Bewusstseinserweiterung mit Elektroklängen

Fundación Lebensohn fördert Respekt und Solidarität durch kulturelle Projekte / DJ Electromcfly zu Gast

Von Michael Krämer

Plötzlich tritt Musik an die Stelle des Lichtes. Elekronische Bässe ertönen im nun abgedunkelten Ausstellungsraum der NGO Fundación Lebensohn. Einige Sekunden später blitzen neonfarbene Zeichnungen auf und fixieren die Blicke der Besucher auf der Videoleinwand hinter dem DJ-Pult.

Das ungewöhnliche Szenario ist Teil einer kulturellen Serie, die verschiedene Kunstformen miteinander verschmelzen lässt. Am Freitag trafen experimentelle Musik und bildende Kunst aufeinander, DJ Electromcfly war zu Gast. “Wir fanden es interessant, einen Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen zu schaffen und laden immer wieder verschiedene Künstler aus allen Bereichen der Musik ein”, sagt Mitarbeiterin Verónica Kaplansky.

Die Fundación Lebensohn im Stadtteil Barracas wurde im Jahr 2002 mit dem Ziel gegründet, ein friedliches, tolerantes Zusammenleben zu fördern und sich gegen jegliche Form der Gewalt und Diskriminierung einzusetzen. Durch vielfältige kulturelle Ausdrucksformen soll in der Gesellschaft das Bewusstsein für Toleranz, Vielfalt, Respekt und Solidarität erhöht werden.

Zwar erschienen am Freitag nur rund 50 Zuschauer, doch Kaplansky war zufrieden. “In den Ferien ist es immer etwas leerer. Wir freuen uns über jeden Besucher. Der Eintritt ist frei, wir bitten bloß um eine kleine Spende in Form von Lebensmitteln, die wir für unsere anderen Projekte wie die Workshops in zeitgenössischer Kunst, Yoga, Zeichnen oder Theater nutzen können oder an Kantinen spenden.”

Qualitätsstrategie?

Planet Erde, bitte melden!

Von Friedbert W. Böhm

Es gibt einen Planeten im Sonnensystem, der eine unglaubliche Vielfalt von Lebensformen beherbergt. Viele davon sind weltgeschichtlich jüngeren Datums. Andere Arten haben in –zig Millionen Jahren Daseinsformen entwickelt, die sie praktisch unangreifbar machen.

Dazu gehören die Ameisen. Es gibt hunderte von Variationen davon. In einigen Charakteristiken aber gleichen sie sich: Ihre Gesellschaften sind absolut autoritär; alle Mitglieder ordnen ihre eigenen Interessen denen der Königin unter. Es sind Klassengesellschaften. Alle Ameisen werden zu Arbeiterinnen, Pflegerinnen, Kundschafterinnen oder Soldatinnnen geboren oder bestimmt (die Ameiseriche spielen eine vergessenswerte Rolle) und bleiben dies, bis das System anders entscheidet. Das System arbeitet mit chemischen Codes, welche die jeweilige Tätigkeit jeder Ameise bestimmen. Und die letzte – und vielleicht ausschlaggebende – Charakteristik der Ameisen ist, dass sie eine extreme Quantitätsstrategie verfolgen. Sie haben so viele Nachkommen, dass der Verlust einiger Zehntausend davon den Erfolg ihrer Gesellschaften kaum beeinträchtigt.

Auf jenem Planeten gibt es eine andere, jüngere, jedoch ähnlich erfolgreiche Art, die Menschen. Der Mensch allerdings verdankt seinen Erfolg einer Strategie, die derjenigen der Ameise diametral entgegengesetzt ist. Er setzte von jeher auf Qualität. Er entwickelte ein Großhirn, das jedem Individuum erlaubte, sich in gewissen Grenzen auf die unvorherzusehenden Umweltsituationen einzustellen. In seinen Gesellschaften konnte zwar nicht Jeder tun, was ihm gerade in den Sinn kam, aber es gab ausreichende Spielräume für individuelle Lebensgestaltung. Der hierfür erforderliche Raum war meistens gegeben, denn Menschen haben wenige Nachfahren, um welche sie sich intensiv zu kümmern haben. Wenn irgendwann oder irgendwo die Größe einer Gesellschaft den Raum – die natürlichen Ressourcen ihres Territoriums – zu sprengen drohte, verringerte diese die Zahl ihrer Mitglieder. Durch Kriege, Auswanderung, Kindstötung oder Zölibat. So eroberte der Mensch den Planeten, machte sich die meisten anderen Lebewesen untertan oder rottete sie aus. Mit Ausnahme natürlich der Ameisen.

Der Mensch hatte keine natürlichen Feinde mehr. Also hatte er sich irgendwann trotz seiner geringen Fruchtbarkeit derartig vermehrt, dass neue geeignete Lebensräume nicht mehr zur Verfügung standen. In der winzigen Zeitspanne eines Jahrhunderts hatte sich seine Zahl mehr als verdreifacht. An manchen Orten rotteten die Menschen sich enger zusammen als die Ameisen in ihren Burgen (etwa 4-5 pro Quadratmeter auf manchen Demos, auf manchen Sport- oder Musikveranstaltungen; wenn sie sich wie die Ameisen horizontal bewegt hätten, wäre nur Platz gewesen für 1 1/2). Und Ameisenburgen immer ähnlicher wurden auch ihre Wohn- und Arbeitsstätten.

Da war es nicht mehr möglich, jedem Einzelnen Ermessensspielräume aufrechtzuerhalten, wie die Qualitätsstragegie des Menschen das erfordert hätte. Man kannte sich ja kaum noch. Wie sollte man wissen, wem welche Aufgaben, welche Kompetenzen anvertraut werden konnten? Bei der großen Zahl und Vielfalt der zur Befriedigung der Massen herzustellenden Produkte und Dienstleistungen waren außerdem immer mehr Individuen in einen Arbeitsprozess einzuschalten. Und die Individuen wechselten ständig, da die Mobilität der Menschen durch technische Fortbewegungsmittel ungeheure Ausmaße angenommen hatte.

