren nun für fünf zu haben. “So konnte ich meinen enormen Bedarf decken – viele gingen ja schon bei der Produktion kaputt”, erinnert sich Günther. Auf den Weltkugeln zu sehen: Das Vorkommen von Landminen auf der Welt, Länder ohne direkten Zugang zum Wasser, das Volumen und die Vernetzung der Kommunikation über Fiberoptikkabel, die Routen, über die die US-Airforce innerhalb von drei Stunden fast jeden Ort der Erde erreichen kann – so politisch brisant und schwer verdaulich die Aussagen der dargestellten statistischen Werte oft sind, immer sind sie sehr ästhetisch.

Am Ende des zweiten Vortragsabends, eine der Fragen aus dem Publikum: Wie versteht er, Ingo Günther, sich selbst, sich als Künstler? Günthers Antwort: “Mich selbst zu verstehen, habe ich schon lange aufgegeben. Ich möchte die Welt verstehen.”

Mehr Informationen zu Ingo Günther und seinen Arbeiten in der “Republik” und auch im Worldprocessor.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 08.11.2008.

Kalender / Agenda

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Ausstellungs-Kalender 08.11.08-15.11.08

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„Boviander“: Gemälde von Patricio Larrambebere in der Galerie Insight Arte.

Ausstellungszentren

  • MALBA (Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires), Av. Figueroa Alcorta 3415 (Do-Mo und feiertags 12-20 Uhr, Di geschlossen, Mi bis 21 Uhr, Eintritt frei. An anderen Tagen: Eintritt 15 Pesos, Lehrer und über 65-Jährige 7,50 Pesos, Studenten, Kinder unter 12 Jahren und Behinderte gratis): „Contemporáneo 23: Mercado“. Projekt: Cristina Schiavi. Künstler: Gabriel Baggio, Elba Bairon, Nushi Muntaabski und Cristina Schiavi. 9.10.-24.11.
  • Museo Nacional de Bellas Artes (MNBA), Av. del Libertador 1473 (Di-Fr 12.30-19.30, Sa und So 9.30-19.30 Uhr. Eintritt frei): „Mirando la Historia, en la Colección Fotográfica del MNBA“ (Historische Fotografien aus der Museumssammlung). 2. Stock. 14.10.-30.11. / „Latitudes: Maestros Latinoamericanos en la Colección FEMSA“. 1. Stock. Seit 4.11.
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Agenda / Kalender

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Agenda de Muestras 08/11/08-15/11/08

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“Boviander”, pinturas de Patricio Larrambebere, en la galería Insight Arte.

Centros de exposiciones

  • MALBA (Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires), Av. Figueroa Alcorta 3415 (Jue-Lun y feriados 12-20 hs, martes cerrado, Miércoles hasta 21 hs, entrada libre. Los otros días: entrada 15 pesos, docentes y mayores de 65 años 7,50 pesos, estudiantes, menores de 12 años y discapacitados gratis): “Contemporáneo 23: Mercado”. Proyecto: Cristina Schiavi. Artistas: Gabriel Baggio, Elba Bairon, Nushi Muntaabski y Cristina Schiavi. Tallador de frutas: Gabriel Ferraris. 09.10.-24.11.
  • Museo Nacional de Bellas Artes (MNBA), Av. del Libertador 1473 (Mar-Vie 12.30-19.30, Sab y Dom 9.30-19.30 hs. Entrada libre): “Mirando la Historia, en la Colección Fotográfica del MNBA”. 2º piso. 14.10.-30.11. / “Latitudes: Maestros Latinoamericanos en la Colección FEMSA”. 1º piso. Desde 04.11.
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Begegnung mit der Pachamama

Teresa Peredas Projekt “Flores para un desierto” in der Salzwüste Boliviens

Von Susanne Franz

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Das mit bunten Bändern geschmückte Wollknäuel, das Teresa Pereda in ihrer Performance in Bolivien verwendete.

Die Pachamama ist eine anspruchsvolle Gottheit. Zum Beispiel hat sie es gern, mit Süßigkeiten verwöhnt oder besänftigt zu werden. Diese werden mit etwas Alkohol besprenkelt und dann sorgfältig verbrannt. Ein kleines Loch wird in die Erde gegraben und die zu Asche gewordene Gabe hineingelegt. Die Gebete der Schamanen oder die konzentrierte Andacht derjenigen, die das Opfer darbringen, tragen zur guten Verdauung und dem resultierenden Wohlwollen der Pachamama, der Mutter Erde, bei. Und zur Gewissheit ihrer Kinder: Sie wird unsere Ernte, unser Vieh beschützen, uns Nahrung und Kleidung geben, das, was wir zum Leben brauchen.

