Niedergang einer Republik

Wenn man den Anfängen nicht wehrt

Von Friedbert W. Böhm

Ein gottbegnadetes Land: Beinahe alle Landschaftsformen und Klimazonen der Erde, eines ihrer fruchtbarsten Gebiete, Bodenschätze. Als Bewohner eine nicht unglückliche Mischung aus Ureinwohnern, Süd- und anderen Europäern, Arabern und Ostasiaten, Katholiken, Protestanten, Orthodoxen, Juden, Muslimen und Atheisten, kaum Analphabetismus, kein religiöser Fanatismus, wenig Aids oder andere epidemische Krankheiten.

Von einer gebildeten und weitsichtigen Elite ihrer Vorväter hatten die Bürger des Landes eine demokratische Republik geerbt mit einer Verfassung, die zu den besten der bis dahin erdachten gehörte. Eigentlich hatten die Bürger sie damals nicht gefordert. Ermüdet von zwei Generationen blutiger Bürgerkriege hatten sie sich die Verfassung mehr oder weniger überstülpen lassen. Man nahm es also nicht so genau mit ihr.

Genau besehen, nahm man nichts genau in diesem gebenedeiten Land. Wer sich einmal eingerichtet hatte, konnte ziemlich mühelos leben, jedenfalls besser als in den meisten anderen Ländern. Und er war häufig auf sich allein gestellt in den verstreuten Ortschaften oder abgelegenen Gehöften. Weitläufig- und Großzügigkeit waren angesagt. Was bedeutete denn schon der Verlust eines von Vorbeikommenden geschlachteten Rindes, wenn man Hunderte oder Tausende davon besaß! Selbst ein Toter in der Kneipe dann und wann konnte einen nicht aus der Bahn werfen – die Obrigkeit war weit weg (oder verständnisvoll) und der Vorfall schnell vergessen.

Im Umgang mit dem Nachbarn spielten die Gesetze kaum eine Rolle. Man ignorierte sich, soweit möglich, und schloss sich zusammen, soweit erforderlich. Rechte konnte man von ihm nicht einfordern. Die Währung des Zusammenlebens war der “Gefallen”. Wenn meine Leute sowieso meinen Zaun reparieren müssen, können sie auch gleich deinen nebenan in Ordnung bringen. Dafür erwarte ich, dass du meiner Frau nicht erzählst, dass du mich mit der Blonden in der Dorfgasse gesehen hast und dem anderen Nachbarn nicht, dass ich in seiner Abwesenheit meine Kühe auf seiner Weide grasen lasse. Schließlich habe ich ja auch deinem nichtsnutzigen Vetter Arbeit gegeben (obwohl dies – aber hoffentlich erinnerst du dich jetzt nicht daran – die Erwiderung deines Gefallens war, meinen Schwager in den Landrat zu wählen, obwohl er dir seit Jahren Geld schuldet).

Diese nicht unsympathische Gelassenheit wurde zur eigentlichen Tradition des Landes. Man tolerierte und wurde toleriert. Wo die Währung des “Gefallens” Ungleichheiten erzeugte, steckte man das weg. “Wer sich nicht ereifert, lebt lang”, sagte man, und, wenn man nicht selbst betroffen war, “misch dich nicht ein”.

Solange die Mehrzahl der Bürger allein oder in kleinen Flachlandgemeinschaften wohnte, funktionierte das ganz gut. Man kannte sich ja und konnte seinem Gegenüber “Gefallen” oder deren Abwesenheit in gleicher Währung heimzahlen. Grundbegriffe des allgemeinen zivilisierten Zusammenlebens wie Wahrheitsliebe, Vertragstreue, Gemeinsinn oder Pünktlichkeit waren “Sekundärtugenden” (wie sie heute in anderen Breiten genannt werden). Selbst Neubürger, die immer wieder, den Drangsalen der alten Heimat entfliehend, ins gesegnete Land kamen, vergaßen bald solche Tugenden, falls sie sie überhaupt mitgebracht hatten. Sie wollten ihretwegen ja nicht ausgelacht werden.

Es ergab sich aber mit dem allgemeinen Fortschritt der Weltgeschichte, dass große Städte entstanden mit Industrieanlagen, mit Kultur-, Sport- und Vergnügungsstätten sowie der entsprechenden Infrastruktur – eine moderne, hochkomplexe Gesellschaft eben.

Nur die Verhaltensweisen der Leute änderten sich nicht. Man lebte so unbekümmert wie eh und je. Eigentlich hätten die Bürger sich jetzt an die Verfassung erinnern müssen, die ja schließlich die Grundsätze vorgibt, nach denen man in einer solchen Gesellschaft leben muss.

Für Grundsätze hatte man aber wenig Sinn. War man nicht ohne diese hundert Jahre lang ausgekommen? War man nicht so gesegnet mit natürlichen Reichtümern, dass Wohlstand und Ruf auch ohne mühevolle Grundsätze gesichert schienen? Hatte man nicht von allen Obrigkeiten immer wieder gehört, dass man intelligent und kreativ genug sei, um grundsatzlose Lösungen für alle Probleme zu finden?

Gewiss! Nur merkte man nicht – oder gestand es sich nicht ein -, dass es gerade diese Geringschätzung der Grundsätze war, welche es dem Land verwehrte, mit der Entwicklung im Rest der Welt Schritt zu halten und seinen früheren Standard zu wahren.

Es hatte damit angefangen, dass die Elite des Landes schon früh den Grundsatz freier Wahlen missachtete. Schließlich war sie es gewesen, die dem Land Frieden sowie ein Erziehungssystem beschert hatte, das Fortschritt und Wohlstand nach sich zog. War sie dadurch nicht berechtigt, den noch recht ungebildeten und in solchen Dingen unerfahrenen Mitbürgern bei der Wahl die Hand zu führen? Es bürgerte sich also ein, dass Kandidaten für öffentliche Ämter in Klubräumen oder Parteizentralen ausgeklüngelt wurden, wobei – wie sollte es anders gewesen sein? – der “Gefallen” die Währung war. Abgesegnet wurden diese Kandidaten dann durch Stimmen der Eliten, welche, durch Überzeugung, Drohung oder Fälschung, die Stimmen der untergebenen Mehrheit mitzureißen wussten.

