Der Kreativität auf der Spur

“Las Ideas”“ von Federico León im Zelaya

Von Susanne Franz

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Federico León ist wieder da. Sein neuestes Theaterstück “Las ideas”, in dem er zusammen mit Julián Tello auch als Schauspieler auftritt, wird seit dem 25. März und bis zum 17. April im Theater Zelaya gezeigt. Danach geht das Stück auf Tournee durch Frankreich, Holland, Portugal, Kanada, Italiien und Japan.

Im Jahr 2015 war León mit seinem Werk auf renommierten internationalen Theaterfestivals unterwegs, darunter das Kunstenfestivaldesarts (Brüssel), das Festival delle Colline Torinesi (Turin), “El lugar sin límites – CDN” (Madrid), “La Bâtie” (Genf), FIBA (Buenos Aires), Festival d’automne (Paris), FIT (Cádiz), BAD (Bilbao), BRUT (Wien) und Home Works 7- Ashkal Alwan (Beirut).

“Las ideas” hat den kreativen Prozess zum Thema. Aus einem Treffen zweier Freunde entsteht ganz allmählich ein Schaffensprozess. Sind es die Ideen des einen oder des anderen? Oder machen sich die Ideen vielleicht sogar selbstständig?

Aufführungen sind noch am Samstag, dem 2.4., um 21 Uhr; Sonntag, 3.4., 20 Uhr: Donnerstag, 7.4., 21 Uhr; Freitag, 8.4., 21 Uhr; Samstag, 9.4., 21 Uhr; Sonntag, 10.4., 20 Uhr; Donnerstag| 14.4., 21 Uhr; Freitag, 15.4., 21 Uhr; Samstag, 16.4., 21 Uhr und Sonntag, 17.4., 20 Uhr, im Teatro Zelaya, Zelaya 3134. Eintritt: 180 Pesos. Karten über Alternativa Teatral. Infos unter Tel.:15 4477 2732. Facebook.

Göttliche Theatermaschine

Heiner Goebbels` “Stifters Dinge” im Teatro Colón

Von Susanne Franz

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Einzigartige Mischung aus Performance und Installation: Am vergangenen Wochenende kam das Theaterpublikum von Buenos Aires in den Genuss, das Werk “Stifters Dinge” des berühmten deutschen Theaterschaffenden Heiner Goebbels im Teatro Colón zu sehen. Im Rahmen des Programms “Colón Contemporáneo” (Zeitgenössisches Colón) und mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires und der Deutschen Botschaft in Argentinien konnten jeweils 150 Menschen die vier Vorstellungen des 2007 entstandenen Werkes erleben, das in der Schweiz uraufgeführt wurde und seitdem auf den renommiertesten Theaterfestivals und den wichtigsten Bühnen der Welt gezeigt wird.

Im Teatro Colón durfte das Publikum erstmals in der Geschichte des ehrwürdigen Opernhauses mit auf der Bühne sitzen, und vor seinen Augen agierte – eine Maschine. Die verschiedenen Bestandteile des Ungetüms, mehrere Klaviere, Schlaginstrumente, verdorrte Bäume, Lautsprecher, große Video-Leinwände, sind auf drei hintereinander liegenden Schienen angebracht nd werden von Kabeln und Roboter-Greifarmen bewegt. Die Schienen trennen drei Becken voneinander ab, neben denen jeweils ein beleuchtetes Wärterhäuschen steht. Die Becken sind zu Anfang leer, dann streuen zwei im Dienst der Maschine stehende Menschen eine Saat über sie aus und bewässern sie, später sind sie mit einer Art Ursuppe gefüllt, die vor geheimnisvollem, blubberndem Leben zu wimmeln scheint.

