24. Kunstmesse arteBA 2015 findet Anfang Juni statt

81 Galerien aus 18 Ländern, darunter aus Deutschland und der Schweiz

Von Susanne Franz

arteBA
Sie findet dieses Jahr nicht im Mai und erstmals ohne den ewigen Hauptsponsor – den krisengeschüttelten Ölkonzern Petrobras – statt: Am Dienstagmittag wurde im Malba im Rahmen einer Pressekonferenz die 24. Ausgabe der Kunstmesse arteBA vorgestellt. Vom 4. bis zum 7. Juni geht die renommierteste Verkaufsmesse zeitgenössischer Kunst Lateinamerikas über die Bühne, für Sponsoren, Sammler und VIP-Gäste findet schon am 3. Juni ein “Pre-Opening” statt. Gleich geblieben ist der Veranstaltungsort: der Blaue und Grüne Pavillon des Messegeländes La Rural an der Plaza Italia in Buenos Aires.

Bei der Ankündigung vor etwa 300 Gästen hob arteBA-Präsident Alec Oxenford den Schwerpunkt der Messe auf argentinische und lateinamerikanische Kunst hervor. Besonders freue er sich über eine Rekordbeteiligung an Galerien an der diesjährigen Messe. Darüber hinaus hätten noch nie zuvor so viele Museen angekündigt, Werke für ihren Museumsschatz auf der Messe kaufen zu wollen.

arteBA-Geschäftsführerin Julia Converti gab im Anschluss einen Überblick über die verschiedenen Sektionen der Messe und die Begleitprogramme, darunter die Vortragsreihe “Open Forum”, die wieder bei freiem Eintritt stattfinden wird.
81 Galerien aus 18 Ländern, u.a. auch aus Deutschland und der Schweiz, präsentieren auf dieser 24. Ausgabe die Werke von rund 450 Künstlern. Mitmachen wird in diesem Jahr großgeschrieben, das zeigt sich u.a. am großen Angebot an Workshops und Performances. Mit der Performance-Biennale “BP.15”, die am gleichen Tag wie arteBA zu Ende geht, sind zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen geplant.

Auch außerhalb des Messegeländes wird sich arteBA bemerkbar machen: In Zusammenarbeit mit der Stadt Buenos Aires werden Rundgänge durch Galerien in verschiedenen Stadtvierteln angeboten. So wird ein Synergie-Effekt erzielt und den Besuchern aus anderen Ländern wird ermöglicht, über die Messe hinaus in das Kunstleben der Hauptstadt einzutauchen.

Die Messe ist täglich von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet dieses Jahr 120 Pesos, Rentner und Studenten (mit Ausweis) zahlen den ermäßigten Preis von 60 Pesos. Zwei Messetage kosten 190 Pesos. Den Katalog kann man für 150 Pesos erwerben. Weitere Informationen erhält man auf der Webseite der Messe.

Große Gefühle unterm Regenschirm

Theaterstück “El amor bajo la lluvia” unterstützte Organisation Ada

Von Meike Michelmann gen. Lohmann

El amor bajo la lluvia
Was hat der Regen nur an sich, dass er so sehr zum Küssen verführt. “Titanic”, “Wie ein einziger Tag”, “Frühstück bei Tiffany” – fast kein großer Liebesfilm kommt ohne eine wildromantische Kussszene im strömenden Regen aus. Dieses Phänomen hat der Regisseur Marcelo Rosa jetzt in seinem Theaterstück “El amor bajo la lluvia – una comedia (no) romántica” verarbeitet. Am 12. Februar feierte das rasante Liebes-Potpourri, in dem es vom ersten Kennenlernen, dem Finden der großen Liebe bis zur verzweifelten Langzeitbeziehung alles zu bestaunen gibt, seine Premiere.

Wild, schnell und leidenschaftlich singen, schauspielern und lieben sich die beiden Hauptdarsteller – Ángeles Díaz Colodrero und Martín Mazalán – in die Herzen der Zuschauer. Trotz vier verschiedener Kurzgeschichten und mehrerer Szenenwechsel sieht das Drehbuch von Marcelo Rosa weder Pausen noch Umkleiden vor. Die Bühne ist die Garderobe, und so bleiben die beiden Darsteller immer in Sichtweite und die Spannung bricht nie ab.

Neben dem verzweifelten Warten darauf, dass ER endlich bei Whatsapp antwortet oder IHREN Liebesgeständnissen bei Facebook, spiegelt wohl auch das die Maximen der modernen Liebe wider – alles auf einmal, möglichst schnell und ohne Unterbrechung. Die beiden Liebenden knöpfen ungeschickt ihre Hemden und Röcke auf und singen gleichzeitig so großartig zusammen (und manchmal auch gegeneinander), als hätten sie ihren Lebtag nichts anderes gemacht. Die Live-Band – gut versteckt hinter einem durchsichtigen Vorhang – gibt währenddessen alles, um die Facetten der Liebe mal mit harten, mal mit schüchternen Klängen zu unterstützen.

Neben dem klassischen Kennenlernen auf Partys oder an Bushaltestellen zeigt sich, dass die Liebe manchmal auch ein Spiel auf Leben und Tod sein kann, gerade dann, wenn einer der Beteiligten im Auftrag des Teufels unterwegs ist. Ein Trost für alle Romantiker, trotz der Ankündingung, es sei eine “nicht romantische Komödie”, meldet sich die Romantik an der ein oder anderen Stelle doch lautstark zu Wort.

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im realen Leben hat das Theaterensemble viel für die Liebe übrig. Am Dienstagabend bewiesen sie das bei einer außerplanmäßigen Vorstellung ihres Stückes. Am Eingang erwartete die Gäste diesmal keine Kasse, sondern ein großer, leerer Tisch, den es mit Spielzeug, Kinderkleidung und Malzeug zu füllen galt. Diese Vorstellung hatten die Künstler der Organisation “Amigos del Alma” (Ada) gewidmet, die seit 2003 gegen jegliche Form von Gewalt gegen Kinder und Frauen kämpft. Anstatt den regulären Eintritt zu bezahlen, war das Publikum gebeten worden, dringend benötigte Sachspenden für die Arbeit mit betroffenen Kindern mitzubringen.

“Wir kämpfen jeden Tag dafür, dass die Nachrichten von Morgen nicht mehr von Gewalt, sondern von Liebe bestimmt werden. Mit kleinen Schritten nähern wir uns unserem Ziel, und der heutige Abend ist einer davon”, sagte eine der Verantwortlichen von Ada nach der Vorstellung.

Beim Verlassen des Theaters konnten sich alle vom Erfolg des Abends überzeugen: ein prall gefüllter Tisch und eine noch vollere Spendenbox. Wer sich selber von der Magie des Liebesregens überzeugen möchte: das Stück läuft regulär jeden Freitag um 21 Uhr im Teatro Gargantúa in Palermo.