Mit der Zeit jedoch wurde diese Mehrheit immer erfahrener und, vor allem, informierter. Man konnte nun lesen, tat sich zusammen und lauschte den Vorträgen gebildeter Leute, die aus Europa neue Ideen und Erfahrungen mitgebracht hatten. Von “sozialer Gerechtigkeit” sprachen diese, davon, dass es eben nicht ausreiche, satt zu sein, ein Dach über dem Kopf, eine auskömmliche Arbeit zu haben und die Kinder auf eine Schule schicken zu können. Nein, meinten sie, solange es skandalöse Wohlstandsunterschiede gäbe, könne eine Gesellschaft sich nicht als gesund betrachten. Das leuchtete ein. Wer lässt sich nicht gern davon überzeugen, dass er seinen Wohlstand durch allgemeine Umverteilung vermehren kann?

Es entstanden also “volksnahe” Parteien, die irgendwann an die Macht kamen. Mit der Verfassungstreue nahmen sie es allerdings auch nicht so genau. Gleich den alten, verwendeten die neuen Eliten den „Gefallen“ als vorwiegendes oder einziges Kriterium für die Verteilung von Staatsämtern oder die Wahl von Umverteilungsbegünstigten. Im Unterschied zu jenen jedoch verfügten sie nicht über gut ausgebildete, erfahrene Mitarbeiter, denen man öffentliche Aufgaben hätte anvertrauen können. Es waren nun vorwiegend Verwandte und Freunde der Machthaber, die, abgesehen von ihrer Mittelmäßigkeit, nicht so sehr das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben mussten wie die Erwiderung der “Gefallen”, die sie ins Amt gebracht hatten.

Umverteilung setzt zudem Dirigismus voraus. Dirigismus fördert Korruption – wo etwas verteilt wird, liegt es nahe, offene Hände zu begünstigen. Umverteilung erfordert einen großen Kuchen. Wenn dieser zu Ende zu gehen droht, kann man etwa einträgliche Privatunternehmen verstaatlichen. Dann gibt es nicht nur Gewinne zu verteilen, sondern auch viele, viele Posten. Stellt sich nun heraus, dass die Unternehmen plötzlich Verluste schreiben, ist der Kuchen wieder zu klein. Was einfacher, als ihn durch Gelddrucken zu erneuern? Es entsteht Inflation. Diese stellt nicht nur die Umverteilung auf den Kopf (schließlich verteilt sie hauptsächlich von unten nach oben), sie schafft auch Undurchsichtigkeit und ewigen Streit um Preise und Löhne.

Es liegt auf der Hand, dass Ordnung, Erziehung und Wirtschaft des Landes unter solchen Umständen zu leiden hatten. Dirigismus, Korruption und Inflation ließen den gewohnten Wohlstand zusehends schwinden. Missstimmung machte sich breit. Die Streitkräfte des Landes – konservativ, wie Offiziere halt zu sein pflegen – fühlten sich verpflichtet, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen und setzten die Regierung ab. Sie sorgten dafür, dass die Züge wieder pünktlich fuhren und man nicht mehr das ungeliebte Schwarzbrot zu essen brauchte.

Nun mussten die Offiziere aber feststellen, dass sich die Leute derart an Unordnung und “Gefallen” seitens der Machthaber gewöhnt hatten, dass sie anders nicht mehr leben wollten. Die Missstimmung war wieder da. Also blieb den Militärs nichts anderes übrig, als ein wenig Dirigismus, ein wenig Inflation und allerlei Geschenke bestehen zu lassen oder wieder einzuführen. Da man aber genauso wenig ein bisschen dirigistisch sein kann wie ein bisschen schwanger, waren Unordnung und Wohlstandsminderung bald wieder da. Nun waren die Militärs des Regierens müde und gaben das Zepter an die Politiker zurück.

So ging es einige Generationen hindurch. Mal regierten populistische Politiker, mal mehr oder weniger populistische Offiziere. Um die Verfassung des Landes kümmerten sich weder die Einen noch die Anderen. Das Volk applaudierte, wenn es Brot und Spiele gab, und wenn nicht, meckerte es und demonstrierte. Es wollte dann neue Machthaber haben. Die Verfassung war ihm egal. Dass dabei in der Politik die guten Sitten auf der Strecke blieben, merkte es nicht, oder es machte ihm nichts aus. Wenn man wählen konnte, bevorzugte es die Kandidaten mit dem überzeugendsten Charisma und den schönsten Versprechungen. Und fragte längst nicht mehr, ob diese vielleicht ihr Vermögen erschwindelt oder gar Strafprozesse anhängig hatten. Na ja, er klaut, hieß es, aber er tut etwas. Und was die eigenen Sitten anbetraf, so hatten die Leute immer weniger Abneigung, sich von den Politikern zu unterscheiden.

Bei alledem wurde stets größter Wert darauf gelegt, Verfassungs- und Gesetzestreue vorzutäuschen. Alle Schelmereien wurden auf eine Weise kaschiert, dass man sie irgendwie rechtfertigen konnte. Wenn sie am Ruder waren, ließen selbst die Offiziere ihre Gesetze gelegentlich durch eine zivile “Gesetzgeberische Versammlung” erarbeiten. Generationen von Advokaten lebten davon, immer neue Interpretationen der Spielregeln zu erfinden und mit immer neuen wohlklingenden Argumenten unters Volk zu bringen. Dieses meinte schließlich, alles glauben zu dürfen, was von der Obrigkeit lautstark verkündet wurde.