Die drei Ebenen der Maschine fahren gegen Ende des Werkes nach vorne und verbinden sich zu einem hämmernden Ganzen, das sich dem Publikum nähert, Dieses aber hat zu dem Zeitpunkt bereits die Angst vor dem Unbekannten verloren und hat verstanden, dass die Maschine Perlen der menschlichen Zivilisation gesammelt hat und versucht, diese demjenigen behutsam in Erinnerung zu rufen, der sie kennt, oder dem nahe zu bringen, der sie vergessen hat oder nie erfahren durfte.

Heiner Goebbels’ Werk ist ein kultureller Webteppich – eine Klangcollage mit visuellen Reizen, die dem Publikum erlaubt, in eine packende Erzählung Adalbert Stifters einzutauchen, Bachs ergreifende Musik zu genießen, über Lévi-Strauss’ Gedanken in einem Interview zu lächeln und zu staunen, Malcolm X’ revolutionäre Ideen zu vernehmen, dem Sprechgesang eines vergessenen Volkes zu lauschen, ein Klagelied zu hören, das allen Schmerz und alles Leid auszudrücken scheint. Die Töne, die die Maschine dazu erzeugt, sind teilweise so fremd, als stammten sie von einem anderen Planeten.

Was ist diese Maschine? Ein letztes Überbleibsel der menschlichen Zivilisation, ein besonders sensibles und poetisches Destillat, das wenigen Übriggebliebenen deutlich macht, was alles verlorengegangen ist? Ist sie eine Mahnung? Oder vielleicht einfach ein Traum?

Sicher ist sie für jeden einzelnen Zuschauer etwas anderes. Im Anschluss an das Stück wird das Publikum eingeladen, die Maschine von Nahem zu bestaunen, und es gibt keinen, der nicht ausgiebig und neugierig um sie herumstromert und sie zu verstehen versucht.

Heiner Goebbels war persönlich in Buenos Aires und verbeugte sich bescheiden beim begeisterten Applaus. Er deutete hinter sich – hier, die Maschine war es, nicht ich – und stand am Ende lächelnd am Rande, um die Menschen beim Betrachten seiner Kreation zu beobachten.

Begegnung zweier Genies

“Franz & Albert” thematisiert ein fiktives Treffen Einsteins mit Kafka

Von Michaela Ehammer

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Fast zeitgleich mit der Entdeckung der Gravitationswellen, deren Existenz Albert Einstein sich sicher war, ist das Stück “Franz und Albert” des Journalisten und Dramaturgen Mario Diament wieder aufgenommen worden. Mit einem einfachen Szenenbild, zwei Genies und vielen grundlegenden Gedanken, verpackt in grandiose Dialoge, ist unter der Regie von Daniel Marcove ein wahrhaftes Meisterwerk entstanden. Ein Werk, das unter anderem auch wegen der talentierten Theaterschauspieler viele Nominierungen und Auszeichnungen erhalten hat.

Den bedeutenden Schriftsteller des literarischen Welterfolgs “Die Verwandlung” und den berühmten Wissenschaftler mit den zerzausten Haaren, den Vater der Relativitätstheorie, kennt wohl ein jeder. Doch was passiert, wenn sich zwei Größen wie Franz Kafka und Albert Einstein zum ersten Mal begegnen?

Mozarts Musik erklingt und das Theaterstück beginnt. Wir befinden uns in Prag, im Jahre 1911, in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. In den nächsten eineinhalb Stunden werden wir zu Zeugen der Begegnung der beiden Genies, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. Als Einstein nach seinem fulminanten Geigenauftritt die Szene betritt und auf den am Boden knienden Kafka trifft, prallen zwei Welten aufeinander, die anfangs unterschiedlicher gar nicht sein könnten: Kafkas trauriges und ruhiges Gemüt, dessen Leben geprägt ist von Ängsten und Selbstmordgedanken und der trotz seiner Neugier und dem Hang zum “Anderssein” den strengen, archaischen Regeln seines Vaters folgt, trifft auf Einsteins quirlige Person. Ein verheirateter Familienmann, der, wie es scheint, den Sorgen seines Alltags in der Musik, im Alkohol und im Pfeifentabak zu entfliehen versucht und sich mit aller Leidenschaft der Wissenschaft verschrieben hat.