Gutes Essen und bunte Farben liebt die Pachamama. Es gefällt ihr, wenn das schönste Tier der Herde für sie geopfert wird und man ihr sein Blut zu trinken gibt, und wenn die Gaben mit Coca-Blättern bestreut sind. Sie mag es, wenn die Lamas der Herde mit bunten Bändern geschmückt sind und jeden Tag, wenn sie über die Erde schreiten, dies ihr zu Ehren tun. Dann sorgt sie für Nahrung und Fruchtbarkeit – für Leben.

Die Pachamama wird heute wie einst von den Ketschua oder Amaya in Nordargentinien, Nord-Chile, Bolivien, Peru und Ecuador verehrt. Einen Konflikt mit dem christlichen Glauben gibt es nicht, die meisten Verehrer der Pachamama sind zugleich Katholiken. Sogar in der Weltstadt Buenos Aires ist es bei vielen Menschen üblich, einen kleinen Schluck ihres Weines zu verschütten, bevor sie selbst trinken: “Erst etwas für die Pachamama!”

Die argentinische Künstlerin Teresa Pereda ist eine dieser aufgeklärten, modernen, globalisierten Personen. In ihrem Atelier in Buenos Aires sitzt sie an ihrem Laptop und bearbeitet mit dem neuesten Programm für Filmschnitt die Videos von ihrer letzten Performance. Eine, die ein so einschneidendes Erlebnis, eine so tiefe Begegnung mit der Pachamama und den sie umgebenden Ritualen war, dass Teresa vier Monate lang nicht einmal die Fotos ansehen konnte, die sie und die Künstler Charly Nijensohn und Juan Pablo Ferlat bei ihrem zwanzigtägigen Aufenthalt im Januar in der Salzwüste von Bolivien gemacht hatten.

Ausgangspunkt Ushuaia

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(Zurück-)geben statt immer nur nehmen: Teresa Pereda (links) bei der Darbringung von Erde aus verschiendenen argentinischen Provinzen in Ushuaia 2007. Rechts: René Vergara.

Im April 2007 hielt sich der in Berlin lebende, international anerkannte argentinische Video-Künstler Charly Nijensohn in Ushuaia auf, wo er sich an der “I. Bienal del Fin del Mundo” (I. Biennale am Ende der Welt) beteiligte. Teresa Peredas Beitrag zur Biennale war die Performance “Recolección en el bosque: cita en Yatana”. Diese bestand aus der “recolección”, also Sammlung, von Erde des Ortes Yatana, die Teresa Pereda von der feuerländischen Künstlerin Mónica Alvarado überreicht bekam; dann folgte die “restitución”. also Rückgabe, von Erde, die Teresa Pereda zu anderen Gelegenheiten an anderen Orten Argentiniens gesammelt (bzw. von dortigen Schamanen überreicht bekommen) hatte, an den Ort Yatana, und das Darbringen dieser Erde als Opfergabe durch Teresa Pereda und den feuerländischen Schamanen René Vergara. Bei dieser Performance verwendete Teresa auch zum ersten Mal das Wollknäuel als “Werkzeug”: 38 kg zu einem Strang gedrehte Schafswolle, die sie im Wald von Yatana ausrollte und wieder einholte.

Charly Nijensohn lud Teresa Pereda ein, mit ihm in Januar 2008 in die Salzwüste von Uyuni zu fahren, wo er unter Mithilfe des Künstlers Juan Pablo Ferlat sein Video-Projekt “El naufragio de los hombres” (Der Schiffbruch der Menschheit) verwirklichen wollte. Er hatte den besonderen Zugang gesehen, den die Künstlerin Pereda zur alteingesessenen Bevölkerung hatte und den gegenseitigen Respekt, der für die Verwirklichung ihrer Performance in Ushuaia unerlässlich gewesen war, und bat sie um Mithilfe beim Aufbau eines Kontaktes zur Bevölkerung seines Zielortes in Bolivien. Teresa bat Nijensohn im Gegenzug, dass er dort ihr Projekt “Recolección en el salar: cita en Jaruma”, später “Flores para un desierto”, dokumentieren möge.

Blumen in der Wüste

Die 20 Tage in der Salzwüste werden für die drei Künstler unvergesslich bleiben. Schon bei ihrer Ankunft hatten sie Glück: Teresa kam mit dem Taxifahrer, der sie am 7. Januar 2008 vom Flughafen abholte, ins Gespräch, und dieser stellte ihr nicht nur einen Schamanen vor, der ihr die in der Region üblichen Rituale für die Pachamama erläuterte, sondern brachte sie und die beiden anderen Künstler zu seiner umfangreichen Familie, deren Mitglieder fortan Protagonisten der beiden Kunstprojekte wurden.