Da kam unter außergewöhnlichen Umständen eine Regierung an die Macht, die mit einer kleinen Minderheit gewählt worden war. Sie merkte bald, dass sie das große Los gezogen hatte: Einerseits hatte sich auf der ganzen Welt die Überzeugung verfestigt, dass in der Werteordnung das Geld eine ganz besondere Position einnahm, eigentlich den “Wert an sich” darstellte. Und andererseits wurde das Land als Folge der globalen Wirtschaftsentwicklung unvermittelt mit Geld überschüttet.

Dies enthob die Regierung jeder Verpflichtung, etwas für das Volk zu tun. Sie hatte ja die Verfügungsgewalt über dessen Geld. Sicherheit, Erziehung, Gesundheit waren ihr egal. Sie konnte sich völlig darauf konzentrieren, ihre Macht zu erhalten und zu vergrößern. Was ihr an Wählerstimmen fehlte, um in der Volksvertretung Mehrheiten für ihre Gesetzesvorlagen zu erlangen, das kaufte sie sich durch Abwerbung von Oppositionskandidaten. Bald funktionierte diese Vertretung nicht mehr als ein Kontrollorgan der Regierung, sondern, wie die verbliebene Opposition und neutrale Beobachter sagten, als “Notariat der Regierungsbeschlüsse”. Damit war der Weg geebnet für ein autoritäres Regime unter demokratischem Deckmantel.

Nun konnte die Regierung über den Haushalt und die Währungsreserven beliebig verfügen, den Gebietskörperschaften die gesetzlich vorgeschriebenen Anteile der Nationalsteuern willkürlich zuteilen, öffentlich Arbeiten an politische oder private Freunde vergeben, Privatfirmen entschädigungslos enteignen, Subventionen verteilen an gehorsame Medien, ONGs generös finanzieren, welche in Notstandsgebieten Wählerstimmen billig kauften, in Kulturzentren und Gefängnissen, sogar Schulen, ideologische “Aufklärung” betreiben und, durchaus auch bewaffnet, in oppositionellen Wahlbezirken Tumulte organisieren, um die dort verantwortlichen Politiker zu diskreditieren. Und wenn der Regierung das Geld auszugehen drohte, erhöhte sie die Steuern und beschränkte die Devisenkäufe des Publikums.

Dieses begann allmählich, sich zu wehren. Nicht aus der abstrakten Überlegung, dass die verfassungsgarantierte Freiheit gefährdet war. Man verteidigte sich vor Gericht gegen den ungesetzlichen Raub an Privateigentum.

Hier hatte die Regierung natürlich vorgesorgt. Sie hatte ja Geld. Und sie hatte nicht nur einen Justizminister, der die Staatsanwälte befehligte, sondern auch eine Mehrheit in dem Gremium, das über die Bestallung neuer und Beurteilung amtierender Richter entschied. Wie zufällig, landeten alle Prozesse, die Regierungsfreunde in Bedrängnis hätten bringen können, auch die skandalösesten, bei gehorsamen Richtern, welche die erwünschten Ergebnisse garantierten. Es gab aber glücklicherweise auch noch andere, seriöse, unbestechliche, welche Recht sprachen. Sie verhinderten einige der brisantesten Manöver der Regierung, etwa gegen die Presse- und damit allgemeine Freiheit und wurden darin vom Verfassungsgericht bestätigt.

So etwas passte absolut nicht in “das Modell” der Regierung. Sie ist jetzt dabei, die Justiz zu “demokratisieren”. Die Richter sollen vom Volk gewählt werden. Dies würde (wird?) der Republik den Todesstoß verabreichen.

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Todesstoß für die Demokratie: Die Regierung ist dabei, die Justiz zu manipulieren.

Kampf um die East-Side-Gallery in Berlin

Die Mauer soll nicht weg – erneute Demonstration am Sonntag

Von Jessica Steglich

In Berlin wird am Sonntag erneut zu einer Demonstration an der denkmalgeschützten East-Side-Gallery, dem längsten erhaltenen Stück der Berliner Mauer, aufgerufen. Doch statt der Parole “Die Mauer muss weg” haben sich die Demonstranten diesmal den Erhalt der Mauer auf die Fahnen geschrieben. Denn im Zuge des Berliner Bauprojekts “Media-Spree” sollen Teile der East-Side-Gallery zugunsten eines 63 Meter hohen Hochhauses namens “Living Bauhaus” mit 36 Eigentumswohnungen versetzt werden.

Der Bauherr Maik Uwe Hinkel lenkte inzwischen ein und erklärte gegenüber der “Berliner Zeitung”, die Umplatzierung der Mauerteile werde bis zum 18. März ausgesetzt. Dann soll im “Forum Stadtspree” über die weiteren Baupläne debattiert werden.

Hinkel selbst empfindet die Kritik gegenüber ihm als Investor nach Angaben der “Zeit” als ungerecht. Weiter berichtet die Zeitung, Hinkel zufolge habe der Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, der Grünenpolitiker Franz Schulz, ihn zu diesem Projekt verpflichtet, im Hinblick auf die Anbindung der geplanten “Brommybrücke” an die Straße. Momentan sind die Bauarbeiten an der East-Side-Gallery ausgesetzt.

Bei der geplanten Demonstration am Sonntag hat auch der US-Schauspieler und Sänger David Hasselhoff sein Kommen angekündigt. Der 60-Jährige, der 1989 mit dem Song “Looking for Freedom” an der Berliner Mauer auftrat, ruft seine Fans bei Twitter zur Unterstützung des Kampfes gegen den Teilabriss auf.

Die Berliner Mauer, einst Zeichen massiver Unterdrückung, ist heute zum Symbol für den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit geworden. In ihr spiegelt sich die jüngste Errungenschaft deutscher Geschichte – die Einheit in Recht und Freiheit. 1990 beteiligten sich unzählige Künstler aus aller Welt an der Bemalung der East-Side-Gallery, und schufen damit ein Mahnmal für die Demokratie. Seit 1991 steht dieser Mauerteil unter Denkmalschutz.