Die Organisation Amigos del Alma freut sich auch weiterhin über freiwillige Helfer und Spenden.

Foto:
Wo es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm.

Reisestrapazen

Ein Lyriker des Mittelalters in Primera Junta, Buenos Aires

Von Uwe Schoor

Ein bisschen mitgenommen sieht er aus, vor allem das Schwert scheint wehruntauglich geworden, nasse Füße hat er sich geholt, aber Walther von der Vogelweide ist tatsächlich in Primera Junta (Buenos Aires) angekommen.

walter copiawalter1 copia

Kalender / Agenda

Click aquí­ para leer la versión en castellano.

Ausstellungskalender vom 17/05/2015

Von Susanne Franz

sala
Am Dienstag, den 19. Mai, um 18 Uhr, weiht der Theaterkomplex “Complejo Teatral de Buenos Aires” und der Verein der Freunde und Förderer des Teatro San Martín die modernisierte Kleiderkammer des CTBA ein, die sich in der Straße Gregoria Pérez 3637 im Stadtviertel Chacarita befindet. Ein Rundgang gibt einen Einblick in die Arbeit einiger der talentiertesten Kostümbildner, die für den CTBA gearbeitet haben. Außerdem wird es einen Laufsteg geben, auf dem Models Kostüme vorführen, die von Theatergrößen wie Alfredo Alcón, Elena Tasisto, Gianni Lunadei, Leonor Manso, Claudia Lapacó oder Joaquín Furriel auf der Bühne getragen wurden. (Foto: Marcelo Mazza)

HEUTE, Sonntag, 17. Mai, um 18 Uhr, wird die Ausstellung “Sala de Secado” von Mariana López im Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires, eröffnet.

Die Ausstellungen der Woche:

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Agenda / Kalender

Klicken Sie hier, um die deutsche Version zu lesen.

Agenda de Muestras del 17/05/2015

Por Susanne Franz

sala
El martes 19 de Mayo, a las 18 horas, el Complejo Teatral de Buenos Aires y la Fundación Amigos del Teatro San Martín inaugurarán el nuevo Centro de Vestuario Teatral del CTBA, ubicado en la calle Gregoria Pérez 3637, en el barrio de Chacarita. Un circuito interactivo será montado para exhibir el talento de algunos de los vestuaristas más destacados que trabajaron en el Complejo. A su vez, un desfile de vestuario teatral de las distintas épocas será organizado para que algunos intérpretes luzcan sobre la pasarela prendas que fueron utilizadas por figuras como Alfredo Alcón, Elena Tasisto, Gianni Lunadei, Leonor Manso, Claudia Lapacó y Joaquín Furriel, entre otros. (Foto: Marcelo Mazza)

HOY, domingo, 17 de Mayo, a las 18 horas, se inaugurará “Sala de Secado” de Mariana López en Espacio Kamm, Mario Bravo 1136, Palermo, Buenos Aires.

Las muestras de la semana:

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Die DDR-Kinder von Namibia

430 junge Namibier wuchsen im zweiten deutschen Staat auf

Von Marcus Christoph

ddr_namibierinEin ganz besonderes Kapitel der deutsch-namibischen Geschichte stellen die sogenannten “DDR-Kinder von Namibia” dar. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von insgesamt 430 Kindern, die weite Teile ihrer Jugend im zweiten deutschen Staat zugebracht haben. Nach dem Zusammenbruch der DDR und der 1990 erreichten Unabhängigkeit Namibias kehrten sie in ihr Herkunftsland zurück.

Hintergrund für die kuriose Episode der Geschichte ist die politische Situation im südwestlichen Afrika in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Das Gebiet, das heute Namibia ist, war von den Südafrikanern besetzt. Diese indtallierten ein Apartheidsregime, das die schwarze Mehrheitsbevölkerung stark benachteiligte.

Die marxistisch orientierte Befreiungsorganisation SWAPO bekämpfte die Besatzer auch von
Basen im benachbarten Angola aus. Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als die südafrikanische Armee 1978 ein Ausbildungs- und Flüchtlingslager der SWAPO nahe der Stadt Cassinga im südlichen Angola angriff. Mehr als 600 Personen kamen dabei ums Leben, darunter zahlreiche Zivilisten, von denen 122 Kinder waren.

Angesichts dieser Ereignisse wandte sich SWAPO-Chef Sam Nujoma an verbündete sozialistische Staaten mit der Bitte, namibische Kinder aus den Flüchtlingslagern aufzunehmen, um ein zweites Cassinga zu verhindern. Im September 1979 stimmte das Zentralkomitee der DDR-Staatspartei SED dem Ansinnen Nujomas zu und erklärte sich bereit, Kinder aufzunehmen.

Im Dezember desselben Jahres trafen die ersten 80 namibischen Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren im winterlichen Berlin ein. Sie wurden zunächst im Jagdschloss Bellin nahe Güstrow in Mecklenburg untergebracht. Ab 1985 brachte man die älteren Klassen in der “Schule der Freundschaft” in Staßfurt in Sachsen-Anhalt unter. Die Erziehung der namibischen Kinder war darauf gerichtet, sie zur Führungselite ihres Heimatlandes nach der Unabhängigkeit zu formen. Durch die deutschgeprägte Umgebung verloren sie aber zusehends den Bezug zur Kultur Namibias.

Nach elf Jahren endete das ungewöhnliche Kapitel der Geschichte. Fast zeitgleich fielen das Ende der DDR und die Unabhängigkeit Namibias zusammen, so dass weder Sponsor noch Grund für den Aufenthalt der namibischen Kinder auf deutschem Boden mehr vorhanden waren.

Die Wiedereingliederung der nunmehr fast erwachsenen Jugendlichen in die namibische Gesellschaft verlief unterschiedlich. Für nicht wenige Schwarze waren die in der DDR Aufgewachsenen “Deutsche”. Zu groß war die durch die Prägung in der DDR entstandene Entfremdung von der namibischen Kultur – und die angestammten Deutschnamibier betrachteten die DDR-Kinder aufgrund von Hautfarbe und Erziehung in einem kommunistischen Staat auch nicht als Ihresgleichen.

Manche der einstigen DDR-Kinder konnten ihre durch den langjährigen Auslandsaufenthalt gewonnenen Sprachkenntnisse für ihre berufliche Karriere nutzen. Zuihnen gehört Hilda Kenda Lucas. Die heute 42-Jährige arbeitet als Immobilienmaklerin in Windhoek. Bevorzugt kümmert sie sich um deutschsprachige Kunden. Davor war sie mehrere Jahre lang Betreiberin einer Diskothek.

