Porträt einer Wahrnehmung

Der Schweizer Regisseur Ramòn Giger zu seinem Film “Eine ruhige Jacke”, der im Rahmen von DocBuenosAires lief

Von Laura Wagener

Wie beziehungsfähig ist ein Mensch, wie nimmt ein Mensch emotional Anteil, der seinem Krankheitsbild entsprechend durch das Fehlen des kommunikativen Mediums Sprache und der Fähigkeit zur Reizselektion in seiner eigenen, nach außen weitgehend isolierten Welt lebt? Der Schweizer Regisseur und Kameramann Ramòn Giger (Foto) führt den Zuschauer mit einem Zitat des österreichischen Psychoanalytikers Leo Kanner, der sich als erster Wissenschaftler mit Autismus auseinandersetzte, in das Kernthema seines ersten Dokumentarfilms “Eine ruhige Jacke” ein: “Wir müssen also annehmen, dass diese Kinder mit einer angeborenen Unfähigkeit zur Welt gekommen sind, normale und biologisch vorgesehene affektive Kontakte mit anderen Menschen herzustellen.”

Die Idee zu dem Film kam dem 28-jährigen Giger während des Ableistens seines Zivildienstes in einer Betreuungsstelle für Menschen mit Behinderungen, wo er die beiden zukünftigen Protagonisten, den autistischen Roman und dessen Betreuer Xaver kennenlernte.

Ein halbes Jahr begleitete er Roman in seinem Alltag und in der Interaktion mit seinem Betreuer. Der junge Mann wird jedoch nicht nur passiv gefilmt, sondern die besondere Intimität des Films entsteht vor allem durch die von dem Autisten selbst mit einer Handkamera gefilmten Sequenzen. Diese Einblicke in die Wahrnehmung Romans sind besonders kostbar, da er nicht spricht. Obwohl er sich mit Hilfe einer Kommunikationstafel in überraschender Komplexität ausdrücken kann, belaufen sich seine direkten Äußerungen auf brummende Laute, Schreie oder diffuse Töne.

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Dokumentarfilm-Festival in Buenos Aires

DocBuenosAires 2011 startet am Donnerstag

Von Laura Wagener/Susanne Franz

Vom 13. bis 22. Oktober findet in Buenos Aires das 11. Internationale Dokumentarfilm-Festival, das DocBuenosAires 2011, statt. Im Rahmen dieses Festivals werden nationale und internationale Dokumentarfilmproduktionen gezeigt und diskutiert, mit dem Ziel, das Publikum an bestehende und neue Tendenzen des Genres heranzuführen. Veranstaltungsorte sind der Leopoldo Lugones-Saal des Teatro San Martín (Av. Corrientes 1530) und die Alianza Francesa (Av. Córdoba 946, hier sind die Vorführungen gratis).

Am Mittwoch, dem 19.10., wird z.B. der Film “Eine ruhige Jacke” des erst 28-jährigen Schweizer Regisseurs Ramòn Giger über einen jungen Autisten gezeigt (auf Schweizerdeutsch mit Untertiteln). Der Tages Anzeiger schrieb zu dem Film: “Geht mit erstaunlicher Leichtigkeit das Wirkliche dort an, wo es am Schwersten zu packen ist”. Programm und weitere Infos finden Sie auf der Webseite des Festivals.

Argentiniens Oscar-Bewerber

“Aballay, el hombre sin miedo” geht ins Rennen um den Auslands-Oscar

Von Susanne Franz

Völlig überraschend hat die argentinische Filmakademie am Montag den Streifen “Aballay, el hombre sin miedo” von Fernando Spiner als offiziellen Oscar-Bewerber Argentiniens für den besten nicht englischsprachigen Film bestimmt. Von den 69 gültigen Stimmen (von 227 zur Abstimmung Berechtigten) erhielt “Aballay” 22, die hoch favorisierten Filme “El estudiante” von Santiago Mitre und “Un cuento chino” von Sebastián Borensztein mit Ricardo Darín blieben mit 16 bzw. 12 Stimmen abgeschlagen.

“Aballay” wird als “Western” bezeichnet und handelt von einem brutalen Gaucho, einem Mörder und Dieb, der, nachdem er eine ganze Familie abgeschlachtet hat, ein verängstigtes Kind sieht, dessen Augen ihn ab diesem Zeitpunkt verfolgen. Er schwört, nie mehr vom Pferd zu steigen und nie mehr Böses zu tun, und verwandelt sich in eine Art lebende Legende. Der Film wurde von der Kritik allgemein sehr schlecht aufgenommen. Die Oscars werden im Februar 2012 verliehen. Zuvor werden am 25. Januar die fünf endgültigen Anwärter für den Auslandsoscar bekanntgegeben. Unter den Bewerbern aus über 50 Ländern muss “Aballay” sich u.a. gegen “Pina” von Wim Wenders (Deutschland) behaupten.