Foto:
East Side Gallery, Arbeiten von Thierry Noir.
(Wikipedia)

Fest der Gemeinschaften

“Gastronomischer Park” der ausländischen Gemeinschaften in Buenos Aires

Von Susanne Franz

Am heutigen Samstag, dem 9. März, veranstaltet die Behörde für die ausländischen Gemeinschaften der Stadt Buenos Aires, die zum Untersekretariat für Menschenrechte und Pluralismus gehört, zum zweiten Mal ihren “Patio Gastronómico de las Colectividades” (Gastronomischer Park der Gemeinschaften). Um 16 Uhr geht es los – man trifft sich an der Ecke Av. de Mayo und Bolívar. 35 verschiedene Gemeinschaften bringen nicht nur kulinarische Köstlichkeiten ihrer Länder mit, die neben Kunsthandwerk und traditionellen Objekten an 80 Ständen angeboten werden, sondern haben intern auch die schönsten Damen erkoren, die zum Wettbewerb um den Titel der Schönheitskönigin der Gemeinschaften (“Reina Porteña de las Colectividades”) antreten. Ab 19.30 Uhr startet eine von der Stiftung Ford T Ferrero Trotti organisierte Schnauferl-Parade über die Avenida de Mayo. Im Rahmen des “Patio Gastronómico” werden auch Shows für die ganze Familie und Preisausschreiben angeboten.

Bei Regen wird die Veranstaltung auf Samstag, den 16. März, verschoben.

Qualitätsstrategie – Fortsetzung

Die Erde funkt wieder

Von Friedbert W. Böhm


Nach einer Zeitspanne, welche die Dortigen 35 Jahre nennen, erreichen uns seit Kurzem wieder Signale von jenem “Erde” genannten, sonnennahen Planeten. Sie sind sehr viel spärlicher als die vor der langen Funkstille gewohnten. Aber sie reichen aus, einen Teil unserer Informationslücke zu füllen und uns Anhaltspunkte zur Rekonstruktion des Restes zu geben.

Ein außerordentlich zerstörerischer Vulkanausbruch scheint die Verhältnisse auf der Erde radikal verändert zu haben. Er ereignete sich in einem als “Yellowstone” bezeichneten Gebiet, von dem wir aus früheren Nachrichten wissen, dass es, durch große oberflächennahe Magmamassen unterlegt, geologisch sehr labil ist. Yellowstone liegt auf einem Kontinent, der die vor der Katastrophe fortschrittlichste und wohlhabendste Gesellschaft der Erde beherbergt, eine Gesellschaft, deren wirtschaftliche, militärische und kulturelle Stärke Generationen hindurch die Menschen auf dem gesamten Planeten beeinflusst, nach der Meinung Mancher, dominiert hatte.

Glücklicherweise befindet sich Yellowstone in einer relativ schwach besiedelten Gegend, so dass die unmittelbaren Personen- und Sachschäden nicht erheblich größer gewesen zu sein scheinen als bei ähnlichen großen Vulkanausbrüchen. Im Unterschied zu jenen allerdings erreichten die Druckwellen sowie der Ausstoß von Asche und Gasen kaum vorstellbare Ausmaße.

Es scheint sich um Serien von Ausbrüchen gehandelt zu haben, die sich wochenlang hinzogen. Die Druckwellen dürften sich in Schüben von sich steigernder Intensität produziert haben. Sie vernichteten vermutlich sofort den größten Teil der Kommunikationsinfrastruktur im Umkreis von mehreren tausend Kilometern. Durch brechende Masten, Antennen, Kabel und Leichtbauteile dürften breitflächige Kollateralschäden wie Brände und Überschwemmungen aufgetreten sein, welche neben einer Großzahl von Wohneinheiten Förder- und Industrieanlagen, Warenbestände, Archive und Dateien unbrauchbar machten. Panik in der Bevölkerung, insbesondere in Großstädten, muss unmittelbar zum Ausfall öffentlicher Dienstleistungen, zu Plünderei und Anarchie geführt haben. Die Aschewolken verdunkelten den Himmel für Monate, hauptsächlich in den gemäßigten Klimazonen der Erde, wo der Hauptteil der Nahrungsmittel für die Menschen und ihre Haustiere produziert wird. In weiten Gebieten ging eine gesamte Jahresernte verloren.

Der Zusammenbruch von Kommunikations- und Transportmitteln in ihrem fortgeschrittensten und produktivsten Teil hatte zerstörerische Auswirkungen auf der ganzen Erde, die zudem wegen der Ernteausfälle unter großem Nahrungsmittelmangel litt. Die globale Wirtschaft war in einem Maße vernetzt, dass weit geringere Störungen als die hier beschriebenen sie ins Trudeln gebracht hätten. Jetzt brach sie zusammen.

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Gauchito Gil Reloaded

Dem argentinischen Robin Hood wird momentan im Centro Cultural Borges eine Hommage gewidmet

Von Chiara Kettmeir


Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, diese kleinen Häuschen am Straßenrand mit ihren vielen blutroten Fahnen und Bändern, die alle paar Kilometer die argentinische Einöde auflockern. Erst bei einem näheren Blick erkennt man es als Schrein, der mit verschiedenen Objekten wie Inschriften, Briefen, Blumen oder Figuren bedacht ist. Eine Figur taucht dabei immer wieder auf: ein kleiner Mann mit rotem Umhang, Schnurrbart, blauem Hemd und schwarzer Hose.

Mit bürgerlichem Namen Antonio Mamerto Gil Núñez, ist “Gauchito Gil” einer der am meisten verehrten Volksheiligen Argentiniens. Der in der nordargentinischen Provinz Corrientes Geborene versteht sich nicht nur als Patron der Fernfahrer, die beim Passieren (der Altäre) üblicherweise hupen, vielmehr ist Gauchito Gil ein Volksheld, der über die letzten 135 Jahre Abertausende Anhänger gefunden hat.