Andere sind jedoch auf die schiefe Bahn geraten. So gibt es eine Gruppe von einstigen DDR-Kindern, die in der Innenstadt von Windhoek gezielt deutsche Touristen ansprechen. Denen erzählen sie in nahezu perfektem Deutsch wahlweise, dass sie Spenden für eine Ausstellung zur Geschichte der namibischen Kinder in der DDR sammeln oder für die Organisation eines Treffens Geld benötigen. Doch dies sind nur Vorwände, um den Touristen die Geldscheine aus dem Portemonnaie zu ziehen. Die Allgemeine Zeitung hat dem Kleinganoventrick schon mehrere Artikel gewidmet, die auch im Eingangsbereich der Christuskirche ausgelegt sind. Hilda ist das Gebaren ihrer einstigen Weggefährten peinlich, da es ein schlechtes Licht auf die DDR-Kinder wirft.

Foto:
Hilda Kenda Lucas gehörte zu den 430 DDR-Kindern von Namibia.
(Foto: Carlota Salomón)

Deutsche Spuren in Namibia

Wechselvolle Geschichte: Von der deutschen Kolonie zum unabhängigen Staat

Von Marcus Christoph

kirche
Wer sich durch die Namib-Wüste der Atlantikküste nähert, könnte vielleicht meinen, es handele sich um eine Fata Morgana: Häuser mit Fachwerk, Amtsgebäude aus der wilhelminischen Kaiserzeit und ein rot-weißer Leuchtturm, wie es ihn an der deutschen Nord- oder Ostseeküste geben könnte. Dazu noch Straßenschilder mit Namen wie Bismarck, Moltke oder Kaiser Wilhelm. Dabei befindet sich Swakopmund, wie der 43.000 Einwohner-Ort im Südwesten Afrikas seit seiner Gründung 1892 heißt, gut 8000 Kilometer von Deutschland entfernt.

Nicht von ungefähr hat Swakopmund den Ruf, die “deutscheste Stadt” in Namibia zu sein. Die viertgrößte Stadt des dünnbesiedelten Landes legt noch heute deutliches Zeugnis ab für die Zeit, als das Gebiet zwischen Südafrika im Süden, Botswana im Osten und Angola im Norden deutsche Kolonie war. Von 1884 bis 1915 wehte die Fahne des deutschen Kaiserreiches über dem weitgehend unwirtlichen Gebiet am anderen Ende der Welt. Noch heute leben zahlreiche Nachfahren der einstigen Kolonialbeamten und Siedler dort. Die Zahl der Deutschnamibier wird gegenwärtig auf rund 20.000 geschätzt.

Den Anfang hatte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz gemacht, der im Süden des Landes (beim späteren Lüderitzbucht) 1883 einen Handelsstützpunkt schuf und das Gebiet durch trickreiche Verhandlungen mit den ansässigen Stammeshäuptlingen erweiterte. Ihm gelang es, den anfangs zögerlichen Reichskanzler Otto von Bismarck für die Idee zu gewinnen, das Gebiet unter deutschen Schutz zu stellen. Bei der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 wurde der deutsche Anspruch auf die Kolonie bestätigt.

In der Folgezeit wurde eine deutsche Schutztruppe gebildet und die Ansiedlung von Deutschen aus dem Reich gefördert. Hauptstadt der Kolonie wurde Windhoek im Landesinneren. An der Küste wurde Swakopmund als Hafen für das Schutzgebiet geschaffen. Diamantenfunde in der Gegend bei Lüderitzbucht im Jahr 1908 sorgten für einen weiteren Einwanderungsschub.

Das Zusammenleben von Deutschen und den einheimischen Stämmen war mitunter konfliktreich. Zwischen der preußisch-deutschen Lebensweise und derjenigen der angestammten Bevölkerung klafften Welten.

Ein besonders dunkles Kapitel stellt die Niederschlagung des Herero-Aufstandes dar. Die Volksgruppe sah sich durch die deutschen Siedler und Kaufleute immer weiter in ihren Lebensgrundlagen zurückgedrängt. Als sich durch eine Rinderseuche ihre Situation weiter zuspitzte, wagten sie unter ihrem Anführer Samuel Maharero die Erhebung gegen die Kolonialherren. Diese waren bereit, ihren Besitz auch durch Anwendung brutaler Gewalt zu verteidigen.

Überliefert ist der “Vernichtungsbefehl” von Generalleutnant Lothar von Trotha, dem Kommandeur der deutschen Schutztruppe: “Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.”

Nach der Entscheidungsschlacht am Waterberg flüchteten die Hereros in die Omaheke-Wüste. Die Deutschen hielten sie von den wenigen Wasserstellen ab, so dass sie zu Zehntausenden verdursteten. Die Zahl der ums Leben gekommenen Hereros wird auf 80.000 geschätzt. Die Tragödie gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Im Süden des Landes erhoben sich etwa zur selben Zeit die Nama, die erst nach einem jahrelangen zermürbenden Kleinkrieg niedergerungen werden konnten.

Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches hat sich zwar offiziell zur besonderen historischen und moralischen Verantwortung gegenüber Namibia bekannt. Direkte Wiedergutmachungszahlungen wurden bislang jedoch stets abgelehnt. Andererseits unterstützt Berlin Namibia mit vergleichsweise großzügiger Entwicklungshilfe. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind nach Auskunft des Auswärtigen Amts über 800 Millionen Euro in die einstige Kolonie geflossen. Dies ist die höchste Pro-Kopf-Förderung, die
Deutschland einem afrikanischen Land zuteil werden lässt.

leuchtturmDie Geschichte der deutschen Kolonie endete vor fast genau 100 Jahren am 9. Juli 1915, als sich die deutsche Schutztruppe der mit der Entente verbündeten südafrikanischen Armee ergeben musste. Im Friedensvertrag von Versailles 1919 wurde Deutschland zum Verzicht auf Kolonialbesitz gezwungen. Südafrika erhielt vom neu gegründeten Völkerbund das Mandat zur Verwaltung des einstigen Deutsch-Südwestafrikas übertragen. Die neuen Herren im Land wiesen rund die Hälfte der 15.000 dort lebenden Deutschen aus. Doch 1923 änderten sie ihre Politik. Die im Land gebliebenen Deutschen konnten die britische Staatsbürgerschaft annehmen, 3200 von ihnen nutzten das Angebot. Aber auch erneute Immigration aus Deutschland und die deutsche Sprache wurden nun wieder gefördert.

