Theater-Highlight des Jahres

Hamlet der “Shakespeare Globe Theatre Company” in Buenos Aires bejubelt

Von Susanne Franz

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Spielfreude, Wärme, Leidenschaft: Das brillante Ensemble des Shakespeare-Theaters “Globe Theatre” aus London versetzte am Samstag und Sonntag das Publikum im ausverkauften Casacuberta-Saal des San Martín-Theaters in ekstatische Stimmung. Als das hauptsächlich junge Publikum den Saal füllte, liefen und sprangen die Schauspieler auf der Bühne herum, spielten gut gelaunt Geige, Flöte und Bodhran, wanderten lächelnd und Akkordeon spielend durch die Gänge und ließen sich bereitwillig filmen oder saßen mit baumelnden Beinen am Bühnenrand und sprachen mit den Leuten in den ersten Reihen. “Geht’s Euch allen gut? Wie schön! Wir lassen übrigens nachher das Licht während der Vorstellung an, denn so war das auch zu Shakespeares Zeiten – der Dichter wollte, dass immer ein direkter Kontakt zwischen Publikum und Schauspielern bestand.”

Als es losging, kam die Ankündigung auf Spanisch: “Wir sind stolz, auf unserer Welttournee hier zu sein, in unserem 59. Land – in ARGENTINA!”, da tobte das Publikum schon wie bei einem Rockkonzert. Auch während des dreistündigen “Hamlets” gab es in den spaßigen Theater-im-Theater-Szenen ab und zu mal einen viel beklatschten Satz auf Spanisch.

Shakespeare wie zu Shakespeares Zeiten – deftig, komisch, tieftraurig, hoch dramatisch, volksnah – wie viele Gedanken und Studien müssen in diese Inszenierung eingeflossen sein. Belastet ist sie von all dem nicht, im Gegenteil, sie wird mühelos, mit allergrößter Leichtigkeit und einem unglaublichen Spaß am Schau-Spielen dargeboten. Hier sind wahre Künstler am Werk, sowohl auf der Bühne als auch im gesamten Team “im Hintergrund”.

Die weltumspannende Globe-to-Globe-Hamlet-Tour der “Shakespeare Globe Theatre Company” unter Dominic Dromgoole und Bill Buckhurst startete am 23. April 2014 in London anlässlich des 450. Geburtstages von William Shakespeare. Im Rahmen dieses nie dagewesenen Theaterprojekts sollen im Laufe von zwei Jahren möglichst alle Länder der Welt bereist werden. Das Ensemble ist per Schiff, in Nachtzügen, mit Geländewagen, auf Großseglern, per Bus oder Flugzeug unterwegs durch die fünf Kontinente.

Aufgeführt wird der “Hamlet” an den unterschiedlichsten Orten: in Theatersälen wie hier in Buenos Aires, an Stränden, auf Dorfplätzen oder in Palästen. Am 23. April 2016 – dem Jahr, in dem der 400. Todestag des Barden gefeiert wird -, soll die Welttour auf Schloss Kronborg in Helsingör in Dänemark enden – dem Schauplatz des Hamlet.

Für Buenos Aires und das Theater San Martín war der Globe-to-Globe-Hamlet das Theater-Highlight des Jahres, auf das man sich schon seit Monaten gefreut hatte. Im Publikum, das die drei Vorstellungen mit stehenden Ovationen feierte, herrschte Einigkeit, dass es die beste Hamlet-Inszenierung gewesen sei, die man je gesehen hatte. Selbst Eimuntas Nekrošius und Thomas Ostermeier, die 2001 bzw. 2011 interessante Hamlet-Inszenierungen nach Buenos Aires gebracht hatten, müssen sich da verneigen.

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Naeem Hayat spielte in der Sonntagnachmittagsvorstellung Prinz Hamlet.

Kultur im Mondenschein

Mehr als 880.000 Besucher bei der Langen Nacht der Museen

Von Leonie Below

La-noche-de-los-museos11Ob mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Gratis-Pass im Colectivo – alle Kulturinteressierten der Stadt schienen am 14. November in Buenos Aires unterwegs zu sein, um an der 11. “Noche de los Museos” teilzunehmen. Über 200 Museen öffneten in der Nacht von Samstag auf Sonntag bis 3 Uhr morgens ihre Türen. Der Eintritt war frei. Kein Wunder also, dass vor den besonders beliebten Attraktionen, wie dem Planetarium und dem Malba lange angestanden werden musste. Besonders gut besucht waren ebenfalls die Ausstellung des Architekten César Pelli im Centro Cultural Recoleta, die Exposition “El mundo según Mafalda” in der Usina del Arte in La Boca und das Museo Nacional de Bellas Artes mit seiner Sammlung von El Greco.