Die populärste von verschiedenen Legenden, die sich um Gauchito Gil ranken, erzählt von dessen verhängnisvoller Liaison mit einer reichen Witwe. Um dem aufkommenden Ungemach, das aus dem Ressentiment ihrer Brüder und der Eifersucht eines örtlichen Polizisten resultierte, zu entgehen, schloss er sich der heimischen Armee an, die in den Bürgerkrieg nach Paraguay zog.

Diese Mission beendet, wurde er in den kriegerischen Auseinandersetzungen der Colorados (Roten) gegen die Celestes (Blauen) innerhalb der eigenen Landesgrenzen eingesetzt. Es heißt, dass Gil Anhänger der Colorados war, was auch die Farbe der roten Fahnen erklären würde. Diesem Einsatzbefehl widersetzte er sich jedoch, da er nicht gegen seine Landsleute kämpfen wollte. Als Deserteur floh er in die Wälder, wo er fortan als Outlaw lebte. Er begann Vieh und andere Güter von Reichen zu stehlen, um sie an die Armen zu geben, weshalb er ständig auf der Flucht war – so avancierte er zu einem Vorkämpfer sozialer Gerechtigkeit.

Erzählungen zufolge wurde Gauchito Gil eines Tages geschnappt und am 8. Januar 1878 dem Henker zur Vollstreckung des Todesurteils überlassen. Kurz bevor er starb, sagte er zum Henker, dass dieser zu Hause seinen Sohn krank antreffen werde und er ihn heilen könne. Der Henker schenkte Gil keinen Glauben und vollstreckte das Urteil. Als er nach Hause kam, fand er seinen Sohn sterbenskrank vor. Er betete zu Gauchito Gil, und sein Sohn wurde wieder gesund. Voller Reue eilte er zum Ort der Hinrichtung zurück, begrub dessen Leichnam, baute einen Schrein auf und gab die frohe Botschaft um den Heiligen Gil kund. Die Legende war geboren.

Der von der katholischen Kirche als Heiliger nicht anerkannte Gauchito Gil genießt seither nicht nur den Ruf eines Volksheiligen, sondern gilt durch seine edelmütige Umverteilungen der Ressourcen und seiner Verkörperung von Unabhängigkeit und Auflehnung gegen Zwang und Missstände als argentinischer Robin Hood.

Zu Ehren von Gauchito Gil findet seit dem 14. Februar und bis zum 10. März im Centro Cultural Borges die Ausstellung “Plegaria por el Gauchito Gil” des argentinischen Künstlers Hugo Echarri statt. Mit seinen Bildern und Installationen bietet Echarri einen originellen Ansatz, in dem er mit der aus der Pop-Art gewachsenen Serialität eines Bildes spielt, das jedoch in jeder seiner Repetitionen eine Veränderung in sich birgt. Der Künstler bildet mit diesem vermeintlich Identischen eine Brücke zum Phänomen Gauchito Gil: Die Themen Religion und Glaube werden in ihrer “institutionellen Praxis” relativiert, ihre hierarchischen Strukturen durch den Kult um Gauchito Gil durchbrochen.

  • Centro Cultural Borges, Viamonte/San Martín, Buenos Aires. Mo-Sa 10-21, So und Feiertage 13-21 Uhr.

Karneval in Buenos Aires

Die fünfte Jahreszeit in der argentinischen Hauptstadt: ein Ventil für mangelhafte Zustände

Von Chiara Kettmeir

Kunst hat schon immer eine herausragende Rolle gespielt, wenn es darum ging, sich kritischen oder kontroversen Themen konfrontativ zu stellen. Sie erweist sich als eine hervorragende Möglichkeit, private, psychologische, historische oder soziale Strukturen zu beleuchten und eine kritische Sicht der Dinge einzunehmen.

Der Karneval ist eine Art sozialer Kunstform, die insbesondere im momentan schwierigen Umfeld von Buenos Aires als Ventil vielfältiger Missstände dient. Er bietet eine ästhetische Erfahrung voller lautstarker Emotionen, auffallender Farben und Formen und provozierender Freuden, ist aber zugleich auch ein subversiver Verweis, ein Anklingen von etwas, das nicht sein darf.

Mit viel nackter Haut, prachtvollen, eigenhändig genähten Kostümen, schrillen Farben und rhythmischer Musik lässt sich das freudige Beisammensein auf den Straßen der Haupststadt Buenos Aires beschreiben. 112 Murgas – das sind Gruppen von Sängern, Trommlern und Tänzern aus den jeweiligen Vierteln – treten in 37 verschiedenen Paraden seit vergangenem Samstag, 2. Februar, auf. Bis 12. Februar hat man die Möglichkeit, die Murgas bei ihren Paraden zu begleiten und sich der positiv wirkenden Stimmung hinzugeben. Was im ersten Moment als reiner Klamauk erscheint und feuchtfröhlich begossen wird, kommt auf den zweiten Blick – oder wohl eher auf das zweite Ohr – einer bittersüßen Parodie auf die argentinische Realität nahe. Mit Sarkasmus werden regierungskritische Themen des letzten Jahres aufgegriffen.

Im Jahr 1997 zum Kulturerbe und seit 2011 auch als offizieller Feiertag (dieses Jahr: 11./12. Februar) deklariert, findet der Karneval von Buenos Aires seinen Ursprung im volkstümlichen Kölner Karneval. Europäische Einwanderer aus dem Rheinland überlieferten vor über 150 Jahren ihre Tradition, die sich sodann mit der Musik der ehemaligen afro-amerikanischen Sklaven zu einer eigenständigen Volkskultur vereinigte. So erklärt sich auch das typische Kostüm, das aus einem Seidenfrack, Handschuhen, Hut und Stock besteht und die Verrenkungen ähnelnden Bewegungen. Anscheinend ein Erbe der Zeit, als Sklaven heimlich in die Gewänder ihrer Herren schlüpften und sich mit übertriebenen Bewegungen über sie lustig machten.