All das bietet einen hervorragenden Stoff für ein bühnenreifes Theaterstück. Beide verstehen nicht viel vom Fach des anderen, bringen dem Gegenüber aber Neugier und Interesse entgegen. Mit der Zeit kommen sich Kafka, gespielt von Miguel Sorrentino, und Einstein, dessen Rolle Julián Marcove übernimmt, näher und geben uns einen Einblick in die Tiefen ihrer Seelen: Ihre Ängste, Sorgen und Träume kommen ans Tageslicht und eine Freundschaft scheint sich anzubahnen. Mit einem Walzer tanzen sie beschwingt in eine wunderbare Zukunft. Und am Ende ist auch der Zuschauer beiden näher, als er zuvor gedacht hätte.

“Franz & Albert” wird sonntags um 20.15 Uhr im Teatro El Tinglado, Mario Bravo 948, aufgeführt. Reservierungen unter Tel.: 4863-1188.

Fließende, zackige Anmut

Zeitgenössisches Ballett im Theater San Martín

Von Laura Meyer

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Ballett unterlegt mit Elektromusik, dazu zackige Bewegungen, fließende Gruppendynamiken und der immer wiederkehrende elektronische Beat: Im Teatro San Martín sind noch bis zum 12. Dezember, unter der Leitung von Mauricio Wainrot, drei zeitgenössische Ballett-Aufführungen zu sehen.

“Sort Sol” (Schwarze Sonne) von den Choreografinnen Ana Garat und Pilar Beamonte eröffnet die Vorstellung, und ist gleichzeitig Premiere des Stückes. 16 Tänzer, ein Vogelschwarm: der “Sort Sol”. Das Phänomen, unter dem Namen “Schwarze Sonne” bekannt, ist ein jährliches Zusammentreffen tausender Vögel, welche sich in den endlosen Himmeln Jütlands in Norwegen zu einem gewaltigen Spektakel zusammenschließen. In dem Licht einer untergehenden Sonne bilden die Tänzer die einheitlichen, fließenden Bewegungen der Vögel nach. 25 Minuten ohne Atempause werden die Zuschauer in den Bann des Werkes gezogen. Unterlegt mit einem gleichmäßigen Takt schweifen die Tänzer in stiller Einheit über die Bühne, friedlich, in sich selbst ruhend, wie vom leichten Wind getrieben. Mal nach rechts, mal nach links, mal weitet sich der Schwarm, mal zieht er sich zusammen. Die gleichmäßige Formation, in der die Gruppe wichtiger ist als der Einzelne, löst sich am Ende von einem Moment auf den anderen auf, wie ein Schwarm, der sich plötzlich in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Das zweite Stück, “Muta” von Gustavo Lesgart, ebenfalls Erstaufführung, überrascht. Aus der Trance des ersten Stücks gerissen, wird der Zuschauer nun Zeuge einer von Kraft strotzenden Gruppendynamik. Anfangs ein kriechender Menschenhaufen, in transparente Kostüme gekleidet, verwandelt sich die Masse zu rasenden Beats immer schneller, mit abrupten Bewegungen und beeindruckenden Hebefiguren, in eine Einheit. Die Gruppe, das Herz des Stückes, löst sich am Ende auf, jeder verschwimmt mit dem Anderen, bis sich die Masse zu einer einzelnen Tänzerin vereint. Alleingelassen, einsam, greift sie nach Etwas, oder Jemandem, bis am Ende der Vorhang fällt.

Das dritte und letzte Stück, “Cuerpo Sutil” von Laura Roatta, führt den Zuschauer wieder in weichere Gefilde, unterlegt mit Gesang und einer wiederkehrenden Cellomusik. Die besten Tänzer des Abends vereinen sich in diesem letzten Stück zu einer anrührenden, sehnsüchtigen Darstellung des Weiblichen und des Männlichen. Ein Paar bildet das Zentrum des Stückes, getragen von den anderen Tänzern, nimmt es an der Liturgie des Lebens teil.