Mit 880.000 Besuchern waren es 10% mehr als im Vorjahr, die das kulturelle Angebot in Anspruch nahmen. Noch nie waren so viele Menschen bei dem Event dabei. Dank der warmen Temperaturen waren nicht nur die Museen, sondern auch die historischen und kulturellen Rundgänge gut besucht. Verschiedene Talks und Open Air-Konzerte verliehen der Nacht ein ganz besonderes Ambiente.

Buenos Aires schwenkt die Regenbogenflagge

Am Samstag fand in Buenos Aires die „Marcha del Orgullo” statt

Von Michaela Ehammer

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Schrill, skurril und freizügig – so könnte man die “Marcha del Orgullo” (Marsch des Stolzes), die nun schon zum 23. Mal in Buenos Aires stattgefunden hat, beschreiben. Transvestiten, Homosexuelle und Aufmüpfige konnten vergangenen Samstag mal so richtig feiern und ihren Stolz zum “Anderssein” auf der wichtigsten öffentlichen Veranstaltung der Gemeinde der Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen, Transvestiten, Transsexuellen, Transgender, Intersex und Queer, kurz LGBTIQ-Gemeinschaft genannt, in der Hauptstadt Argentiniens zeigen.

An der Plaza de Mayo fing er an, der Ruf zur “Gleichberechtigung”, und rund 120.000 Demonstranten feierten ab 14 Uhr mit ihren farbenfrohen, teils auch sehr freizügigen Kostümen auf den geschmückten Festwagen, die sich dann ab 18 Uhr ihren Platz durch die überfüllte Avenida de Mayo Richtung Congreso bahnten. Frauen mit aufgemaltem Bart oder mit einem umgehängten Plastikpenis, Männer in Frauenkleidern oder ein Liebespaar des gleichen Geschlechts waren an der Tagesordnung. Die Regenbogenflagge dominierte am blauen Himmel, beide Plätze erstrahlten in den schrillsten Farben und prägten an diesem Tag, neben den blühenden Jacarandá-Bäumen, das Stadtbild.

marcha2Mitten in der Hauptstadt Argentiniens herrschte Volksfeststimmung der etwas anderen Art, und das Zentrum von Buenos Aires wurde in ein Regenbogen-Farbenmeer verwandelt. Es wurde geküsst, gelacht, gefeiert, die Körper bemalt, für mehr Rechte Homosexueller und mehr gesellschaftliche Akzeptanz demonstriert. Neben dem offiziellen Motto “Vielfalt lehren, um Gleichheit zu schaffen”, das eine gleichberechtigte (Sexual)Erziehung in Schulen fordert, wurde unter anderem auch gegen die Kriminalisierung von Abtreibung demonstriert und Nein zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gesagt. Eingliederung und Anerkennung der sexuellen Geschlechtervielfalt im Sport und mehr Sichtbarkeit von Lesben und Akzeptanz von Trans wurde gefordert. Denn trotz liberaler Gesetze und einer gewissen “Leben und leben lassen”-Einstellung der Argentinier ist es bisher doch eher noch die mutige Speerspitze, die sich outet.

Die “Marcha del Orgullo” in Buenos Aires, eine Anlehnung an den weltweiten Christopher Street Day (CSD), dessen historisches Datum der 28. Juni ist, ist jedoch bei weitem nicht die größte Gay Pride-Parade Südamerikas. Dessen rühmt sich nämlich die Stadt São Paulo in Brasilien mit rund vier Millionen Teilnehmern. Aber sicherlich ist sie eine der politischsten. Auch in einem Land, das die Homo-Ehe und die freie Geschlechtswahl in der Geburtsurkunde erlaubt, gibt es immer noch viele Gegner. Und so war es eher eine Demonstration als eine Parade. Trotz aller Politik: am Ende wurde gefeiert – die Lesben unter sich in ihren Clubs, auf gemischten Parties oder einfach weiter auf der Straße mit einem musikalischen Rahmenprogramm und der “Ich bin was ich bin”-Hymne.