Fast jeden Tag, bevor sie zum Drehen in die Salzwüste fuhren, brachten sie der Pachamama ein Opfer dar und stimmten sie milde für das Gelingen ihrer Arbeit. Sie wurden so sehr Teil der Familie, dass diese Teresa schließlich einlud, an ihrem wichtigsten Feiertag, dem 21. Januar (dem Tag des Hl. Sebastian, dem Schutzpatron der Schafe und Kamele) beim “Florear”-Ritus, dem Mit-Blumen-Schmücken der Lamas, mit ihrer Performance und ihren Gaben mitzuwirken. Bei der “Florear”-Zeremonie werden die Ohren der Lamas mit bunten Bändern geschmückt, so dass sie jedesmal, wenn sie ihren Kopf beugen, um zu fressen, der Pachamama ihre Ehrerbietung beweisen.

Am 21. Januar wurde das schönste Tier der Herde (im Falle der betreffenden Familie ein Schaf, ein weißer Hammel), geopfert und sein Blut wurde mit anderen Gaben der Pachamama dargebracht. Zu diesen Gaben gehörte auch Erde, die Teresa Pereda von verschiedenen Orten Argentiniens mitgebracht hatte, und die mit den “ofrendas” der Familie zusammen der Pachamama in der den ganzen Tag dauernden Zeremonie geopfert wurde. Darauf wurden die Lamas der Familie geschmückt. Teresa vollzog ihre Performance “Flores para un desierto”, indem sie das 40 kg schwere Schafswoll-Knäuel, das sie mitgebracht und in den vergangenen Tagen mit bunten Bändern geschmückt hatte, in der kargen Landschaft ausrollte und wieder einholte.

Die von Charly Nijensohn gefilmten Szenen der Zeremonie und der Woll-Performance geben eine Atmosphäre wieder, die fast überirdisch ist. In der Luft liegt eine ungeheure Spannung, und doch werden alle Bewegungen mit Bedacht und Langsamkeit ausgeführt. Hier gibt es keinen Selbstzweifel, kein individuelles Zaudern, sondern die jahrhundertealte Gewissheit eines Kollektivs um die Richtigkeit und den Wert jedes einzelne Details des Rituals.

Es hat die drei argentinischen Künstler sehr stark bewegt, dass sie bei einer solchen Zeremonie als gleichwertige Akteure mitwirken durften und nicht lediglich wie “Voyeure” einen alten Ritus aufgezeichnet haben. Teresa Pereda hat immer noch einen Kloß im Hals, wenn sie von dem Erlebnis erzählt und Filmauszüge oder Fotos zeigt. Aber sie ist zusammen mit Juan Pablo Ferlat jetzt fleißig dabei, die Dokumentation ihres flüchtigen Kunstwerks voranzutreiben. Sie bearbeitet Videosequenzen, wählt Bilder aus. 20 kg ihres Wollknäuels hat sie der Familie in Bolivien geschenkt, aber ein 20-kg-Knäuel, das mit vielen bunten Bändern geschmückt ist, hat sie nach Buenos Aires mitgebracht. Es steckt in einem Plastiksack und riecht etwas streng nach Naphthalin, und doch umweht es etwas von der Weite des unendlichen bolivianischen Himmels und dem heiligen Boden der Pachamama, den es berührt hat.

Als Plattform für Teresa Peredas Kunstwerk könnte man sich einen Museumssaal vorstellen, darin ein Podest, auf dem das Wollknäuel ausgestellt ist. Daneben einen Bildschirm, auf dem die Zeremonie zu sehen ist, und einen anderen mit dem Film der Performance, an den Wänden schließlich die Fotos.

Die bisherige Karriere – in einem Buch

Teresa Pereda ist bekannt im argentinischen Kunstbetrieb, und sie stammt aus einer Künstlerinnenfamilie. In ihrem Buch “Tierra”, das die bisherige Karriere der 52-Jährigen dokumentiert, findet man ein Foto aus dem Jahr 1991, das sie mit ihrer Mutter, der Künstlerin Estela Pereda, ihrer Großmutter, der Schriftstellerin und Künstlerin Estela Lacau, und ihrer Urgroßmutter Ana Laplace, die Gobelins schuf, zeigt.

Teresa ist auf dem Land großgeworden und hatte schon immer einen direkten Bezug zur Erde. Auch heute lebt sie mit ihrer Familie zwischen der Provinz und der Hauptstadt, wo ihre Kinder jetzt studieren. Das Atelier in Buenos Aires ist mehr für die “saubere” Arbeit da, für die Computerarbeit, das Synthetisieren ihres Tuns. In ihrer Werkstatt “auf dem Dorf” arbeitet sie mit den Materialen Erde, Sand, Schlamm, hier krempelt sie die Ärmel hoch und legt Hand an.