Jede Choreografie bildet eine individuelle Einheit, es ist unmöglich, sie miteinander zu vergleichen. Getragen vom fließenden Vogelschwarm von “Sort Sol”, gefangen im zackigen Takt von “Muta” und befreit durch die anmutigen Figuren des “Cuerpo Sutil”, erlebt der Zuschauer eine außergewöhnliche, berührende Darstellung zeitgenössischer Tanzkunst im Teatro San Martín, die unbedingt zu empfehlen ist.

Weitere Vorstellungen: Samstag, 28.11., und Sonntag, 29.11., jeweils um 17 Uhr. 140 Pesos. Im Dezember: Freitag, 4.12., 20.30 Uhr, Samstag, 5.12., 20.30 Uhr, Sonntag, 6.12., 19 Uhr, Donnerstag, 10.12., 14.30 Uhr, Freitag, 11.12., 20.30 Uhr, und Samstag, 12.12., 20.30 Uhr. 140 Pesos; donnerstags 65 Pesos.

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“Cuerop Sutil” von Ana Garat und Pilar Beamonte.
(Foto: Carlos Flynn)

Lässt sich Frieden stricken?

Der Polo Circo lädt zu einer außergewöhnlichen Zirkusvorstellung ein

Von Friederike Oertel

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“Knitting Peace”, was übersetzt soviel wie “Frieden stricken” bedeutet, lautet der Titel der Zirkusvorstellung, die an diesem Wochenende erstmals im Polo Circo in Buenos Aires zu sehen sein wird. Zwischen Seilen, Fäden und Netzen aus weißen Maschen und Knoten werden die Artisten der schwedischen Zirkusgruppe Cirkus Cirkör eine Kombination aus Jonglage, Tapezkunst und Tanztheater präsentieren, untermalt von Musik und Poesie.

Dabei geht es jedoch um deutlich mehr, als leichtfüßige Unterhaltung: Im Mittelpunkt der Inszenierung steht die Frage, ob der Kampf um Frieden auf Erden ein Kampf um das Unmögliche ist. Kann das Streben danach allein schon Veränderungen bewirken? Und welche Formen kann der Kampf annehmen? Oder anders ausgedrückt: Lässt sich Frieden “stricken”?

Die vom Kulturministerium der Stadt Buenos Aires organisierte Veranstaltung im Polo Circo verspricht einen außergewöhnlichen und magischen Abend. Ob das Gestrickte halten wird?

Das Gastspiel findet am 15. und 16.8. sowie am 20., 21., 22. und 23.8. statt, samstags und sonntags um 18 Uhr, an den Wochentagen um 20.30 Uhr. Infos hier.

Eins, zwei, Wiegeschritt

Tango-Weltmeisterschaft und -Festival in Buenos Aires

Von Friederike Oertel

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Tango und Buenos Aires sind ungefähr so untrennbar miteinander verbunden wie ein leidenschaftliches Paar Tangotänzer. Der argentinische Tanz gilt als der erotischste aller Paartänze und übt auf viele eine große Faszination aus. So findet auch in diesem Jahr in der argentinischen Hauptstadt seit dem 14. und bis zum 27. August 2015 die Tango-Weltmeisterschaft statt. Begleitet wird das Gipfeltreffen der weltbesten Tänzer und Musiker von einem Festival, zu dessen Akteuren Komponisten, Interpreten, Forscher, Sammler und Spezialisten aus Argentinien und dem internationalen Ausland gehören.

Nach zahlreichen Tanzshows und Konzerten werden von über 400 Paaren aus rund 25 Ländern die besten Tänzer in den Kategorien Tango Escenario (Bühnen-Tango) und Tango de Pista (Tango Salón) gekürt. Das Finale der WM findet seit Jahren im Luna Park-Stadion von Buenos Aires vor Tausenden von Zuschauern statt.