Hito Steyerl in Buenos Aires

Goethe-Institut präsentiert Videoinstallation, Filme, Meisterklasse und Anthologie der Berliner Künstlerin

A still from Hito Steyerl's How Not to Be Seen
Im Rahmen der Biennale “Imagen en Movimiento” (BIM) der Universität Tres de Febrero werden Arbeiten der Berliner Videokünstlerin und Autorin Hito Steyerl präsentiert. Das Programm setzt sich zusammen aus der Videoinstallation “How not to be seen. A fucking didactic educational.MOV file”, die im Centro de Arte Contemporáneo (CAC) des Museums der Universidad Nacional de Tres de Febrero zu sehen ist, und drei Filmen, die im Rahmen der Eröffnung der Biennale gezeigt werden. In einer Meisterklasse geht Hito Steyerl der Frage nach “Ist das Museum eine Fabrik?”. Darüber hinaus wird “Los condenados de la pantalla”, eine Anthologie ihrer Essays, die gerade im Verlag Caja Negra Editora erschienen ist, präsentiert.

Programm:
Mittwoch, 19.11., 19 Uhr, in der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer (Av. Corrientes 327, 23. Stock): Buchpräsentation “Los condenados de la pantalla”. Hito Steyerl (zugeschaltet per Video, da sie ihre Reise leider aus Krankheitsgründen absagen musste) im Gespräch mit Marcelo Expósito. Moderation: Inge Stache. Eintritt frei (begrenzte Saalkapazität).
Donnerstag, 20.11., 19 Uhr, im Centro de Arte Contemporáneo (CAC) des Museums der Universidad Nacional de Tres de Febrero (Av. Antártida Argentina 1355): Eröffnung der Biennale und der Videoinstallation “How not to be seen. A fucking didactic educational.MOV file”. Bis zum 21.12. Di-So 11-20 Uhr.
20 Uhr: Drei Filme von Hito Steyerl: “Guards” (2012), “In free fall” (2010) und “Lovely Andrea” (2007).
Freitag, 21.11., 11 Uhr, Alliance Française (Av. Córdoba 936/946): Meisterklasse “Ist das Museum eine Fabrik?” (Videokonferenz).

Nähere Informationen auf der Webseite des Goethe-Instituts.

Die lange Nacht der Museen

Buenos Aires öffnet die Pforten

Von Michaela Ehammer

“Der Mond der Kultur erwartet uns gleich um die Ecke!”

Morgen, am 15. November, steht Buenos Aires wieder einmal ganz im Zeichen der Kunst und Kultur. Einmal im Jahr findet in Buenos Aires “Die lange Nacht der Museen” statt. Bereits schon zum 11. Mal öffnen mehr als 210 Museen der Stadt, private wie staatliche, sowie kulturelle Institutionen ihre Türen von 8 Uhr abends bis 3 Uhr morgens und gewähren freien Eintritt für alle Besucher. Ein Klassiker der Kultur “porteño”, um alle Arten der Kunst und Buenos Aires` kulturelles Erbe zu genießen. Seit 2004 wird es von der “Dirección General de Museos” organisiert und ist jedes Jahr ein großer Erfolg.

Jazz, Tango und Rock-Konzerte, Führungen in den Museen sowie Theater- und Filmvorführungen stehen auf dem Programm. Welche Art von Kunst und Kultur besichtigt wird, ist für jeden Museumsbesucher frei wählbar, Vorschriften gibt es keine. Um an der Veranstaltung teilzunehmen, gibt es keine Vorregistrierung und auch keinen Vorverkauf, außer für bestimmte Konzerte oder Theaterstücke im Innenbereich, die aus Kapazitätsgründen eine Anmeldung erfordern.

Private Minibusse und öffentliche Buslinien transportieren die Besucher mit den angebotenen Freikarten von einem Veranstaltungsort zum nächsten.

Im Rahmen einer Solidaritätskampagne der “Fundación Banco de Alimentos” werden unverderbliche Lebensmittel für diese Stiftung am Eingang ausgewählter Museen und kultureller Punkte gesammelt: Centro Cultural Recoleta, Cine El Plata, Malba, MAMba, Museo de Arte Español Enrique Larreta, Museo Benito Quinquela Martín, Museo del Humor (MuHu), Mafalda-Skulptur, Planetarium und Usina del Arte. Alle Spender nehmen gleichzeitig an der Verlosung zweier Fahrräder für die “Nacht der Museen 2015” teil. Mehr Informationen dazu hier.

Eine Liste der teilnehmenden Museen, das aktuelle Programm sowie weitere Informationen über die Veranstaltung sind auf der Webseite des Events ersichtlich.