Systeme mussten also ersonnen werden. Als erste große Erfindung galt das Fließband. Nun war es kein Handwerker mehr, der ein Produkt herstellte, sondern Dutzende von austauschbaren Arbeitern, die jeweils nur einen winzigen, immer gleichen Teil des Prozesses bewerkstelligten. Dann wurden die Meisten von ihnen durch Roboter ersetzt, welche dieselbe Arbeit schneller erledigten, ohne Lohnforderungen. Auch Lagerarbeiter und Stauer wurden kaum mehr benötigt, da ein System von Containern, Gabelstaplern und automatischen Hochregallagern sie erübrigte.

Viele der ehemaligen Arbeiter wurden zu Angestellten. Sie verkauften Waren und Versicherungen, schrieben Briefe, beantworteten Telefonanrufe, rechneten Spar- und Stückzinsen, bedienten Additions- und Buchungsmaschinen. So viel Hand- und Kopfarbeit war teuer. Das System zögerte nicht, sie zu ersetzen. Erst elektrische, dann elektronische Automaten erleichterten, beschleunigten und verbilligten damit die Büroarbeit. Dann übernahmen Computer alle stereotypen Schritte: Zinsrechnung, Abrechnung von Geschäftsvorfällen, Buchhaltung, periodische Mitteilungen an Kunden und Geschäftsfreunde.

Das stieß zunächst auf die Schwierigkeit, dass auf Seiten des Publikums dem komplizierten, hoch differenzierten und effizienten Output der Unternehmen und Behörden Leute gegenüberstanden, die an persönliche Beratung gewöhnt waren und handschriftliche Briefe schickten. Der PC schaffte hier Abhilfe sowie das Internet. Zuerst gewöhnten sich die durch interessante Spiele geköderten Kinder ans neue System. Dann auch die Älteren, die ihren Enkeln nicht nachstehen wollten.

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Deutsche in Argentinien

Warum man heute am Río de la Plata kaum noch Deutsch hört

Von Friedbert W. Böhm

In den 60ern des vorigen Jahrhunderts machten sie noch eine recht sichtbare Minderheit in der Bevölkerung aus. Wenn ich mich recht erinnere, wurde von zwei Millionen Deutschsprechenden bzw. -stämmigen gesprochen. In manchen Nachbarschaften von Groß-Buenos Aires konnte man an jeder zweiten Ecke auf Deutsch einkaufen. Es gab zwei deutsche Tageszeitungen. In der deutschen Bank, in der ich damals arbeitete, sprach die Mehrzahl der mittleren Führungskräfte Deutsch und viele einfache Mitarbeiter verstanden es zumindest. Auch etliche einheimische Kunden schätzten es, auf Deutsch angesprochen zu werden. Bei Manchen herrschte eine noch bräunlich gefärbte, ziemlich irritierende Deutschtümelei.

Damals lebten noch einige der nach der Absetzung des Kaisers vor den Sozialisten Geflohenen. Die in den 30ern vor den Nazis und nach 1945 vor den Alliierten Geflohenen waren in den besten Jahren. Beinahe alle hatten eine neue Existenz aufgebaut, einige viel Geld gemacht.

Neue Einwanderer kamen nicht dazu. Es gab keinen Grund mehr, aus Deutschland zu fliehen. Dennoch blieb die deutsche Gemeinschaft (“Kolonie” sagte man) lebendig. Zahlreiche im Wirtschaftswunder erstarkte deutsche Firmen ließen sich im Land nieder. Ihre Vertragsleute belebten die deutschen Schulen, Vereine und Geschäfte. Sie schätzten diese Infrastruktur, denn man flog damals nicht alle paar Monate nach “drüben”, das Telefon funktionierte miserabel, es existierte keine Deutsche Welle, und Facebook und Skype natürlich auch nicht. Allerdings blieben diese Leute meist nicht lange. Nach ein paar Jahren lockten andere, interessantere Bestimmungen.

Inzwischen hatte sich die Reihe der alten Einwanderer sehr gelichtet. Die meisten ihrer Nachkommen sprachen kaum noch Deutsch. Es gab nun auch weniger materiellen Anlass dazu, denn in der Wirtschaft wurde die Sprache immer seltener nachgefragt. Etliche deutsche Firmen hatten sich angesichts der wenig erfreulichen Entwicklung des Landes zurückgezogen. Andere, die großen, hängten ihre Argentinienfilialen an Brasilien oder die USA an, wo Deutsch keine Rolle spielte. Oder sie führten ohnehin im Zuge der Globalisierung Englisch als Konzernsprache ein.

Nicht einmal für die wenigen Deutschstämmigen, die sich – zuweilen in dritter Generation – ein makelloses Deutsch bewahrt hatten, gab es noch genug gute Arbeitsplätze. Wenn sie konnten, wichen sie in das Land ihrer Vorfahren aus oder ein sonstiges europäisches oder nordamerikanisches.

So kam es, dass die deutschen Geschäfte verschwanden, dass man in den Vereinen kaum noch Deutsch hört und sehr lange suchen muss, um irgendwo Königsberger Klopse oder Leberkas vorgesetzt zu bekommen. Die von Zuhause mitgebrachten Deutschkenntnisse von Schulanfängern dürften heutzutage so dürftig sein, dass Lehrern, die sie zum Sprachdiplom führen, allerhöchste Anerkennung gebührt.