Wer vom Feuer des Tanzes angesteckt wird, hat die Gelegenheit, in Anfängerkursen selbst über die ersten Tangoschritte zu stolpern oder als Fortgeschrittener seinen Stil zu verbessern. Das komplette Programm kann man auf der Webseite der WM bzw. des Festivals einsehen.

(Foto: Cultura BA)

Oper in der Krise?

Künstler aus Südamerika loten das Konzept von Musiktheater neu aus

Von Friederike Oertel

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Sie sitzen an einem Tisch auf der Bühne, in Alltagskleidung, den Rücken zum Publikum. Über ihnen eine Videokamera, die das Geschehen in Echtzeit auf eine Leinwand projiziert. Ihre Dialoge sind Rhythmen, raschelndes Papier und einzelne Wörter verschiedener Sprachen, die sich zu einem Cluster verdichten. Während das Sitzen in Bewegung übergeht, steigern sich die Geräusche zu einem Klang-Orgasmus. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: auf der Bühne wird Musiktheater präsentiert.

Das klassische Konzept von Oper, deren Inszenierung auf einer originalen Partitur beruht, hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Selbst in traditionsbewussten Opernhäusern stehen mittlerweile modern inszenierte Stücke auf dem Programm. Konservative Kritiker ziehen gegen diese “Auswüchse” zu Felde, indem sie die Produktionen als Regietheater in der Oper geißeln, deren Zwang nach Aktualisierung die erhabene Kunstform schände.

Die Entwicklungen im Neuen Musiktheater spielen auch im beschriebenen Stück eine zentrale Rolle. Im Rahmen einer Initiative der Münchener Biennale – Festival für neues Musiktheater und dem Goethe-Institut Buenos Aires sind sechzehn junge Künstler aus ganz Lateinamerika zusammengekommen, um Praxen und Begriffe wie Musiktheater, Oper und zeitgenössische Oper zu diskutieren und in kollektiven Gestaltungsprozessen, jenseits von Hierarchien und geregelten Ablaufstrukturen, neu auszuloten. Kuratiert wird das Projekt vom Schweizer Komponisten Daniel Ott, der ab 2016 künstlerischer Co-Leiter der Münchener Biennale sein wird.

Nach zehn Tagen intensiver Arbeit wurden am Mittwoch vergangener Woche vier Stückentwürfe als „Work in Progress“ in der Fundación Beethoven vorgestellt. Die Herangehensweisen an die Kunstform könnten unterschiedlicher nicht sein: Während das Stück “Estimado John” mit Dokumentarfilm, Theaterkulisse und unterschwellig defensiven Klängen arbeitet, setzt “La vida de las máscaras” auf Klaviermusik, wechselnde Standfiguren und Neonlicht. “Sueños que olvidé soñar hasta el fin” hingegen interpretiert ein literarisches Werk und vermittelt musikalisch das Gefühl von flüchtiger, schmerzvoller Sehnsucht.

Die Diskussion um Wert und Existenzrecht moderner Operninszenierungen weicht der Frage nach den möglichen Ursprüngen einer musiktheatralen Produktion. Rahmen gebend ist einzig der kleinste gemeinsame Nenner: Nicht das Schauspiel oder die Sprache stehen im Vordergrund, sondern die Musik als Kommunikations- und Ausdrucksmittel. Ausgehend von dieser Prämisse demonstrieren die jungen Künstler, dass das Genre Oper kaum Grenzen kennt. Auch die Integration neuer Medien und verschiedener Kunstdisziplinen bildet keinen Widerspruch zu ihren ureigenen Grundprinzipien. Die Vielfalt des Abends zeigt, dass die Oper, befreit von der Autorität der Partitur, neue Dimensionen hinzugewinnen kann und dass jede noch so moderne Inszenierung, jeder riskante Stilbruch schon deshalb dem Stillstand vorzuziehen ist.