Kalender / Agenda

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Ausstellungskalender vom 09/11/2014

Von Susanne Franz

berniEnde Oktober wurde im Malba in Buenos Aires die Ausstellung “Antonio Berni: Juanito y Ramona” eröffnet, die erste umfassende Schau der gefeierten Serien “Juanito Laguna” und “Ramona Montiel” des in Rosario geborenen argentinischen Künstlers Antonio Berni (1905-1981). Auch seine surrealistischen Skulpturen “Monstruos de sus pesadillas” (Alptraum-Monster) sind in der Ausstellung vereint.

Die Schau umfasst 150 Werke (mehrdimensionale Gemälde, Graphiken, Holzschnittcollagen und Reliefs, Assemblages und aus verchiedensten Stoffen bestehende Konstruktionen), die Berni zwischen 1958 und 1978 schuf. Sie stammen aus der Sammlung der Familie des Künstlers und aus 25 öffentlichen und privaten Sammlungen in Argentinien, Uruguay, den USA, Spanien und Belgien.

Die Ausstellungen der Woche:

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Agenda / Kalender

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Agenda de Muestras del 09/11/2014

Por Susanne Franz

berniA fines de octubre se inauguró en el Malba “Antonio Berni: Juanito y Ramona”, la primera exposición de Antonio Berni (Rosario, 1905 – Buenos Aires, 1981) que presenta en forma exhaustiva sus célebres series de Juanito Laguna y Ramona Montiel e incluye a los Monstruos de sus pesadillas.

La muestra reúne un conjunto de 150 obras (pinturas bidimensionales, grabados, xilocollages y xilocollage-relieves, ensamblajes y construcciones polimatéricas), creadas entre 1958 y 1978, cedidas por la familia del artista y por veinticinco colecciones públicas y privadas de Argentina, Uruguay, Estados Unidos, España y Bélgica.

Las muestras de la semana:

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Kalender A-Z

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Ausstellungskalender vom 12/10/2014

Von Susanne Franz

LogoBAPKommende Woche findet in Buenos Aires zum 10. Mal die auf Fotografie spezialisierte Messe “Buenos Aires Photo” statt. 26 Galerien zeigen die Werke ihrer Künstler, Ehrengast ist die peruanische Fotografin Milagros de la Torre.

Man kann Buenos Aires Photo vom 17. bis zum 20. Oktober, von 13.30 bis 20.30 Uhr, im Centro Cultural Recoleta, Junín 1930, Buenos Aires, besuchen. Der Eintritt kostet 70 Pesos, 35 Pesos müssen Rentner, Kinder unter 12 und Universitätsstudenten hinblättern. Am Montag, dem 20. Oktober, ist der Eintritt für alle frei.

Die Ausstellungen der Woche:

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Agenda de Muestras del 12/10/2014

Por Susanne Franz

LogoBAPLa Feria Especializada en Fotografía “Buenos Aires Photo” celebrará su décima edición la semana próxima. 26 galerías expondrán las obras de sus artistas, y la peruana Milagros de la Torre será artista invitada.

Buenos Aires Photo se puede visitar del 17 al 20 de octubre, de 13.30 a 20.30 horas, en el Centro Cultural Recoleta, Junín 1930, Buenos Aires. La entrada cuesta 70 pesos, y 35 pesos para jubilados, menores de 12 años y estudiantes universitarios. El lunes 20 la entrada será gratuita para todos.

Las muestras de la semana:

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Ran an die Waffen!

Die Schau “Krieg & Propaganda 14/18” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, dass der Erste Weltkrieg auch eine Propagandaschlacht nie gekannten Ausmaßes war

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Eine Kinovorstellung irgendwo in den USA im Jahre 1917. Die Ära des Tonfilms ist noch nicht angebrochen. Kino aber ist bereits “Big Business”. Viele Millionen Menschen strömen täglich in die Lichtspielhäuser. Doch bevor der Stummfilmpianist in die Tasten haut, hat in den Zeiten des Weltenbrandes erst noch ein anderer seinen Auftritt. Rund 75.000 sogenannte “Four MinuteMen” heizten der US-amerikanischen Öffentlichkeit gegen Ende des Ersten Weltkriegs vornehmlich in Kinos, aber auch in Theatern oder Kirchen ein, um Rekruten anzuheuern, die Zuhörer von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen und für die Zeichnung von Kriegsanleihen zu werben. Vier Minuten nur, und alles musste gesagt sein. Prägnant, emotional und mitreißend. Hier wurde sozusagen die moderne PR- und Werbekampagne geboren.