11. Deutsches Kinofestival: Die Filme

Aus der Sicht der Kritiker

Das von German Films organisierte und von der Deutschen Botschaft in Buenos Aires unterstützte 11. “Festival de Cine Alemán” (22.9.-28.9. im Kinokomplex Village Recoleta) präsentiert eine Übersicht über die jüngsten Produktionen der deutschen Filmindustrie, wobei sowohl Debütfilme wie Werke international etablierter Regisseure gezeigt werden.

Die Kritiken der Festival-Beiträge:

“Almanya – Willkommen in Deutschland”

Der kleine Cenk ist ratlos. Ist er denn jetzt Türke oder Deutscher? Keines der beiden Fußballteams will den Sechsjährigen in der Mannschaft haben. Und “Anatolien”, wo angeblich seine Wurzeln liegen, ist auf der Europakarte nicht drauf, so dass die Klassenlehrerin Cenks Nationalitäten-Fähnchen irgendwo ins Niemandsland gesteckt hat. Für Cenk kommt die geplante Reise seines Großvaters Hüseyin gerade richtig in seiner kindlichen Identitätskrise. Hüseyin, der Anfang der 1960er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland kam und später seine Frau und Kinder nachholte, hat nämlich ein Haus in der alten Heimat gekauft und lädt die ganze Familie ein, mit ihm dorthin zu fahren. Unterwegs erzählt Cenks Kusine Canan ihm die Geschichte Hüseyins, die im Film parallel zum “heutigen Geschehen” immer wieder eingeblendet wird. Auf der Reise kommen so einige überraschende Wahrheiten ans Licht. Und Cenk muss auch versuchen zu verstehen, was mit einem geliebten Menschen geschieht, wenn er stirbt.

Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, beide in den 1970ern in Deutschland geboren, schrieben das Drehbuch zu der entzückenden, bittersüßen Komödie, die Regisseurin Yasemin S. gekonnt in Szene gesetzt hat.
(Susanne Franz)

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Top-Filme aus Deutschland

11. “Festival de Cine Alemán” startete am Donnerstag

Von Camila Hirsch und Susanne Franz

Am Donnerstagabend ging es los mit “Goethe!” von Philipp Stölzl: Das 11. Deutsche Kinofestival von Buenos Aires (22.-28.9.) ist bereits in vollem Gange. An diesem Wochenende steht der flotte Film über die Jugendjahre Johann Wolfgang von Goethes noch zweimal auf dem Programm: am heutigen Samstag um 22.30 Uhr und morgen, Sonntag, um 20 Uhr. Der “Film für die ganze Familie”, auf den das Festival jedes Jahr großen Wert legt, ist “Wintertochter” von Johannes Schmid: Der empfehlenswerte Streifen wird heute um 17.30 Uhr ausgestrahlt.

Am Dienstagabend hatte Gustav Wilhelmi, Chef von German Films Argentinien, die Pressekonferenz zum Kinofestival im Deutschen Klub von Buenos Aires eröffnet. Dieses Jahr freute er sich besonders über die hohe Teilnehmerzahl: Der Konferenzraum war überfüllt mit interessierten Journalisten aus ganz Südamerika. Zufrieden berichtete Wilhelmi, dass die Sondervorführung des Filmes “Pina” besonders gut angekommen sei. Nachdem die Karten für den einzigen Termin dieses “Special Events” sofort vergriffen waren, wurde eine neue Vorstellung angesetzt, auch diese war kurze Zeit später ausverkauft. “Wir könnten ja jetzt auf Roger Waters machen”, scherzte Wilhelmi in Anspielung auf die acht Konzerttermine von “The Wall” des legendären ehemaligen Pink Floyd-Frontmanns im März 2012.

Bei zwei “Pina”-Vorstellungen muss es aus logistischen Gründen bleiben; Wilhelmi verwies aber für alle, die keine Karten mehr bekommen haben, darauf, dass der Film bald in den argentinischen Kinos anlaufen wird.