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Das Stück “Ping” integriert Geräusche und Rhythmen in das Musiktheater.
(Foto: Goethe-Institut Buenos Aires)

Beklemmendes Bild der Gesellschaft

Bruckners “Enfermedad de Juventud”, inszeniert von Carlos Kaspar

Von Michaela Ehammer

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Sechs junge Menschen, geprägt durch Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit zu lieben, verwandeln sich auf der Suche nach den richtigen Werten zu Sklaven der Erotik. Einige von ihnen stehen kurz vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums, doch weil sie alles wollen, geben sie sich in ihrem Liebeswahn schmerzvollen Exzessen der Fremdbestimmung hin. Zwischen Karriere, Heirat und Selbstmord suchen sie den Sinn des Lebens. Unter der Regie von Carlos Kaspar wird das expressionistische Theaterstück “Krankheit der Jugend” des österreichischen Dramatikers Ferdinand Bruckner (1891-1958) nun in Buenos Aires neu inszeniert.

In einem Raum mit klinisch weißem Dekor fängt alles unschuldig an und eskaliert am Ende in einer Tragödie. Die hübsche Maria blickt zu Beginn noch fröhlich in eine heile Zukunft. Am Tag ihres Abschlusses erfährt sie jedoch, dass ihr verwöhnter Freund “Bubi” ihrer Freundin Irene nachsteigt. Aus den Freundinnen werden unberechenbare Feindinnen. Die mangelnde Zuneigung zerreißt Maria, auch bei ihrer alten Liebe Desirée findet sie keine wirkliche Erfüllung – am Ende erfleht sie nur noch ihren Tod.

Lucy, die schüchterne, naive und unschuldige Bedienstete, die es allen recht machen will, kommt durch Freder in den Genuss von Sexualität. Der sadistische Möchtegern-Arzt und Zuhälter, der jede Gelegenheit wahrnimmt, um Sex zu haben, führt Lucy nach Strich und Faden an der Nase herum, bis sie schlussendlich als skrupellose Prostituierte auf der Straße landet. Desirée, die ihre Lust für Maria nicht im Geringsten zu verstecken versucht, wird, von stets auf- und abwallenden Jubelwellen überrollt, schließlich in den Wahnsinn bis hin zum Selbstmord getrieben. Und dann ist da noch Alfredo, ein Arzt und Beobachter, der meist versteckt im Hintergrund nur das Nötigste kommentiert und notiert.

Das Stück wurde 1926 geschrieben und behandelte die Auswirkungen einer enttäuschten Jugend nach dem 1. Weltkrieg. Eine Jugend, die an der Haltlosigkeit in einer Gesellschaft litt, die keine bürgerlichen Werte mehr aufwies. Die packende Handlung, verwoben mit psychoanalytischer Deutlichkeit, wurde von Carlos Kaspar durch Improvisationen aktualisiert und ins Hier und Jetzt verlegt. Das Stück birgt viele Probleme, die auch heute noch von brennender Aktualität sind, denn Korruption, Verlockungen jeglicher Art, Demütigung und Kränkung anderer, um sich selber besser zu fühlen, sprich “Krankheiten der Jugend”, halten auch in der heutigen Zeit Einzug. So wird weniger wie beim Original nach verlorenen Werten gesucht, sondern vielmehr über die Werte debattiert: Moral oder Ehrgeiz, Anstand besitzen oder Mut beweisen, Regeln beachten oder sich der Hemmungslosigkeit hingeben.

Durch den Tod Desirées werden die Protagonisten verantwortlich gemacht für ihr Benehmen, ihre Äußerungen und ihre Handlungen. Sie müssen der grausamen Wirklichkeit ins Auge schauen, dass jeder Einzelne von ihnen sie zum Selbstmord getrieben hat, bewusst oder unbewusst.

Nach zahlreichen Aufführungen und Verfilmungen des Stücks in Deutschland und Österreich, kann man es nun in der Theaterbar “El Método Kairòs” (El Salvador 4530, Palermo) noch bis zum 26. Juni immer freitags um 20.30 Uhr sehen.