In Deutschland ging man zur selben Zeit noch wesentlich archaischer zur Sache: Besonders beliebte patriotische Kollektivveranstaltungen waren “Nagelungen”. Millionen Menschen beteiligten sich daran, auf öffentlichen Plätzen Nägel in klobige Holzstatuen deutscher Helden einzuschlagen. Je nach Geldbeutel erwarb man eiserne, silberne oder goldene Nägel – demonstrierte Entschlossenheit und finanzierte so den Kriegsfortgang.

Diese und viele andere Beispiele von Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs stehen im Zentrum der Ausstellung “Krieg & Propaganda 14/18”, die jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe anhand von über 400 Exponaten aus dem Deutschen Reich, Frankreich, England, den USA, Russland, Italien und Österreich-Ungarn vor Augen führt, mit welch ausgeklügelten, patriotischen, mitunter aber auch perfiden Mitteln auf allen Seiten an Heldenlegenden und Gräuelgeschichten gestrickt wurde, wie der Gegner diffamiert und die eigene Bevölkerung zum Weitermachen angestachelt wurde.

Dennis Conrad, der Kurator der europaweit einzigen Ausstellung, die sich jetzt explizit dem Thema Propaganda im Ersten Weltkrieg widmet, stellt fest: “Vor 100 Jahren wurde der Grundstein einer multimedialen Öffentlichkeitsbeeinflussung gelegt. Man nutzt während der Kriegsjahre alle zur Verfügung stehenden Medien, um die Meinung der Öffentlichkeit zu lenken.” Die Hamburger Ausstellung versammelt Plakate, Filme, Kinderspielzeug, patriotischen Nippes, Postkarten und viele andere Druckerzeugnisse und Objekte, die den Krieg in jeden Winkel des Alltagslebens trugen. Am Beispiel von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, dem Chef der Obersten Heeresleitung, etwa wird gezeigt, wie der Kriegsherr zur positiven “Marke”, ja, zum Mythos fetischisiert wird. Ob auf Seifenschachteln, Zigarrenkisten oder Bildpostkarten: Vor dem markanten Konterfei des zum “Russenbezwinger” hochstilisierten, bärbeißigen Pickelhaubenträgers gab es im Alltag kein Entrinnen.

UnclesamIn Ländern ohne Wehrpflicht, wie etwa England oder den USA, war die Propagandamaschinerie vor ganz andere Probleme gestellt. Hier galt es, Freiwillige für den Kriegseinsatz im Namen von Freiheit und Demokratie zu rekrutieren. James Montgomery Flaggs weltberühmtes Uncle-Sam-Plakat mit dem ausgestreckten Zeigefinger und der Aufforderung “I Want Youfor U.S. Army” wird flankiert von zahlreichen weiteren, grafisch prägnanten Beispielen aus dem angelsächsischen Raum, die letzten Endes auch die Grundlagen für eine moderne Werbeästhetik im zivilen Leben bildeten.

Einen besonderen Schwerpunkt legt die Hamburger Schau auch auf die Präsentation von Filmen und auditiver Propaganda. Im Hauptraum der Schau können Spiel- und Dokumentarfilme betrachtet und an zahlreichen Hörstationen patriotische Reden und Durchhaltelieder angehört werden. Die überaus sehenswerte, mit großer kuratorischer Sorgfalt zusammengestellte Ausstellung regt zudem dazu an, historische Propagandamechanismen, Zensurmaßnahmen und Strategien der Bildmanipulation mit den heutigen Methoden staatlicher und massenmedialer Beeinflussung zu vergleichen. Viel mehr kann eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg eigentlich kaum leisten.

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Ausstellungskalender vom 04/10/2014

Von Susanne Franz

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Nur noch 3 Tage verbleiben, um im Malba die bedeutende Ausstellung “Le Parc Lumière” zu besuchen, in deren Rahmen eine Auswahl von 17 Lichtinstallationen des großen argentinischen Künstlers Julio Le Parc aus der Sammlung Daros Latinamerica Zürich gezeigt werden. Zum Abschluss der Schau wird das Ensemble “Klub der Klang” am Montag, 6. Oktober, um 18.30 Uhr, eine Improvisation zu Klangwerken des CLAEM (Centro Latinoamericano de Altos Estudios Musicales) aufführen.

Die Ausstellungen der Woche:

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