Das muss aber nicht so bleiben. Die Welt ist leider nicht mehr so, wie sie zu Zeiten des Wirtschaftswunders oder noch vor 30 Jahren war. Milliarden Osteuropäer und Asiaten, ehemals Sklaven ihrer Regierungen, tummeln sich jetzt in der globalen Wirtschaft. Dort ist ein Mittelstand von intelligenten, gut ausgebildeten, disziplinierten und sehr fleißigen Leuten im Entstehen, der mit Recht seinen Teil am Weltwohlstand einfordert. Zwar ist Wirtschaft kein Nullsummenspiel – an neuen Geschäften pflegen Verkäufer und Käufer zu verdienen -, aber wenn wegen geringerer Lohnkosten viele Betriebe von Westen nach Osten wandern, kann das nicht ohne Auswirkungen auf den westlichen Wohlstand bleiben.

Natürlich weiß man das seit Jahrzehnten. Politiker wären das aber nicht, wenn sie nicht jede Aussicht auf Einschränkungen vor ihren Wählern verbergen würden. So überhäufte man die Bürger mit Geld und Krediten, damit sie sich weiterhin Dinge leisten konnten, die aus ihrem echten Einkommen nicht mehr finanzierbar gewesen wären. Seit diese Methode 2008 sich als kontraproduktiv erwies, leiden die Industriezentren von Griechenland bis USA.

Dabei hat sich Deutschland gut gehalten. Einerseits natürlich wegen seiner gesunden Unternehmensstruktur, welche in zahlreichen Nischen Spitzentechnologie generiert, die von neuen Industrieländern nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden kann. Und zum Anderen durch die Sozialmaßnahmen der Regierung Schröder. Arbeit wurde vor Einkommen gewichtet, somit der allgemeine westliche Schwund an Wettbewerbsfähigkeit etwas gemildert.

Das wird aber nicht lange so bleiben. Angesichts des Ausbleibens vieler südeuropäischer Aufträge beginnen sich die Wirtschaftsaussichten auch in Deutschland einzutrüben. Und es wird nicht lange dauern, bis China und Andere gelernt haben werden, die Exzellenz deutscher Nobelautos und Spezialmaschinen nachzumachen (wie Japan und Südkorea ja vorexerziert haben).

Dann mag sich das Interesse deutscher Unternehmen und Fachkräfte wieder auf Schwellenländer richten, welche noch industriell rückständig sind, dank ihres Nahrungsmittel- und Rohstoffreichtums jedoch nachhaltig steigende Absatzchancen im Osten besitzen.

Zweifelsohne ist Argentinien ein solches Land. Es befindet sich nur derzeitig in einer seiner für Investoren abschreckenden populistisch/nationalistischen Phasen. Sie dauert schon mehr als zehn Jahre und wird vorübergehen. Dann könnte es zu einer recht massiven Rückkehr von – unter anderen – deutschen juristischen und natürlichen Personen kommen, welche traditionelle Beziehungen zum Land besitzen. Am Erfolgreichsten dabei dürften diejenigen sein, die sich an das alte, bewährte Investoren-Motto erinnern: “Einsteigen, wenn die Kanonen donnern! Aussteigen, wenn die Posaunen schmettern!”

Die Kanonen donnern noch nicht, aber sie grummeln schon.

Wo gehörst du hin?!

Identität und Subkultur standen beim 5. PASCH-Jugendcamp vom 2. bis 8. Dezember in Villa General Belgrano im Mittelpunkt

Von Lisa Rauschenberger


Der Regisseur Wolf Gresenz schaut besorgt zum Himmel. Dort türmen sich schon seit ein paar Stunden dunkle Wolken auf. Auch der Wind weht immer stärker. Ein Unwetter ist im Anmarsch. Die Frage ist nur, wann es ausbricht. Das Kamerateam beeilt sich, mit dem Dreh weiterzumachen. Die Liebesszene ist schon im Kasten, genau wie die Szenen des Puppentheaters und der Street Artists. Jetzt kommen noch die Beat Boxer, die Breakdancer und natürlich die Lehrer dran. Eine Woche lang haben sich die Teilnehmer aller Workshops auf diesen Moment vorbereitet: Sie haben Choreographien eingeübt, Raps auf Deutsch geschrieben, Kulissen gebastelt. All das für das Musikvideo, das beim SommerCamp der Initiative “Schulen: Partner der Zukunft” (PASCH) entstehen soll. Dieses Jahr findet das Camp schon zum fünften Mal statt.

85 Schüler aus Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko, Paraguay und Uruguay sind zusammen mit ihren Lehrern nach Villa General Belgrano in der Provinz Córdoba gereist.

Gemeinsam mit der Projektleiterin Ines Patzig-Bartsch aus dem PASCH-Büro Buenos Aires hat der Berliner Regisseur Wolf Gresenz das Konzept für den Videoclip entwickelt: Ein “Culture Clash” zwischen dem Brauchtum, wie es in einigen deutschen Siedlungen in Argentinien noch immer gepflegt wird, und der modernen urbanen Subkultur.

Der Clip erzählt die Geschichte von Ihab und Maria. Maria lebt im Dörfchen Villa General Belgrano in Argentinien, sie liebt Volkstanz und Trachten. Ihre Großeltern sind vor mehr als einem halben Jahrhundert mit dem Schiff nach Argentinien gekommen. Auch Ihabs Eltern haben eine Schifffahrt hinter sich – nur war das keine Reise, sondern eine Flucht. Sie sind vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen. Seitdem lebt Ihab in Berlin. Er liebt Breakdance, Rap und Schlabberklamotten.

Ihab ist eine fiktive Figur. Angelehnt aber ist seine Geschichte an die des Berliner Breakdancers Maradona Akkouch. Auch Maradonas Eltern sind aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, wo Maradona vor 18 Jahren im Berliner Bezirk Neukölln geboren wurde. Maradona hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Trotzdem hat er keinen deutschen Pass. Lange Zeit waren er und seine Familie in Deutschland nur geduldet, konnten jederzeit abgeschoben werden. Jetzt hat er eine Aufenthaltsgenehmigung, die ihm zumindest für die Zeit seiner Ausbildung garantiert, dass er in Deutschland bleiben darf.