Ein buntes Treiben, das insbesondere in Zeiten wirtschaftlichen und politischen Unmutes, dem Volk eine – alternative – Stimme gibt.

Programm (auf Spanisch) hier.

Der Teufelskreis

Gibt es einen Ausweg?

Von Friedbert W. Böhm

Jenes Land war eines der fortschrittlichsten und wohlhabendsten gewesen. Fortschrittlich nicht nur im technischen Sinne, nein, auch was seine gesellschaftlichen Regeln anbetraf, hatte es eher als andere die Weichen für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gestellt. Seine Verfassung war vorbildlich und als andernorts noch Frauen, Andersgläubige, Andersfarbige und Arme vom politischen Geschäft ausgeschlossen waren, galt dort bereits das Allgemeine Wahlrecht.

Eine vollkommene Demokratie war damit allerdings nicht erreicht. Die einfachen Leute nämlich, von denen es sehr viele gab, ließen sich von der patriarchalischen Elite oft bei den Wahlen vertreten, so dass sie auf die Ergebnisse recht wenig Einfluss hatten. Wenn die Eliten auch im Allgemeinen recht vernünftig und wohlmeinend waren, etwa ein vorbildliches Erziehungssystem und ein recht ansehnliches Gesundheitswesen schufen, waren die einfachen Leute nicht ganz zufrieden. Sie mussten zwar weniger arbeiten als in vielen anderen Gegenden und lebten trotzdem besser als dort; es änderte sich aber wenig an den traditionell sehr hohen Unterschieden in Besitz und Einkommen.

Dagegen, wurde den Leuten gesagt, ließe sich etwas tun. Es ginge doch nicht an, dass Einige tausendmal mehr besaßen und verdienten als die Anderen. Die so sprachen, waren wortmächtige, aus anderen Ländern zugereiste Gebildete, aus Ländern übrigens, in denen wesentlich mehr gearbeitet und weniger verdient wurde als in diesem. Umverteilung täte not, sagten sie. Das gefiel den einfachen Leuten. Es entstanden neue, “linke” genannte, Parteien und Bewegungen mit begeisterten Anhängern und durchsetzungsfähigen Führern. Sie wetterten gegen den “ausbeuterischen Kapitalismus des Auslands”, gewannen immer mehr Einfluss in der Volksvertretung und stellten schließlich die Regierung.

Der traditionellen Elite gefiel dies natürlich nicht. Sie stänkerte, wo sie konnte, gegen die neuen Machthaber und angesichts der zu erwartenden Umverteilungsmaßnahmen wurde ihre Bereitschaft, etwas vom Wohlstand an die Gesellschaft abzugeben, zusehends geringer. Schließlich fühlte sie sich derart bedroht, dass sie die gewählte Regierung durch einen Militärputsch absetzte.

Aber schließlich merkten auch die Militärs, dass sie nicht gegen den Volkswillen regieren konnten. Einer aus ihren Reihen setzte sich an die Spitze der Umverteiler, errang die Macht und drangsalierte die Wohlhabenden nach Strich und Faden. Dieser Oberst, dann General und seine Nachfolger wurden gelegentlich wieder von einer demokratischen Regierung abgelöst, welche wiederum… So lösten sich Militär- und gewählte Regierungen einige Generationen hindurch gegenseitig ab.

Gleich blieb nur eine nachhaltige Tendenz zur Umverteilung. Sie war sozusagen zur Mode geworden. Natürlich gab es mit der Zeit immer weniger zum Umverteilen, weil immer größere Teile der Gesellschaft mit der Zuteilung der Umverteilungsscheibchen beschäftigt oder an deren Empfang gewöhnt wurden, so dass der Volksteil, der Wohlstand schaffte, immer kleiner wurde. Wir wollen diesen Teil “die Schaffer” nennen.

Die Schaffer hatten irgendwann nur noch sehr wenig mit der traditionellen Wohlstandselite zu tun, welche durch Umverteilung, Erbteilung und die dem ererbten Reichtum eigene Lässigkeit sich praktisch verflüssigt hatte. Es waren meist Selfmademen, Leute mit Witz, Einfallsreichtum, Initiative, Unternehmer halt. Patrioten wie ein guter Teil der traditionellen Elite waren die Schaffer allerdings nicht. Weshalb soll man auch als Privatmann Gemeinsinn zeigen, wenn die Bestrebungen des Staates prioritär und erklärterweise darauf gerichtet sind, Wohlhabende zu schröpfen und Arme zu beschenken? Da hat man genug damit zu tun, das selbst Erreichte zu schützen und für eine ungewisse Zukunft vorzusorgen!

Solche Überlegungen waren auch den Führern der Umverteilungsgesellschaft nicht fern. Sie sahen keinen Grund, sich selber nicht auch als Umverteilungsbegünstigte zu sehen. Schließlich waren sie es, die einen immerwährenden Kampf gegen die Ungerechtigkeit führten und sich in ihren Ämtern aufrieben für die Benachteiligten! Kurz, sie waren mit der Zeit genauso mit der Wahrung und Mehrung ihres Privatvermögens beschäftigt wie die wirklichen Schaffer.

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Superheld enttarnt

Dem argentinischen Verbrecherjäger “Menganno” wurde eine Schießerei zum Verhängnis

Von Chiara Kettmeir

Die Realität imitiert die Kunst. Während in der Welt der Comics Metropolis seinen Superman, Gotham City Batman und Manhattan Spiderman hat, können sich die Bürger des ganz realen Buenos Aires mit einem eigenen Superhelden rühmen – Menganno. Seit mehreren Jahren patrouilliert der selbsternannte Superheld, dessen Name von “mengano”, irgend jemand bzw. “Otto Normalverbraucher” abgeleitet ist, bei Einbruch der Dunkelheit in Lanús in Groß-Buenos Aires durch die Straßen. Hier sorgt der argentinische Verbrecherjäger für Recht und Ordnung, hilft bedürftigen Menschen und gibt Ratschläge zum Thema Sicherheit in dem nicht gerade ungefährlichen Umfeld.