Große Gefühle unterm Regenschirm

Theaterstück “El amor bajo la lluvia” unterstützte Organisation Ada

Von Meike Michelmann gen. Lohmann

El amor bajo la lluvia
Was hat der Regen nur an sich, dass er so sehr zum Küssen verführt. “Titanic”, “Wie ein einziger Tag”, “Frühstück bei Tiffany” – fast kein großer Liebesfilm kommt ohne eine wildromantische Kussszene im strömenden Regen aus. Dieses Phänomen hat der Regisseur Marcelo Rosa jetzt in seinem Theaterstück “El amor bajo la lluvia – una comedia (no) romántica” verarbeitet. Am 12. Februar feierte das rasante Liebes-Potpourri, in dem es vom ersten Kennenlernen, dem Finden der großen Liebe bis zur verzweifelten Langzeitbeziehung alles zu bestaunen gibt, seine Premiere.

Wild, schnell und leidenschaftlich singen, schauspielern und lieben sich die beiden Hauptdarsteller – Ángeles Díaz Colodrero und Martín Mazalán – in die Herzen der Zuschauer. Trotz vier verschiedener Kurzgeschichten und mehrerer Szenenwechsel sieht das Drehbuch von Marcelo Rosa weder Pausen noch Umkleiden vor. Die Bühne ist die Garderobe, und so bleiben die beiden Darsteller immer in Sichtweite und die Spannung bricht nie ab.

Neben dem verzweifelten Warten darauf, dass ER endlich bei Whatsapp antwortet oder IHREN Liebesgeständnissen bei Facebook, spiegelt wohl auch das die Maximen der modernen Liebe wider – alles auf einmal, möglichst schnell und ohne Unterbrechung. Die beiden Liebenden knöpfen ungeschickt ihre Hemden und Röcke auf und singen gleichzeitig so großartig zusammen (und manchmal auch gegeneinander), als hätten sie ihren Lebtag nichts anderes gemacht. Die Live-Band – gut versteckt hinter einem durchsichtigen Vorhang – gibt währenddessen alles, um die Facetten der Liebe mal mit harten, mal mit schüchternen Klängen zu unterstützen.

Neben dem klassischen Kennenlernen auf Partys oder an Bushaltestellen zeigt sich, dass die Liebe manchmal auch ein Spiel auf Leben und Tod sein kann, gerade dann, wenn einer der Beteiligten im Auftrag des Teufels unterwegs ist. Ein Trost für alle Romantiker, trotz der Ankündingung, es sei eine “nicht romantische Komödie”, meldet sich die Romantik an der ein oder anderen Stelle doch lautstark zu Wort.

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im realen Leben hat das Theaterensemble viel für die Liebe übrig. Am Dienstagabend bewiesen sie das bei einer außerplanmäßigen Vorstellung ihres Stückes. Am Eingang erwartete die Gäste diesmal keine Kasse, sondern ein großer, leerer Tisch, den es mit Spielzeug, Kinderkleidung und Malzeug zu füllen galt. Diese Vorstellung hatten die Künstler der Organisation “Amigos del Alma” (Ada) gewidmet, die seit 2003 gegen jegliche Form von Gewalt gegen Kinder und Frauen kämpft. Anstatt den regulären Eintritt zu bezahlen, war das Publikum gebeten worden, dringend benötigte Sachspenden für die Arbeit mit betroffenen Kindern mitzubringen.

“Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass die Nachrichten von Morgen nicht mehr von Gewalt, sondern von Liebe bestimmt werden. Mit kleinen Schritten nähern wir uns unserem Ziel, und der heutige Abend ist einer davon”, sagte eine der Verantwortlichen von Ada nach der Vorstellung.

Beim Verlassen des Theaters konnten sich alle vom Erfolg des Abends überzeugen: ein prall gefüllter Tisch und eine noch vollere Spendenbox. Wer sich selber von der Magie des Liebesregens überzeugen möchte: das Stück läuft regulär jeden Freitag um 21 Uhr im Teatro Gargantúa in Palermo.