Auch Maradona ist nach Villa General Belgrano gekommen. Er bringt zusammen mit seinem Trainer Ivan Stevanovic den Schülern die Grundlagen des Breakdance bei. Maradona ist ein Ausnahme-Breakdancer. Er tanzt schon seit seiner Kindheit und hat in Deutschland zahlreiche Titel abgeräumt.

Beim Sommercamp in Villa General Belgrano geht es nicht nur ums Deutschlernen. “Wir nähern uns mit den Camps jedes Jahr dem aktuellen Deutschlandbild·, erklärt Ines Patzig-Bartsch, Leiterin von PASCH in der Region Cono Sur. ·Dieses Jahr wollten wir Menschen einladen, die Deutsche sind, aber nicht im klassischen Sinne deutsch, so wie man sich das hier in der Region vorstellt.”

So treffen in Villa General Belgrano die örtliche Volkstanzgruppe auf die Jugendlichen vom Breakdance-Workshop, bayrische Volksmusik auf Hip Hop und Street Art auf rustikale Schwarzwaldästhetik.

Ángel (16) aus Puebla in Mexiko hat am Beat Box-Workshop teilgenommen. Er hat selbst Raps auf Deutsch geschrieben. Zum Beweis legt er gleich los: “Ich komme aus einem Land ohne Namen und ich habe an dich nur eine Frage. Nimm es mir nicht übel, wenn ich dir das so jetzt sage. Mein Identitätsverlust ist, was ich nicht ertrage.”

“Wo gehörst du hin?!” heißt der Videoclip. Dass dies nicht unbedingt eine Frage des Passes ist, den man besitzt, dürfte den Jugendlichen bei dem Camp klar geworden sein.

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Der Berliner Breakdancer Maradona Akkouch.

Sternkreiszeichen

Haben die Sterne vielleicht doch Einfluss auf den Charakter?

Von Friedbert W. Böhm

Ich bin überhaupt nicht abergläubisch. Aber vom bestimmenden Einfluss der Sternkreiszeichen auf unseren Charakter bin ich fest überzeugt.

Schon als ich beinahe noch nicht zu Denken angefangen hatte, wurde mir gesagt, dass ich im Zeichen der Waage geboren worden war und dass dies bedeute, ich hätte immer gerecht und ausgeglichen zu sein.

Zunächst machte ich mir darüber keine Gedanken, wusste ich doch gar nicht, was gerecht und ausgeglichen bedeutet. Als ich die Bedeutung von Gerechtigkeit zu ahnen begann, empfand ich dies als Minderung der Waage-Besonderheit. Gerecht hatte schließlich jeder zu sein, und meine Mutter, Tanten, Großeltern, Lehrer waren dies ohne jeden Zweifel, obwohl die meisten keine Waage-Menschen waren.

Dann hörte ich immer wieder von allen Seiten, dass etwa dieser “nicht anders konnte, als eine Prügelei zu beginnen, weil er schließlich unter diesem Zeichen geboren ist”, oder von jener “als einer Soundso-Geborenen eigentlich nichts anderes als eine frühe Scheidung zu erwarten gewesen war”. Auch beeindruckten mich die Gespräche Erwachsener, dass man, gemäß Horoskop, als Steinbock diese Woche besser keine größere Reise anträte, jedoch, wenn man Jungfrau war, gut etwas riskieren könne, weil die Sterne diesem Zeichen günstig gesinnt seien. Über die wissenschaftliche Begründung für den Zusammenhang zwischen der Milchstraße und einer Jungfrau machte ich mir keine Gedanken.

In der Schule gab es eine traditionelle Feindschaft zwischen den A- und B-Klassen. Da es in beiden nette Jungs gab, hatte ich Freunde auf beiden Seiten. “Na klar”, sagte man, “der ist halt eine Waage”. Das gefiel mir sehr, und ich entwickelte mich zu einem Wanderer zwischen den Fronten. Und wenn jemand ihm ungerechtfertigt scheinende schlechte Noten erhielt, fühlte ich mich als Waage verpflichtet, ihn zu trösten und vielleicht sogar beim Lehrer ein gutes Wort für ihn einzulegen. Hatte das Erfolg, wurde ich in meinem Waage-Selbstverständnis sehr gestärkt. Offenbar bedurfte die Gerechtigkeit auch bei Erwachsenen gelegentlicher Nachhilfe.

“Sei doch nicht so aufbrausend”, sagte meine Mutter, wenn ich einmal aus den Fugen geriet, “du bist doch eine Waage und musst ausgeglichen sein!” Aha, ich hatte also extreme Gemütsschwankungen zu vermeiden oder zu verbergen. Das leuchtete ein; schließlich ist weder einem selbst noch einem anderen damit gedient, wenn man aufbraust oder deprimiert in der Ecke sitzt.

Der Leser glaube nicht, dass meine Waage-Kondition sich so geradlinig und bewusst entwickelt hat, wie hier dargestellt. Das war ein Jahrzehnte währender, unterschwelliger, sich selbst alimentierender Prozess mit vielen Rückschlägen.

Dass Gerechtigkeitssinn und Ausgeglichenheit mit dem Sternbild zu tun haben sollten, hatte ich beinahe vergessen. Sie waren mir jetzt aber irgendwie eingeimpft. Darüber ärgerte ich mich häufig, wenn ich Aggressionen zu erleiden hatte, deren Erwiderung mit meiner Pflicht zur Ausgeglichenheit nicht vereinbar war. Oder wenn an einer meiner Arbeitsstellen gewisse Gehaltserhöhungen oder Beförderungen den Gerechtigkeitssinn beleidigten. Ich haderte dann mit meinem friedfertigen Waage-Charakter, der mir Nachteile zu bescheiden schien.