Als sich infolge der Weltwirtschaftskrise die ökonomische Situation der Deutschnamibier verschlechterte, schlossen sich nicht wenige von ihnen der aufstrebenden NS-Bewegung an, die landesweit Parteibüros gründete. Auch Befürchtungen, Südafrika könnte sich das Gebiet direkt in sein Staatswesen einverleiben, befeuerten die radikalen Tendenzen. Die Nazi-Partei erreichte ähnlich große Popularität wie in Deutschland.

Zu einer besonderen Belastung wurde der Zweite Weltkrieg, in dessen Verlauf viele Deutschnamibier nach Südafrika verbracht und dort interniert wurden. Die rund 20 Jahre zuvor zuerkannten britischen Staatsbürgerschaften wurden wieder kassiert. Erst 1946 kamen die Internierten frei.

Südafrika wandte seine 1948 eingeleitete Apartheidspolitik auch auf sein Mandatsgebiet an. Dies verschärfte naturgemäß die Gegnerschaft der schwarzen Mehrheitsbevölkerung zu der Mandatsmacht, führte aber andererseits zu einer Verbesserung des Verhältnisses zwischen der Protektoratsverwaltung und den Deutschnamibiern. Diese gehörten nun neben den burischen und englischstämmigen Weißen zur privilegierten Minderheit der Rassentrennung. Zuwanderung aus Deutschland war wieder gerne gesehen.

1990 erreichte Namibia nach jahrelangen Kämpfen schließlich seine Unabhängigkeit von Südafrika. Damit ist das Land im Südwesten des Kontinents eine der jüngsten Nationen weltweit. Die Deutschnamibier sind heute eine von zahlreichen ethnischen Gruppen im Vielvölkerstaat Namibia. Sie leben in fast allen Teilen des Landes, das etwa doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik, aber nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohner zählt. Lediglich im Norden sind die Deutschstämmigen nicht präsent.

Die Deutschnamibier sind meist mehrsprachig. Neben der Muttersprache sprechen sie häufig auch Englisch und Afrikaans, die Sprache der Buren, die sich aus dem Holländischen entwickelt hat. Neben der deutschen Sprache, die eine der anerkannten Landessprachen ist, ist der deutsche Einfluss in der Esskultur, bei Volksfesten und Feiern, bei den zahlreichen Vereinen, sowie im Wirtschaftsleben spürbar.

Ganz frei von Spannungen ist das Verhältnis zwischen Deutschnamibiern und der schwarzen Mehrheitsbevölkerung aber weiterhin nicht. So hat man beispielsweise in Swakopmund den Eindruck, dass Deutschstämmige und Schwarze eher nebeneinander als miteinander leben. Zu groß scheinen die kulturellen Unterschiede und Lebensgewohnheiten weiterhin zu sein.

Für Aufregung sorgte zuletzt die Demontage des Reiterdenkmals (“Südwester Reiter”) von Windhoek. Das Denkmal war den Gefallenen der deutschen Schutztruppe gewidmet, die bei der Niederschlagung der Aufstände der Herero und Nama ums Leben kamen. Um Platz für das mit nordkoreanischer Hilfe entstandene nationale Unabhängigkeitsmuseum zu schaffen, beschloss die namibische Regierung 2009 den Abbau und die Zerstörung des Monuments. Der Deutsche Kulturrat wollte dem Ansinnen zuvorkommen und organisierte 2010 den Umzug des Reiters an einen anderen Ort. Man stellte ihn auf einem Sockel vor der “Alten Feste”, einer Festung aus der deutschen Kolonialzeit, neu auf. Doch die Regierung legte nach. Am 1. Weihnachtstag 2013 ließ sie das Denkmal unter großen Sicherheitsvorkehrungen von seinem neuen Platz entfernen. Derzeit lagert der Reiter nun versteckt im Innenhof der “Alten Feste”, in dem demnächst eine historische Ausstellung zu sehen sein soll.

An der Stelle, an der ursprünglich der Reiter stand, grüßt nun eine monumentale, in nordkoreanischer Ästhetik gehaltene Statue von Sam Nujoma, dem Gründungsvater der namibischen Nation, der von 1990 bis 2005 als Präsident des jungen Landes fungierte. Nujoma sorgte 2009 für Irritationen, als er der deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia unterstellte, eine feindliche Haltung dem namibischen Staat gegenüber einzunehmen: “Wir tolerieren sie. Aber wenn sie sich nicht benehmen, werden wir sie angreifen. Und wenn sie dann ihre weißen Freunde aus Deutschland rufen, dann schießen wir ihnen die Köpfe ab.” Doch glücklicherweise scheint es sich bei den drastischen Worten des Elder Statesman lediglich um rhetorisches Getöse gehandelt zu haben.

reiter

Fotos von oben nach unten:
Wahrzeichen der Hauptstadt Windhoek: die evangelisch-lutherische Christuskirche.

Der Leuchtturm von Swakopmund.

Der “Südwester Reiter” fristet heute ein Schattendasein (Windhoek).
(Fotos: Marcus Christoph)

Namibische Zeitung in deutscher Sprache

Die Allgemeine Zeitung feiert im kommenden Jahr 100-jähriges Jubiläum

Von Marcus Christoph

AZ11
“Wir bringen täglich Nachrichten aus Namibia in deutscher Sprache. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.” Chefredakteur Stefan Fischer formuliert, was das Besondere der Allgemeinen Zeitung (AZ) in der namibischen Hauptstadt Windhoek ausmacht.

Fünfmal pro Woche, von Montag bis Freitag, bringen Fischer und seine Kollegen ein Printerzeugnis heraus, das locker mit jeder guten deutschen Lokalzeitung mithalten kann: Ein modernes Layout, ansprechende Farbfotos, leserfreundliche Aufmachung und vor allem lokale und regionale Nachrichten auf den ersten Seiten. Das Weltgeschehen und das, was in Deutschland passiert, findet der Leser erst im hinteren Teil. Bewusst versteht sich das Blatt als namibische Zeitung – deutscher Sprache.

Die 1916 gegründete Publikation ist die einzige deutschsprachige Tageszeitung in Afrika und die älteste in Namibia, das bis zum Ersten Weltkrieg deutsche Kolonie war. Je nach Wochentag beträgt die Auflage zwischen 5300 und 6200 Exemplare. Die Seitenzahl pendelt zwischen zwölf und 32. Umfangreich ist vor allem die Wochenendausgabe, die freitags herauskommt. Der Verkauf erfolgt durch Abonnements, aber auch durch Straßenhändler sowie in Buchhandlungen und sonstigen Geschäften.

Die Hauptklientel der AZ sind die rund 20.000 Muttersprachler, die laut Angaben der Namibia Statistics Agency (2013) im Land leben. Viele sind Nachkommen der Beamten und Siedler, die zu Koloniezeiten (1884 bis 1915) ins damalige “Deutsch-Südwest” kamen.