Die Organisation Amigos del Alma freut sich auch weiterhin über freiwillige Helfer und Spenden.

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Wo es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm.

V. Shakespeare-Festival in Buenos Aires

Gratis-Veranstaltungen vom 20. bis 28. Februar

Von Mandy Rutkowski

fs2Seine Komödien und Tragödien gehören zu den bedeutendsten und am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur. Da liegt es nahe, dass das Kulturministerium der Stadt Buenos Aires, das British Council und die britische Botschaft in diesem Jahr zum fünften Mal ein Shakespeare-Festival auf die Beine stellen, das die Arbeit des Dramatikers würdigt.

Vom 20. bis 28. Februar werden nicht nur Stücke wie “Hamlet” oder “Romeo und Julia” aufgeführt, Theaterliebhaber haben zudem die Möglichkeit, Workshops, Konzerte und Kinovorstellungen zu besuchen, die sich rund um das Lebenswerk Shakespeares drehen – und das alles kostenlos. Auch mit prominenten Gästen wie der argentinischen Theater-Ikone Norma Aleandro und dem Schauspieler Michael Pennington aus Großbritannien kann sich die Veranstaltung in diesem Jahr schmücken.

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Webseite des Festivals.

Pedro Lemebel gestorben

Schillernde Persönlichkeit der chilenischen Kulturszene

Von Michaela Ehammer

pedro_lemebelDer chilenische Theaterkünstler und Schriftsteller Pedro Segundo Mardones Lemebel, besser bekannt als Pedro Lemebel, ist am 23. Jänner 2015 nach einem langen und schweren Kampf gegen Kehlkopf-Krebs von uns gegangen. Er war wohl der einzige chilenische Schriftsteller, der Make-up und High Heels trug, zumindest in der Öffentlichkeit. Dieser Stil war Teil seines rebellischen Geistes und diente als Instrument, mit Provokationen Anklage in der politischen Szene zu erheben. Dadurch wurde er erfolgreich und wohl zu einem der meistdiskutierten chilenischen Autoren.

Lemebel machte aus seiner Homosexualität kein Geheimnis, auch nicht in Zeiten, wo dieses Thema noch klar als Tabu galt. Nicht zuletzt deshalb zählte er in seinem Heimatland zu den schillerndsten Figuren der Kulturszene.

Am 21. November 1952 in Santiago de Chile als Sohn von Peter und Violett geboren, wuchs er buchstäblich als armer Junge am Rande einer Deponie auf. Als Kind hatte er nur begrenzten Zugang zu Bildung. Später besuchte er eine industrielle High School und danach die Universität von Chile und unterrichtete zunächst als Lehrer für Bildende Kunst an zwei Gymnasien.

Seine ersten systematischen Ansätze zur Literatur traten in einem literarischen Workshop in den frühen achtziger Jahren ein, wo er begann, Geschichten zu schreiben. Im Alter von 26 Jahren gewann er seinen ersten Preis in einem Literaturwettbewerb, dem folgten weitere Auszeichnungen wie der “Ibero-Amerikanische Literaturpreis José Donoso”. “Loco Afán”(1996), “De Perlas y Cicatrices” (1998) und “Tengo miedo Torero” (2001) zählen wohl zu seinen bekanntesten Werken.

In den 80er Jahren, noch zu Zeiten der Pinochet-Diktatur, gründete er gemeinsam mit Francisco Casas die Verbindung “Stuten der Apokalypse”, um mit Provokationen öffentliche Veranstaltungen zu stören. Des Weiteren war der Freiheitskämpfer Mitautor des Satiremagazins “The Clinic”. Lemebel stand stets für eine Art “Andersartigkeit”. Nach der Diagnose Kehlkopf-Krebs im Jahre 2012, die ihm auch das Sprechen verbot, ist seine Stimme nun jedoch für alle Zeiten erloschen.