Das Nonplusultra eines jeden Superhelden ist die Geheimhaltung seiner Identität. Seine Gewandung, die dies gewährleistet, signalisiert den Bürgern dabei auf nonverbale Weise Schutz und Sicherheit. Gleichzeitig wird ein Gut geschützt, das einen Superhelden überhaupt erst verletzlich macht – sein Privatleben. Doch nun ist Menganno aufgeflogen: Seine Geheimidentität wurde von der Polizei entlarvt, da er in eine Schießerei verwickelt war: Menganno ist ein 43-jähriger Ex-Polizist, der von 1986 bis 1996 im Dienst stand. In der Nacht des 22. Januar wurde Menganno, der unkostümiert mit seiner Frau im Auto unterwegs war, gemäß seinen Angaben von drei Männern mit Schüssen konfrontiert. Dabei machte er selbst von seiner Waffe Gebrauch, deren Lizenz jedoch letztes Jahr abgelaufen ist. Nun muss sich der selbsterkorene Ordnungshüter vor Gericht verantworten.

Abgesehen von dem Skandal, dass seine ehemaligen Kollegen seine wahre Identität preisgaben und dadurch ihn und seine Familie einer erhöhten Gefahr aussetzen, löst dieses Ereignis eine Polemik über die Legitimität der Selbstjustiz aus. “Wer große Macht hat, trägt auch eine große Verantwortung”, sagte einst Ben Parker zu seinem Neffen Spiderman. Aber nicht jeder kann mit dieser Verantwortung umgehen.

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Der in den Nationalfarben maskierte Held eifert der Comiclegende Captain America nach.

Der Kreislauf des Lebens

Letzter, Erster, Letzter?

Von Friedbert W. Böhm

Mit nicht ganz 16 begann ich eine Banklehre in der süddeutschen Provinz. Das bedeutete: Türen morgens auf- und abends zumachen, Telefon bedienen, Botengänge machen, Brötchen holen, Belege sortieren, Ablage machen, Post eintüten, frankieren und aufgeben sowie immer der Letzte sein, der irgendwo bedient wurde.

Dann ging ich zu einer auf das internationale Geschäft spezialisierten Bank nach Hamburg. Dieses Geschäft musste ich natürlich erst erlernen. Das fing damit an, Belege zu sortieren, Ablage zu machen und immer der Letzte zu sein, der irgendwo berücksichtigt wurde. Anscheinend machte ich das ganz gut, denn nach einiger Zeit schickte mich die Bank zu ihrer Filiale nach Argentinien.

Ich konnte kaum Spanisch und hatte keine Ahnung von den lokalen Gesetzen und Usancen. Also begann meine dortige Karriere mit Adressen schreiben, Belege sortieren, Ablage machen, und Sachen von einer Abteilung in die andere tragen.

Dies, und mit der Zeit auch Anderes erledigte ich zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten. Dann wurde ich selber einer. Dann Geschäftsführer. Im folgenden Vierteljahrhundert erarbeitete ich Strategien, organisierte und überwachte ihre Durchführung, leitete Mitarbeiter an und bildete sie aus, verhandelte mit Unternehmern, Managern, Ministern, Gewerkschaften und internationalen Organisationen. Das machte ich für verschiedene größere Firmen im In- und Ausland und nebenbei baute ich einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Bei alledem konnte ich mich auf eingefahrene Infrastrukturen stützen: erfahrene, spezialisierte Mitarbeiter, Sekretärinnen, Telefonistinnen, zweibeinige und –rädrige Boten, Archivare, Fahrbereitschaft.

Seit einigen Jahren bin ich pensioniert. Das bedeutet: Türen morgens auf- und abends zumachen, Telefon bedienen, Botengänge machen, Einkäufe erledigen, Belege sortieren, Ablage machen, Post eintüten, frankieren und aufgeben sowie immer der Letzte sein, der irgendwo bedient wird.

Allerdings bin ich jetzt weit über 16.

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Megalithische Kunst in Sí an Bhrú.

Farbenfrohes Spektakel voller Herzblut und Rhythmus

In Gualeguaychú hat die Karnevalssaison begonnen – und begeistert die Zuschauer

Von Michael Krämer


Gualeguaychú. Um 22.30 Uhr bebt es am Samstag in Gualeguaychú. Begleitet von Tänzerinnen und gefolgt von einem blau schimmernden Krokodil schiebt sich eine überdimensionale Skulptur durch das Corsodromo. Das Publikum tanzt und kreischt im größten Karnevalsstadion Argentiniens, die rhythmischen Bewegungen der rund 28.000 Zuschauer lassen die Tribünen vibrieren. Vier Stunden lang sorgen phantasievolle Skulpturen und farbenfrohe Kostüme für Begeisterung, bevor sich die Party auf die Straßen verlagert.

Es ist ein imposanter Auftakt in der Hauptstadt des argentinischen Karnevals, die ein paar Tage zuvor noch so verschlafen daherkam wie die übrigen Orte der Pampa im Nordosten von Buenos Aires. Große Betriebsamkeit herrschte in den vergangenen neun Monaten nur versteckt in den großen Hallen Gualeguaychús, in denen Hunderte Menschen die Parade vorbereiteten. Eine gewaltige Aufgabe – die Kostüme der 700 Teilnehmer bestehen jeweils aus bis zu 500.000 Pailletten. So hat der Karneval in der Region ein vielfältiges Arbeitsangebot geschaffen. Maler, Schneider, Friseure, Schmiede und Dekorateure leben vom Karneval, insgesamt Hunderte Familien. Der Beginn der Saison erweckt aber auch die Orte jenseits der großen Fertigungshallen zum Leben.