Deutsch ist eine von insgesamt 14 Landessprachen und als solche fester Bestandteil des namibischen Lebens. Die Tendenz sei aber leicht rückläufig, beschreibt Fischer. Dies liege zum einen an einem Geburtenrückgang, der bei den Deutschsprachigen festzustellen sei. Zum anderen aber auch an der restriktiven Einwanderungspolitik der Regierung. Fischer, der aus Cottbus stammt, musste selber zwölf Jahre kämpfen, ehe er in Namibia eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekam – und dies trotz einer festen beruflichen Position, einer in Namibia aufgewachsenen Frau und im Land geborener Kinder.

Zu den Lesern der Allgemeinen Zeitung gehören aber nicht nur die Einheimischen, sondern auch die zahlreichen Touristen aus Deutschland, die Fischer auf 60.000 bis 80.000 pro Jahr schätzt. Hinzu kommen Namibia-Interessierte aus dem deutschsprachigen Teil Europas.

“Das Interesse wird durch Urlaub geweckt. Es gibt familiäre Bindungen oder auch geschäftliche Aspekte”, erläutert Fischer, weshalb die Zeitung Beachtung auch jenseits der Landesgrenzen findet. Die Tendenz spiegele sich in der steigenden Zahl der Besucher des AZ-Internetauftritts wider, so Fischer. Diese wird mittlerweile täglich etwa 1500 Mal aufgerufen.

Auf den Trend hat sich die Redaktion mit der Herausgabe einer monatlichen Tourismusbeilage eingestellt. Die Extra-Publikation wird gemeinsam mit den Schwesterzeitungen “Namibian Sun” (Englisch) und “Die Republikein” (Afrikaans) produziert, die wie die AZ zur Verlagsgruppe Namibia Media Holdings (NMH) gehören. Die drei Zeitungen teilen sich seit zwei Jahren auch ein modernes Großraumbüro (Newsroom).

Synergie-Effekte ergäben sich auch, was die Akquise von Anzeigen betreffe, so Fischer. Unter dem Strich stünden so schwarze Zahlen. Gleichwohl sei die Finanzierung eine ständige Herausforderung, zumal aus Deutschland “kein Cent an Unterstützung” komme, beklagt der AZ-Chefredakteur. Wichtig sei von daher auch das Nebengeschäft mit Kalendern, DVDs und Büchern über Namibia, mit denen die AZ ihre Wirtschaftsbilanz aufbessert.

Kämpfen muss die AZ aber auch an anderer Front. So sei es nicht einfach, in ausreichendem Maße journalistische Fachkräfte zu gewinnen. “Es gibt wenig Menschen im Land, die in Frage kommen”, meint Fischer mit Blick auf sprachliche und journalistische Qualifikation der in Namibia aufgewachsenen möglichen Kandidaten. Und die wenigen, bei denen es diesbezüglich passen könnte, zögen oft finanziell lukrativere Jobs in der Wirtschaft vor. “Journalismus ist Herzenssache”, sagt Fischer und meint damit, dass für eine Tätigkeit bei der AZ auch eine gehörige Portion Idealismus vonnöten sei.

Derzeit arbeiten zehn Redakteure für die AZ. Hinzu kommen Mitarbeiter, die für Satz bzw. Anzeigenakquise zuständig sind, sowie Praktikanten, die regelmäßig aus Deutschland kommen. Insgesamt zähle man derzeit 20 Personen, die für die AZ arbeiten, so Fischer. Er selbst kam nach mehreren Urlaubsaufenthalten in Namibia 2004 zur AZ. Zuvor hatte er als Bildjournalist beim “Märkischen Boten” in Cottbus gearbeitet, wo er auch mit dem Schreiben anfing.

Fischer zur Seite steht sein Stellvertreter Eberhard Hofmann, der 1954 als DDR-Flüchtling nach Namibia kam und seit vier Jahrzehnten für die AZ arbeitet. Er erzählt vom Wandel der politischen Ausrichtung, den die Zeitung in ihrer jüngeren Vergangenheit durchgemacht hat: Zunächst habe die AZ lange Zeit den Apartheidskurs der südafrikanischen Besatzungsmacht unterstützt. Erst ab Mitte der Siebzigerjahre sei eine allmähliche Neuorientierung erfolgt. Die Unabhängigkeit von den Südafrikanern, die 1915 die Deutschen als Herren des Landes abgelöst hatten, wurde nun als Ziel unterstützt.

In ihrer politischen Ausrichtung hatte die AZ ohnehin nicht immer ein glückliches Händchen. Als in Deutschland die Nazis marschierten, sprangen auch die Blattmacher im südwestlichen Afrika auf den nationalsozialistischen Zug auf und benannten im Jahr 1939 ihre Zeitung in “Deutscher Beobachter” um – offenbar in Anlehnung an den “Völkischen Beobachter”, dem Parteiorgan der NSDAP in München.

“Es hat unter den Deutschen in Namibia einen starken Nationalismus gegeben, aber nicht alle waren Nazis”, erläutert Hofmann. Fast alle seien während des Zweiten Weltkrieges interniert worden. Schon 1943 habe man sich besonnen und das Blatt wieder in Allgemeine Zeitung umbenannt. Überhaupt wendet sich Hofmann gegen ein Verharren in der Geschichte: “Schauen wir doch lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit.” Gegründet wurde die Zeitung im Übrigen während des Ersten Weltkrieges unter dem Namen “Der Kriegsbote”. Als der Waffengang dann vorbei war, erhielt das Blatt den Namen, den es heute noch (bzw. wieder) trägt.

Die heutige politische Ausrichtung der Zeitung beschreibt Hofmann als “unabhängig, überparteilich, kritisch”. Wobei sein Kollege Fischer hinzufügt, dass regierungskritische Meinungen in der AZ vielleicht stärker präsent seien als in anderen Zeitungen des Landes. Namibia wird seit seiner Unabhängigkeit von der einst marxistischen Befreiungsbewegung SWAPO (South-West Africa People‘s Organization) regiert. Diese charakterisiert Fischer als “nationalistisch”. In der SWAPO herrsche zuweilen noch “sozialistisches Denken” vor, das heutzutage aber mit einer “kapitalistischen Anspruchshaltung” gepaart daherkomme.

Die Allgemeine Zeitung hat seit ihrer Gründung im Jahr 1916 viel zum Zusammenhalt der deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Namibia beigetragen. Im kommenden Jahr am 22. Juli, dem Gründungstag, wollen Fischer und seine Kollegen das runde Jubiläum gebührend feiern. Ein ganzes Jahrhundert als deutschsprachige Zeitung im Südwesten Afrikas bestanden zu haben, ist schließlich eine stolze Leistung.