Schon seit 14 Jahren sammelt Teresa Erde in ganz Argentinien, immer im respektvollen Zusammentun mit dem jeweiligen Schamanen der Region. Sie hat diese Erde in ihre Mischtechniken oder Künstlerbücher eingearbeitet. Aber erst im Oktober 2006, als sie im Dorf Mechita, das durch die Feuer-Arbeiten des argentinischen Künstlers Juan Doffo bekannt ist, ihre erste Performance durchführte – in der sie Mechita “ein Feuer schenkte” – wurde ihr bewusst, dass ihre Arbeit von jeher eine konzeptuelle gewesen war. Ihr wurde klar, dass hier nicht ein neuer Weg war, um sich als Künstlerin weiterzuentwickeln, sondern dass dies immer schon ihr Weg gewesen war.

Das Mitte 2008 im Verlag “El Ateneo” erschienene, sehr liebevoll gemachte Buch “Tierra” hat Teresa Pereda dennoch dazu gedient, eine Art Strich unter ihre bisherige Karriere zu ziehen. Hier ist dokumentiert, was sie bisher gemacht hat, jetzt ist sie frei für neue Projekte. Und man kann allerhand von ihr erwarten.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 01.11.08.

Visuelle Archäologen

Ausstellung “Armar Armenia” zeigt zeitgenössische armenische Videokunst

Von Hanna Jochims

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Das Zählen von Granatapfelkernen – Ausschnitt aus dem Werk von Jean Marie Casbarian.

In den Jahren 1915-1918 starben mindestens eine Million Armenier. Sie wurden im damaligen Osmanischen Reich, aus dem 1923 die Türkei hervorging, verfolgt, deportiert und gezielt umgebracht. UNO und EU haben ebenso wie zahlreiche unabhängige Historiker und Organisationen das Verbrechen benannt, das am armenischen Volk begangen wurde: Völkermord. Die Türkei bestreitet dies. Seit Jahrzehnten lautet die offizielle Version, dass die Umsiedlung der Armenier eine “kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme” gewesen sei. Ethnische Säuberungen, eine geplante Vernichtung habe es nicht gegeben.

Wer die über 90 Jahre zurückliegenden Ereignisse als Genozid bewertet, bekommt den Ärger der Türkei zu spüren. So zum Beispiel Frankreich. 2001 verabschiedete die Nationalversammlung eine Deklaration, die den Völkermord offiziell anerkannte. Die Folge: vorübergehender Abzug des türkischen Botschafters, Aufruf zum Boykott französischer Produkte, Stornierung von Wirtschaftsaufträgen an französische Unternehmen in Höhe von Hunderten Millionen Dollar.

Deutschland geht Unannehmlichkeiten aus dem Weg: Mit den USA und Israel gehört es zu den Staaten, für die es offiziell keinen Völkermord gab und keine “Armenier-Lüge” gibt.

Innertürkische Kritiker müssen mit Verhaftungen und Strafandrohungen rechnen. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk sagte 2005 in einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger: “Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen.” Für die türkische Presse war er ein “Verräter”. Pamuk und jene, die ihn verteidigten, erhielten Todesdrohungen. Er wurde wegen “Beleidigung des Türkentums” angezeigt. Das Verfahren wurde 2006 eingestellt – aus formalen Gründen.

Das Leben in der Diaspora bedeutete für die Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich eine plötzliche Auseinandersetzung mit einer für sie meist völlig fremden Kultur und Mentalität. Wie setzen sich ihre heute auf der ganzen Welt verstreut lebenden Nachkommen, wie setzt sich die dritte Generation nach dem Völkermord mit ihrer Identität in der Diaspora auseinander?

Eine künstlerische Auseinandersetzung zeigt die Ausstellung “Armar Armenia – Videoarte transnacional”. Sieben Künstlerinnen und Künstler armenischer Abstammung aus Los Angeles, Toronto, Paris, Berlin, Eriwan und Buenos Aires zeigen ihre Werke vom 1. bis 15. November in der Asociación Cultural Armenia (Armenia 1366) in Buenos Aires. Idee und Konzeption der Ausstellung stammen von Silvina Der-Meguerditchian. Die Argentinierin, deren Großeltern Überlebende der Deportationen waren, lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Videokunst wird ebenso zu sehen sein wie Werke von Achot Achot, Tina Bastajian, Jean Marie Casbarian, Archi Galentz, Kariné Matsakian und Garine Torossian. Als “visuelle Archäologen oder Anthropologen” suchen sie nach Wörtern, Bildern, Spuren der armenischen Kultur und erzählen vom Leben in der Diaspora.

Die Ausstellung “Armar Armenia” wird am heutigen Samstag, den 1. November, eröffnet (18-20 Uhr) und kann dann bis zum 15. November täglich von 14-19 Uhr besucht werden. Im Internet findet sich eine Plattform der beteiligten Künstler. Mehr Infromationen zur Arbeit von Silvina Der-Meguerditchian auf ihrer Webseite.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 01.11.08.