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Identität im Fokus

11. Deutsches Kinofestival startet am Donnerstag

Von Susanne Franz

Vier der 13 Spielfilme, die vom 22. bis 28. September im Rahmen des 11. Deutschen Kinofestivals gezeigt werden, wurden als Deutschlands Beitrag für den Auslandsoscar gehandelt: “Das Lied in mir”, “Drei”, “Poll” und “Pina”. Letzterer machte schließlich das Rennen, doch schon die Tatsache, dass diese vier Filme in der Vorauswahl für den prestigeträchtigen Wettbewerbsbeitrag waren, lässt auf die Qualität schließen, die man vom diesjährigen Kinofestival erwarten darf.

Das von German Films organisierte und von der Deutschen Botschaft in Buenos Aires unterstützte Festival, für das wieder die Einrichtungen des Kinokomplexes Village Recoleta zur Verfügung stehen, präsentiert eine Übersicht über die jüngsten Produktionen der deutschen Filmindustrie, wobei sowohl Debütfilme wie Werke international etablierter Regisseure gezeigt werden. Man begegnet berühmten Schauspieler/innen wieder, lernt junge, frische Gesichter neu kennen und kann in die diversesten Thematiken eintauchen.

Viele Festivalbeiträge kreisen um das Thema Identität. Der Film “Goethe!” etwa reflektiert die für das Land der Dichter und Denker identitätsstiftende Figur des großen Johann Wolfgang von Goethe, wobei hier seine Jugendjahre gezeigt werden; “Wer wenn nicht wir” behandelt die Identitätssuche junger Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg, die für einige in den RAF-Terrorismus führte.

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Kleine Programmvorschau

11. Deutsches Kinofest in Buenos Aires rückt näher

Von Susanne Franz

Vom 22. bis 28. September findet im Village Recoleta zum 11. Mal das von German Films organisierte “Festival de Cine Alemán” statt. Eröffnungsfilm ist die Komödie “Almanya – Willkommen in Deutschland” (Foto), in der die Schwestern Nesrin und Yasemin Samdereli witzig und einfühlsam die erfolgreiche Migrationsgeschichte türkischer Gastarbeiter schildern. Auf dem Programm stehen außerdem Andres Veiels Spielfilm-Debüt “Wer wenn nicht wir”, das die Vorgeschichte der RAF beleuchtet, die Romantikkomödie “Drei” von Tom Tykwer, in der “Er” und “Sie” sich in denselben Mann verlieben, und das historische Drama “Poll” von Chris Kraus. Als “Special Event” wird der hoch gelobte Tanzfilm “Pina” von Wim Wenders geboten. Infos in Kürze unter auf der Webseite des Festivals.

11. Deutsches Kinofestival

Das 11. “Festival de Cine Alemán” steigt im September

Von Susanne Franz

Gute Nachrichten für alle Liebhaber des deutschen Films: Vom 22. bis 29. September findet das 11. “Festival de Cine Alemán” statt, an seinem alten Standort Village Recoleta, das nach Umbauarbeiten wiedereröffnet wurde. Das von German Films organisierte Filmfest ist längst zu einem der Highlights im Kulturkalender der argentinischen Hauptstadt geworden und erfreut sich enormer Beliebtheit. Auf dem Programm stehen die jüngsten Produktionen des deutschen Filmschaffens. Unter den 12 Langspielfilmen wird auch Dokumentationen ein Platz eingeräumt, und es gibt wie jedes Jahr ein Kurzfilmprogramm. Den feierlichen Abschluss bildet mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires ein Stummfilmklassiker mit Live-Musik. Das Publikum kann sich besonders auf den 3D-Tanzfilm “Pina” von Wim Wenders über die vor zwei Jahren verstorbene legendäre Choreografin Pina Bausch freuen. Details werden in Kürze auf der Webseite des Festivals bekanntgegeben.

Szenen einer Ehe

“Copie conforme” von Abbas Kiarostami

Von Anna Weber

Wir leben in einer Welt voll von Kopien. Wir imitieren und vervielfältigen. Wir kopieren und fälschen. Und gleichzeitig suchen wir das Wahre, das Echte, das Einzigartige. Ist eine Kopie notgedrungen eine Verfälschung? Ist ein Original echter als sein Imitat? Und wer entscheidet dies?