AZ55

Fotos von oben nach unten:
Das moderne Großraumbüro, das die AZ mit den Schwesterzeitungen “Namibian Sun” und “Die Republikein” teilt.
(Foto: Marcus Christoph)

AZ-Chefredakteur Stefan Fischer (l.) und sein Stellvertreter Eberhard Hofmann (r.) nach dem Gespräch mit dem Redakteur des Argentinischen Tageblatts Marcus Christoph (M.).
(Foto: Carlota Salomón)

Kalender / Agenda

Click aquí­ para leer la versión en castellano.

Ausstellungskalender vom 09/05/2015

Von Susanne Franz

kamoelmacher
“Gallery Day” in Palermo: Im Rahmen der beim kunstbegeisterten Publikum sehr beliebten Gallery Nights in Buenos Aires hat der Veranstalter, die Kunstzeitschrift “Arte al Día Internacional”, sich etwas Neues einfallen lassen: Am heutigen Samstag, den 9, Mai 2015, findet zwischen 11 und 15 Uhr erstmals ein “Gallery Day” statt. Mehr als 35 Galerien und Kunst-Räume des Rundgangs Palermo (der die Stadtviertel Palermo und Villa Crespo umfasst) öffnen ihre Pforten, um ihre Künstler und deren neueste Werke vorzustellen.

Die weiteren “Gallery”-Events dieses Jahres:
Retiro und Barrio Norte
Donnerstag, 18. Juni, ab 19 Uhr.
Donnerstag, 10. September, ab 19 Uhr.
Donnerstag, 12. November, ab 19 Uhr.

Palermo und Villa Crespo
Donnerstag, 16. Juli, ab 19 Uhr.
Donnerstag, 8. Oktober, ab 19 Uhr.
Samstag, 28. November (Gallery Day), 11-15 Uhr.

Foto: Beim heutigen “Gallery Day” wird die Ausstellung “Construir una poética” von Cynthia Kampelmacher bei Nora Fisch Arte Contemporáneo eröffnet.

Die Ausstellungen der Woche:

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

Agenda / Kalender

Klicken Sie hier, um die deutsche Version zu lesen.

Agenda de Muestras del 09/05/2015

Por Susanne Franz

kamoelmacher
Gallery Day en Palermo: Continuando con la experiencia de los populares Gallery Nights, la revista Arte al Día Internacional introduce una nueva propuesta para disfrutar el arte de una manera distinta en la Ciudad de Buenos Aires. Hoy, sábado, 9 de mayo de 2015, entre las 11 y las 15 horas, más de 35 espacios de arte del Circuito Palermo (comprendido entre las zonas de Palermo y Villa Crespo), abrirán sus puertas para presentar sus artistas y mostrar sus últimos trabajos.

Próximos “Gallery”:
Retiro y Barrio Norte
Jueves 18 de junio, a partir de las 19 horas.
Jueves 10 septiembre, a partir de las 19 horas.
Jueves 12 de noviembre, a partir de las 19 horas.

Palermo y Villa Crespo
Jueves 16 de julio, a partir de las 19 horas.
Jueves 8 de octubre, a partir de las 19 horas.
Sábado 28 de Noviembre (Gallery Day), de 11 a 15 horas.

Foto: En el marco del “Gallery Day” se inaugurará la muestra “Construir una poética” de Cynthia Kampelmacher en Nora Fisch Arte Contemporáneo.

Las muestras de la semana:

Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »

“Ich will mich beim Schreiben selber überraschen lassen”

Interview mit dem deutschen Schriftsteller Sebastian Fitzek nach seiner Lesung auf der 41. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

Von Susanne Franz

fitzek
Mit seinen spannenden Psychothrillern hat der deutsche Schriftsteller Sebastian Fitzek sich eine globale Fangemeinschaft geschaffen: 12 Millionen Bücher hat er weltweit verkauft. Auf Einladung seines spanischen Verlages “Ediciones B” hielt Fitzek am 26. April eine Lesung auf der 41. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires. Sie war ein voller Erfolg: der deutsche Bestsellerautor wurde von seinen Lesern begeistert gefeiert und signierte im Anschluss an die Veranstaltung stundenlang seine Bücher. Wieviel Freude ihm die Begegnung mit seinen argentinischen Fans gemacht hat, erzählte er in einem Interview am 28. April, eine halbe Stunde vor seiner Rückreise.

SF: Sie haben in Argentinien glühende Fans. Wussten Sie das vorher? Oder waren Sie überrascht von dieser Verehrung und Wärme, mit der Sie hier empfangen wurden?

Sebastian Fitzek: Ich war völlig überrascht. In den Anfängen in Deutschland kamen fünf oder zehn, gut, vielleicht zwanzig Leute zu einer Lesung, und sie waren eher reserviert, so wie die Deutschen eben manchmal sind, wenn sie einen noch nicht kennen. Und hier war ein Saal mit über 200 Menschen, alle sehr enthusiastisch, sehr warmherzig. Ich hatte mir schon gedacht, dass die, auf die ich treffe, dass das sehr emotional sein wird, denn mich erreichen sehr sehr viele E-Mails aus Argentinien, die auch sehr enthusiastisch sind, und es macht unglaublich viel Spaß, mit den Lesern in Kontakt zu treten. Dass die Lesung aber so eine Resonanz haben würde, das hat mich völlig überwältigt.

Als Schriftsteller hat man ja in der Regel keinen Applaus, sondern man schreibt für sich im stillen Kämmerchen und dann wird es veröffentlicht. Und das ist tatsächlich etwas, wo man dann auch ein Feedback bekommt und seine Leser kennenlernt. Es gibt nichts Schöneres.

SF: Wieviel Zeit wenden Sie ungefähr auf für Zuschriften und dafür, sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen, um sich mit Ihren Fans zu unterhalten?

Sebastian Fitzek: Also, das ist ungefähr eine Stunde am Tag, die man sich tatsächlich dafür freinehmen muss. Es ist ein bisschen leichter geworden durch die sozialen Netzwerke, zum Beispiel schreibt bei Facebook einer “Wann bist Du denn in Buenos Aires?”, und dann antwortet schon ein anderer, bevor ich überhaupt die Möglichkeit habe. Das heißt, einiges verwaltet sich auch selbst. Aber eine Stunde am Tag muss man schon aufwenden.

SF: Also die Fans kommunizieren auch untereinander…

Sebastian Fitzek: Genau, oder sie verabreden sich zur Messe und helfen sich untereinander, da haben sich schon viele Freundschaften gebildet. Und auch das ist sehr schön, dass man da erlebt, wie Bücher verbinden können.