Andererseits durfte ich aber auch verzeichnen, dass ziviles und rationales Verhalten in einem vernünftigen Umfeld durchaus anerkannt und honoriert wird. Konflikte zu vermeiden oder zu verringern, gar zu lösen, gilt dort eben als eine der heldenhaften Eroberung mindestens gleichwertige Leistung. Deshalb bin ich mit meiner Waage-Konstitution letzten Endes ganz zufrieden.

Ob ich sie nun den Sternen verdanke oder nicht.

Schuhplattler vs. Break Dance

Clash der Kulturen beim internationalen PASCH-Camp in Villa General Belgrano, Argentinien

Deutsche oder Deutschländer? Die Deutschen aus den deutschen Siedlungsgebieten im Dreieck von Südbrasilien, Paraguay und der argentinischen Provinz Misiones nennen die Deutschen aus Deutschland “Deutschländer”, denn die Deutschen sind ja sie. Und was sind dann der libanesische Tänzer Maradona Akkouch (bekannt aus dem Dokumentarfilm “Neukölln Unlimited”), der in Deutschland geduldet wird, und Ivan Stevanovic, sein in Berlin geborener Trainer mit serbischem Pass und dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung? Und was ist Jonas Kecskemethi, in Lima aufgewachsener Deutscher und seit geraumer Zeit gemeinsam mit dem Deutschländer Philipp Patzig, Koch aus der legendären “Bar 25” und jetzt “Kater Holzig”, in verschiedenen Küchen unterwegs? Oder Bárbara Acevedo Strange, chilenische Abiturientin, die seit acht Jahren in Deutschland lebt und seit zwei Jahren über eine “unbefristete Niederlassungserlaubnis” für Deutschland verfügt und jetzt “kulturweit”-Freiwillige am Goethe-Institut Buenos Aires ist?

Sie alle werden gemeinsam mit anderen Deutschländern und Deutsch lernenden Künstlern Lateinamerikas beim Jugendcamp der Initiative “Schulen: Partner der Zukunft” (PASCH) vom 2. bis 8. Dezember 2012 in Villa General Belgrano (Argentinien) ein spielerisches Aufeinanderprallen deutscher Kulturen inszenieren. “Überliefertes neu erfinden, deutsche Traditionen und die Sichtweise auf sie auf den Kopf stellen”, so der Slogan des internationalen Treffens.

Seit 2008 lädt PASCH jedes Jahr rund 100 Schülerinnen und Schüler aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Mexiko, Paraguay und Uruguay zu einem solchen Jugendcamp nach Villa General Belgrano ein. Sie alle lernen an ihren Schulen Deutsch. Im Camp bieten dann sogenannte Teamer aus Deutschland und Österreich sowie Deutsch sprechende Teamer aus Lateinamerika eine breite Palette von Workshops an.

Der deutsche Gitarrist Wilhelm Bruck, musikalischer Weggefährte des verstorbenen argentinisch-deutschen Komponisten Mauricio Kagel, der 1973 Kagels legendäres Stück “Zwei-Mann-Orchester” uraufführte, wird mit den Teilnehmern seines Workshops neue Instrumente erforschen und mit Klängen experimentieren. Diese werden in den Videoclip eingearbeitet, wenn in Guerrilla-Aktionen Street Artists dem Schwarzwaldidyll in Villa General Belgrano einen ganz neuen Anstrich verpassen. Auch der Maibaum wurd davon nicht verschont bleiben.

Es kommt zum Clash der Kulturen zwischen Schuhplattler und Break Dance, Schnitzwerk und Street Art. Was ist eigentlich typisch “deutschländisch”? Die Jugendlichen werden über den Tellerrand blicken und einen Eindruck davon bekommen, dass nicht nur Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay Einwanderungsländer sind, sondern auch Deutschland – und zwar eins mit ziemlich vielen Facetten.

Das 6000-Seelen-Nest Villa General Belgrano sieht aus, als hätte sich der Schwarzwald in die argentinische Provinz verirrt: Holzhäuser, deutsche Trachten und Bierzelte. Der Ort wird unter anderem von Nachkommen deutscher Einwanderer bewohnt, die die Traditionen ihrer Vorfahren gewissenhaft pflegen und für touristische Zwecke geschickt vermarkten.

Die Initiative “Schulen: Partner der Zukunft” (PASCH) wurde im Jahr 2008 vom Auswärtigen Amt ins Leben gerufen mit dem Ziel, bei jungen Menschen das Interesse für das moderne Deutschland, seine Gesellschaft und die deutsche Sprache zu wecken. Weltweit gibt es mittlerweile mehr als 1500 Partnerschulen, die von PASCH mit Sprach- und Kulturprojekten unterstützt werden. In Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay ist die PASCH-Initiative an das Goethe-Institut Buenos Aires angegliedert. Das Jugendcamp in Villa General Belgrano ist ein Highlight des Stipendienprogramms von PASCH in Südamerika.

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Wilhelm Bruck gibt einen Workshop in Villa General Belgrano.

14 Jahre Hoffnung

Am 3. September feierte die Juan XXIII-Nachhilfe in San Miguel de Tucumán Geburtstag

Von Edith Lupprich

Nächstenliebe und der tägliche Kampf für eine bessere Zukunft: Als Mario Robles 1998 gemeinsam mit einigen Nachbarinnen und Nachbarn anfing, drei oder vier Kindern aus ihrem Wohnviertel bei den Schulaufgaben zu helfen, konnte er sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass er vierzehn Jahre später dasselbe tun würde. Mit dem Unterschied, dass es nicht mehr vier, sondern gut fünfzig Kinder sind, die täglich zum Nachhilfeunterricht kommen.