Campingplätze und Hotels am Río Uruguay sind gut besucht und das Flussufer noch Stunden nach dem Spektakel von Touristen bevölkert. Besonders aus dem nur knapp 250 Kilometer entfernten Buenos Aires kommen viele Besucher nach Gualeguaychú. Auch der deutsche Oliver Krause hat seinen Aufenthalt in der Hauptstadt für einen Wochenendtrip unterbrochen – und hat es nicht bereut. “Es war ein unglaubliches Erlebnis. Alles ist eine Spur emotionaler, farbenfroher und intensiver als in Deutschland”, sagt der 28-jährige Rheinländer. Vor allem die Bewegungskünste haben den Jugendtrainer von Arminia Bielefeld beeindruckt: “Da können sich meine Spieler aber wohl auch die Funkenmariechen noch einiges abgucken.”

Für die Einwohner Gualeguaychús wird sich der Ansturm nun wöchentlich wiederholen. Bis zum 2. März lockt der Karneval samstags Besucher in die Provinz Entre Ríos. Unmut darüber gibt es kaum, die Einnahmen aus der Karnevalszeit entsprechen den jährlichen Umsätzen einer gesamten Kommune. Zudem hat die erstmalige Aufführung im Jahr 1997 Gualeguaychú auf die touristische Landkarte gespült. Außerhalb der mondänen Metropole Buenos Aires mit den typischen Exportschlagern Fußball und Tango zählt der Karneval in Gualeguaychú zu den Attraktionen Argentiniens. Einem Land, dessen Besonderheiten vor allem naturelle Schauspiele wie die Gletscher von El Calafate oder die Wasserfälle von Iguazú sind.

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Von Fehmarn in die Pampa

Die argentinische Künstlerin María Elena Mackeprang und ihre Vorfahren

Von Marcus Christoph


Starke Blautöne: Meer, Küste, weiter Horizont, dazu noch einige Boote. Die Bilder könnten eigentlich die Ostseeinsel Fehmarn darstellen, denke ich, der ich mehrere Jahre als Lokalredakteur beim Fehmarnschen Tageblatt gearbeitet habe. Ich bin auf der Kunstmesse EGGO im Kulturzentrum Recoleta von Buenos Aires, wo rund 300 argentinische Künstler an die 1000 Werke präsentieren. Ich schlendere durch den Ausstellungsraum einer Künstlergruppe aus der Kleinstadt Coronel Suárez im Süden der Provinz Buenos Aires, als die erwähnten Exponate, die mich so sehr an meine Heimatregion an der Ostsee erinnern, meinen Blick fesseln.

Ich traue meinen Augen kaum, als ich auf der Infotafel neben den Bildern auch noch einen Namen lese, der wie nur wenige andere mit Fehmarn verbunden wird: Mackeprang, María Elena Mackeprang, so heißt die Malerin, von der die maritimen Pinselstriche stammen. Wie kann das sein? Schließlich sind die Ostseeinsel und die Kleinstadt Coronel Suárez im Süden der Provinz Buenos Aires bestimmt 12.000 Kilometer voneinander entfernt. Wie groß kann der Zufall sein? Viele Verbindungslinien hätte man ja eigentlich nicht erwarten dürfen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, die Frage zu klären, wie der klassische Fehmarn-Name Mackeprang in die argentinische Pampa gekommen ist. Letzteres ist übrigens nicht abwertend gemeint, sondern bezeichnet die Grassteppe am Río de la Plata.

Der Kontakt ist relativ leicht hergestellt. Auf der Kunstmesse erhalte ich von der Künstlergruppe “Isidoro Espacio de Arte” die nötigen Daten. Und gleich in der ersten E-Mail bestätigt María Elena meine Ahnung: Ihre Vorfahren stammen ursprünglich von Fehmarn. Das ist für mich spannend genug. Ich beschließe, mit dem Nachtbus von Buenos Aires ins 450 Kilometer entfernte Coronel Suárez zu fahren, eine Kleinstadt mit rund 40.000 Einwohnern, bekannt für seine exzellenten Polo-Spieler und mehrere Kolonien von Wolgadeutschen – aber das sind andere Geschichten.

Die Gegend ist von der Landwirtschaft geprägt. Flaches Weide- und Ackerland, weit hinten im Westen erhebt sich am Horizont die Bergsilhouette der Sierra de la Ventana. Der Ort selber ist wie viele andere Städte in Argentinien schachbrettartig angelegt. Im Zentrum ein großer parkähnlicher Platz, an dem sich auch die wichtigsten Gebäude wie Kirche, Rathaus und Geschäfte befinden.

Nicht weit davon entfernt befindet sich das Künstlerhaus “Isidoro”, benannt nach Manuel Isidoro Suárez, dem Freiheitskämpfer und Namensgeber der Stadt. Die Einrichtung wurde vor vier Jahren von der Malerin Sonia Gómez de Carrique ins Leben gerufen und bietet Künstlern aus der Region Gelegenheit, ihre Werke auszustellen. Unter ihnen auch María Elena Mackeprang.

In einem Raum voller Bilder sitzt mir die 68-Jährige bei einer Tasse Kaffee gegenüber. Voller Neugierde möchte ich nun die Frage klären, wie die Mackeprangs bis nach Argentinien gekommen sind. “Ja, es stimmt. Die Urväter sind von Fehmarn. Wehrhafte Leute, die schon im Mittelalter für die Freiheit der Insel kämpften”, erläutert die Künstlerin, die einen Stammbaum ihrer Vorfahren dabei hat. Diesen hat ihr vor einigen Jahren ihr Namensvetter Michael Mackeprang, wohnhaft in Burg auf Fehmarn, zugesandt. Ein Familienforscher, der im Jahr 2000 Kontakt zu dem Familienzweig in Argentinien aufnahm.

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