SF: Auf Ihrer Facebookseite stand, dass Sie sich nach kurzem Nachdenken entschieden haben, nach Buenos Aires zu kommen, obwohl Sie sich gerade in einer Schreibphase befinden. Sind Sie oft so spontan?

Sebastian Fitzek: Das war für mich gar keine Frage. Ich war noch nie in Südamerika vorher, noch nie in Buenos Aires. Ich habe die Gelegenheit natürlich sofort ergriffen, man wird ja nicht alle Tage eingeladen, das ist ja eine große Ehre, dass man überhaupt als deutscher Autor hierher kommen darf.

SF: Sie haben bei der Lesung Ihren Fans Tipps gegeben, was sie beachten sollen, wenn sie selbst schreiben wollen. Stimmt das wirklich, dass man den ersten Entwurf wegschmeißen sollte?

Sebastian Fitzek: Ich glaube, das war Hemingway, der gesagt hat: Der erste Entwurf ist immer Mist! Die Geschichte steht und fällt mit der Bearbeitung, und hier ist ein gutes Lektorat extrem wichtig. Wobei das nicht heißt, dass jemand anderes einem hereinredet und sagt “Veränder das mal”, sondern ein gutes Lektorat ist wie eine Hebamme, die einem hilft, dass das Buch “zur Welt kommt”. Es stellt die richtigen Fragen, auf die man dann eventuell noch reagieren kann.

SF: In Ihrem Roman “Noah”, den Sie hier vorgestellt haben, geht es um Überbevölkerung und knapp werdende Ressourcen für die Menschheit. Glauben Sie, dass unser Planet kurz vor einer solchen Katastrophe steht? Welche Schritte müsste man schnell unternehmen, um dem entgegenzurudern?

Sebastian Fitzek: Kurz vor einer Katastrophe, so würde ich das nicht bezeichnen, aber wir steuern schon auf äußerst ungemütliche Zeiten zu. Schnell ändern geht da gar nicht, sondern mit kleinen Schritten muss etwas geändert werden. Das ist ähnlich wie eine Diät, man kann auch nicht schnell 50 Kilo in drei Tagen verlieren, die man sich über Jahrzehnte vielleicht zuviel angefuttert hat.

Wir können das Rad nicht sofort wieder zurückdrehen, es ist aber tatsächlich so, dass wir – und mit “wir” meine ich vor allen Dingen die Europäer und die Amerikaner – über unsere Verhältnisse leben und dass man da eben etwas machen muss.

Tatsächlich ist das Problem, dass der Mensch sehr sehr anpassungsfähig ist. Wir sind ein bisschen so wie der Frosch, der im heißen Wasser sitzen bleibt und nicht merkt, dass es immer heißer wird. An viele Sachen haben wir uns halt unglaublich schnell gewöhnt, beispielsweise Menschen, die direkt an der Autobahn wohnen, hören irgendwann den Krach der Autobahn nicht mehr. Und Menschen, die im Smog leben, merken nicht, dass die Luft immer schlechter wird.

Es ist so, dass uns entweder Katastrophen dazu zwingen werden, unser Verhalten zu ändern, oder wir erkennen eben frühzeitig, dass wir vielleicht einige Schritte einleiten. Und wir sollten wenig Zeit verlieren, um darüber zu sprechen. Beispielsweise durfte ich jetzt hier in Argentinien erleben, dass das Wetter unnatürlich heiß war für die Jahreszeit. Wir können natürlich unsere Zeit damit verschwenden, zu diskutieren, gibt es den Klimawandel oder nicht, oder wir könnten einfach sagen, wenn der Klimawandel wirklich kommt, dann wäre das eine Katastrophe, lasst uns jetzt lieber etwas tun, damit er nicht einsetzt.

Ich muss natürlich dazusagen, dass das sehr schwierig ist, es ist tatsächlich aus der Situation eines privilegierten Autors sehr leicht zu sagen, man muss etwas ändern, während es auf der anderen Seite beispielsweise auch in Deutschland Familien gibt, die mit jedem Pfennig rechnen müssen und die eben nicht sagen können, ich achte jetzt überall darauf, dass ich einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlasse.

Auch ich habe durch meinen Langstreckenflug nach Buenos Aires das Klima natürlich belastet, und deswegen habe ich auch dieses Buch nicht mit einem erhobenen Zeigefinger geschrieben, sondern eben auch um aufzuzeigen, wie schwierig es ist in unserem gegenwärtigen System, hier etwas zu verändern.

Aber es gibt eben einige Maßnahmen. Beispielsweise ist in Deutschland ein ganz großes Problem, dass Lebensmittel immer dann weggeschmissen werden, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. “Mindesthaltbarkeit” sagt aber eigentlich nur aus, dass es mindestens bis dahin haltbar ist; und man kann es eigentlich noch problemlos essen. Das ist eine unglaubliche Ressourcenverschwendung.

Plastiktüten sind ein großes Problem für unseren Planeten, wenn man die nicht mehr benutzt, tut man schon sehr viel. Und da gibt es viele kleine Schritte, die man unternehmen kann. Die großen Schritte allerdings, die erfordern auch ein Umdenken in der Politik und in der Wirtschaft.

SF: Sie haben 2006 mit “Die Therapie” einen sehr großen Bestsellererfolg gehabt. Seitdem schreiben Sie jedes Jahr ein Buch, und auch immer ein Erfolgsbuch. Was ist Ihr Geheimnis?

Sebastian Fitzek (lacht): Man kann es ganz offen sagen: Wenn man sich einmal etabliert hat, dann hat man natürlich eine Fangemeinschaft, und das ist wesentlich einfacher, als wenn man jedesmal unter einem neuen Namen starten würde. Zum Beispiel als Stephen King es als Richard Bachman probiert hat, war er auch erst einmal nicht mehr so erfolgreich, bis dann rauskam, dass es Stephen King war. Also hat man natürlich einen Kredit. Ich bin aber immer sehr nervös vor Veröffentlichungen, weil es eben keine Bestsellerformel gibt und der Geschmack am Ende entscheidet. Man muss sich deswegen – und das ist auch ein Tipp für alle angehenden Autoren – völlig loslösen davon zu sagen «Was könnte denn dem Leser gefallen?”, weil den Leser oder die Leserin gibt es gar nicht. Das hat man ja auch an den unterschiedlichen Menschen gesehen, die hier auf der Lesung waren. Man kann sich eigentlich nur die Frage stellen “Gefällt mir das Buch?”, “Mag ich das?”, “Würde ich das lesen?”, “Kann ich da 100% dahinterstehen?”. Wenn das der Fall ist, dann kann man das Buch auf die Reise lassen in der Hoffnung, dass es auch anderen gefällt.