Das Viertel, in dem sich der “Apoyo Escolar Juan XXIII” befindet, ist wohl eine der verrufensten Gegenden in San Miguel de Tucumán (im Nordwesten Argentiniens). Verbrechen, Drogen, Gewalt, Prostitution werden in den Medien und in Alltagsgesprächen gerne mit “La Bombilla”, dem “Spitznamen” des Viertels, das eigentlich “Barrio Juan XXIII” heißt, in Verbindung gebracht. Mario weiß um dieses Stigma und seine Auswirkungen. Vor allem aber kennt er die andere Seite der Medaille, die die Zeitungen gerne verschweigen: die Armut, die Mangelernährung, manchmal auch die scheinbare Ausweglosigkeit der Lebensumstände.

“Was lernen wir in der Nachhilfe von Mario? Alles zu teilen, zu spielen, ohne zu schummeln, niemanden zu schlagen, die Dinge an den Platz zurückzustellen, von dem man sie genommen hat, sauberzumachen, was einer selbst schmutzig macht, still zu sein und demjenigen, der spricht, zuzuhören, nichts zu nehmen, was uns nicht gehört, sich zu entschuldigen, wenn man jemandem wehgetan hat, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, ein geordnetes Leben zu führen, etwas zu lernen und etwas zu denken und zu zeichnen, zu singen, zu tanzen, zu spielen und jeden Tag ein bisschen zu arbeiten.”

Diese Anpassung eines Textes aus Reader’s Digest, die Mario vor einiger Zeit an der Wand hängen hatte, macht deutlich, um was es in der Nachhilfe geht. Jeden Tag ein bisschen zu arbeiten, ein bisschen zu rechnen, ein paar Zeilen abzuschreiben. Steter Tropfen höhlt den Stein. Und die Zeit zeigt, dass es Sinn macht. “Am Besten ist es, mit den Kleinsten anzufangen, da kann man etwas verändern. Wenn sie dann aus der Grundschule in eine höhere Schule kommen, haben sie eine gute Basis, auf die sie aufbauen können”, ist Mario überzeugt. Die Veränderung ist auch bei den Kindern bemerkbar, die neu zur Nachhilfe kommen. Viele von ihnen haben schlechte Schulnoten, die Hefte sind unvollständig. “Oft haben die Kinder zu Hause keinen Platz, um die Aufgaben zu machen. Oder niemanden, der ihnen ein bisschen unter die Arme greift. Und die Eltern haben auch kein Geld, um eine Nachhilfelehrerin zu bezahlen”, erklärt er. Im Laufe einiger Wochen integrieren sich diese Kinder in die Gruppe. Sobald sie ankommen, setzen sie sich hin und fangen an, selbstständig ihre Aufgaben zu machen. Und auch in Bezug auf die Umgangsformen passen sie sich an, lernen, bei der Ankunft zu grüßen oder keine Schimpfwörter zu verwenden.

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Über Faulheit

Sind wir auf dem Weg in die Hirnlosigkeit?

Von Friedbert W. Böhm

Die Faulheit ist eine große evolutionäre Errungenschaft. Faulheit ist der umgangssprachliche Ausdruck für effiziente Energienutzung. Ein Grasfresser auf einer saftigen Wiese, der ständig umherrennt, um eine noch saftigere zu finden, verbraucht mehr Energie als er aufnimmt und fällt vom Fleisch. Gleiches gilt für ein Raubtier, das jedem potenziellen Beutetier nachjagt, statt sich auf die langsamen, kranken und alten zu konzentrieren. Im Kampf ums Dasein haben Energiesparer Vorteile gegenüber Verschwendern.

Allerdings reicht Faulheit allein für den Erfolg nicht aus. Bei Dürre müssen die Grasfresser weit wandern, um etwas Fressbares zu finden, und sie müssen wissen, wohin. Und die Raubtiere müssen ihnen folgen, neue Taktiken für die Jagd entwickeln oder sich von Rehen auf Mäuse umstellen. Die Ergänzung der Faulheit ist Kreativität, Leistungsbereitschaft, Erfahrung. Man kann auch Intelligenz dazu sagen. Deshalb sind junge Tiere nicht faul. Wenn sie nicht schlafen oder fressen, tollen sie herum, spielen, ringen. Sie üben Körper und Hirn in Fertigkeiten, die sie später in Zeiten widriger Lebensumstände brauchen werden.

Wenn Intelligenz die mühsam eingeübte zeitweilige Überwindung von Faulheit ist, dann zeugt die Abwesenheit solcher Überwindung notwendigerweise von – Dummheit. Dumme Tiere überleben nicht. Sie verhungern oder werden gefressen.

Wir Menschen sind Meister in der Umgehung oder Verringerung widriger Lebensumstände. Wenn es kalt ist, bekleiden wir uns und machen Feuer. Wenn es regnet, gehen wir unters Dach. Um nicht mühsam wilde Körner und Knollen zu suchen oder einen Braten zu erjagen, haben wir Ackerbau und Viehzucht erfunden. Reitpferd und Ochsenpflug verdanken wir Faulpelzen. Leute, welche die Arbeit lieben, hätten fortgefahren, zu laufen und mit dem Grabstock zu schwitzen. Seit Zug, Auto und Waschmaschine könnten wir uns im Grunde jedes körperliche Training ersparen. Wir überleben auch so; ein Triumph der körperlichen Faulheit.

Dass es uns trotzdem noch gibt, haben wir unserem Hirntraining zu verdanken. All die Vorrichtungen und Methoden, die unsere Muskeln entlasten, sind Ergebnisse scharfer Beobachtung, konzentrierten Nachdenkens und einer langen Kette von Versuchen und Misserfolgen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Hirntraining bei Erfindern, Entwicklern, Produzenten, Verteilern erheblich intensiver war und ist als beim Rest von uns.