“Es ist meine Absicht zu zeigen, dass die Kopie selbst Wert besitzt und zum Original führt”, sagt der Protagonist im Film “Copie conforme” von Abbas Kiarostami (Der Geschmack der Kirsche, 1997). James (William Shimell) ist Schriftsteller und hat ein Buch über Originale und Kopien verfasst. Er präsentiert sein Werk an einer Lesung in der Toscana, und im Zuschauerraum sitzt eine namenlose französische Galeristin (Juliette Binoche). Sie kommt zu spät und geht zu früh. Was bleibt, ist eine Telefonnummer. Es folgt ein Treffen, eine Autofahrt zwischen Zypressen und eine kalte Tasse Kaffee in einem Dorf, wo sich Kopien in Originale verwandeln. Schriftsteller und Galeristin werden für ein Ehepaar gehalten, und statt dieses Missverständnis aufzuklären, nehmen sie die Herausforderung an und schaffen die perfekte Imitation einer fünfzehnjährigen Ehe.

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Gehen oder bleiben?

“Von Menschen und Göttern” von Xavier Beauvois

Von Anna Weber

Man soll niemals das Ende eines Films erzählen. Was aber, wenn es in einem Film eben gerade darum geht, dass das Ende schon von Anfang an bekannt ist?

In “Von Menschen und Göttern” erzählt Xavier Beauvois die Geschichte von acht Mönchen, die in einem Kloster am Fuß des Atlas leben, inmitten des algerischen Bürgerkriegs. Der Krieg, die Angst und die Toten rücken immer näher, und schließlich stehen die Mönche vor der Entscheidung: Gehen oder bleiben? “Du hast keine Wahl”, sagt der Rebellenführer zu Bruder Christian (Lambert Wilson), dem Oberhaupt des Klosters. “Doch, die habe ich”, antwortet dieser. Und so treffen die acht Mönche ihre Wahl, nicht als Götter, nicht als Helden, nicht als Märtyrer, sondern als Menschen.

Wie die Geschichte enden wird, das weiß man schon zu Beginn des Films, als die Brust von Bruder Amédée mit einem Stethoskop abgehört wird und der Befund lautet: “Du wirst uns noch alle begraben.” Zuschauer wie auch Mönche wissen, dass das Ende naht. Aber keiner weiß, wann es kommen wird. Und so widmen sich die Mönche ihrem Alltag, besäen Felder und singen liturgische Gesänge. Man sieht die Angst in den Gesichtern dieser acht Männer, die Zweifel, den Wunsch zu gehen.

Diesen Wunsch hegt gegen Mitte des Films auch der Zuschauer: Weshalb bin ich noch hier? Wieso tue ich mir dies an? Ich weiß doch, was geschehen wird… Und irgendwann begreift man, dass man die Gedanken und Gefühle dieser Mönche teilt. Man will raus, dem Warten endlich ein Ende setzen. Aber irgendwie bringt man es nicht über sich, fühlt die Verpflichtung zu bleiben. Auf geniale Art bringt Beauvois den Zuschauer dazu, die Geschichte der Mönche nicht nur zu sehen, sondern, in abgeschwächter Form, selbst zu erfahren.

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Carlos, ein Ereignis

Assayas-Film lief in Argentinien an

Von Charlotte Dötig

“Mein Name ist Carlos, ihr habt bestimmt von mir gehört!” Das haben wir, spätestens seit seine Lebensgeschichte von Olivier Assayas verfilmt wurde und das Meisterwerk auch in den hiesigen Kinos zu sehen ist. Carlos ist ein lebender Mythos, ein Terrorist mit der Ausstrahlung eines Revolutionärs und ein Frauenverführer. Gespielt wird der geldgierige Killer und Blender von dem venezolanischen Schauspieler Édgar Ramírez, der es auf ganz besondere Weise schafft, den Zuschauer in den Zwiespalt zwischen Abscheu und Sympathie zu zwingen. Als Söldner der Volksfront zur Befreiung Palästinas kämpft Carlos brutal für seine Ideale, und zugleich setzt er sich dabei für eine politische Bewegung ein, die er selbst kaum zu verstehen scheint.

Auch schon in der Kurzfassung dieses fünfstündigen Spektakels, das trotz Darstellungen langer detaillierter Prozesse wie den Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien nie langweilig ist, wird deutlich, dass es nicht nur um die Person Carlos an sich geht, sondern um die sich in seiner Persönlichkeit spiegelnde Situation des Kalten Krieges. Carlos ist ein historisches Ereignis, das wird deutlich, und doch werden wohl die meisten überwältigten Kinobesucher nach dem Film genau eine Frage diskutieren: Wer ist Carlos?

  • “Carlos” – Frankreich/Deutschland 2011. 165 Min. Drama ab 16. Originalsprachen mit Untertiteln. Regie: Olivier Assayas. Mit Édgar Ramirez, Alexander Scheer und Alejandro Arroyo.