SF: Sie waren Journalist und haben auf der Lesung erzählt, dass Sie mit Anfang/Mitte 30 gemerkt haben, dass Ihnen der Beruf keinen Spaß mehr macht. Deswegen seien Sie Autor geworden.

Sebastian Fitzek: Der Beruf in einer bestimmten Ausprägung. Damals war ich sehr viel unterwegs und habe für Radiostationen als Berater gearbeitet, und da war ich eigentlich für nichts verantwortlich. Ich wollte dann wieder etwas haben, wofür ich verantwortlich bin, wo ich am Ende des Tages sagen kann “Das habe ich gemacht”, im Guten wie im Schlechten. Es ist häufig, dass Schriftsteller aus beruflicher Unzufriedenheit heraus anfangen, gut zu werden. Bei John Grisham war es genauso, er hat seinen Beruf als Anwalt gehasst und hat dann flammende Justizromane geschrieben. Das ist vielleicht gar kein schlechtes Rezept.

SF: Sie sind promovierter Jurist und spezialisiert auf Urheberrecht. Es hat mich überrascht, dass Ihr Gesprächspartner auf der Messe, Máximo Soto, sagte, eines Ihrer Bücher, das auf Spanisch übersetzt ist, das es aber nur in Spanien gibt, könnte man sich ja als Raubkopie besorgen.

Sebastian Fitzek: Zunächst einmal ist er jemand, der auch sehr stark für Urheberrechte gekämpft hat als Journalist. Das war mit einem Augenzwinkern gemeint.

Gleichwohl bin ich der festen Überzeugung, dass die wenigsten Menschen wirklich etwas Kriminelles tun wollen, sondern wenn sie sich eine Raubkopie ziehen, dann nur dann, weil sie es auf einem anderen Wege nicht legal oder nur sehr kompliziert bekommen. Und wenn das Buch beispielsweise hier nicht erhältlich ist, dann müsste man dafür sorgen, dass es legal zu bekommen ist, um die Leute nicht dazu zu bringen.

Ich sehe dieses Problem von Raubkopien nicht so wahnsinnig kritisch, ich will nicht auf diejenigen zeigen, die sich das runterladen. Ich sehe eine andere Sache eher kritisch, nämlich dass die Leute, die diese Plattformen zur Verfügung stellen, oftmals Multimillionäre sind. Und wenn es dann dazu kommt, dass die Urheber, z.B. in der Musikindustrie, nicht mehr von ihren Werken leben können, aber einige Multimillionäre, denen große Tauschbörsen und Firmen gehören, mit kriminellen Machenschaften reich werden, das ist dann etwas, wo ich sage, da muss man den Riegel vorschieben.

Oftmals wissen die Leute, die sich eine Raubkopie holen, gar nicht, wen sie damit unterstützen. Sie denken, das ist kostenlos, aber tatsächlich müssen sie sich einen Computer kaufen, sie brauchen eine Software, und da stehen viele viele große namhafte Konzerne dahinter, die an diesem Problem der Raubkopien ebenfalls verdienen.

SF: Sie haben bei der Lesung gesagt, dass die Hauptperson Ihrer Bücher jeweils ungefähr ab Seite 80 anfängt, “das Kommando zu übernehmen”. Ist Ihnen das nicht etwas unheimlich?

Sebastian Fitzek: Im Gegenteil, ich warte darauf! Für mich ist das tatsächlich ein Zeichen – hat sie das Kommando übernommen, dann “lebt” sie, dann ist es eine – für mich zumindest – reale Figur. Wohingegen, wenn sie ab Seite 100 immer noch das macht, was ich ihr sage, ist es eher eine Reißbrettfigur, die nichts an Leben hat. Für mich ist es wirklich ein gutes Zeichen, wenn ich mich selber darauf freue zu sehen, was erlebt diese Figur eigentlich heute. Ich habe ein grobes Bild, ich vergleiche das immer mit einer Kohlezeichnung, aber ausgemalt wird sie beim Schreiben.

Es gibt Autoren, die haben ganz detaillierte Exposés , die haben 100/120 Seiten Zusammenfassung geschrieben über ihr Buch, die haben Interviews geführt mit ihren Hauptdarstellern, die wissen also ganz genau jedes kleinste Detail vom Lebenslauf dieser Figuren und schreiben das dann nur noch runter. So könnte ich nicht arbeiten. Das ist bewundernswert, das ist bestimmt auch klug in bestimmten Punkten, aber das Schreiben wäre dann reine Arbeit, es wäre kein Vergnügen.

Ich habe mich ja lange gescheut, überhaupt zu schreiben, weil ich den Prozess des Schreibens für so anstrengend hielt. Ich habe natürlich einen groben Leitfaden, so 20 Seiten, ich weiß auch ungefähr, worauf ich hinaussteuere, ich habe einige Szenen, auf die ich mich freue. Und in der Mitte habe ich viele weiße Felder, die beim Schreiben gefüllt werden. Vielleicht muss ich auch deswegen mehr noch überarbeiten vom ersten, zweiten, dritten Entwurf als vielleicht andere, die auch mit dem Lektorat schon ihren Entwurf so durchgekaut haben. Bei mir ist es anders. Ich will mich beim Schreiben selber überraschen lassen.

SF: Sie haben drei kleine Kinder, sind die mit Ihnen nach Argentinien gereist?

Sebastian Fitzek: Nein, die sind ein bisschen zu klein für so einen Kurztrip, wir sind ja nur vier Tage unterwegs gewesen. Wir wurden auf dem Weg auch noch in Rio de Janeiro aufgehalten, wegen des Vulkanausbruchs in Chile, sind also zu spät hier angekommen. Ich war heilfroh, dass wir diesen Termin am Sonntag auf der Buchmesse wahren konnten. Das wäre für die kleinen Kinder – die sind nämlich eineinhalb, dreieinhalb und viereinhalb Jahre alt – ein bisschen zu anstrengend gewesen. Wenn sie größer sind, wenn ich noch mal eingeladen werden sollte oder privat hierhin komme, dann kommen sie mit, das habe ich auch mit meiner Frau schon besprochen.

SF: Es hat Ihnen gut gefallen hier.

Sebastian Fitzek: Als Europäer, als Deutscher hatte ich schon ein etwas falsches Image von Buenos Aires und Argentinien. In jedem Reiseführer wird gewarnt vor der hohen Kriminalität. Sicherlich gibt es das auch, gar keine Frage, aber alles, was wir erlebt haben, war einfach warm, freundlich, ich habe selten selten so freundliche Menschen erlebt, und ich meine nicht nur bei der Lesung, das war überwältigend, aber auch sonst, überall, wo man hingeht.

SF: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Foto:
Sebastian Fitzek stellte in Buenos Aires seinen Roman “Noah” vor.
(Foto: FinPic München)