Immerhin waren die Produkte und Methoden zur Lebenserleichterung bisher so unvollkommen, dass es für unser Normalhirn noch allerlei zu leisten gab. Manche der Produkte waren zu teuer, manche der Methoden zu kompliziert, um ihren Nutzen zu rechtfertigen. Oft war etwas zu reparieren oder zur Reparatur zu tragen. Viele Arbeits- und Lebensbereiche waren nicht systematisiert oder automatisiert, so dass man, wenn man intelligent war, seinem Hirn eigene Lösungen abringen musste. Das klappte, wenn das Hirn trainiert, also nicht von Faulheit infiziert war.

Neuerdings jedoch befreit uns die Technik täglich von neuen Anforderungen ans Hirn. Artefakte werden nicht mehr repariert, sondern ausgetauscht. Auswahl und Einkauf erfolgen online. Am Arbeitsplatz sind wir der Mühe enthoben, Probleme zu analysieren und zu lösen. Wir brauchen nur noch im System die passende vorgefertigte Lösung zu suchen und auszudrucken. In den USA verkehren bereits Autos, die ohne Fahrer auskommen (oder mit einem, der mit dem Beifahrer Karten spielt und Bier trinkt). Die Elektronikindustrie zeigt stolz den Zukunftshaushalt, in dem man einem Sensor mündlich den Auftrag erteilt, die Temperatur zu verändern, diese oder jene Leuchte an- oder auszuschalten oder dem Roboter zu befehlen, die Küche zu wischen. Spielen findet immer seltener im Garten, auf der Straße oder am Bach statt, sondern an der Spielkonsole.

Wir bilden uns ein, intelligent zu sein, wenn wir die Handhabung des neuesten iPhones schnell begreifen. Dabei vergessen wir, dass dies nur eine winzige Fortentwicklung unserer jahrealten Routine im Umgang mit elektronischen Spielzeugen ist. Darauf sollten wir uns genau so wenig einbilden wie ein auf der faulen Haut liegender Hund es darf, der den neuen Postboten genauso anbellt wie dessen Vorgänger.

Wir bekommen immer weniger gelehrt, noch werden wir angehalten zu lernen, wie mit unvorhergesehenen Situationen umzugehen sei. Unser Hirntraining beschränkt sich zunehmend darauf, wie jene immer neuen, von Anderen vorgesehenen, Problemlösungen umzusetzen sind. In der Entwicklung unserer Intelligenz sind wir derart auf vorgegebene technische Dinge fokussiert, dass wir den wesentlichen Veränderungen in unserer Umwelt, die unser künftiges Leben und das unserer Nachkommen betreffen, kaum noch Aufmerksamkeit schenken. Die Politik verstehen wir nicht mehr oder verachten sie. Bevölkerungsexplosion, Klimawandel und Artensterben empfinden wir als bedrohlich, halten uns jedoch für außerstande, etwas zur Besserung beizutragen.

Das Symbol der körperlichen Faulheit ist die verbreitete Fettleibigkeit. Wollen wir wirklich, dass es demnächst durch das Symbol der massiven Magerhirnigkeit ergänzt wird?

“Elf Freunde” gesucht

Journalisten-Austauschprojekt der Deutschen Welle: Anmeldeschluss 16. November

Von Marcus Christoph

Die Fußball-WM in Brasilien wirft ihre Schatten voraus: Anlässlich des sportlichen Großereignisses 2014 wollen die Deutsche Welle und das deutsche Außenministerium ein Projekt realisieren, das sich an Nachwuchsjournalisten aus Deutschland und Lateinamerika richtet. Es trägt den Namen “Elf Freunde”, und das hat einen konkreten Grund: Je elf junge Reporter aus beiden Regionen sollen sich in insgesamt fünf Workshops treffen und in Teams gemeinsam journalistische Projekte zur WM realisieren. Es soll darüber hinaus aber auch um politische oder kulturelle Belange gehen.

Das erste Treffen findet vom 3. bis 14. Dezember dieses Jahres in Bonn statt. Weitere Workshops sind in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern geplant. Insgesamt ist das Projekt auf eine Dauer von zwei Jahren angelegt. Interessenten können sich bis zum 16. November im Internet anmelden.

Abschied der Brasil-Post nach 62 Jahren

Brasil-Post, 62. Jahrgang, Nr. 3203

Sao Paulo, 28. September 2012

Alles hat seine Zeit: Unsere Brasil-Post – nicht mehr zeitgemäß

Von Ursula Dormien


Alle Dinge haben ihre Lebenszeit. Nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen haben eines Tages ein Ende. Es ist ein Gesetz, dem sich niemand entziehen kann. Auch eine Zeitung ist dem unterworfen. Was einst mit großer Mühe aufgebaut wurde. sich über Jahrzehnte – seiner Aufgabe bewußt – bewährte, kann morgen schon nicht mehr zeitgemäß sein.

Zwischen diesem Gestern und Heute liegt oft ein Menschenleben, überzeugt seine Aufgabe pflichtgetreu erfüllt zu haben, sich jedoch nun genötigt sieht, sich dem hehren Gesetz “Werden und Vergehen” zu beugen.

62 Jahre besteht die Brasil-Post. 52 Jahre habe ich, zuerst als Redakteurin und dann als Herausgeberin – davon die letzten 22 Jahre mit tatkräftiger Hilfe meines Sohnes Klaus-Dieter, der 1992 eine Modernisierung der Zeitung mit allem Drum und Dran finanzierte bzw. durchführte – unsere Brasil-Post getreu der bei der Gründung gesetzten Zielsetzung, allen Schwierigkeiten trotzend und letztendlich oftmals mit substantieller Unterstützung wahrer Freunde, dem Leserkreis erhalten.

Trotz gelegentlicher Kritik – “allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann” – bin ich überzeugt, daß unsere Zeitung eine wertvolle, objektive Informationsquelle, ein beachtlicher Multiplikator war, geachtet und geschätzt wurde und viel Freude bereitete; das brachten im Laufe der Jahrzehnte unzählige Zuschriften wiederholt zum Ausdruck.

Weltweit ist eine Zeitung, die eine Minderheit anspricht, nur mit Idealismus am Leben zu erhalten. Einmal müssen Herausgeber und Mitarbeiter sich mit der Aufgabe, der Zielsetzung des Kulturträgers zutiefst verbunden fühlen und für ihren großen Einsatz mit einem bescheidenen Honorar – gerade ihren Lebensunterhalt garantierend – zufrieden sein. Und zweitens, um alle anfallenden Ausgaben wie Verwaltungs-, Redaktions-, Dmck- und Vertriebsspesen sowie die beachtlichen gesetzlich festgelegten Gebühren aufzubringen, sind Gleichgesinnte, Sponsoren vonnöten, Unternehmer, die die Zeitung als Sprachrohr, Bindeglied und Kulturträger sowie Brücke zu Deutschland ansehen, schätzen und es ihnen ein wichtiges Anliegen ist, den Fortbestand derselben zu ermöglichen. Somit das Vermächtnis der Einwanderer ehrend: “Was du ererbt von deinen Vätern hast, erhalt’ es, um es zu besitzen” (frei nach Goethe aus “Faust”).

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Schöne Neue Welt

Ein Behördengang in Argentinien gleicht einem Ausflug nach Absurdistan

Von Friedbert W. Böhm

In den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts schien sie in Argentinien ankommen zu wollen. Über seinen PC konnte man plötzlich auch mit der Bank verkehren. Daueraufträge wurden möglich. Statt alle zwei Monate – oder jeden – mit der Rechnung für Strom, Gas, Wasser, Telefon, Immobiliensteuer usw. zur nächsten Zahlstelle zu pilgern, Schlange zu stehen, einen missmutigen Beamten unterwürfig um Annahme der Zahlung zu bitten, drückte ich auf ein paar Tasten und die Daueraufträge waren online erteilt. Hosanna!

Vor etwa einem Jahr kam eine neue Rechnung für Immobiliensteuer der Provinz Buenos Aires dazu. Ich drückte ein paar Tasten und hielt die Sache für erledigt. Doch die Rechnungen beharrten darauf, bar bezahlt zu werden. Hatte vielleicht jemand auf der Online gesessen?

Ich versuchte es mit der Hotline, die, wie die häufigen Prospekte meiner Bank, immer wieder versichern, unverzüglich jegliches Problem zu lösen. Als die Hotline irgendwann etwas weniger heiß, also frei war, sagte mir eine nette Dame, mein Dauerauftrag sei entgegengenommen und unter Nummer sowieso registriert. Allerdings würde es ein oder zwei Monate dauern, bis er funktionierte.

Nach drei Monaten kroch ich wieder durch die Hotline, wie lange das noch dauern würde. – Kannitverstan, nichts registriert. Eine neue Dame gab mir eine neue Registriernummer.

Weitere drei Monate später und aller digitalen Medien müde, schickte ich der Bank einen altmodischen Einschreibebrief mit dem geschilderten Sachverhalt. Diesmal musste ich nur einige Wochen warten, bis ein netter Herr mir telefonisch mitteilte, dass mein Dauerauftrag von der Steuerbehörde nicht akzeptiert worden sei.

Die Behörde ist eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernt, grüne Welle vorausgesetzt. Ich hatte die Steuerrechnung, meinen Personalausweis und die Kontobezeichnung bei mir. Und die CBU?, wurde ich gefragt. CBU ist die Identifikationsnummer jedes Kontos im Finanzsystem. Sie hat 22 Stellen und ich wusste sie nicht auswendig.

Bei meinem nächsten Besuch im Steueramt hatte ich die CBU sauber aufgeschrieben und dreimal geprüft. Aber doch nicht so!, hörte ich, Sie müssen einen ordentlichen schriftlichen Antrag einreichen und Fotokopie Ihres Personalausweises beifügen!

Solch einen ordentlichen und vollständigen Brief wie den, den ich bei meinem dritten Besuch vorlegte, hatte das Amt gewiss noch nicht gesehen. Es fehlt aber die CBU! Siegessicher wies mein Finger auf die Nummer mit den 22 Stellen. Aber Nein! Die Nummer muss auf einem Formular der Bank eingereicht werden, mit deren Stempel und Unterschrift! Nun wurde mir endlich ein Zettel überreicht, auf dem alle Vorbedingungen für die Entgegennahme eines Dauerauftragsgesuchs spezifiziert waren.

Meine Bank – eine private, internationale – liegt in der City, eine dreiviertel Autostunde entfernt (manchmal kann es auch eineinhalb Stunden dauern). Sie hat aber eine Filiale in meiner Nähe, nur 10 Minuten Fußweg. Dort müsste es eigentlich auch einen Stempel und eine Unterschrift geben, dachte ich.

Ja gewiss, wurde mir gesagt, aber nur für die Kunden dieser Filiale.

Etwas unwirsch geworden, sandte ich ein Mail an die Hauptstelle der Bank. Dies hatte zur Folge, dass die Filiale bei meinem nächsten Besuch Stempel und Unterschrift riskierte.

Nun hatte ich alle Unterlagen zusammen. Nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit lieferte ich diese bei meinem vierten Besuch im Amt ab und bat um einen Empfangsstempel auf meinem Anschreiben. Nicht so schnell!, wurde mir gesagt. In höchstens einer weiteren halben Stunde hatte der Beamte alle Dauerauftragsdaten ins System eingegeben. Er druckte sie aus und ließ mich die Verantwortung für die Richtigkeit durch unterschriftliche Bestätigung übernehmen.

Und nun hoffe ich, bald wieder in der Schönen Neuen Welt anzukommen. Hosanna!

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Dauerauftrag, was ist das denn? Die meisten argentinischen Rentner müssen jeden Monatsanfang bei der Bank Schlange stehen.